| Nach vielen Gesprächen in der Mailingliste von GottesSuche über die "Heppenheimer Erklärung" entstand mein "Protestbrief" an alle 7 Unterzeichnergruppierungen der katholischen und evangelischen Frauen- und Männerarbeit Deutschlands. |
23.7.2005
Betr.: Heppenheimer Erklärung zur
Halbzeit der Dekade gegen Gewalt
Sehr geehrte Damen/Herren!
Der
Presse
entnehme
ich,
dass
Sie
an
der
Heppenheimer Erklärung zur
Halbzeit der
„Dekade gegen Gewalt“ beteiligt waren. Daher richte ich mein Schreiben
an Sie. Seit
5 Jahren begleite ich - als selbst Betroffene - Frauen mit
Gewalterfahrungen im
Leben mit den langfristigen Folgen von Traumatisierung durch Gewalt. Im
Internet sind wir unter http://www.gottes-suche.de zu finden. In
Bruchsal existiert
seit 2 Jahren eine ökumenische Gruppe Betroffener, die sich
monatlich trifft
und - neben einigen, wenigen Verbündeten - auf die engagierte
Unterstützung
einer kath. Seelsorgerin rechnen kann. Die Betroffenen greifen zur
Bewältigung
des Lebens mit Traumafolgen auf die spirituellen Ressourcen des
christlichen
Glaubens zurück. Es hat sich im Laufe des gemeinsamen Weges
gezeigt, dass es
zwei Schwerpunkte gibt, die helfen, dieses Leben zu bewältigen:
2. Menschen,
deren Körper und Seele oft schon sehr früh im Leben verletzt
und
erniedrigt wurden, können mit solch netten Harmlosigkeiten wie der
Heppenheimer
Aufforderung, sich über Körperwahrnehmung,
Körpergefühl und Körperbedrohung in
geschlechtshomogenen oder gemischtgeschlechtlichen Gruppen zu
verständigen,
rein gar nichts anfangen. Die Körperbedrohung - die immer zugleich
eine
Bedrohung der Seele ist - ist für diese Menschen leider nicht
virtuell. Sie hat
längst und unwiderruflich stattgefunden und die Frage ist nur
noch, wie
Menschen mit dieser Erfahrung weiterleben können – und ob sie
dabei auf die
Unterstützung und Solidarität der Kirchen zählen
können oder nicht.
3. Die
Heppenheimer Erklärung formuliert: "Die Grenzen zwischen
Tätern und Täterinnen und Opfern sind oft nicht klar zu
erkennen." Damit
wird der Opferstatus der Täter zum Thema. Das
Opfersein der Opfer wird vernebelt, die Gewalttat entschwindet dem
Blick. Diese vermeintlich objektive, die Täter integrierende Sicht
hat einen
entscheidenden Nebeneffekt, der nach 15 Jahren Dekadearbeit bewusst
sein
müsste: Täter werden zu den wahren Opfern und Opfer
müssen mit der Frage
rechnen, was sie denn nun getan haben, dass der Täter gar nicht
mehr anders
konnte als zur Gewalt zu greifen. Opfer müssen gewärtig sein,
sich dafür
rechtfertigen und entschuldigen zu müssen, dass sie Opfer von
Gewalt wurden.
Sie tun gut daran, im kirchlichen Raum ihre Gewalterfahrung zu
verschweigen.
In meinen
Augen und in den Augen anderer Betroffener beteiligt sich die
Heppenheimer Erklärung an einem Vorgang, der die Gewalttat
verschleiert und
Gewalttäter und ihre Opfer unsichtbar macht: Aus Gewalttätern
werden nämlich
frühere Opfer und aus Opfern von Gewalttaten werden künftige
GewalttäterInnen.
Damit wird suggeriert, dass Täter tendenziell unschuldig sind und
Opfer
„irgendwie“ mitschuldig. In diesem Klima der Opferverdächtigung
und
Täterentschuldigung bleiben Menschen auf der Strecke, die Opfer
wurden und sich
erfolgreich dem TäterIn-Werden widersetzt haben und widersetzen.
Wenn die
Heppenheimer Erklärung Opfer und Täter unterschiedslos auf
eine Stufe stellt,
verweigert sie, wozu sie angetreten ist: die Solidarität mit
Opfern.
