Brauch-Liste
Was brauchen Menschen, die sexuellen Kindesmissbrauch
(aber auch andere Formen von Menschengewalt)
erlebt haben, von Kirchenverantwortlichen und MitchristInnen?

Juni 2016

"Was brauchst Du von Deiner Kirche/von Deinen Mitchristen? Als ich das gelesen habe, habe ich erst einmal geweint. Ganz ehrlich, das hat mich noch nie jemand gefragt. Und es ist ein regelrechter Schock, diese Frage dann urplötzlich gestellt zu bekommen, denn es ist eine tief ersehnte Frage, die mir schon vor gefühlten Ewigkeiten hätte gestellt werden müssen.“ (A.A.)
„Insgesamt finde ich es nämlich ganz schwer zu sagen, was ich mir wünsche, ich glaub das Benennenkönnen von Wünschen ist schon mit sowas wie Hoffnung / Perspektive verknüpft und grad da, wo es mir nicht gut geht, kann ich solche Perspektive oft eben gar nicht mehr entwickeln.“(B.B.)

Auf dem Katholikentag 2016 in Leipzig wurde mir erstmals von Kirchenverantwortlichen die Frage gestellt: "Was brauchen Sie?" Ich habe die Frage an Listenfrauen weitergegeben. Herausgekommen ist die folgende "Brauch-Liste". Sie wurde von Menschen formuliert, die in unterschiedlichen Kontexten (Familie, Kirche, andere Institutionen) zum Opfer wurden und sich als Christinnen an ihre Kirche wenden.

I. Grundlegend: Theologisches Nachdenken und notwendige Änderungen kirchlicher Strukturen
Die kirchlichen Missbrauchsfälle führen die Kirche zur Frage, wo die Ursachen für die erhebliche Anzahl kirchlicher MB-Täter liegen. Hingeschaut werden muss, welche Theologie und welches Bild der Institution es ermöglicht haben, dass so viele Kleriker so viele Kinder und Jugendliche missbrauchten und so viele Bischöfe, Personalverantortliche und Kleriker-Kollegen MB-Fälle vertuscht haben. Die Theologie ist auf den Prüfstand zu stellen und die kirchliche Struktur ist da zu verändern, wo sie (auch) für Opfer von sexuellem Kindesmissbrauch nicht mehr eine Frohe Botschaft ist. Beispielhaft seien genannt: Umgang mit Macht und Autorität, Amtsverständnis, Priesterbild, Spaltung des Volkes Gottes in Kleriker und Laien, Stellung von Frauen in der Kirche, Sicht von und Umgang mit Sexualität, …


