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Rezensionen wichtiger Bücher



Cover
Kerstner, Haslbeck, Buschmann: Damit der Boden wieder trägt.
Seelsorge nach sexuellem Missbrauch 2016


Rezension von Pfarrer Dierk Schäfer

Mehr zum Buch "Damit der Boden wieder trägt"



Moosbach:
                Bereitet die Wege
Carola Moosbach: Bereitet die Wege. Poetische Kommentare zu Bachs geistlichen Kantaten
München 2012

In bester Tradition der Wahrheits-Sagerin

Das Buch ist leicht handhabbar. Es ist nach dem Kirchenjahr gegliedert und mit zwei Registern versehen, die sowohl die Bachkantaten als auch die kommentierenden Texte schnell auffindbar machen.

Handhabbar und harmlos kommt das Buch daher – und hat es doch in sich. Moosbach hat zu den Texten der Bachkantaten ihre eigenen Gedanken, Kommentare, Gegenreden, Aktualisierungen formuliert – und dies in bester Sprach-Tradition der Wahrheits-SagerInnen. Mit ihren Texten legt sie die Finger in die Wunden unserer Zeit; benennt die Nöte; blickt auf die, die sonst von niemandem beachtet werden; erzählt ungeschönt von den Erfahrungen der ZweiflerInnen mit dem Glauben - und rechnet dennoch mit Gott.

Das ist Gebetssprache, die einem heutigen Menschen möglich ist, der sein Leben in Not und Freude bestehen will und mit einem Gott noch rechnet, der sich immer wieder verbirgt.

Zugleich machen Moosbachs „poetische Kommentare“ Lust auf die alten Kantatentexte und auf Bachs Musik, beleuchten die alten Texte ganz neu, bringen sie auch für Heutige zum Sprechen, ziehen  den Leser/die Beterin ins Gespräch mit Bach und mit Moosbach und ins Hören auf Bach’s Musik. Die Texte sind oft mehrstimmig und haben – wie die Kantaten auch – immer wieder dialogischen Charakter. So gelingt es Carola Moosbach, die LeserInnen  zu verwickeln: Über die Jahrhunderte hinweg in einen Austausch mit einem alten Meister; in den Zorn über die Verhältnisse, wie sie sind; in den unwiderstehlichen Wunsch, die Wahrheit zu sagen; in die Hoffnung und in die Stille, die mit allem rechnet, auch mit Gott.

Johann Sebastian Bach nahm als mittelloser 14-Jähriger seine Geige mit, als er in eine Lüneburger Schule kam. Carola Moosbach nimmt ihre Sprache mit. Wir brauchen beides.
30.10.2012


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Haslbeck:Religiosität  
Barbara Haslbeck: Sexueller Missbrauch und Religiosität. Wenn Frauen das Schweigen brechen: eine empirische Studie
2007

Wissenschaftliches Plädoyer für praktische Solidarität

In den Kirchen ist nach Jahrzehnten der Frauenbewegung die Notwendigkeit der Aufklärung über Gewalt und die Prävention von Gewalt angekommen. Die Hilfe im akuten Notfall ist recht gut ausgebaut. Noch kaum im Blick der Kirchen ist jedoch bislang die Gruppe von Frauen, die von Aufklärung und Prävention nicht mehr erreicht werden und auch nicht der Akuthilfe bedürfen: Frauen, die als Kinder Opfer von sexueller Gewalt wurden und lebenslänglich mit der Bewältigung des Traumas zu tun haben.

Diese Menschen stehen im Mittelpunkt der Dissertation von Barbara Haslbeck. Die Autorin fragt zunächst in der umfangreichen und höchst spannend zu lesenden Arbeit, welche ressourcenorientierten und salutogenetischen Perspektiven die Traumaforschung anzubieten hat und wo der Ort der Praktischen Theologie in diesem Themenbereich ist.
Weil B. Haslbeck für eine optionale Theologie an der Seite der Opfer plädiert, geht sie auch an den Betroffenen nicht vorbei. Im Zentrum der Arbeit stehen daher acht verdichtet rekonstruierte Interviews mit Frauen zwischen 28 und 53 Jahren, die als Kinder sexuelle Gewalt erlebten. In den Interviews geraten sowohl Erfahrungen mit persönlicher als auch mit kirchlicher Religiosität in den Blick. Der Zündstoff, der in den Erfahrungen der Gewaltopfer mit Kirchen sichtbar wird, wird von der Autorin im letzten Teil der Arbeit reflektiert und interpretiert.

