7.Buch

Sprachlose Kirche? Sexueller Missbrauch und Theologie Interview mit Christoph Fleischmann, WDR 5, Diesseits von Eden, 20.3.2016

WDR5Sprachlose Kirche?


WDR 5 "Diesseits von Eden", 20.3.2016

Christoph Fleischmann
Der Oscar für den Film "Spotlight" hat noch einmal das Thema sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche in den Focus gerückt.Die katholische Kirche in Deutschland hat ja in den letzten Jahren vor allem mit Präventionsmaßnahmen auf die Aufdeckung von Missbrauch durch Priester reagiert. Mit der Aufarbeitung geht es nur langsam voran, nun lückt noch eine weitere Frage in den Blick, nämlich ob die Lehre der Kirche durch den Missbrauch herausgefordert ist. Muss nach dem Aufdecken massenhaften Missbrauchs anders von Gott geredet werden als vorher? Dass der Missbrauch zumindest Fragen an die großen Themen des Christentums stellt, an Sünde, Vergebung und Erlösung, das war kürzlich auch Thema bei einer Tagung derPräventions- und Missbrauchsbeauftragten der deutschen Diözesen. Verbunden bin ich jetzt mit Erika Kerstner. Sie ist pensionierte Lehrerin und Gründerin des Projektes GottesSuche.de, ein Forum für gewaltüberlebende Christinnen. Sie hat jetzt mit zwei Co-AUtorinnen ein Buch herausgebracht mit dem Titel "Damit der Boden wieder trägt. Seelsorge nach sexuellem Missbrauch". Frau Kerstner, wie sehen Sie das? Muss die Kirche ihre Verkündigung angesichts der Erfahrung von Menschen, die Missbrauch erlitten haben, neu bedenken?
Kerstner
Ja. Und zwar in mehreren Punkten. Ich nenne exemplarisch einige. Wir müssen uns darüber unterhalten, dass Jesus, der im Zentrum des Christentums steht, ein Gewaltopfer war und was das für die Menschen bedeutet und für die Theologie bedeutet. Wir müssen neu über Vergebung nachdenken. Wir müssen über das Zusammenkommen von der Liebe Gottes und dem Gerechtigkeitswillen Gottes nachdenken. Wir müssen auch das übliche Familienbild neu bedenken. Vioelleicht fang ich mal an ..
Christoph Fleischmann
Das sind ja schon große Themen für ein Radiogespräch :-)
K.
Ja.
Christoph Fleischmann
Wie ist das mit Jesus als Gewaltopfer? Warum ist Ihnen das wichtig?
K.
Ja. Das hat mehrere Gründe. Auch Gewaltopfer, sofern sie sich als Christen oder Christinnen verstehen, schauen natürlich auf Jesus von Nazaret, denn auch er war ein unschuldiges Opfer von Menschengewalt und die Reaktion Überlebender/Gewaltüberlebender auf diese christliche Vorstellung ist sehr verschieden.
    • Die einen sagen - zumindest phasenweise - Jesus hat es gut gehabt, denn er musste seine Folter nicht überleben. Er musste also nicht mit den Folgen der Menschengewalt weiterleben. Missbrauchsopfer müssen das.
    • Andere Opfer sagen: "Was hilft es mir, wenn auch Jesus ein Opfer von Gewalt war? Ist das nicht die Verdoppelung meiner eigenen Ohnmacht?
    • Wieder andere erinnern sich daran, dass die Vorstellung vom Leiden Jesu sie in ihrer Kindheit angespornt hat, noch immer mehr zu leiden in Erwartung eines himmlischen Lohnes.
    • Und dann gibt es jene Gruppe von Missbrauchsopfern, die in Jesus einen solidarischen Bruder entdecken, einen Gottesboten, der sich nicht scheute, bis in tiefstes Leid und in tiefste Gottverlassenheit hinein das Schicksal von Menschen zu teilen, die – genau wie Opfer sexueller Gewalt – unter die Räder gekommen sind.
Christoph Fleischmann
Ja, Sie problematisieren das Bild des mitleidenden Christus. Für einige ist es ein Trost, für andere aber entsteht die Frage, ob der Leidende denn dann auch erlösen, wirklich helfen kann.
K.
Ja, und ich denke, wir müssen sehr vorsichtig sein. Wir dürfen nicht vorschnell von Erlösung, von Heilung sprechen, denn die meisten Opfer von sexueller Gewalt leiden ihr Leben lang, auch nach guten und besten Therapien unter den Folgen von Gewalt. Da kann man nicht sehr schnell von Heilung oder Erlösung sprechen.
Christoph Fleischmann
Erlösung. Im Christentum wird die Erlösung der Menschen ja in der Regel als Sündenvergebung konzipiert, also, dass der Mensch ein Sünder ist, ist sozusagen die Kernaussage des Christentums über den Menschen und deswegen heißt Erlösung Sündenvergebung. Das ist aber etwas, das trifft es ja für Missbrauchsüberlebende nun gerade überhaupt nicht, oder?
K.
Nein. Das trifft es nicht. Missbrauchsüberlebende haben ja ganz lange mit Schuldgefühlen zu kämpfen. Wichtig ist das Wort "Schuld g e f ü h l e", denn sie haben - und das ist ein Spoezifikum der Traumatisierung durch Menschgewalt - sie haben die Schuld des Täters übernommen, die der Täter nicht trägt und nicht übernehmen will. Wenn dann von außen der missbrauchte Mensch noch als Sünder qualifiziert wird, dann wird er noch tiefer in diese Schuldgefühle hineingetrieben. Ich denke, wir müssen die Optik verändern. Wir dürfen nicht, zuerst mindestens nicht, von Sünden sprechen. Wir müssen von Befreiung sprechen und ich glaube, das ist auch das eigentliche Zentrum des Todes von Jesus von Nazaret. Es geht um die Befreiung von einer Form von Sklaverei, von Gefangenschaft, von dem Leiden unter der Sünde der anderen.
Christoph Fleischmann
Man müsste vielleicht differenzieren: Dass es Sünder gibt und Menschen, die unter den Sündern gelitten haben, die Opfer von Sünde.
K.
So ist es. Ja. Das kommt in unserer Liturgie viel zu kurz. Da ist am Anfang - zumindest in der katholischen Liturgie - ein Sündenbekenntnis vorgegeben. Aber die Menschen, die unter den Sünden gelitten haben und leiden, die geraten nicht in den Blick.
Christoph Fleischmann
Was würde diesen Menschen helfen? Wie könnte sozusagen ein Gottesdienst-Ritual, vielleicht auch aussehen, was die Erfahrungen von solchen Menschen aufnimmt?
K.
Ich denke, es wäre schon einiges geholfen, wenn wir die Psalmengebete uns zurückerobern würden und zwar nicht eine Auswahl, wie wir das heute im Gotteslob z.B. haben, sondern die Klagepsalmen und die Fluchpsalmen einbegriffen. Es sind ja biblische Texte - übrigens aus dem Gebetbuch Jesu -, es sind ja biblische Texte, die die Situation von Menschen zeigen, die nicht mehr aus noch ein wissen. Und sie rufen Gott an als einen, der die Gerechtigkeit wiederherstellen soll. Wenn diese Klage in unseren Gottesdiensten einen größeren Raum oder überhaupt Raum einnehmen würde, dann wäre vielen Opfern eine Sprache gegeben, mit der sie von ihrem eigenen Leiden erzählen können.
Christoph Fleischmann
Herzlichen Dank!