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Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am 28.1.2012

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                 Die Urkunde                                                                                         Oberbürgermeister Demal, Stutensee

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Im Foyer des Rathauses 

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                    Gäste                                                                                                   Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Stutensee

Gallinat-Schneider
Frau Gallinat-Schneider



Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitfeiernde, liebe Erika,
wir lernten uns 2002 kennen. Du warst damals frisch in unsere Pfarrei gekommen, weil Du auf der Suche nach einer für Dich passenden Gemeinde warst. Ich durfte damals noch etwas, was seit einigen Jahren nicht mehr erlaubt ist, nämlich die Ansprache in einem Jugendgottesdienst halten. Es ging um das Thema Frauen.
Das war der Anfang, das leidvolle Thema „Frauen in der Kirche“. Über Frauenarbeit lernten wir uns dann etwas besser kennen und 2003 fragtest Du mich, ob ich mir vorstellen könnte, eine Gruppe von gewaltüberlebenden Frauen, die Du in Bruchsal gründen wolltest, seelsorgerlich zu begleiten. Ich habe ja gesagt, obwohl ich keine Ahnung hatte, was auf mich zukommt und ich keine Fortbildungen zu diesem Thema besucht hatte. Ich habe einfach versucht, da zu sein, Mensch zu sein, zuzuhören, mitzuleiden.
Ich habe bei Carola Moosbach, die ich so auch mit in diese Feier hineinnehmen möchte, weil sie diejenige war, die die Initiative ergriff und Erika Kerstner für das Bundesverdienstkreuz vorschlug und die nun wenigsten gedanklich dabei sein sollte, einen Text gefunden, der viel über eine solche Gruppe aussagt. Er lautet:
„Spurensuche
(Für eine Selbsthilfegruppe)
Da sitzen wir Wunde an Wunde
Schmerz an Schmerz
da sitzen wir teilen
Hoffnung und Tränen
Wut und Kraft
da sitzen wir suchen
Wege und Spuren
verbrannte Träume
da sitzen wir finden
Leben“
Soweit der Text aus dem Buch Himmelsspuren, Gebete durch Jahr und Tag.
Ja, so habe ich es auch erfahren. In der Gruppe gab es Gespräche, die kaum auszuhalten waren, da gab es Trauer, Leid und Tränen, aber es gab auch ganz viel Leben. Fast jedes Mal wird auch ein Witz erzählt, es wird gelacht. Wir leiden miteinander, wir teilen Leben miteinander. Es gehört zum Leben dazu, dass Leid auszuhalten. Das zeichnet Dich, liebe Erika, aus, dass Du zu den Menschen gehörst, die es aushalten, wenn Menschen die ganz schwierigen Dinge erzählen und nicht nur die oberflächlichen.
In dieser Gruppe hast Du auch immer wieder von Deinem Engagement für die Gewaltarbeit erzählt. Das ist etwas, was Dich auch auszeichnet und weshalb ich meine, dass Du das Bundesverdienstkreuz verdient hast, Du bist beharrlich. Wenn ich jemanden etwas frage und es heißt „nein“, ziehe ich mich zurück. Du hast auch nach dem zweiten, dritten, vierten, fünften Nein weitergemacht, hast Anfragen gestellt, Mails, Briefe, Gespräche, Telefonate geführt, um der Sache willen. Das bewundere ich an Dir.
