Buecher
Rezension
Barbara Haslbeck, Jörn Günther (Hg.): Wer hilft, wird ein anderer. Zur Provokation christlichen Helfens. Festschrift für Isidor Baumgartner
LIT-Verlag
Provozierend aktuelle Theologie
Verschiedene AutorInnen reflektieren auf der Folie des Gleichnisses vom Barmherzigen Samariter, was Helfen in der Gegenwart aus der Perspektive der Pastoralpsychologie, der Pastoraltheologie und der Caritaswissenschaften bedeutet. Der Titel "Wer hilft, wird ein anderer" beschreibt ein Spezifikum christlichen Helfens: es ist ein Projekt "auf Gegenseitigkeit", denn in dieser Vorstellung von Hilfe kann sich verändern, wem geholfen wird. Verändern kann und wird sich aber auch der Helfer, wenn der Hilfesuchende nicht zum Objekt der Hilfe gemacht wird. Dies ist in der Fülle der Beiträge qualifizierter AutorInnen Seite für Seite nachzulesen und nimmt die LeserInnen mit auf einen spannenden Weg des Nachdenkens über die Relevanz von Theologie für die Praxis des Lebens.
Der Untertitel "Zur Provokation christlichen Helfens" hält, was er verspricht, wie u. a. der Beitrag der Mitherausgeberin Barbara Haslbeck zeigt. Die Autorin richtet ihren Blick auf eine in der Regel übersehene Gruppe von Menschen; jene, die heutzutage und hierzulande unter die Räuber fallen; Menschen, die durch Menschengewalt traumatisiert wurden durch Misshandlung, Vernachlässigung, Missbrauch, Vergewaltigung, Gewalt in Beziehungen, Frauenhandel, rassistisch motivierte Übergriffe, Folter und Krieg. Anhand des Gleichnisses vom Barmherzigen Samariter geraten vor allem jene in den Blick, die damals an dem, der unter die Räuber gefallen war, vorübergingen und die bis heute an denen vorübergehen, die durch Gewalt verletzt wurden. In der Rezeption des Forschungsstandes zur Traumaforschung ist die Autorin auf der Höhe der Zeit - und zugleich auf Augenhöhe mit Traumatisierten. Ihre nüchterne und gerade deswegen parteiische Bestandsaufnahme des Leides Betroffener und der Gleichgültigkeit der Vorübergehenden lässt in den Blick kommen, was not-wendend ist: Mitleidensfähigkeit und einen langen Atem derer, die solidarisch sein möchten mit jenen, die heute hier bei uns Gewalttätern im Nahbereich zum Opfer fallen.
Beitrag für Beitrag dieser Festschrift für Isidor Baumgartner zeigt die Aktualität eines Helfens, das Impulse der gegenwärtigen Theologie aufnimmt und sich rückgebunden weiß an die Spiritualität befreiungstheologisch motivierten Helfens in Zusammenarbeit mit denen, die der Hilfe bedürfen. Selten habe ich ein theologisches Buch gelesen, das wie das vorliegende Theologie in ihren besten Traditionen mit heilsamer Praxis verbindet, ohne der Gefahr zu unterliegen, Lehre und Praxis kurzsichtig voneinander zu trennen. Lesenswert von Anfang bis Ende - nicht nur für Fachleute.

18.2.2007
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