II. MB-Opfer, die in unterschiedlichen Kontexten Opfer wurden, brauchen:

1. Wissen um MB-Opfer und ihre Zugehörigkeit zur Gemeinschaft
  • Ich wünsche mir eine Gemeinde, deren Mitgliedern bewusst ist, dass MB-Opfer mitten drin sind und die ihr Sprechen und Tun reflektieren und so gestalten, dass MB-Opfer nicht verletzt, sondern ermutigt werden. In dieser Gemeinde dürfen MB-Opfer nicht als „die da draußen, in der fernen Welt, als die Anderen“ angesehen werden, sondern als diejenigen, denen das Evangelium ganz besonders gilt.
  •  "In einer Gemeinde, in der ich mich zugehörig fühlen will, sollte gegen die allgegenwärtige (auch die bischöfliche) Opferfeindlichkeit klar und öffentlich Stellung bezogen werden. Opferbeschuldigungen (geldgierig, sich in den Vordergrund stellen, es gibt ja wohl auch noch andere Themen, die machen sich nur wichtig…) dürfen nicht unkommentiert bleiben.“
  •  "Wenn bei Treffen von Hauptamtlichen opferfeindliche Äußerungen gemacht werden, sollte ihnen klar und eindeutig widersprochen werden. Nur dann werden sich Hauptamtliche (Priester, Ordensschwestern, Ordensbrüder, sonstige Mitarbeiter_innen) als Opfer zu erkennen geben.“
  • „Hauptamtliche, die sich für kirchliche Opfer einsetzen, sollten nicht unter Druck gesetzt werden und mit Maßregelungen rechnen müssen.“
2. Möglichst viel Normalität – und zugleich Symptomakzeptanz
  • „Ich wünsche mir möglichst viel Normalität – und zugleich Symptomakzeptanz. Z.B. wünsche ich mir Zugehörigkeit und erlebe, dass ich mich grundsätzlich nicht als zugehörig erleben kann, weil mir die Seelenregion fehlt, die für das Gefühl von Zugehörigkeit zuständig ist. Ich will trotz meiner Zugehörigkeitsaversion zugehören dürfen.“
  • „Ich wünsche mir, nicht von oben herab behandelt zu werden, wenn Symptome auftauchen, die ich nicht kontrollieren kann. Ich möchte nichts über die Symptome erklären müsse – sie sollten so selbstverständlich da sein dürfen wie ein Schnupfen.“
  • „Ich möchte mich nicht outen müssen. Damit habe ich sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Ich will trotzdem dazugehören.“
3. Willkommen sein in einem Rückzugsort (Kloster z.B.) und jemandem zum Sprechen/Hören vorfinden
  • Manchmal brauche ich einen Rückzugsort, ein Kloster z.B., in dem ich nicht nur anonymer Gast bin. Ich möchte dort einen Menschen vorfinden, mit dem ich sprechen kann, auch über meine Vergangenheit und Gegenwart. Ich will mich willkommen wissen mit meiner ganzen Lebensgeschichte.
4. Seelsorge
  • „Es gibt für unterschiedliche Gruppen von Menschen spezielle Seelsorgeangebote – von Bauernnotruf bis Zirkusseelsorge. Missbrauchsopfern macht die Kirche oft nur das Angebot, juristische oder therapeutische Unterstützung zu vermitteln. Nur selten finden sie Seelsorgeangebote von qualifizierten SeelsorgerInnen in erreichbarer Nähe.“
  • „Hier ist ein ganz großes Manko. Ich wünsche mir, dass ich nicht zu viel bin, dass Seelsorger/innen Kenntnisse, eine Ausbildung und viel Wissen um Gewalt und Traumafolgen haben. Für mich ist das aktuell ein heißes Thema. Wo, zu wem können wir gehen?Ich wünsche mir Anlaufstellen in den Kirchengemeinden.“
  • „Insbesondere sollte Selbsterfahrung / Eigentherapie in die Ausbildung von Seelsorgern reingehören. Ich glaube nicht, dass die unbedingt theoretische Kenntnis von MB brauchen, aber sie müssen ihr seelsorgerliches Handeln und das Beziehungsgeschehen reflektieren können.“
  • „Supervision für kirchliche Mitarbeiter gehört auch noch mit auf die Wunschliste.“
  • „Ich hab ja mal an eine MB Beauftragte in … geschrieben. Auf der Webseite gibt es eine Liste von Seelsorgethemen. MB und Opfer von Gewalt gehört nicht dazu. Da wird man an Juristen und Therapeuten verwiesen. Von Seelsorge kein Wort. Und da geht es ausschließlich um Opfer im innerkichlichen Bereich. Ich [als Opfer familiären Kindesmissbrauchs] komme da gar nicht vor.“
5. Kontakt
„Wenn ich zu einer Seelsorgerin/zu einem Seelsorger Kontakt aufnehme, will ich nicht tage- und wochenlang und manchmal vergeblich auf eine Antwort warten. Manchmal möchte ich gefragt werden, wie es mir geht. Und manchmal will ich nicht gefragt werden."
6. Gottesdienst
  • "Ich warte darauf, dass die Liturgie von missverständlichem Sünde-, Schuld- und christologischem Opferverständnis" (2/3 der Passions- und Osterlieder z.B. sind unerträglich) bereinigt wird. Und vielleicht braucht es auch eine Ergänzung der Liturgie (Sölle hat, glaub ich, mal geschrieben, dass es neben Fürbitte auch Fürklage geben müsse).“