Ich kann Ihnen meine Fassungslosigkeit nicht verhehlen. Ich
hatte in die Dekade
die Hoffnung gesetzt, dass sie das Schweigen über Gewalt beenden
hilft und den
Opfern eine Stimme gibt. Nun muss ich erkennen, dass sich auch die
Dekade an
der üblichen Opferbeschuldigung beteiligt und dafür sorgt,
dass das ubiquitäre
Schweigen über die ganz alltägliche Gewalt ganz in unserer
Nähe anhält und
Betroffene in der Isolation bleiben.
Mit
freundlichen Grüßen!
Dieses Schreiben geht an
alle Beteiligten der Heppenheimer Tagung:
1.
Evangelische
Frauenarbeit in Deutschland e.V. (EFD)
2. Arbeitsgemeinschaft katholischer Frauenverbände und –gruppen
3.
Männerarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland
4. Kirchliche Arbeitsstelle für Männerseelsorge und
Männerarbeit in den
deutschen Diözesen e.V.
5. Gemeinschaft der katholischen Männer Deutschlands
6. Haus am Maiberg, Akademie für politische und soziale Bildung
des Bistums
Mainz
7.
Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands e.V.
| Juli 2005:
Protestbrief von Carola Moosbach gegen die Heppenheimer Erklärung |
Vom 6. bis 8. Juni 2005 fand in Heppenheim eine kirchlich-ökumenische Konferenz zur Halbzeit der weltweit ausgerufenen Dekade: "Gemeinsam Gewalt überwinden" statt. Die Konferenz wurde mit einem Abschlussdokument, der "Heppenheimer Erklärung" beendet.
Unter
www.gottes-suche.de
-
einer
Website
für
gewaltüberlebende
Christinnen
-
veröffentlicht Rika einen Protestbrief gegen diese
Heppenheimer Erklärung (siehe dort "Aktuelles").
Ich schließe mich diesem Protestbrief ausdrücklich an. Und
frage mich und andere, wann die christlichen Kirchen endlich anfangen
werden, nicht über sondern mit den Opfern und Überlebenden
von (sexueller) Gewalt zu sprechen. Aber dann müsste man sich
womöglich wirklich und ernsthaft mit den Tätern anlegen und
unbeirrt für die Opfer Partei ergreifen - das könnte
unangenehm werden. Da gibt man doch lieber weiter und stets kostenlos
und unverbindlich lauwarme Wischi-Waschi-Erklärungen ab, in denen
über die konkrete und allgegenwärtige familiäre Gewalt
vor (oder hinter?) unserer Haustür höchst allgemein
geschrieben oder sollte ich besser sagen: geschwiegen wird. Als
"Sahnehäubchen" obendrauf und fast wie nebenbei wird in dieser
Erklärung dann auch noch der Unterschied zwischen Opfern und
Tätern in skandalöser Weise verwischt.
Wie kommt es nur, dass weltweit und quer durch alle
Gesellschaftsschichten Männer sehr viel häufiger als Frauen
(sexuelle) Gewalt ausüben und dass Frauen (und Kinder) umgekehrt
sehr viel häufiger als Männer Opfer dieser Gewalt sind?
Besonders Mutige sprechen in diesem Zusammenhang von Patriarchat oder
auch von struktureller Gewalt. Und wie kommt es nur, dass diese doch
eigentlich offensichtliche Gewaltstruktur immer wieder und besonders
gerne in kirchlichen Kreisen übersehen wird?
Mein Fazit: Zwar werden viele meiner Texte in den diversen Sonder- und
Materialheften zur Dekade "Gewalt überwinden" nachgedruckt.
Verstanden worden sind sie aber offenbar bisher nicht. Ich kann leider
nicht sagen, dass mich das überrascht, wohl aber, dass es mich
bitter enttäuscht.
© C. Moosbach 2005
| Die drei am 23.7.2005
angeschriebenen Männergruppen antworten am 19.10.2005. Ich habe
nicht gebeten, dieses Schreiben hier veröffentlichen zu
dürfen. Daher steht hier jetzt nur meine Reaktion auf diesen
Brief. Sie datiert vom 4.11.2005 und wurde am 11.11.2005 eingestellt. |
4.11.2005
An
Männerarbeit der EKD
Gemeinschaft Katholischer Männer Deutschlands
Kirchliche Arbeitsstelle für Männerseelsorge und
Männerarbeit in den Deutschen
Diözesen e.V.
Sehr
geehrter
Herr
R.,
sehr
geehrter
Herr
S.,
sehr geehrter Herr Dr.