Ich war neben der Begleitung der Gruppe auch dafür zuständig, Türen innerhalb der Kirche zu öffnen, damit das Thema dort präsent wird. So haben wir 2005 im Konradsblatt, unserer Kirchenzeitung, einen Artikel gehabt, in dem wir interviewt wurden, im gleichen Jahr war ich auf einer Fortbildung zum Thema „Traumaarbeit in der Seelsorge“. Da hatte man das Thema eigentlich nicht eingeplant, aber ich brachte es in der Vorstellungsrunde mit ein, als ich meine Arbeit mit traumatisierten Frauen vorstellte. Ich habe dann gespürt, wie unangenehm das Thema ist, auf was ich mich da eingelassen habe, niemand will eigentlich davon hören.  Egal ob Frauenreferentinnen, kirchliche Stellen für Hilfesuchende, alle waren sehr distanziert. Dennoch haben wir weitergemacht, 2006 gab es in Weingarten einen Gottesdienst, im Spätjahr ebenso einen Gottesdienst in der Lutherkirche mit Frau Dr. Barbara Haslbeck. 2007 hat der Caritasverband Bruchsal die Aktion Stolpersteine durchgeführt, im selben Jahr war Kirchentag in Köln, wo es eine Podiumsdiskussion zum Thema gab, bei der Barbara Haslbeck auch Referentin war und wir im Anschluss gute Gespräche an unserem Stand hatten.
Dann kam das Jahr 2009. Wir veranstalteten in der Pfarrei eine Aktion zu unserem Jahresthema mit dem Propheten Amos, von dem viele auch nichts hören wollten, weil er für soziale Gerechtigkeit steht. Du, liebe Erika, hast es geschafft, Dein Thema, den Mißbrauch von Frauen, mit hineinzunehmen in die Abende. Beim Abschlusswochenende sollten einige eine Bibelarbeit mit einer Stelle machen, die ihnen besonders viel bedeutet. Du hast Tamar eingebracht, die Frau, die in der Bibel als Vergewaltigungsopfer steht. Überhaupt sind es 2 Bibelstellen, die die Arbeit immer wieder begleitet haben. Tamar aus dem Alten Testament und der barmherzige Samariter aus dem Neuen Testament, der Mann, der nicht wegsieht, sich auf die Seite der Opfer stellt, sich mit ihnen solidarisiert. Dein Glaube ist das Fundament, mit dem Du es geschafft hast, diese Arbeit überhaupt zu machen.
Durch den Amosprozess habe ich bei Dir eine Veränderung gespürt. Du warst plötzlich den Kinderschuhen entwachsen und hattest Bergschuhe an, mit denen Du losstürmtest, mich nicht mehr brauchtest, um Gespräche mit offiziellen Stellen zu führen, sondern Du trautest Dich alleine, Du hattest den Mut ohne Hilfe zu diesem Thema zu stehen.
Bei der Arbeit habe ich zusätzlich auch noch mehr als vorher begriffen, wie wichtig eine sensible Sprache ist, wie wichtig es ist, keine männlich dominierte oder gewaltverherrlichende Sprechweise zu verwenden. Ausdruck davon ist auch die Tatsache, dass die Gruppe Gottessuche im Projekt zur Erstellung der Bibel in gerechter Sprache die Patenschaft für einen Teil des Buches der Psalmen übernommen hat. Als ich auf einer Fortbildung zu diesem Thema war, war ich dank dir, Erika, die Du mich von Anfang an in den Prozess der Entstehung dieser Bibel mit hineingenommen hast, eine der wenigen, die diese Bibel kannte und hatte.
Nun kam das Jahr 2010, das alles veränderte? Wirklich? Zumindest war es der katholischen Kirche klar, dass es gut ist, wenn sie Mißbrauchsopfer hört, mit ihnen redet und sie zu Wort kommen lässt. So bist Du, liebe Erika, in diesem Jahr, in dem das Ausmaß dessen, was wir, die wir schon lange auch mit Opfern kirchlicher Täter arbeiteten, ahnten, zu Tage trat, endlich eingeladen worden, endlich angefragt worden bist und Du durftest Stellung nehmen zu Deinem Thema. Ich befürchte zwar, es ist eher geschehen, weil Kirche nun auch eine gute Presse braucht und es sich nicht leisten kann, zu diesem Thema weiter zu schweigen und nicht aus ehrlichem Herzen, weil ein Veränderungsprozess im Denken entstanden ist. Aber endlich gab es nicht nur Ablehnung.
Ich wünsche Dir, dass Du weiterhin mit diesem Thema Gehör findest, dass Du weiterhin den Mut hast, für die Frauen zu kämpfen, ihnen eine Stimme zu verleihen und gratuliere Dir ganz herzlich zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes.
Marieluise Gallinat-Schneider
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Bundesverdienstkreuz 6
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Dr. Haslbeck
Frau Dr. Barbara Haslbeck




