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"Denn nichts schadet spirituell Suchenden mehr, als wenn ihnen ein Weg gewiesen wird, der nicht ans Ziel ihrer Sehnsucht führt." (Paul M. Zulehner, Megatrend Religion, Stimmen der Zeit, Heft 2/2003, S. 93)
"Zum Wunder der Identität Israels gehört seine Kraft der Unterscheidung. Die Ekklesia braucht dieses ständige Unterscheiden so dringend wie die Synagoge. Sie darf nicht in jenen Krankheitszustand des Geistes verfallen, in dem alles gleich, alles gleich gültig, alles beliebig ist. Dort, wo nichts mehr unterschieden wird, kehren die alten Götter zurück."
Gerhard Lohfink, Braucht Gott die Kirche? Zur Theologie des Volkes Gottes, Freiburg 1998, S. 114


Einige Überlegungen zum esoterischen Christentum

Wir leben in einer postchristlichen Zeit. Bisherige christliche Selbstverständlichkeiten haben ihre Plausibilität verloren. Manche Kenntnis über den christlichen Glauben, manche früher vielleicht selbstverständliche Erfahrung mit dem christlichen Glauben ist weggebrochen. Christentum ist erklärungsbedürftig geworden. ChristInnen müssen sich Rechenschaft darüber ablegen, was die unverzichtbaren Inhalte ihres Glaubens sind und - wenn notwendig - wo die Grenzen zu anderen Glaubenssystemen verlaufen. Die Abgrenzung ist nicht leicht. Unschärfen in Randzonen sind zu erwarten, Entwicklungen auf dem "Markt der Religionen" zu beachten. Vielleicht müssen wir auch eine Zeitlang damit leben, dass die Abgrenzung dort am deutlichsten vorgenommen wird, wo die größte Nähe ist: zu Fundamentalismus einerseits, esoterischem Christentum andererseits.

Erscheinungsformen
Hier versuche ich zunächst, meine Erkenntnisse hinsichtlich esoterischen Denkens darzulegen. Dabei stütze ich mich auf eigene Erfahrungen und auf die Bewertungen der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. 1

Eindeutig und leicht zu beurteilen ist das marktgängige esoterische Angebot, das gelegentlich sehr platt daherkommt - und dennoch für Hilfe suchende Menschen attraktiv ist. Als recht unproblematisch erweist sich auch eine sog. Gebrauchsesoterik von ChristInnen, die unbefangen und oft auch in Unkenntnis der weltanschaulichen Hintergründe mit dem breiten Angebot der Esoterik zur Bewältigung von Problemen umgehen kann: mit Reiki, Pendeln, der Kinesiologie, einer Bachblüten-Medikation; Qi-Gong, Klangmassage und Aqua Wellness .........
Darüber hinaus gibt es jedoch ein inzwischen breites Spektrum nicht-organisierten esoterischen Christentums, das bis weit in die Kirchen hineinwirkt, in kirchlichen Bildungshäusern und in der kirchlichen Frauenarbeit vorzufinden ist und in der Regel beansprucht, christlich zu sein. Vertraute Begriffe, die bisher einen klar erkennbaren Inhalt hatten, werden benutzt und verändert, ohne dass die Veränderungen jedoch benannt werden.

Begriffe und Inhalte

Dies gilt z.B. für den Begriff "Spiritualität": Für Christen bezeichnet dieser Begriff die Verbindung zwischen Mensch und Gott, Mensch und Mensch (spiritus=Geist, Geist Gottes, Hl. Geist). In der breiten und durchaus uneinheitlichen Esoterik-Szene wird der Begriff inflationär angewandt; er verweist auf ein "Mehr", ohne dieses Mehr jedoch mit einem umschriebenen Inhalt zu verknüpfen.

Auch das Wort Ökumene erhält einen veränderten Inhalt. Bisher war es möglich, von der Ökumene der christlichen Kirchen zu sprechen. Im Denkhorizont der Esoterik umfasst Ökumene alle Weltreligionen, archaische und indigene, magische und mythische Religionen. Esoterisches Christentum erkennt unterschiedlos allen Religionen Offenbarungscharakter zu.

