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Plattform für Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben und die Ressourcen des christlichen Glaubens im Leben mit anhaltenden Traumafolgen nutzen

Auf dieser Plattform treffen sich Frauen, die in der Kindheit, Jugend oder im Erwachsenenalter Gewalt erlebt haben. Diese Gewalt erfuhren sie körperlich, seelisch, sexuell oder - in der Regel - als Kombination dieser Gewaltformen. Sie war einmalig, mehrmalig oder auch langjährig. Sie konnte in der Familie, einer Beziehung oder Ehe, in einer Schule, in der Jugendarbeit, aber auch in Therapie oder Seelsorge geschehen. Sie ging von Menschen aus.

Jede Betroffene hat ihre eigene Geschichte und ihre eigenen Bewältigungsstrategien. Die Gemeinsamkeit der Traumatisierung verbindet miteinander, von der Verschiedenheit kann gelernt werden.

Auch nach 2010 sind die meisten Frauen, die Gewalt erlebt haben, unsichtbar. Die Scham, Opfer geworden zu sein, lässt sie ebenso verstummen wie das gesellschaftliche und kirchliche Schweigetabu. Für die kirchliche und gesellschaftliche Öffentlichkeit ist das Wissen um Opfer von Gewalttaten - und damit natürlich auch das Wissen um Täter und Täterinnen - schwer zu ertragen.

Dieses Wissen konfrontiert Menschen mit der Erkenntnis, dass das Leben, die Menschen, die Welt, Gott vielleicht nicht so zuverlässig und sicher sind, wie das für ein normales Leben anzunehmen notwendig ist. Es führt zur Erkenntis, dass jeder Mensch Opfer einer Gewalttat werden kann. Unsichtbarkeit und anhaltendes Schweigen kann weder uns helfen noch andere schützen. Unsichtbarkeit und Schweigen spielen den Tätern und Täterinnen in die Hände. Das darf - um Gottes willen - nicht sein.


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Stichwort Christentum

Ps 94
„Wäre nicht Gott meine Hilfe, bald würde ich im Land des Schweigens wohnen.“ ( Ps 94, 17)

In einer multireligiösen Welt ist es nötig, genauer zu beschreiben, was unter Christentum zu verstehen ist. Es gilt zu begründen, warum gewaltüberlebende Frauen auf dieser Plattform ihre Hoffnung auf den christlichen Gott setzen.

Im Chaos der Traumabewältigung, in den Bodenlosigkeiten der oft andauernden Traumafolgen ist es gut, nach einem Halt Ausschau zu halten, der auch dann noch tragen kann, wenn andere Sicherheiten zusammenbrechen und versagen und wenn der Blick auf das, was Menschen einander antun können, das blanke Entsetzen lehrt. Dann ist es gut, eine Perspektive der Hoffnung zu haben, die das eigene Leben umgreift, sich aber nicht darauf beschränkt. Dann ist es gut, Zeuginnen und Zeugen vorzufinden, die mit ihrem Leben dafür grade stehen, dass Gott es gut mit uns Menschen und mit dieser Welt meint.

Es ist wichtig, sich immer neu zu vergewissern, dass der mühsame und zu manchen Zeiten kaum erträgliche Weg der Heilung ein von Gott gewollter Weg zu einem "Leben in Fülle" ist. Dabei ist Heilung ein legitimes Ziel, Heil jedoch noch wichtiger. Wir müssen uns immer neu versichern und zusagen lassen, dass wir für unsere Heilung kämpfen dürfen. Die Botschaft der Gewalt hieß: Du bist ein Gebrauchsgegenstand; völlig isoliert der Willkür von Menschen ausgeliefert; nicht wert des Schutzes und der Fürsorge; benutzbar und ausbeutbar. Dieser eingebrannten und vielfach bestätigten Botschaft ist eine andere entgegenzusetzen: Du bist ein Mensch, von Gott gewollt und kostbar.

In der jüdisch-christlichen Tradition findet sich ein Maß gebendes Befreiungsereignis - die Herausführung des versklavten Volkes Israel aus ägyptischer Knechtschaft. Gott selber sorgte dafür, dass die Ausbeutung der Hebräerinnen und Hebräer durch die ägyptischen Herrenmenschen ein Ende hatte. Gott selber schützte und begleitete sein Volk beim jahrzehntelangen Gang durch die Wüste. Gott selber gab die Lebens-Mittel auf diesem Wüstenweg und zeigte dem Volk die Richtung in das Land der Freiheit.