Sehr geehrte Festversammlung,
ich darf hier anlässlich der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Frau Erika Kerstner eine Laudatio halten. Was führt mich zu dieser Ehre? Mein Name ist Barbara Haslbeck und ich kenne das Projekt Gottessuche seit seinen Anfängen. Als Mitarbeite-rin am Lehrstuhl für Christliche Gesellschaftslehre und Caritaswissenschaften der Uni-versität Passau forschte ich  mehr als zehn Jahren zum Themenkreis sexualisierte Ge-walt hinsichtlich Religiosität und Kirche. Inzwischen ist das Thema Gottseidank mehr in die Öffentlichkeit gerückt und ich darf als Fachfrau für das Thema in vielen Kontex-ten tätig sein. Aufmerksam wurde ich auf die Arbeit von Frau Kerstner durch einen Hinweis von Frau Carola Moosbach, die wiederum diejenige ist, die die heutige Verleihung des Verdienstordens anregte und der ich dafür sehr herzlich danke. Über die Jahre entwickelte sich eine rege Zusammenarbeit zwischen Frau Kerstner und mir. Wer sich intensiv mit den Folgen von Gewalt auseinander setzt, kommt dabei immer wieder an die Grenzen des Aushaltbaren. So lernten wir uns nicht nur als Fachfrauen, sondern auch als Menschen mit ganz eigenen Geschichten und Fähigkeiten kennen. Auf diesem Hintergrund will ich versuchen, Frau Kerstner und ihre heute gewürdigte Arbeit mit einigen wenigen Stichworten zu charakterisieren. Dabei versuche ich, vom Äußeren zum Inneren der Arbeit von Frau Kerstner vorzudringen. Frau Erika Kerstner ist zum Ersten:

Die Engagierte
Es ist ein unglaublich hohes Maß an Zeit und Energie, das Frau Kerstner in die Gewalt-arbeit steckt. Hier darf ich ein paar nüchterne Zahlen nennen, die ich der Statistik der Homepage Gottessuche entnehme. Die Zahlen beziehen sich auf den Zeitraum seit dem 01.01.2005, also auf sieben Jahre. Zu unterscheiden ist zwischen Mails von Einzelpersonen, die sich an Frau Kerstner als Inhaberin der Homepage wenden und Mails, die in der Mailingliste geschrieben werden – das ist ein Forum, zu dem sich Betroffene anmelden und miteinander über Mails in Kontakt treten.
•    In Einzelkontakten gab es 21.248 Mails, das sind im Schnitt 3035 Mailkontakte pro Jahr und 8 pro Tag.
•    In der Mailingliste sind 16.522 Mails zu verzeichnen, das sind 2360 pro Jahr und 7 pro Tag.

Das heißt, dass Frau Kerstner im Schnitt etwa 15 Mails pro Tag bearbeitet, also liest und schreibt,  und das sieben Tage die Woche. Zu dieser hohen Zahl hinzu ist zu bedenken, dass es sich um Mails handelt, die von existentiellen Verletzungen handeln, also eine hohe emotionale Beteiligung und Konzentration erfordern.

Zu der unmittelbaren Begleitung von Gewaltbetroffenen kommen folgende Tätigkeiten hinzu:
•    Die Betreuung einer Gruppe von Betroffenen vor Ort zusammen mit der Seelsor-gerin Frau Marieluise Gallinat-Schneider.
•    Die Recherche für einen täglich aktualisierten und kenntnisreich kommentierten Pressespiegel zur Gewaltthematik.
•    Die Erstellung von Analysen und Kommentaren zum Thema.
•    Die Teilnahme an Buch- und Zeitungsprojekten, an Workshops und Gottesdiensten zum Thema.
•    Vernetzungsarbeit mit kirchlichen Einrichtungen zum Thema.
•    Aktualisierungsarbeiten für die Homepage.