Im Gegensatz zur Religionswissenschaft geht esoterisches Christentum davon aus, dass Mystik am Anfang jeder Religion stehe und ihren wesentlichen Kern bilde. Die Wege aller Religionen werden als Wege zu einer mystisch erfahrbaren Mitte betrachtet. Alle Religionen haben die Aufgabe, diesen Weg zur mystisch erfahrbaren Mitte zu ebnen. Religionen sind zu überwindende Stufen auf dem Weg zur Mitte. Letztlich machen sie sich überflüssig. Religiöse Institutionen und Organisationen haben nur insofern eine Berechtigung, als sie diesem Weg zur Mitte dienen. ChristInnen können nach Ansicht esoterischer ChristInnen durchaus in ihrem Christentum bleiben, Christentum ist dann "Weg ihrer Wahl" - jedoch kann Christus in diesem Denkhorizont keine Priorität beanspruchen. 2

Aus dem Spektrum des Begriffs Spiritualität, der neben individuell-meditativ-mystischen Erfahrungen wesentlich auch rationale, zwischenmenschliche, moralische, soziale, politische Erfahrungen umfasst, wird alleine die individuelle, meditativ-mystische Bedeutung herausgenommen. Nur diese mystische Erfahrung wird als Plausibilitätskriterium anerkannt. Dabei wird das höhere Wissen der Esoterik individuell und eklektisch (aus unterschiedlichen Quellen schöpfend) benutzt. Die Auswahl richtet sich nach persönlichen Vorlieben. Da diese Wahl individuell ist, kann sie naturgemäß keiner Kritik unterworfen werden. Im Blick auf Therapien mit religiösem Anspruch, wie die Transpersonale Psychologie sie darstellt, gibt es keine Verfahrensregeln, die dem Schutz der KlientInnen dienen könnte. Die Ausbildung unterliegt keinen anerkannten Regelungen: "Wer an diesen Institutionen allerdings die Qualitätsstandards setzt oder in der Lage ist, Qualitätssicherung zu betreiben, bleibt fraglich" 3, urteilt die EZW.

Seine Identität gewinnt dieses esoterische Christentum als angeblich funktionierende Technik zur Erreichung des persönlichen Glücks ebenso wie des Weltfriedens. Die Zentralstelle für Weltanschauungsfragen spricht gar von einem "technikförmigen Protest gegen einen von Technik und Ökonomie beherrschten Alltag" 4. Das wissenschaftliche Weltbild wird abgewertet, die religiöse Erfahrung individualisiert, das globalisierte religöse Angebot aufgegriffen. Die Grenzen zwischen Esoterik und Religion, Glaube und Aberglaube, Methode und Magie werden unklar und verwischen sich. Bisher wurden religiöse Erfahrungen als eine durch die Tradition einer Religion vermittelte (und so auch den Menschen schützende) Erfahrung interpretiert. Im esoterischen Christentum hingegen wird die persönliche spirituelle, manchmal auch magische Erfahrung als unmittelbare Erfahrung mit einer absoluten kosmischen Realität gedeutet.
An diesem Punkt, an dem eine religiöse Erfahrung nicht mehr in den Dimensionen und mit dem in einer religiösen Tradition vermittelten Geist gedeutet wird, geschieht der entscheidende Schritt zum esoterischen Christentum. Damit ist auch eine Veränderung der biblischen Gottesvorstellung verbunden. Da es keine akzeptierte Korrektur "von außen" durch eine verbindliche Gemeinschaft, Institution, ein "heiliges Buch" .... gibt, ist es nicht möglich, die persönliche Erfahrung einer korrigierenden oder Horizont erweiternden Sichtweise zu unterwerfen. Weil die persönliche Erfahrung nicht vor einer Kontrastfolie betrachtet werden kann, kann auch die Veränderung des biblischen Gottesbildes nicht einmal wahrgenommen werden.

Da esoterische ChristInnen das esoterische Christentum als einzig zukunftsträchtige Form des Christentums ansehen, lehnen sie ihre Beschreibung als "esoterisch-christlich" in der Regel ab - sie verstehen sich als christlich und benennen sich auch so.5 In der Priorität, die der individuellen Erfahrung zuerkannt wird, liegt zugleich ein - sicher zu prüfender und sicher nicht vom Tisch zu wischender - Protest gegen Traditionalismus, gegen versteckten Fundamentalismus, gegen die Verkopfung in den Kirchen und die manchmal starre Bindung an ein Dogma, das der persönlichen und persönlich verantworteten Erfahrung nur wenig Raum zu lassen scheint.