Dabei geraten vor allem zwei Handlungsperspektiven in den Blick:
a. Gewaltopfer benötigen Solidarität auch der Kirchen, die in eindeutiger Option an der Seite von Gewaltopfern stehen, eine Klagekultur ermöglichen, wider falsche Toleranz aufstehen und die Kategorie Sünde im Interesse der Opfer wiederentdecken.
b. Gewaltopfer werden auf der Suche nach Sinn mit problematischen esoterischen, charismatischen, aber auch problematischen kirchlichen Sinnangeboten konfrontiert. Apathisches Christentum und narkotisierende Rede vom Kreuz, die Tyrannei gelingenden Lebens weist die Autorin als nicht hilfreich zurück. Sie plädiert vielmehr für ein geschichtliches Mitgehen mit den Menschen. So fehlen dann auch nicht die Impulse, die aus der Praxis entstanden sind und die Praxis reflektieren.

Für befreiungstheologisch interessierte Fachleute - TheoretikerInnen und PraktikerInnen - ist dieses Buch ebenso wichtig wie es für Betroffene interessant ist. Das Buch schließt die Lücke, die es derzeit noch zwischen theologischen und kirchenamtlichen Absichtserklärungen einerseits und den Gewaltbetroffenen andererseits gibt.

6.9.2007
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Haslbeck: Wer hilft...
 
Barbara Haslbeck, Jörn Günther (Hg.): Wer hilft, wird ein anderer. Zur Provokation christlichen Helfens. Festschrift für Isidor Baumgartner
LIT-Verlag

Provozierend aktuelle Theologie

Verschiedene AutorInnen reflektieren auf der Folie des Gleichnisses vom Barmherzigen Samariter, was Helfen in der Gegenwart aus der Perspektive der Pastoralpsychologie, der Pastoraltheologie und der Caritaswissenschaften bedeutet. Der Titel "Wer hilft, wird ein anderer" beschreibt ein Spezifikum christlichen Helfens: es ist ein Projekt "auf Gegenseitigkeit", denn in dieser Vorstellung von Hilfe kann sich verändern, wem geholfen wird. Verändern kann und wird sich aber auch der Helfer, wenn der Hilfesuchende nicht zum Objekt der Hilfe gemacht wird. Dies ist in der Fülle der Beiträge qualifizierter AutorInnen Seite für Seite nachzulesen und nimmt die LeserInnen mit auf einen spannenden Weg des Nachdenkens über die Relevanz von Theologie für die Praxis des Lebens.
Der Untertitel "Zur Provokation christlichen Helfens" hält, was er verspricht, wie u. a. der Beitrag der Mitherausgeberin Barbara Haslbeck zeigt. Die Autorin richtet ihren Blick auf eine in der Regel übersehene Gruppe von Menschen; jene, die heutzutage und hierzulande unter die Räuber fallen; Menschen, die durch Menschengewalt traumatisiert wurden durch Misshandlung, Vernachlässigung, Missbrauch, Vergewaltigung, Gewalt in Beziehungen, Frauenhandel, rassistisch motivierte Übergriffe, Folter und Krieg. Anhand des Gleichnisses vom Barmherzigen Samariter geraten vor allem jene in den Blick, die damals an dem, der unter die Räuber gefallen war, vorübergingen und die bis heute an denen vorübergehen, die durch Gewalt verletzt wurden. In der Rezeption des Forschungsstandes zur Traumaforschung ist die Autorin auf der Höhe der Zeit - und zugleich auf Augenhöhe mit Traumatisierten. Ihre nüchterne und gerade deswegen parteiische Bestandsaufnahme des Leides Betroffener und der Gleichgültigkeit der Vorübergehenden lässt in den Blick kommen, was not-wendend ist: Mitleidensfähigkeit und einen langen Atem derer, die solidarisch sein möchten mit jenen, die heute hier bei uns Gewalttätern im Nahbereich zum Opfer fallen.
Beitrag für Beitrag dieser Festschrift für Isidor Baumgartner zeigt die Aktualität eines Helfens, das Impulse der gegenwärtigen Theologie aufnimmt und sich rückgebunden weiß an die Spiritualität befreiungstheologisch motivierten Helfens in Zusammenarbeit mit denen, die der Hilfe bedürfen. Selten habe ich ein theologisches Buch gelesen, das wie das vorliegende Theologie in ihren besten Traditionen mit heilsamer Praxis verbindet, ohne der Gefahr zu unterliegen, Lehre und Praxis kurzsichtig voneinander zu trennen. Lesenswert von Anfang bis Ende - nicht nur für Fachleute.