Der zeitliche Umfang all dieser Arbeiten ist mit etwa vier Stunden pro Tag – sieben Ta-ge die Woche! – sicher nicht zu hoch gegriffen. Als hauptberufliche Lehrerin ist Frau Kerstner nicht weniger intensiv bei der Sache und ich frage mich oft, wie dieses un-glaublich hohe Engagement überhaupt zu leisten ist.
Frau Kerstner ist nicht nur außerordentlich stark engagiert, sondern tut dies auch äu-ßerst kompetent – zweites Kennzeichen:

Die Kompetente
Gut gemeint ist nicht gleich gut. Das trifft auf Frau Erika Kerstner mit Sicherheit nicht zu. Mit großer Akribie legt sie Wert darauf, ihre Arbeit nach allen Maßstäben kompe-tent zu gestalten. Es gibt kaum ein psychotraumatologisches und theologisches Buch zur Gewaltthematik, das sie nicht kennt und als Hintergrundwissen für die Begleitung Betroffener verarbeitet. Zu den Qualitätsstandards ihrer Arbeit gehört es auch, regel-mäßig in Supervision zu gehen. Ihre Recherchen zu den verschiedenen Themen im Umkreis der Gewaltthematik zeichnen sich durch absolute Präzision und Bemühen um Ausgewogenheit aus.
Frau Erika Kerstner wurde durch diese hochkompetente Arbeitsweise zur gefragten Gesprächspartnerin von Fachfrauen und -männern, die sich die Mühe geben, sich in ähnlich aufwendiger und verunsichernder Weise der Gewaltthematik auszuliefern. Sie ist Ratgeberin für die Entwicklung von Qualitätsstandards für die Gewaltthematik in der Ausbildung von kirchlichen Mitarbeiter/innen und gehört zur Expertengruppe der Deutschen Bischofskonferenz, die die Daten der Hotline zu Missbrauch in der Kirche auswertet.
Zur fachlichen Kompetenz kommt ein hohes institutionelles Wissen hinzu, das die Ar-beit mit Gewaltbetroffenen in den Kirchen betrifft. Hier erlebt Frau Kerstner viel zu oft, wie das Thema als „randständiges Orchideenthema“ oder als „Nestbeschmutzung“ abgetan wird, dem besser keine Aufmerksamkeit geschenkt wird. Hier bleibt sie freundlich und beharrlich dran und lässt sich nicht entmutigen.
Zur Kompetenz gehört nicht nur das Fachwissen, sondern auch die heute immer mehr geforderten „softskills“ – Schlüsselqualifikationen, ohne die das beste Expertenwissen nicht an die Frau und den Mann kommt. Hier kann ich nur kurz andeuten, dass Frau Kerstner in ausgezeichneter Weise komunikationsfähig, frustrationstolerant, einfühl-sam und selbstkritisch ihren Dienst leistet.

Wenn ich auf das überdimensionale Engagement und die erstaunliche Kompetenz von Frau Kerstner blicke, stellt sich mir die Frage: Warum tut sie das eigentlich? Warum beschäftigt sie sich nicht lieber mit Gartenbau oder lernt portugiesisch? In der Einla-dung zu dieser Feier heute zitiert sie Dorothee Sölle und das Zitat gibt Einblick in die zugrunde liegende Motivation: „Die wichtigste Beteiligung an der Gewalt ist die Ge-wöhnung an sie.“ So komme ich zu meiner dritten Charakterisierung:

Die, die sich nicht gewöhnt.
Wer die Zahlen zum Vorkommen von Gewalt und Missbrauch kennt, könnte sagen: Das ist Teil der Realität, damit muss ich mich abfinden. Das ist nicht die Perspektive von Frau Erika Kerstner. Sie gewöhnt sich nicht. In dieser Widerständigkeit steckt eine große Ressource. Immer wieder aufs Neue spürt sie, welcher Skandal es ist, was Kinder und Frauen in unseren Familien erleben und erleiden müssen. Bequem ist das nicht und es zehrt an den Kräften. Gleichzeitig macht das berührbar, und das ist der Schlüssel, um in dieser Arbeit authentisch und lebendig zu bleiben.
Sich nicht anpassen zu wollen und Dinge einfach hinzunehmen, macht angreifbar. All-zu schnell steht frau als „überreizte Person“ da, die engstirnig nur das Eine sieht. Dorothee Sölle erzählt von Frauen, die gegen die Apartheid in Südafrika demonstrier-ten, indem sie in deutschen Supermärkten Kunden beim Kauf von südafrikanischem Obst darauf ansprachen, dass die Orangen nach Blut schmecken. Darin steckt eine Strategie, die ich auch bei Erika Kerstner erlebe: Nicht müde werden und immer wieder auf Missstände hinweisen. Und das da anfangen, wo es möglich ist. Im ganz normalen Alltag, in der stinknormalen Realität. Auf die Gefahr hin, unbequem und lächerlich zu sein.
Sich nicht zu gewöhnen, sondern sich immer wieder in den Widerstand zu begeben, kostet viel Kraft. Es gibt verschiedene Faktoren, die dazu beitragen, um den Akku im-mer wieder neu aufzuladen. Zuallererst denke ich da an Frau Kerstners Mann Johann und ihre Kinder, die ihr Halt geben, die den Blick zu weiten vermögen, die Hoffnung und Zuversicht stiften. Frau Kerstner ist als eine, die sich nicht gewöhnt, hier nicht al-leine: In der Kirchengemeinde in Bruchsal gibt es um sie herum noch einige weitere Widerständige, die mit ihr die Hoffnung teilen, dass die Gewalt nicht das letzte Wort hat.
Ich erlebe bei Frau Kerstner eine besondere Kraft, die mit dem vierten und letzten As-pekt zu tun hat, mit dem ich sie charakterisieren möchte:

Die Gottsucherin
Das Internetprojekt „Gottessuche“ vernetzt Frauen, die sich auf dem Hintergrund des christlichen Glaubens mit ihren Gewalterfahrungen auseinander setzen. Frau Kerstner ist damit zutiefst in der jüdisch-christlichen Tradition verwurzelt, in der Opfer von Ge-walt Gott an ihrer Seite wissen dürfen. Doch Frau Kerstner gibt keine platten Antworten und klebt auf die schwelenden Wunden keine billigen Trostpflaster. Was sie anbietet, ist so anspruchsvoll wie simpel zugleich: Es geht ums Suchen. Da, wo die Fähigkeit zu vertrauen in dramatischer Weise beschädigt wurde, braucht es keine Lösungen und Tipps, sondern einen Ort, um Fragen stellen zu dürfen, der Zerstörung ins Gesicht zu schauen, um zu klagen, um als Sucherin unterwegs zu sein. Vielleicht kann sich auf diese Weise wieder etwas wie Vertrauen in sich selbst, in Mitmenschen und in Gott neu buchstabieren. Frau Kerstner ist eine unermüdlich Sucherin, für andere ebenso wie für sich selbst. So ist sie für mich und mit mir für viele andere Gewaltbetroffene eine echte „Gotteslehrerin“ geworden, die mir etwas von einer Hoffnung erzählen kann, die glaubwürdig ist.