"Ökumenisches" Zentrum Neumühle
Am Beispiel des Ökumenischen Zentrums Neumühle, das sich als "erstes christliches Meditationszentrum auf deutschem Boden" vorstellt, untersucht die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen den Hintergrund dieses Zentrums. Sie stuft es als "esoterisch" ein.6
In Neumühle wird der verbale Anspruch erhoben, den interreligiösen Dialog zu pflegen. Zum Dialog zwischen den Religionen gehört die Klärung der unterscheidenden und der verbindenden Vorstellungen in den Religionen der Dialogpartner. Diese rationale Arbeit nun wird im Ökumenischen Zentrum Neumühle gerade nicht geleistet. Da werden unterschiedliche Traditionen unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen "verwertet": Angebote aus der christlichen und der fernöstlichen Tradition, körpertherapeutische Methoden und esoterische und spiritualistische westliche Traditionen werden in freizügiger Weise miteinander verbunden. Da kann dann schon mal aus Jesus ein Zen-Lehrer werden und die Beschäftigung mit Meister Eckhart in die Beschäftigung mit dem "Meister in mir" übergehen. Von einer Begegnung zwischen buddhistischer und christlicher Tradition, zwischen wissenschaftlicher Psychotherapie und Spiritualismus kann keine Rede sein. Aus der Sicht esoterischen Christentums ist eine rationale Auseinandersetzung mit den Religionen/Weltanschauungen aber auch nicht notwendig, denn in ihren Augen steht das Ergebnis des Dialoges bereits fest. Es ist die Synthese aller religiösen Traditionen unter Zurücklassung der zur Zeit vorfindlichen Religionen und Weltanschauungen.

Weltanschauliche Hintergründe
Mit dieser Deutung der Religionen einher gehen folgende Ansichten, die in der Praxis natürlich nicht in der hier genannten theoretischen "Reinheit" vorliegen:

  • Das Gottesbild esoterischen Christentums ist im Vergleich zur biblischen Tradition ins Unpersönliche und Ungeschichtliche verschoben. Persönliche Gottesbilder, wie sie in der Bibel vorherrschen, fehlen weitgehend. Das Bild eines fernen, dunklen Gottes jenseits menschlichen Begreifens ist eher unbekannt. 

  • Es dominieren monistische Gottesbilder. Alles, was weltlich und menschlich ist, wird als göttlich erfahren. Wo das Christentum die Welt entdivinisiert und sie damit zugleich in ihrer Eigenständigkeit aufwertet, sakralisiert und divinisiert esoterisches Christentum die Welt. Ein monistisches Gottesbild findet Gott prinzipiell schon in der Welt und weiß ihn im Inneren des Menschen präsent. Mit diesem monistischen Gottesbild verschwindet der unüberbrückbare Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf; die Grundstruktur des biblischen Schöpfungsglaubens löst sich auf.

  • Gott ist prinzipiell vom Menschen her mittels Techniken und nötigenfalls auch mit Magie zu erkennen. Ist Gott einem Menschen nicht erkennbar, dann hat der Mensch die Techniken nicht richtig angewandt. Dieses Denken nähert sich Selbsterlösungsvorstellungen, die die Erlösung in die Hand eines Menschen legen muss und sie nicht mehr als anzunehmendes Geschenk Gottes erkennen kann. Hier verflüchtigt sich ein entscheidendes Merkmal christlichen Glaubens, der davon ausgeht, dass der Mensch jenseits jeder und vor aller Leistung ein geliebtes Kind Gottes ist, dem sich Gott zuwendet.

  • Wenn der Mensch Gott von sich her erkennen kann, dann bedarf es natürlich keines Gottes mehr, der sich an seinen Bund mit den Menschen bindet, wie er im Ersten Testament (vorwiegend, aber nicht ausschließlich) im Blick auf Israel und im Neuen Testament im Blick auf die ganze Welt vorliegt. Gott ist nicht mehr der oder die Entgegenkommende - vielmehr ist der Mensch derjenige, der durch eigene Leistung Gott erkennen kann.  Jesus behält im esoterischen Christentum seine Rolle als vorbildlicher Mensch. Eine andere kommt ihm nicht zu. Er ist kein heruntergekommener Gott, der die Außenseiter und an den Rand Gedrängten grenzenlos liebt und das auch ernst, sozusagen todernst, meint und mit Leib und Leben unterschreibt.

  • Das Bewusstsein des Menschen wird in esoterischem Christentum als Fragment des Göttlichen im Menschen betrachtet. Es geht also darum, das Bewusstsein zu erweitern, um das Göttliche in sich zu finden. Das Bewusstsein ist zugleich der Materie übergeordnet. So ist es auch nur konsequent, wenn das Bewusstsein auch als Ursache des persönlichen Ergehens betrachtet wird. 


