Buecher
Rezension

Andrea Lehner-Hartmann: Wider das Schweigen und Vergessen, Innsbruck
2004

Keine Vergebung ohne Gerechtigkeit

Gewalt gegen Frauen und Kinder ist innerhalb der katholischen Kirche ein Tabu-Thema. Andrea Lehner-Hartmann setzt sich mit der psychologischen, pädagogischen und soziologischen Forschung zur familialen Gewalt auseinander. Im sozioökologischen Modell von Uri Bronfenbrenner verbindet sie die meist isoliert nebeneinander stehenden Erkenntnisse der unterschiedlichen Disziplinen und benennt Gemeinsamkeiten der Gewalt gegen Frauen und gegen Kinder. Wohltuend ist die von der Autorin durchgängig beachtete Perspektive der Opfer. Aus dieser Perspektive kommt auch die noch wenig untersuchte psychische Gewalt in den Blick.
Im letzten Teil beschreibt das Buch die Aufgabe der Theologie zunächst als Hinhören und Hinschauen auf die bisher in der Kirche noch kaum rezipierten wissenschaftlichen Forschungsergebnisse. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Theodizeeproblem im Angesicht familialer Gewalt folgt. Vor dem Hintergrund politischer, befreiungstheologischer und feministischer Theologie wird Erinnerungsarbeit als christlicher Auftrag benannt. Die Darstellung der Hindernisse, die dieser Erinnerungsarbeit widerstehen, zeugt davon, dass die Autorin weiß, dass Täterschutz noch immer vor Opferschutz geht; den Opfern nicht geglaubt wird; von den Opfern Vergebung, nicht jedoch von den Tätern Reue und Wiedergutmachung gefordert werden und familiale Gewalt in der kirchlichen Verkündigung ausgeklammert wird. Es ist dringend nötig – und das tut die Autorin - die christliche Gemeinschaft an ihre Aufgabe zu erinnern, Anwältin der sprachlos gewordenen Leidenden zu werden und sich klar zu positionieren mit der Aussage, dass Gewalt Gotteslästerung ist.
Wem bisher unklar war, was Theologie als Beitrag zur Befreiung von Menschen überhaupt leisten kann, der findet hier eine kenntnisreiche und engagierte Position, die Kirche als moralische Autorität ausweist, insofern sie die jesuanische Option für die Schwachen und Unterdrückten wahr macht.
Rika, 3.6.2004