R.!
Haben
Sie
freundlichen
Dank
für
Ihr
ausführliches
Schreiben
vom
19.10.05. Es hilft mir, besser zu verstehen, dass die Frauen und
Männer der
Heppenheimer Tagung keineswegs beabsichtigt hatten, Opfer von Gewalt im
Nahbereich hier bei uns zu verletzen. Nun wurde jedoch nur die
Heppenheimer
Erklärung veröffentlicht. Der Prozess der Entstehung und der
ursprüngliche
Kontext der kritisierten Äußerungen bleiben unsichtbar. Ich
konnte mich daher in
meiner kritischen Rückfrage nur auf den veröffentlichten Text
beziehen.
Ihr
Schreiben
zeigt
mir
darüber
hinaus,
dass
viele
Positionen
überhaupt nicht strittig sind: dass
Im
Kontakt
mit
gewaltüberlebenden
Christinnen
erfahre
ich,
dass
sie
die Heppenheimer Erklärung als verletzend erleben.
Manchen Frauen hat
sie schlicht die Sprache verschlagen. Andere haben schon lange oder
erst nach dieser
Erklärung aufgegeben, irgendwelche Hoffnungen auf Gehör noch
in Kirche zu
setzen. Nachdem die Erklärung veröffentlicht war, ließ
es sich kaum vermeiden,
dass sie gelesen wurde, natürlich auch von Gewaltopfern im
Nahbereich.
Schließlich sind diese Menschen überall, sogar
innerkirchlich, anzutreffen.
Daher
scheint
es
mir
wichtig
zu
sein,
dass
wir
miteinander noch einmal zu schauen versuchen, wie es
geschehen
kann, dass die Heppenheimer Erklärung bei mir und den
Frauen/Christinnen, mit
denen ich zu tun habe, anders verstanden wird als von den AutorInnen
beabsichtigt. Denn offensichtlich läuft ja etwas furchtbar und
verzweifelt
schief, wenn ausgerechnet ein Dokument der „Dekade gegen Gewalt“
ausgerechnet
Gewaltopfer verletzt.
In
Ihrem
Brief
beschreiben
Sie
einen
Zusammenhang,
in
dem
ich eine Erklärung für das
Missverständnis finde.
Sie schreiben:
„Die
Heppenheimer
Erklärung
ist
in
ihrem
Aufbau
und
ihrer Sprache
überhaupt nicht an
Opfer von Gewalt gerichtet. Sie stellt im strengen Sinne noch nicht
einmal eine
Solidaritätsbekundung dar. Vielmehr dokumentiert sie einen Prozess
der
Selbstvergewisserung verantwortlicher Frauen und Männer in der
kirchlichen
Frauen- und Männerarbeit über die eigenen und gemeinsamen
Ziele bei der Arbeit
in der Dekade zur Überwindung von Gewalt. Sie schafft damit eine
Arbeitsgrundlage nach innen und formuliert Aufgaben an Gesellschaft und
Kirche
nach außen.“
Ich
möchte
mein/unser
anhaltendes
Unbehagen
zu
formulieren
versuchen.
Es
hat wohl mehrere Ursachen; manche sind eher
atmosphärisch und
daher kaum festzumachen. Die benennbaren Ursachen benenne ich.
1.
Es
scheint
mir
der
Sache
nach
einfach
undenkbar zu sein,
über Gewalt zu sprechen und die Aussagen zugleich nicht an die
Opfer zu richten
- wie Sie dies für die Zielsetzung und Durchführung der
Heppenheimer
Veranstaltung beschreiben: „Die Erklärung ist nicht an Opfer der
Gewalt
gerichtet“. Mit Blick auf die christlichen Gründungstexte
stelle ich immer neu mit Freude fest, dass
dort Opfer von Gewalt eine eigene Stimme haben: Ijob darf selber
klagen; die
Psalmbeter finden in den Gebeten Worte für ihr Elend; Josef, der
von seinen
Brüdern verkauft wurde, darf sein Unglück in epischer Breite
darstellen; der
Gottesknecht bei Deuterojesaja; ein Jeremia, von Feinden umringt; ein
Jesus, zu
Tode gefoltert – sie alle finden eigene oder von der Tradition
bereitgestellte
Worte. Unsere Bibel verurteilt diese Menschen nicht zum Schweigen. Sie
blendet
sie und ihr Erleben nicht aus. Im Gegenteil: Sie bietet ihnen einen Ort
des
Sprechens, einen Raum des Gehörtwerdens. Bis auf den heutigen Tag
ist das
Zeugnis dieser biblischen Menschen (oder ihrer literarisch formulierten
Erfahrung) für uns Gewaltüberlebende eine Quelle großer
Hoffnung. Wir wissen,
dass der jüdisch-christliche Gott und die jüdisch-christliche
Tradition uns
Orte des Sprechens zur Verfügung stellen und Gott einer ist, der
zuhört. Das
ist vorbildlich für uns und gibt uns Kraft und Hoffnung. Nun
suchen wir nur
noch Mitmenschen und Mitchristen, die diese Erkenntnis mit uns teilen
und mit
uns zusammen Wirklichkeit werden lassen, was da in der Bibel so
verheißungsvoll
vorgelebt wird.
