Betroffene

Von der Unmöglichkeit ethischer Neutralität - ein Plädoyer
Was ist ein Trauma und welche Folgen hat es?
"Psychisches Trauma ist das Leid der Ohnmächtigen. Das Trauma entsteht in dem Augenblick, wo das Opfer von einer überwältigenden Macht hilflos gemacht wird. Ist diese Macht eine Naturgewalt, sprechen wir von einer Katastrophe. Üben andere Menschen diese Macht aus, sprechen wir von Gewalttaten. Traumatische Ereignisse schalten das soziale Netz aus, das dem Menschen gewöhnlich das Gefühl von Kontrolle, Zugehörigkeit zu einem Beziehungssystem und Sinn gibt." (Judith Hermann, Die Narben der Gewalt, München 1993, S. 54)
Lange galten traumatische Ereignisse als außergewöhnliche Vorkommnisse. Das Diagnosehandbuch der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft definierte 1980 eine Posttraumatische Störung als "außerhalb der üblichen menschlichen Erfahrung liegend" - leider ist diese Definition falsch: für viele Frauen gehören Vergewaltigung, Misshandlung, andere Formen sexueller und familiärer Gewalt zum Alltag. Außergewöhnlich ist ein traumatisches Ereignis nicht, weil es so selten vorkommt, sondern weil die normalen Anpasssungsstrategien eines Menschen damit überfordert sind. Ein Trauma unterscheidet sich von einem gewöhnlichen Unglück. Traumatische Ereignisse stellen nämlich eine Bedrohung für das Leben oder die körperliche Unversehrtheit dar, sie bringen die unvermittelte Begegnung des Betroffenen mit Gewalt und Tod. Der Mensch ist durch traumatische Ereignisse in extremer Weise Hilflosigkeit, Angst, Kontrollverlust und drohender Vernichtung ausgesetzt.
Wie schwerwiegend ein traumatisches Ereignis war, lässt sich nicht anhand einzelner Merkmale bewerten. Eine Quantifizierung eines Traumas führt zu sinnlosen Vergleichen des Schreckens. Allerdings kann man sagen, dass eine Schädigung umso wahrscheinlicher ist, je überraschendender der Angriff war, je jünger das Opfer ist, je mehr es in die Enge gedrängt oder bis zum Zusammenbruch gequält wird, wenn eine physische Verwundung vorliegt, wenn jemand extremer Gewaltanwendung ausgesetzt ist oder den grausamen Tod anderer mit ansehen muss.
Üblicherweise mobilisieren Menschen, die bedroht sind, alle Kräfte, um der Gefahr zu entgehen. Außergewöhnliche Belastungen müssen ertragen werden, es muss gekämpft oder geflohen werden. Wenn jedoch Verteidigung genauso unmöglich wie Flucht ist, dann ist das Selbstverteidigungssystem des Menschen überfordert und bricht im Chaos zusammen. Es gibt keine übliche Reaktion auf Gefahr mehr. Allerdings bleibt jedes Element der komplexen körperlichen und psychischen Reaktion bestehen, meist in veränderter und übersteigerter Form. Die Veränderungen betreffen die physiologische Erregung, Gefühle, Wahrnehmung und Gedächtnis.
Vor allem drei Reaktionen bleiben bestehen:
  • chronische Übererregung: der/die Traumatisierte lebt in der ständigen Erwartung einer Gefahr, auch lange nachdem das traumatische Ereignis vorbei ist. Dies kann zu Schreckreaktionen, Überwachheit, Alpträumen und psychosomatischen Beschwerden führen. Das normale Grundniveau wacher, aber entspannter Aufmerksamkeit fehlt. Stattdessen befindet es sich chronisch in einem Zustand erhöhter Erregung, der nur schwer auszuhalten ist. 