Israel hat aber auch die Erinnerung an das Murren des Volkes auf diesem langen und beschwerlichen Weg, dessen Ende nicht absehbar war, aufbewahrt. Angesichts der Not des Weges zur Freiheit sehnte es sich nach den Fleischtöpfen Ägyptens. Lieber wollte es die bekannte Unfreiheit als die unbekannte Freiheit haben. Diese Versuchung ist vielen Opfern von Gewalt ebenso wenig unbekannt wie die Versuchung, das Heil zwischendurch bei anderen Göttern suchen zu wollen. Die "goldenen Kälber" haben andere, vielleicht subtilere Formen angenommen. Sie zeigen sich als Stimmen, die Gewaltopfer von ihrer Wertlosigkeit überzeugen wollen; als Verzagtheit und Kampfesmüdigkeit; als die Versuchung, "Abkürzungen" bei der Heilung nehmen zu wollen, von denen die Betroffenen wissen können, dass sie sich als Sackgassen erweisen werden; als quälende Schuldgefühle - von TäterInnen implantiert -, die mürbe machen wollen; als den Wunsch, nur noch um das private Glück zu kämpfen und andere Menschen, die unter die Räder gekommen sind und fortwährend kommen, im Stich zu lassen.

Der unbedingte Befreiungswillen Gottes findet sich auch in Leben, Tod und Auferstehung Jesu. In seinem Leben ist abzulesen, dass Gott jene zu ihren "bevorzugten Kindern" erklärte, die von allen verachtet waren, die an den Rand gedrängt, zum Schweigen gebracht, blind und taub gemacht worden waren. Dass die Einlösung dieses Versprechens Gottes nicht kostenneutral, unpersönlich und unverbindlich war, ist an Jesu Bereitschaft abzulesen, den Befreiungswillen Gottes für die "Letzten" mit Leib und Leben zu unterschreiben. Opfer von Gewalt dürfen wissen, dass es Jesus ernst mit ihnen war.

Und weil dies so ist, muss gesagt werden, wo und mit welchen Mitteln die Gewalt bis heute in Kirchen und Gesellschaft fortgesetzt und legitimiert wird dadurch, dass
  • Frauen unsichtbar gemacht und diskriminiert werden
  • Frauen ihres Subjektseins beraubt und auf des Menschen unwürdige Rollen festgenagelt werden
  • das Patriarchat Himmel und Erde unter sich und auf Kosten von Frauen aufteilt
  • Frauen religiös enteignet und heimatlos gemacht werden
  • auch der christliche Gott zur Aufrechterhaltung von Unrecht instrumentalisiert wurde und wird
  • eine kirchliche Leidens- und Opfertheologie Frauen in ihrer Menschenwürde beschneidet
  • Gottes- und Menschenbilder transportiert werden, die Gott und Mensch nur männlich denken können
  • eine aus den Schöpfungsberichten vermeintlich ableitbare Urschuld der Frauen belegt wird
  • Vergebung als Keule gegen Gewaltopfer verwendet wird ...
Gegen Scham, aufoktroyiertes Schuldgefühl und Hilflosigkeit ist die Perspektive der Solidarität des Volkes Gottes einzunehmen. Sie bedeutet, einander zu trösten, zu ermutigen und Leid gemeinsam zu tragen versuchen. Im Glauben an einen treuen und mitgehenden Gott können Quellen des Mutes und der Kraft, der befreienden Klage und Anklage, der Freude und des Berechtigtseins entdeckt werden. Gegen das Schweigen muss das "Beten mit offenen Augen" und das Sprechen eingesetzt werden.
Versuchungen zu alter Versklavung in neueren Gewändern, wie sie in fundamentalistischem Christentum vorliegen, sind zu widerstehen. Auch die Banalität, Trivialisierung und beliebige Relativität von
esoterischem Christentum hilft nicht weiter.