  • „Ich finde zwar nicht, dass man jeden Bibeltext auf MB hinbiegen muss, aber eben auch nicht auf Flüchtlinge oder was grad "in" ist. Die Mittelstandschristen schauen immer auf die Problemlagen "außerhalb" ihrer Kreise, als gäb es innen nicht genug Probleme. Gewalt gibt es eben nicht nur in Afrika und Asien und bei „noch nicht zivilisierten Völkern“, sondern auch mitten in den Gemeinden in D.“

  • „Immer wieder einmal sollte über Bibelstellen gepredigt werden, die auch MB-Überlebende hierzulande ansprechen.“

  • „Kirche transportiert oft ein romantisierendes Familienbild. Das fängt schon da an, dass kirchliche Strukturen an Familien orientiert sind (Familiengottesdienst, Kindergottesdienst, in ev. Gemeinden auch viele Kreise, die aus Krabbelgruppen, Mutterkindgruppen etc entstehen, Frauenkreis trifft sich vormittags, weil die brave Familienfrau natürlich nicht berufstätig ist...) bis hin zu dem Bild von Familie das in Texten, Predigten etc. transportiert wird. Familie wird herangezogen als Sinnbild von Sicherheit, Vertrauen Fürsorge etc. Das gipfelt dann Weihnachten in der Heiligen = Heilen Familie Ich kann mich an ein Jahr erinnern, wo ich dachte, wenn noch einmal einer von der Kanzel oder von einem Rednerpult "mir und meiner Familie" frohe Weihnachten wünscht, fang ich an zu schreien. Ich glaub‘ übrigens, dass dieses Familienbild auch für Leute ohne MB-Hintergrund oft überholt ist.“

7. Atmosphäre des Willkommens
„Kirchengemeinden sollten lernen, sich darüber klar zu sein, dass in jeder ihrer Begegnungen MB-Opfer anwesend sind. Sie sollten sich über das Leben Traumatisierter informieren und sich bemühen, Verständnis dafür aufzubringen. Sie sollten sich nicht auf die Seite von Tätern schlagen durch Gleichgültigkeit, Vorurteile über Opfer, Schuldzuweisungen an Opfer. Sie sollten in ihren Angeboten (Gottesdienste, Bibelarbeit, Kinder- und Jugendarbeit, Frauenarbeit, Altenarbeit….) darauf achten, dass erkennbar wird, dass die Gemeinde ein offenes Ohr und Herz für Missbrauchsopfer hat. Gemeinden sollten sich zu Zeugen für Erlittenes machen lassen, also nicht nur an Jesu Kreuzestod denken, sondern auch an die Menschen, die hierzulande zu Opfern werden.“
8. Signale setzen
„In Kirchengemeinden sollten Signale gesetzt werden, die die Gemeinde als opferzugewandt kenntlich machen: z.B. Plakate „Kein Raum für MB“sollten nicht nach einer Woche wieder verschwunden sein. Adressenlisten sollten ausliegen, wohin MB-Opfer sich wenden können, wenn sie seelsorgliche Hilfe brauchen.“
9. Angebote an (begleiteten) Selbsthilfegruppen
„Gemeinden/Zentren sollten seelsorglich begleitete Selbsthilfegruppen anbieten. Wichtig ist dabei, dass die Gesprächspartner/Gesprächspartnerinnen kenntlich sind, mit Gesicht und Kontaktadresse. Bestehende Gruppen sollten soweit nötig finanziell unterstützt werden. Menschen sollten ermutigt und unterstützt werden, wenn sie eine Gruppe ins Leben rufen wollen. Zugang zu begleiteten Selbsthilfegruppen sollten alle MB-Opfer haben, die das wünschen, d.h. auch Menschen, die sich nicht als Christen verstehen.“
10. Opferbefragung
„Es sollte eine ökumenische anonyme Befragung von Menschen geben, die Opfer von MB wurden. Die Frage sollte lauten: Was brauchen Sie von IhrerGemeinde/Ihrer/der Kirche?“