  • Intrusion: der/die Traumatisierte muss ständig mit sich ungewollt aufdrängenden Erinnerungen und Gedanken an das traumatische Ereignis leben. Lange nachdem die Gefahr vorüber ist, erleben Traumatisierte das Ereignis so, als würde es im Augenblick geschehen. Es ist, als wäre die Zeit stehen geblieben. Der traumatische Augenblick wird abnormal im Gedächtnis gespeichert und gelangt dann spontan ins Bewusstsein - im Wachzustand als Rückblende (flash back), im Schlaf als Alptraum. Selbst kleinste, scheinbar bedeutungslose Phänomene (ein Gegenstand, ein Geruch, eine Farbe, eine Handbewegung, ein harmloser Satz) können Auslöser für eine Rückblende sein. Deswegen fühlen Traumatisierte sich auch in geschützter Umgebung nicht sicher. Traumatische Erinnerungen unterliegen dabei Besonderheiten: sie werden nicht wie normale Erinnerungen gespeichert. Es gibt keine verbale, zusammenhängende Erzählung des traumatischen Ereignisses. Stattdessen werden intensive Gefühle und deutliche Bilder gespeichert. Es sind fragmentierte Bilder ohne Text. Dies entspricht den Erinnerungen von Kleinkindern. Offenbar wird in schrecklichen Situationen auch bei Erwachsenen diese bildhafte und szenische Form der Erinnerung mobilisiert. Möglicherweise liegen Veränderungen des Zentralnervensystems vor. - Auch traumatische Alpträume unterscheiden sich von gewöhnlichen Träumen. Traumatische Träume erscheinen kaum verfremdet, kehren häufig wieder, vergegenwärtigen das Ereignis erschreckend unmittelbar, treten auch in Schlafphasen auf, in denen normalerweise keine Träume auftreten. Möglicherweise ist auch hier ein veränderter neurophysiologischer Systemzustand verantwortlich. - Auch in Handlungen erleben Traumatisierte das Ereignis wieder. Manchmal kommt es zu gefährlichen Neuinszenierungen, in denen einige Aspekte des Traumas zwanghaft wiederholt werden. Oft können die Traumatisierten keinen Zusammenhang zwischen ihrem gegenwärtigen Tun und Erleben einerseits und der Ursache im Trauma andererseits herstellen. Das gegenwärtige Tun ist mit der emotionalen Intensität des ursprünglichen Geschehens gekoppelt. Diese emotionale Intensität ist jedoch qualitativ verschieden von normalen Gefühlen. Sie liegt außerhalb des gewöhnlichen emotionalen Erfahrungsspektrums und überfordert das gewöhnliche Vermögen, Gefühle auszuhalten. Deswegen vermeiden Traumatisierte oft solche Erfahrungen - zahlen dann allerdings einen hohen Preis: Einengung des Bewusstseins, Rückzug aus zwischenmenschlichen Beziehungen und emotionale Verarmung.
  • Konstriktion: Da Widerstand oder Flucht sinnlos sind, bricht das Selbstverteidungssystem des Menschen zusammen. Die Flucht findet dennoch statt, aber in Form einer Veränderung des Bewusstseinszustandes. Diese geht mit Gleichgültigkeit, emotionaler Distanz und völliger Passivität einher. Die veränderten Bewusstseinszustände ähneln der Trance. Sie sind mit verstärkter Bildwahrnehmung verbunden, verändertem Sinnesempfinden einschließlich Lähmung, Verlust der Schmerzempfindung, verzerrter Realitätswahrnehmung einschließlich Depersonalisation, Derealisation und verändertem Zeitgefühl. Dissoziationen - Abspaltungen - können bewusst sein: "Ich will nicht daran denken!" Die Gefühle können vom Ereignis abgekoppelt werden: "Das hat mir nichts ausgemacht!" Sie können jedoch auch unbewusst in Form von posttraumatischer Amnesie sein. Dann vergisst das Opfer das Ereignis und damit das funktioniert, muss es auch vergessen, dass es vergessen hat.
Zentrale Folge eines Traumas: Schädigung oder Zerstörung des Vertrauens/der Fähigkeit zu glauben