Liebe Erika, wenn dir heute das Bundesverdienstkreuz verliehen wird, dann freue ich mich außerordentlich mit dir, dass dein „Dienst“ damit gewürdigt und öffentlich ge-macht wird. Ich gratuliere der Stadt Stutensee-Blankenloch zu ihrer Bürgerin, auf die sie zu Recht stolz sein kann. Ich gratuliere Erikas Familie – ihren Geschwistern, ihrem Mann und ihren Kindern. Weil ich vermute, dass es für dich gar nicht so angenehm ist, hier im Mittelpunkt zu stehen, sollst du wissen: Heute sind mit dir eine ganze Reihe weiterer Menschen sehr stolz darauf, dass die Arbeit gegen Gewalt geehrt wird. Du bringst den Stein dazu unermüdlich ins Rollen: engagiert, kompetent, als eine, die sich nicht gewöhnt, als Gottessucherin. Dazu weiterhin viel Kraft und Segen!

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Sieger
Pfr. Dr. Jörg Sieger


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Die beiden abschließenden Reden (auf das Bild klicken)


28.1.2012

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Familie!
Carola Moosbach, Kölner Autorin, - Gottesdichterin wird sie von Dorothee Sölle genannt -, hat die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes vorgeschlagen. Dass ihr Vorschlag aufgenommen wurde und Sie und ich heute hier sind, haben weder Frau Moosbach noch ich uns vorstellen können. Es zeichnet ein Land aus, wenn es in seinen Ehrungen auf diejenigen blickt, die sonst keine Stimme haben. Dass dies auch für Opfer von Gewalt im Nahbereich zutrifft, haben viele von uns mit Entsetzen im Jahr 2010 gesehen. Da haben Menschen erstmals nach Jahren und Jahrzehnten von der erlittenen Gewalt spre-chen können, weil sie die Hoffnung hatten, gehört zu werden.
2010 haben wir auch gesehen, dass Traumatisierung durch Menschengewalt häufig langfristige und lebenslange Folgen hat. Betroffene brauchen – neben der psychotherapeutischen, medizinischen und psychiatrischen Unterstützung – die Begleitung von Menschen, die zuhören, sich von der Not berühren lassen und nicht „davonlaufen beim ersten Geruch des Schreckens“, wie Carola Moosbach das in einem ihrer Gebetstexte nennt.
Ich möchte den Menschen danken, die diese Arbeit seit vielen Jahren begleiten.
    • Ich danke meinen Geschwistern, meiner Familie, unseren Kindern, und allen voran meinem Mann. Johann, ohne deinen beständigen und treuen Rückhalt wäre eine solche Arbeit nicht leistbar.
    • Ich danke Frau Gallinat-Schneider aus der Pfarrei St. Peter in Bruchsal. Als ich dich, Mari-eluise, vor ca 10 Jahren fragte, ob du als Seelsorgerin eine Gruppe Betroffener begleiten könntest, hast du sofort zugesagt – wohl wissend, dass der direkte Kontakt mit Betroffenen voraussetzt, dass du viel Leid anhören musst. Die Gruppe in Bruchsal weiß deine Authentizität, deine Offenheit, deinen Humor und deine Hoffnung zu schätzen – und ich auch.
    • Ich danke Pfr. Dr. Sieger (nicht in Althebräisch, sondern in Deutsch :-)). Jörg, du hast  – genau wie Frau Gallinat-Schneider - die Arbeit mit Gewaltüberlebenden von Anfang an unterstützt und immer ein offenes Ohr und Zeit dafür gehabt. Nie vergessen werde ich, wie ich von einem kirchl. Bildungshaus den Bescheid erhielt, Gewaltüberlebende passten nicht zum Profil dieses christlichen Bildungshauses. Als du von dieser Absage an Unterstützung erfahren hast, meintest du, Gewaltüberlebende passten genau zum Profil der Pfarrei St. Peter in Bruchsal. Später hast du einmal gesagt, dass den Menschen in der Pfarrei ohne die Betroffenen etwas fehlen würde.