2.
Sie
schreiben,
dass
keine
Solidaritätserklärung
mit
Gewaltopfern
in
Heppenheim beabsichtigt war. Ich sehe dabei die
Gefahr, dass verstanden wird: Gewalt ist zwar wahrzunehmen, zu
beschreiben, zu
analysieren, zu verhindern – dem Impuls der Solidarisierung ist jedoch
nicht
gleichzeitig nachzugeben. Können Sie an diesem Punkt meine sicher
drastifizierende Wahrnehmung nachvollziehen? Ich frage mich, woran es
nur
liegt, dass es diesen Impuls der Hilfe nicht zu geben scheint? Woran
nur liegt
es – wenn es diesen Impuls gibt -, dass er nicht Wirklichkeit wird und
bei
Betroffenen ankommt? Die Hilfe würde zunächst ganz einfach
darin bestehen, den
Betroffenen das Ende des Schweigens möglich machen zu helfen.
Über alles
Weitere wäre miteinander zu reden.
3.
An
dieser
Stelle
möchte
ich
formulieren,
wie
kirchliche
Solidarität für mich aussieht. Sie hat und braucht einen
Partner, ohne den es
keine solidarische Gemeinschaft geben kann. Die, die solidarisch sein
wollen,
dürfen nicht unter sich bleiben. Sie brauchen die Subjekte ihrer
Solidarität,
diejenigen, mit denen sie solidarisch sein möchten. Es geht also
darum, die
Betroffenen einzubeziehen. Sind nicht sie es, die am besten Auskunft
über die
Formen der Solidarität geben können, die sie nötig
haben? Eine Solidarität, die
nicht mit den Angesprochenen im Gespräch ist, riskiert, die
Gemeinten zu
verfehlen. Nicht nur nebenbei verzichtet sie damit auch auf eine
unersetzliche
Quelle der Hoffnung und Kraft, die die Erfahrungen und Kämpfe
Gewaltüberlebender meiner Erfahrung nach darstellen können.
4.
Seit
5
Jahren
versuche
ich,
Gewaltüberlebende
und
Kirchen
miteinander ins Gespräch zu bringen und mache dabei auch gute
Erfahrungen. Es
gibt einige Kirchenfrauen und -männer, die das Thema für
wichtig halten und zur
Zusammenarbeit bereit sind. Diese Menschen haben verstanden, dass man
nicht mit
jemandem solidarisch sein kann, mit dem man keinen Kontakt hat; dass
Solidarität sich nicht auf Einzelfallhilfe beschränken kann
und darf, sondern
den politischen, öffentlichen, sichtbaren, ggf. auch
konflikthaften Einsatz
braucht. Sie haben verstanden, dass Aufklärung und Prävention
wichtig sind, die
Solidarität mit jenen, die bereits Opfer wurden, jedoch
unabdingbar notwendig
ist. Erfahrbare Solidarität gibt den Opfern, was ihnen in der
Gewalt genommen
werden sollte: Ihre Würde. Sie hilft, die in der Gewalt erfahrene
Isolation zu
reduzieren. Sie lässt erfahren, dass Christen Opfer nicht erneut
im Stich,
alleine und außen vor lassen. Sie kann die Gewalt nicht
ungeschehen machen,
aber sie ist eine unentbehrliche Unterstützung, wenn verlorenes,
geschädigtes,
zerstörtes Vertrauen in andere Menschen wieder oder erstmals
aufgebaut wird.