III. Einige spezifische Wünsche kirchlicher Opfer – die sich gemeldet haben oder auch nicht gemeldet haben
Menschen, die in nicht-kirchlichen Kontexten Opfer sexueller Gewalt wurden, schauen, wie ihre Kirche mit den Opfern der eigenen Pastoral umgeht. Daran können sie sehen, ob die Kirche es ernst meint mit ihrer Zuwendung zu denen, die unter die Räuber gefallen sind.

Aufklärung: Vertrauen in die Ehrlichkeit der kath. Kirche kann nur aufgebaut werden, wenn die bisherigen Missbrauchsfälle in Orden und Bistümern transparent aufgeklärt werden. Davon sind wir weit entfernt. Manche Bistümer veröffentlichen keinerlei Daten. Andere benutzen so unterschiedliche Begrifflichkeiten, dass die Daten der Bistümer nicht miteinander verglichen werden können. Oft sind nicht einmal die Daten eines Bistums mit den Daten des Vorjahres im gleichen Bistum vergleichbar. Orden veröffentlichen häufig gar keine Berichte. Der Vatikan veröffentlicht nur sporadisch – ziemlich unglaubhafte – Angaben.

Übernahme von Verantwortung: Zur Übernahme von Verantwortung gehört, dass die kirchlichen Verantwortungsträger zurücktreten, die MB vertuscht und Opfer im Stich gelassen haben. Dies gilt für alle Ebenen der Hierarchie.

Forschungsprojekt1: Das derzeitige Forschungsprojekt ist intransparent: Es gab keinen versprochenen Aufruf an kirchliche Opfer, keine zugesagte Hotline, keine öffentlich erkennbare Besetzung des Beirates, der an der Erarbeitung und Auswertung der Fragebogen beteiligt werden sollte. Die Orden mit ihren Schulen und Internaten sind gar nicht beteiligt. Die Geheimakten von Bischöfen (und im Vatikan) bleiben unzugänglich – es sei denn, der Bischof gibt sie frei (wer tut das?).

Opferanwalt/Opferanwältin: Kirchlich Betroffene brauchen einen Anwalt, eine Anwältin, die ihre Interessen (in der Gesellschaft, aber auch gegenüber der Amtskirche) vertritt. Die jetzigen Missbrauchsbeauftragten haben die Aufgabe, Plausibilitäten von Vorwürfen zu prüfen, ihre Aufgabe ist es nicht, Anwalt der Opfer zu sein.

Leilinien: Seit September 2013 wird die Strafanzeige nicht mehr von MB-Beauftragten gestellt, sondern von Bischöfen. Das leistet dem Verdacht, dass weiterhin vertuscht werden soll, Vorschub.

Geldzahlungen in Anerkennung des Leides: Die Geldzahlungen, die bislang getätigt wurden, erwecken den Anschein, dass Kirche sich freikaufen will von einer Verantwortungsübernahme. Wenn es Geldzahlungen gibt, sollten sie mit den Opfern ausgehandelt werden, nicht von oben diktiert.

Beteiligung von MB-Opfern an Prävention: Missbrauchsopfer sollten als sog. „Erfahrungsexperten“ beteiligt werden an Präventionsprojekten.


11. Juni 2016
Gesammelt und aufgezeichnet von Erika Kerstner



1 Seit dem 1.7.2016 gibt es eine Online - Befragung und einen ersten Zwischenbericht über die bisherigen Forschungsergebnisse.