 

Vertreter esoterischen Christentums

Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen nennt den Namen des angesehenen Religionswissenschaftlers Michael von Brück, München, der diese Form des Christentums vertrete und nach eigener Aussage seit Jahren in Neumühle ein- und ausgeht.7 Michael von Brück war im Zusammenhang seiner undistanzierten Mitarbeit in der Mun-Bewegung in das Kreuzfeuer der Kritik von Elterninitiativen in München geraten.8 Er hatte 1988 den New-Age-Kongress "Geist und Natur" in Hannover vorbereitet. In einem ORF-Interview9 konnte er am 5.4.1999 formulieren: "Tantras beschreiben Rituale in den je nach Alter der tantrischen Gefährtin unterschiedliche Wirklichkeiten und Aspekte menschlicher Energien zum Tragen kommen, und dargestellt werden und das sind in der Tat 12-jährige Partnerinnen, 16-jährige, 20-jährige bis zu 70-jährigen. Diese verschiedenen Lebensalter repräsentieren verschiedene Energien und so weiter. Aber man muss natürlich bedenken, dass in asiatischen Kulturen in vielen nicht europäischen Kulturen, Indien., China und natürlich auch Tibet; 12-jährige Mädchen hier zumindest in der Vergangenheit erwachsen waren oder auch verheiratet wurden. Also von Kindesmissbrauch kann hier von keine Rede sein. Das ist eine Übertragung heutiger europäischer Zivilisationsvorstellungen in einer anderen Welt und das ist völlig unzulässig."

Ebenso nennt die Zentralstelle für Weltanschauungsfragen den Namen von Willigis Jäger, der diese Form esoterischen Christentums vertrete und 2000 bei den PSI-Tagen in Basel auftrat.10
Das esoterisch-christliche Denken von Willigis Jäger führt - unbeschadet seiner vielen Verdienste gerade um Menschen, die auf der Suche sind und dem Christentum fern stehen - auch dazu, dass er in seinem Buch "Die Welle ist das Meer" (S. 96) formulieren kann: "Im mystischen Erleben ist das, was wir 'böse' nennen, aus der göttlichen Wirklichkeit nicht herauszunehmen. Menschen, die Opfer von Gewalt wurden, berichteten mir vom Zustand der Ruhe und des Einverständnisses in dieser Situation. Es gibt dort keine Schuldzuweisung und keine Angst und keine Wertung mehr, sondern eine große Gewissheit, dass auch das zweifellos zum göttlichen Vollzug des Lebens gehört, was wir Sünde nennen." (s. auch http://www.confessio.de/ 27.4.2004 Missionar des Nichts. Pater Willigis Jäger in der Ev. Akademie Meißen)

 
Die Schwierigkeiten des Gespräches zwischen ChristInnen und esoterischen ChristInnen
liegen nach Ansicht der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen darin, dass esoterische ChristInnen das rationale Unterscheiden als intolerant und unreif, gar als Gewaltakt erleben. Sie haben sich ja gerade aufgemacht, um gegen die Überwertigkeit rationalen Denkens in unserer westlichen Gesellschaft die Überzeugungskraft der eigenen Erfahrung zu setzen. Sie können "die Relativität menschlicher Erkenntnis, und damit den Entscheidungscharakter rationalen Denkens, nicht nachvollziehen... Die Folge ist, dass 'esoterische Christen' den andersdenkenden Dialogpartnern ihr Anderssein oft nicht als stimmige Position zugestehen, sondern sie als spirituelle Unreife, moralisches Defizit usw. diffamieren. Ihre Sichtweise der spirituellen Wirklichkeit hat eine so unmittelbare Evidenz, dass sie nicht mehr als Gedachtes, also als (auch potentiell anders zu denkendes) geistiges Produkt wahrgenommen wird. Darin erweist sich wiederum der gnostische Grundzug der Esoterik, der tendenziell Wissen verabsolutiert und Gott denkbar, also dem hoch genug gestiegenen menschlichen Geist verfügbar, macht." 11

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Konsequenzen
Mir scheint, dass esoterisches Christentum für ChristInnen - neben dem richtigen Hinweis auf Erfahrungsdefizite in der Praxis christlichen Lebens - Inkompatibilitäen enthält. Einige seien hier im Blick auf mich als Gewaltüberlebende genannt:


  • Im esoterischen Christentum ist es möglich, sich Gottes zu bemächtigen durch menschliche Erkenntnis.