Nicht zuletzt ist die erfahrbare Solidarität mit den Opfern auch
ein Prüfstein
für die Qualität der Theologie und die Glaubwürdigkeit
der Kirchen.
Mit
dieser
Rückmeldung
versuche
ich,
Ihnen
zu
vermitteln,
dass
die erklärte Absicht der Dekade, mit Gewaltopfern solidarisch
sein zu
wollen, in Gefahr steht, missverstanden zu werden, wenn es uns nicht
gelingt,
Kirchen/Dekadeverantwortliche und Gewaltüberlebende in ein
gemeinsames Gespräch
zu bringen. Das wäre ein großer Schaden für die
Gewaltüberlebenden. Es wäre
aber auch ein großer Schaden für die Kirchen und – schlimmer
noch – für das
Evangelium von einem Gott, der sich eindeutig an der Seite der Opfer
positioniert hat. Vermutlich muss zuallererst miteinander darüber
gesprochen
werden, was das Gespräch zwischen solidarischer Kirche und
Gewaltüberlebenden
hindert und so schwer zu machen scheint.
Wenn
die
Heppenheimer
Erklärung
auch
Gewaltopfer
im
Nahbereich
nicht
verletzen wollte, dann ist es nötig, den
einleitenden Text der
Dekade-Erklärung so zu ändern, dass er nicht mehr
missverstanden werden kann,
auch nicht von Gewaltüberlebenden.
Ich
freue
mich
also
sehr
über
Ihr
Gesprächsangebot
und
danke dafür. Darüber hinaus würde ich mich freuen, wenn
sich andere
Gewaltüberlebende, die Ihnen möglicherweise bekannt sind, an
diesem Gespräch
beteiligen.
Mit freundlichen
Grüßen! Rika
| Am 4.11.2005 traf ein
Brief von Frauen ein, die zu den Unterzeichnerinnen der Heppenheimer
Erklärung gehören. Die Frauen bitten, dass dieser Brief dort
veröffentlicht werden solle, wo mein Protestbrief auch
veröffentlicht wurde. Ich hatte 14 Institutionen, die die
Heppenheimer Erklärung veröffentlicht haben, gebeten, auch
meinen Protestbrief zu veröffentlichen. 10 antworteten
überhaupt nicht; 2 lehnten die Bitte ab mit dem Hinweis, dass dann
Diskussionsbedarf entstünde und zwei kamen der Bitte freundlich
nach. Diese beiden habe ich nun um die Veröffentlichung der
Antwort von EFD und der Arbeitsgemeinschaft Kath. Frauenverbände
und -gruppen gebeten. Eine der beiden Gruppierungen kam bisher meiner
Bitte nach. Einfluss habe ich darauf nicht. Selbstverständlich
veröffentliche
ich
den
Brief
vom
2.11.2055
gerne
hier auf
GottesSuche. |
Von
Evangelische
Frauenarbeit in
Deutschland e.V.
Emil- von Behring-Str. 3
60439 Frankfurt am Main
Arbeitsgemeinschaft
Kath.
Frauenverbände
und
–gruppen
Kaesenstr. 18
50677 Köln
2.11.2005
Sehr geehrte Frau K.,
Ihre Stellungnahme zur Heppenheimer Erklärung haben wir Frauen, die wir verantwortlich für diese Tagung zeichneten, zugleich mit gewissem Verständnis und mit Bestürzung zur Kenntnis genommen. Heute endlich möchten wir Ihnen aus unserer Perspektive einige Anmerkungen zu Ihren Äußerungen zukommen lassen.
Gerade weil die in Vorbereitung und Durchführung der Tagung beteiligten Frauenorganisationen – katholisch wie evangelisch – in ihrer Arbeit geprägt sind von der Solidarität mit Frauen, die Gewalt erfahren haben und weil sie in ihren Anstrengungen nicht nachlassen, Gewalt zu überwinden, hat uns Ihre Sichtweise auf die Erklärung und damit auch auf die Tagung in besonderer Weise getroffen.