18.2.2007
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Lehner-Hartmann: Wider das Schweigen

Andrea Lehner-Hartmann: Wider das Schweigen und Vergessen, Innsbruck
2004

Keine Vergebung ohne Gerechtigkeit

Gewalt gegen Frauen und Kinder ist innerhalb der katholischen Kirche ein Tabu-Thema. Andrea Lehner-Hartmann setzt sich mit der psychologischen, pädagogischen und soziologischen Forschung zur familialen Gewalt auseinander. Im sozioökologischen Modell von Uri Bronfenbrenner verbindet sie die meist isoliert nebeneinander stehenden Erkenntnisse der unterschiedlichen Disziplinen und benennt Gemeinsamkeiten der Gewalt gegen Frauen und gegen Kinder. Wohltuend ist die von der Autorin durchgängig beachtete Perspektive der Opfer. Aus dieser Perspektive kommt auch die noch wenig untersuchte psychische Gewalt in den Blick.
Im letzten Teil beschreibt das Buch die Aufgabe der Theologie zunächst als Hinhören und Hinschauen auf die bisher in der Kirche noch kaum rezipierten wissenschaftlichen Forschungsergebnisse. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Theodizeeproblem im Angesicht familialer Gewalt folgt. Vor dem Hintergrund politischer, befreiungstheologischer und feministischer Theologie wird Erinnerungsarbeit als christlicher Auftrag benannt. Die Darstellung der Hindernisse, die dieser Erinnerungsarbeit widerstehen, zeugt davon, dass die Autorin weiß, dass Täterschutz noch immer vor Opferschutz geht; den Opfern nicht geglaubt wird; von den Opfern Vergebung, nicht jedoch von den Tätern Reue und Wiedergutmachung gefordert werden und familiale Gewalt in der kirchlichen Verkündigung ausgeklammert wird. Es ist dringend nötig – und das tut die Autorin - die christliche Gemeinschaft an ihre Aufgabe zu erinnern, Anwältin der sprachlos gewordenen Leidenden zu werden und sich klar zu positionieren mit der Aussage, dass Gewalt Gotteslästerung ist.
Wem bisher unklar war, was Theologie als Beitrag zur Befreiung von Menschen überhaupt leisten kann, der findet hier eine kenntnisreiche und engagierte Position, die Kirche als moralische Autorität ausweist, insofern sie die jesuanische Option für die Schwachen und Unterdrückten wahr macht.
Rika, 3.6.2004





Moosbach: Gottflamme
Carola Moosbach: Gottflamme Du Schöne, Gütersloh
1997

Befreiung der Sprache aus patriarchaler Gefangenschaft

"Zu welchem Gott sollen Frauen beten, die sexuelle Gewalt überlebt haben? Und in welcher Sprache? Zu einem männlich vereinnahmten? In einer Sprache, die zu oft auch Tätersprache ist?

Carola Moosbach gelingt es, die Sprache aus dem Gefängnis patriarchaler Okkupation zu befreien und sie neu und ermutigend auch für Gewaltüberlebende zugänglich zu machen. Sie öffnet den Himmel dem Alltag unseres Lebens in Gebeten, die sich durch häufigen Gebrauch nicht abnutzen, sondern erschließen: vorsichtig, behutsam und deswegen auch in aller nötigen Klarheit angesichts einer weiterhin und zunehmend gewalttätigen Welt. Die Texte als "Gebete des Lebens" zu bezeichnen, ist keine Übertreibung."

30.9.2003 Rika

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