Wenn Gott eine/r ist, die/der menschliches Begreifen übersteigt, ist es dann nicht eine verzweifelte Anmaßung des Menschen gegenüber Gott, sich Ihrer/Seiner "bemächtigen" zu wollen durch menschliche Erkenntnis? Keine religiöse Erfahrung, keine noch so hoch entwickelte Spiritualität, nicht einmal christliche Mystik, kann doch in der Lage sein oder dies auch nur wollen: Gottes hab-haft zu werden. Ein Gott, deren und dessen sich der Mensch bemächtigen kann, ist kein Gott mehr, denn sie befindet sich in der Hand des Menschen. Dieser Gott ist auf Menschenmaß zurechtgestutzt, der Beliebigkeit des Menschen ausgeliefert. (Und was die Beliebigkeit von Menschen anrichten kann, können wir sehr genau wissen und beschreiben, nicht nur an der eigenen Lebensgeschichte.) Dieser handhabbare Gott verliert schließlich auch seine/ihre Schutz gewährende "Größe". Im Anfang mag es so scheinen, dass ein Gott, dessen/deren ich mich bemächtigen kann, leicht konsumierbar, gut handhabbar, meinen Bedürfnissen anpassbar ist. Nur eines ist Er/Sie dann nicht mehr: Gott.

  • Esoterisches Christentum hat ein eher unpersönliches Gottesbild.

Wenn ich die Erfahrungen Israels mit seinem Gott und die Erfahrungen der ChristInnen mit dem jüdisch-christlichen Gott als Erfahrungen mit einem personalen Gegenüber, dem sich der Mensch als Ebenbild Gottes aussetzt, verstehe, dann kann dieses personale Gegenüber gerade in seiner Personalität eine heilsame Begegnung sein. Diese Begegnung schafft ein Gegengewicht zu den unheilen Erfahrungen mit Menschen. Die Wunden der Vergangenheit, von Menschen zugefügt, können heilen, gerade WEIL Gott personal vorgestellt werden kann.
Zur Vorstellung der Personalität Gottes gehört die Vorstellung, dass der Mensch "das Bild Gottes" ist. Damit erhalte ich eine Würde und Eigenständigkeit, die in der Traumatisierung zerstört wurde. Auch dies erlebe ich als heilsam.
Zur Personalität Gottes und zum gottebenbildlichen Menschen gehört es, dass Gott mir auch dunkel und unbegreiflich erscheint. Manchmal werde ich herausgefordert, altbekannte Sicherheiten zu verlassen und Neues zu wagen. Manchmal muss ich Klärungen herbeiführen, die mich von Menschen isolieren. Manchmal muss ich Aufgaben übernehmen, denen ich nicht gewachsen bin; Positionen wieder verlassen, in denen ich gerade erst angefangen habe, mich heimisch zu fühlen. Zur Personalität Gottes - und zu meiner - gehört, dass Er/Sie mich vor Herausforderungen stellt, die ich mir zunächst lieber ersparen würde. Aber: Diese Herausforderungen sind meinem Menschsein angemessen.

  • Esoterisches Christentum hat ein eher ungeschichtliches Gottesbild

Der Rückgriff auf meine eigene Gottverbundenheit ist immer störanfällig und wird es wohl auch bleiben. Zerschlagenes Urvertrauen kann nicht rückgängig gemacht werden. Linderung und täglich neues Aufbauen sind möglich. Beides gelingt jedoch nicht zuverlässig. Für mich sind daher die geschichtlichen Zeugnisse von Menschen, die ihre Erfahrungen mit ihrem Gott erzählen, kostbar. In ihnen finde ich trotz aller patriarchalen Verzerrungen Halt, weil ich erkennen kann, dass die Menschen der Bibel immer neu erfuhren, dass Gott sich in ihrer menschlichen Geschichte an sie, die Menschen, gebunden hat. Auf diese Tradition kann ich zurückgreifen, wenn es in mir keinen Halt mehr gibt. Diese Tradition erlaubt mir zu hoffen, dass Gott seine Selbstbindung an Mensch und Welt bis heute nicht zurückgenommen hat und dass sie auch mir gilt.

  • Im esoterischen Christentum muss der Mensch sein eigener Erlöser werden.