Diesen Weg gehen Frauen, die in der Regel bereits als Kinder Opfer von (sexueller) Gewalt wurden, für sich selbst, in eigenem Interesse; aber auch im Bewusstsein, dass sie eingebunden sind in eine vielfältig verflochtene Geschichte und Welt. Zu hoffen ist, dass eine nächste Kinder- und Frauengeneration auf diesen Mosaikstein der Befreiung zurückgreifen kann und dass das Wissen um Gott, der das Heil aller Menschen - auch das Heil Gewaltüberlebender - will, nicht verloren geht.
Zum Stichwort Kirche(n) noch ein paar Anmerkungen:
Viele ZeitgenossInnen fragen: Wozu brauchen ChristInnen dazu denn eine katholische oder evangelische Kirche? Warum genügt es nicht, sich alleine auf den Weg zu machen zu mehr Solidarität und zu mehr Gottverbundenheit? Was führt ausgerechnet Frauen, die auch kirchlich legitimierte Gewalt erlebt haben, nicht aus der Kirche hinaus?
  • Es darf davon ausgegangen werden, dass Gott mit unserer Welt etwas vorhat und dass Jesus dazu eine Gruppe von Menschen zusammengeführt hat, diejenigen "die zum Herrn1 gehören", eine Κυριακή (grch.: Kirche). Es ist noch immer die Kirche, die trotz allen Unrechts und aller Verdunkelung des Evangeliums durch eine oft gewaltgetränkte Geschichte hindurch das Evangelium geschrieben, ausgewählt, und es durch die Jahrhunderte tradiert hat. Ohne sie gäbe es kein Evangelium.
  • Eine Institution ist immer auch eine Hilfe gegen das Vergessen. Wäre die Erinnerung den Unvollkommenheiten des Erinnerns Einzelner überlassen, würde schnell sehr viel an Erkenntnis und Erfahrung verloren gehen. Kirche tradiert das Evangelium, die Erfahrungen damit und die Reflexion über die Erfahrungen. Da sie eine Gemeinschaft ist, kann sie eine Vielfalt an Erfahrungen integrieren und behalten. Auf diese Vielfalt können wir zurückgreifen.
  • Ein Individuum mag schnell den eigenen Weg für den einzig richtigen halten. In einer Institution - insofern sie sich nicht gegen Kritik immunisiert und sich immer neu am Evangelium misst und messen lässt - besteht die Möglichkeit, eine individuelle Sicht zu erweitern, Einseitigkeiten zu korrigieren, arbeitsteilig Perspektiven lebendig zu halten. Keine muss alles im Auge haben; jede kann darauf vertrauen, dass ihre Einseitigkeiten durch die Perspektiven anderer erweitert werden.
  • In einer Zeit hoher Individualisierung und Autonomie ist die Gefahr der Isolation, Vereinzelung und Entsolidarisierung hoch. Eine Gemeinschaft hingegen birgt die Chance, Solidarität, Trost und Schutz gegen die Atomisierung des Lebens zu setzen. Das Sich-Binden an eine konkrete, unvollkommene Gemeinschaft mag immer auch mühsam sein. Im Ernstfall jedoch kann es ein Halt sein - wenn man vor Ort eine Weggemeinschaft von ChristInnen findet.
  • Eine Institution bündelt die Reflexion vieler Menschen. Darauf kann - kritisch - zurückgegriffen werden, wenn es darum geht, Klarheit über den eigenen Glauben zu gewinnen; Taugliches von Banalem, Falsches von Wahrem zu unterscheiden. In einer multireligiösen Welt ist diese Fähigkeit der Unterscheidung notwendig. Es ist hilfreich, das Nachdenken Anderer zu Rate zu ziehen auf dem Weg, Wahrheit zu finden.
  • Wer sexuelle Gewalt erlebt hat, musste oft über lange Zeiten erfahren, dass er/sie ganz alleine in einem Universum von Unberechenbarkeit, Isolation, grenzenloser Einsamkeit, Terror und Schmerz leben musste. Schritte zur Heilung setzen voraus, dass die Überlebende der Gewalt sich ihrem individuellen Schmerz und der Veränderung der Gewaltfolgen stellen muss. Zugleich ist es nötig, die in der Gewalt zerstörte Verbindung zur Gemeinschaft der Menschen (und Christen) neu aufzubauen. Ohne die Bereitschaft der Mitmenschen und Mitchristen, ihrerseits den Opfern sexueller Gewalt entgegenzukommen, kann die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft nicht erfahren werden.
Und ein letztes Argument für die Zugehörigkeit zu einer zweifelsohne reformbedürftigen, oft maroden, vielleicht hier bei uns sterbenden Form von Kirche: Es feiert sich einfach so schlecht alleine :-) Es ist also gut, sich vor Ort eine Gemeinde und dort ein paar Menschen zu suchen, die mitgehen und eben auch mit-feiern.
16.12.2003; ergänzt 31.7.2004; 2010; 2016
Erika Kerstner


1 Wenn ich das Wort "Herr" verwende, dann immer in der ursprünglichen Bedeutung: Herr aller Herren


          Frühling
© A.
  

 
Erinnerung

Nicht vergessen werden dürfen die Menschen, die ihre Lebensgeschichte nicht überlebt haben.

Jes 25,8a
"Vernichten den Tod auf immer und abwischen wird mein Herr, Jahwe,
Tränen von jedem Angesicht." (Jes 25,8)

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