Seit langem steht für uns Frauenorganisationen fest, dass angesichts des erschreckenden Ausmaßes von Gewalt, die Männer an Frauen (und Kindern) gerade im sozialen Nahbereich ausüben, wirksame Schritte zu deren Überwindung gemeinsam mit Männerorganisationen gemacht werden müssen. Dies war einer der wichtigen Anstöße für die Heppenheimer Tagung und zugleich eine ihrer Voraussetzungen. Allerdings war sich das Vorbereitungsteam – Frauen wie Männer – sehr bewusst, dass die Ausgangsbedingungen für eine solche gemeinsame Tagung asymmetrisch sind: Frauen sind Opfer von Männergewalt, und sie erfahren in ihrem Alltag Männer als reale und potentielle Täter. Doch nicht alle Männer sind Täter und nicht jede Frau ist Opfer. Um miteinander wirksame Schritte zur Überwindung von Gewalt in den alltäglichen Nahbeziehungen gehen zu können, bedarf es sehr differenzierter Fragestellungen hinsichtlich Gewalt fördernder Strukturen, hinsichtlich tradierter Rollenzuweisungen bzw. übernommener Bilder und zwar für Frauen und Männer je unterschiedlich. Erst damit wird eine differenzierte Auseinandersetzung der Opfer-/Täterproblematik ermöglicht. Gerade in dieser Auseinandersetzung ist nötig, die häufig unscharfe Grenze zwischen sachgerechter Aufarbeitung und persönlicher Betroffenheit empfindsam wahrzunehmen. Das gilt für Verantwortliche in den entsprechenden Organisationen und für deren Arbeit, das gilt aber auch für jede und jeden Einzelnen, seien er oder sie Opfer oder Täter bzw. Täterin.
In der Vorbereitung dieser Tagung wurde allen Beteiligten deutlich, dass unter diesen Vorzeichen der Weg zur Überwindung von Gewalt sehr lang und sehr mühsam ist. Doch mit dieser Tagung – so ist unser Fazit – ist ein wichtiger Schritt gegangen worden. Wie steinig der weitere Weg noch ist, das wurde aber auch erfahrbar. Bereits in den Eingangsstatements zur Eröffnung der Tagung wurde deutlich, dass die aus der Männerperspektive zurückgewiesene kollektive Schuldzuweisung auf den heftigen Widerstand von Frauen stieß, und zwar nicht nur von denen, die entweder mit direkten oder mit indirekten Erfahrungen von Gewalt leben müssen. Im weiteren Verlauf der Tagung bestimmte diese Problematik insbesondere die Diskussionen in der Arbeitsgruppe „Gewalt in sozialen Nahbeziehungen“, in der durch den jeweils geschlechtsspezifischen Blick die Asymmetrie zwischen den Geschlechtern deutlich wurde wie auch Ungleichzeitigkeiten innerhalb des jeweiligen Geschlechts. So ging gerade diese Arbeitsgruppe während der Tagung einen Entwicklungsweg, für den die Zeit, die zur Verfügung stand, wesentlich zu kurz war. Als Ergebnis konnten schließlich nicht – wie bei den anderen Arbeitsgruppen – im Konsens gefundene verpflichtende bzw. fordernde Formulierungen vorgelegt werden. Vielmehr wird an den nicht nur aus Ihrer Sicht unzureichenden Sätzen des ersten Teils deutlich, dass der geschlechtsdifferenzierende Blick auf tatsächlich ausgeübte und erfahrene Gewalt noch weitere Aufgabe bleibt, damit Frauen wie Männer sowohl ihre Versehrtheit durch Gewalt wie auch ihre Beteiligung an Gewalt differenziert sehen können. Das bedeutet keineswegs Verschleierung von Schuld oder ungerechtfertigte Unschuldserklärungen für Täter bzw. Täterinnen.
So bitten wir Sie, sehr geehrte Frau K., die Heppenheimer Erklärung nicht als ein ausgereiftes Produkt, sondern eher als ein Zwischenergebnis eines Entwicklungsweges zu sehen, den Frauen und Männer gemeinsam gehen, um dazu beizutragen, Gewalt zu überwinden. Außerdem bitten wir Sie, diesen Brief an den gleichen Stellen zu veröffentlichen wie Ihren Protestbrief gegen die Heppenheimer Erklärung.
Mit freundlichen Grüßen
N.N.
für
die
Arbeitsgemeinschaft
Kath.
Frauenverbände
und
–
gruppen
N.N.
für die
Evangelische Frauenarbeit in Deutschland e.V. (EFD)
| Der Brief der Heppenheimer Frauen wurde in der Mailingliste diskutiert. Unsere Antwort ging am 15.11.2005 an die Evangelische Frauenarbeit in Deutschland und die Arbeitsgemeinschaft Katholische Frauenverbände und - gruppen |
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