    • Ich danke Frau Dr. Barbara Haslbeck aus Freising, früher Passau. Du hast schon das Nötige zu unserem Kontakt gesagt. Ich füge noch hinzu, dass deine wissenschaftliche Arbeit zum Thema Missbrauch und Religiosität für mich bis heute ein wichtiges Hintergrundwissen bietet, auf das ich bis heute zurückgreife. Dass ich die konstruktive, sehr ehrliche, manchmal sehr fröhliche Zusammenarbeit mit dir schätze, weißt du.
    • Ich danke Frau Dr. Bayer, die als Psychoanalytikerin und Supervisorin die ersten Anfänge und den Fortgang dieser Arbeit begleitet hat und mir immer neu wertvolle Hinweise gab und gibt.
    • Ich danke den Freundinnen und Freunden, denen ich von der Arbeit – genauso wie vom weiterhin anhaltenden Schweigen – erzählen konnte und die ein offenes Ohr für Betroffene hat-ten.
    • Und schließlich möchte ich den Betroffenen danken, die mir ihr Vertrauen geschenkt haben. Es gehört zu den schönsten Momenten in der Begleitung traumatisierter Menschen, wenn sie Vertrauen zu sich selbst, zu anderen Menschen und vielleicht auch zu Gott finden. So wie ich Zeugin von oft unsäglichem Leid wurde, das Kindern in ihren Familien und im Nahbereich zugefügt wird, so darf ich auch Zeugin sein, wenn Menschen Schritte in die Freiheit gehen können. Ich habe Frauen – und auch Männer – kennengelernt, die tapfer, zuversichtlich, mit täglich erneuerter Hoffnung, mit großer Geduld und einer unerschöpflichen Bereitschaft, anderen zu helfen, ihr oft sehr schweres Leben bewältigen.
Diese Menschen sind mitten unter uns. Die 2010 veröffentlichten Zahlen von Missbrauchsopfern haben uns gezeigt, dass wir überall Gewaltüberlebenden begegnen, ohne dies in der Regel zu wissen, denn sie tragen kein Etikett auf der Stirn, das sie kenntlich machte. Für Gewaltopfer ändert sich ihre ganze Welt, wenn sie in ihrer Umgebung auf Menschen treffen, die ein hörbereites Herz haben. Sie hier können einen Beitrag dazu leisten und tun dies ja längst, indem Sie zuhören, sich nicht an den üblichen Opferbeschuldigungen beteiligen und sich nicht dem Täterschutz zur Verfügung stellen. So wird es möglich, das Vertrauen von Gewaltopfern zu gewinnen und deren Suche nach solidarischen Menschen zu beantworten.
Ich kann Sie nur ermutigen, dem Kontakt mit Gewaltopfern nicht auszuweichen. Aus meiner Erfahrung kann ich Ihnen versprechen, dass dieser Kontakt Sinn macht und eine tiefe Freude bereitet. Er ist eine große Bereicherung – sowohl für Sie als auch für die Überlebenden von Menschengewalt.
Ich nehme das Bundesverdienstkreuz gerne an als Zeichen für einen Paradigmenwechsel in Politik und Gesellschaft, die begonnen haben zu verstehen, was Gewalt anrichtet und dass Betroffene So-lidarität brauchen.
Ich nehme den Verdienstorden auch stellvertretend für diejenigen, die zum Schweigen gebracht wurden, entgegen und verstehe ihn als Ermutigung, weiterhin dafür zu kämpfen, dass sprachlos Gemachte eine Stimme brauchen, nein, besser noch: viele Stimmen brauchen, und auch Ihre.
Vielen Dank!
Erika Kerstner
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Amtsblatt 1

Amtsblatt 2
Amtsblatt 3

Ortsblatt der Gemeinde Stutensee, Nr. 7, Jg. 2012, S. 1-2

BNN

Quelle: Badische Neueste Nachrichten - Ausgabe Hardt, Nr. 25 vom Dienstag, 31. Januar 2012 - Seite 15
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