Wenn im Christentum Gott den Menschen vor dessen Grandiositätswünschen und ihn überfordernden Ansprüchen schützt - hier tauchen Grandiosität und Überforderung erneut auf. Der Mensch muss sich grenzen- und gnadenlos anstrengen, um die Einheit mit Gott zu erreichen. Wenn die eine Technik sie nicht ermöglichte, muss die nächste und die dritte und vierte Technik ausprobiert werden. Im Christentum darf eine Christin sein, was sie ist: fehlbar. Die Christin muss weder Gott noch sich selbst zur Gänze verstehen wollen. Sie darf die Bruchstückhaftigkeit, die Vorläufigkeit, die Fehlerhaftigkeit ihres Lebens und ihrer Gotteserkenntnis Gott zur Vollendung überlassen.

Wenn ich hier eine Abgrenzung zu esoterischem Christentum und seinen bekanntesten Vertretern versuche, dann auch deswegen, weil ich mich weigere zu glauben, dass der Gott, den/die ich anbete, die von Menschen erfahrene Gewalt als "zum göttlichen Vollzug des Lebens gehörig" betrachten könnte. Es wäre dies nur eine weitere Variante der bedrückenden Erfahrung, dass noch immer Gewalt als göttlich legitimiert betrachtet würde. Für mich liegt die Menschen befreiende Perspektive nicht in der göttlichen Legitimation von Gewalt, sondern umgekehrt im schärfsten Widerspruch Gottes dazu. Und diesen Mensch gewordenen Widerspruch Gottes gegen Unterdrückung und Gewalt finde ich unüberbietbar in Jesus von Nazareth.

Wieweit die o.a. Deutung von Gewalt dem esoterischen Christentum systemimmanent ist und aus dem monistischen Gottes-, Menschen- und Weltbild resultiert, bedarf weiterer Klärung.

30.10.2003

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1 Panorama der neuen Religiosität. Sinnsuche und Heilsversprechen zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Hrsg v. Reinhard Hempelmann, Ulrich Dehn, Andreas Fincke, Michael Nüchtern, Matthias Pöhlmann, Hans-Jügen Ruppert, Michael Utsch im Auftrag der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW), Berlin, Güterloh 2001
Hans-Jürgen Ruppert: Durchbruch zur Innenwelt. Spirituelle Impulse aus New Age und Esoterik in kritischer Beleuchtung, Stuttgart 1988
2 vgl. Joachim Keden / Hansjörg Hemminger: Neue Formen des esoterischen Christentums: Das Ökumenische Zentrum Neumühle - ein Beispiel. Materialdienst 2/02, S. 36-37
3  http://www.ekd.de/ezw/index_frame.html?http://www.ekd.de/ezw/40019.html
4 vgl. Joachim Keden / Hansjörg Hemminger: Neue Formen des esoterischen Christentums: Das Ökumenische Zentrum Neumühle - ein Beispiel. Materialdienst 2/02, S. 38
5 a.a.O., S. 38
6 a.a.O., S. 40-43
7 vgl. a.a.O., S. 46
8 Information des "Berliner Dialogs" http://www.religio.de/dialog/498/15_28-30.htm (Stichwort Medien - v. Brück)
9Brück in einem ORF-Interview. ORF/FUNK - "Religion" - 5. April 1999 (s. auch die Rolle von Brücks in der "Friedensuniversität" http://www.relinfo.ch/friedensuni/info.html)
10vgl. Joachim Keden / Hansjörg Hemminger: Neue Formen des esoterischen Christentums: Das Ökumenische Zentrum Neumühle - ein Beispiel. Materialdienst 2/02, S. 35 (s. auch die Konfliktpunkte zwischen der kath. Kirche und P. Wiligis Jäger Bistum Würzburg)
11 Joachim Keden / Hansjörg Hemminger: Neue Formen des esoterischen Christentums: Das Ökumenische Zentrum Neumühle - ein Beispiel. Materialdienst 2/02, S. 44-45




Auf der Homepage der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen Berlin http://www.ezw-berlin.de/ finden Sie im Archiv (unter Publikationen) eine Fülle weiterer Informationen:
Kurzinfo Reiki (Suchwort Reiki)
"Ein Kurs in Wundern" und biblische Aussagen im Widerspruch (Materialdienst 5/02)
Fürchtet die Kirche den Reinkarnationsglauben? (Materialdienst 11/02)
Reinhard Hempelmann: Vagabundierende Religiosität (Materialdienst 1/2001)
Transpersonale Psychologie auf dem Vormarsch (Materialdienst 10/2000)
Hellinger im Aufwind (Materialdienst 10/2000)



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