Die konkreten Ursachen eines Traumas können sehr unterschiedlich sein. Sie können als einmalige, frühe, sequentielle oder kumulative Traumatisierung vorkommen. Sie treten in dysfunktionalen Familien als Kindesmisshandlung, sexueller Missbrauch, Inzest auf. Sie treffen in Krieg und "Frieden" vergewaltigte Frauen ebenso wie Frauen, die auf dem Sexmarkt gehandelt werden. Kindersoldaten erleben sie ebenso wie Folteropfer, Geiseln und Überlebende der Konzentrationslager und Tötungslager der Nationalsozialisten. Auch wenn die konkreten Ursachen sehr unterschiedlich sein mögen - die Folgen ähneln einander. Auch wenn jede Überlebende von Gewalt sehr individuelle Überlebensstrategien entwickelt, um mit dem Unsagbaren weiterleben zu können - alle Gewaltüberlebenden kennen in unterschiedlichen Ausprägungen sehr ähnliche Folgen.

Langfristig sehr zerstörerische Auswirkungen hat das Gefühl, nicht dazuzugehören, anders zu sein, als alle anderen Menschen, wertlos zu sein. Die Überzeugung, dass der Schöpfung eine prinzipiell sinnvolle Ordnung zugrunde liegt, geht verloren - bzw. wurde im Fall sehr früh beginnender Traumatisierung erst gar nicht aufgebaut.

"Traumatische Ereignisse erschüttern zwischenmenschliche Beziehungen in den Grundfesten. Sie zersetzen die Bindungen an Familie, Freunde, Partner und Nachbarn, sie zerstören das Selbstbild, das im Verhältnis zu anderen entsteht und aufrechterhalten wird. Sie untergraben das Wertesystem, das der menschlichen Erfahrung Sinn verleiht. Sie unterminieren das Vertrauen des Opfers in eine natürliche oder göttliche Ordnung und stoßen es in eine existentielle Krise..... Im Augenblick der Angst wenden sich die Opfer spontan an die Quelle, die ihnen zuerst Trost und Schutz bot. Verwundete Soldaten und vergewaltigte Frauen schreien nach ihren Müttern oder nach Gott. Bleibt dieser Schrei unbeantwortet, ist das Urvertrauen zerstört. Traumatisierte fühlen sich extrem verlassen, allein und ausgestoßen aus dem lebenserhaltenden Rahmen von menschlicher und göttlicher Fürsorge und Schutz."(Judith Lewis Hermann, Die Narben der Gewalt. Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden, München 1993, S. 77-78)

Die Auswirkungen des Traumas auch auf die Fähigkeit, Gott zu vertrauen, liegen auf der Hand. Jean Améry formuliert: "Wer der Folter erlag, kann in der Welt nicht heimisch werden."
Wenn ein Opfer traumatisierender Gewalt Solidarität und Unterstützung erlebt, lassen sich die Folgen der Gewalt reduzieren.

Mögliche Folgen von Gewalt

Mitte des Jahres 2010 kann noch immer - oder schon wieder? - der Eindruck entstehen, die Folgen von Gewalt könnten ja gar nicht so groß sein - wenn Gewalt tatsächlich mitten unter uns ist und so häufig wie behauptet vorkomme.

Die mediale Häufung der Berichte seit Jahresbeginn können durchaus diesen Eindruck vermitteln. Die bei vielen Menschen eingetretene Gewöhnung führt nicht selten zur Verharmlosung der Folgen von Gewalt. Daher seien ein paar dieser Folgen notiert - so wie sie mir im Kontakt mit Gewaltüberlebenden (Frauen und auch Männern) seit 10 Jahren begegnen.

Berufliche Folgen: Manche Frauen mussten in der Lebensmitte – manchmal schon mit 30 Jahren - aus z.T. gut-dotierten und/oder interessanten und geliebten Berufen aussteigen, weil sie Frührentnerinnen leben in der Regel mit einer sehr niedrigen Rente und/oder von Hartz IV. Studentinnen mussten wegen Klinikaufenthalten Krankheitssemester in Anspruch nehmen und hatten oft Mühe, die Gewaltfolgen im vorgegebenen Zeitraum so weit in den Griff zu bekommen, dass die Fortsetzung des Studiums möglich war. Manchen Frauen war die Aufnahme einer Berufsausbildung erst gar nicht möglich. Einige berichten von Schulversagen (bei normaler bis ausgeprägter Intelligenz).

Einige Frauen gingen Beziehungen ein, in denen Gewalt herrschte. Alle Frauen haben mehr oder weniger große Schwierigkeiten, Beziehungen gedeihlich und gleichberechtigt zu gestalten. Rund um Schwangerschaft, Geburt und Kleinkind-Zeit des Kindes waren alle Frauen hoch verunsichert, ob sie Schwangerschaft, Geburt, Leben mit Kind(ern) angesichts der eigenen hinaus, was junge Frauen ohne Gewalterfahrungen an Unsicherheiten in dieser Lebensphase erleben. In den akuten Jahren der Aufarbeitung der Gewalt verloren die Frauen oft bisherige Freundeskreise.

Medizinische, psychische und psychosomatische Spätfolgen der in der Kindheit/Jugend erlebten Gewalt sind mir im Kontakt mit den Frauen in all den Formen begegnet, die in der Literatur auch benannt werden: Depressionen, Stresssymptome, Angststörungen, posttraumatische Belastungsstörungen, Essstörungen und Suizidalität; Niedergeschlagenheit, Schlafstörungen, vermindertes Selbstwertgefühl, erhöhte Ängste, Panik, Konzentrationsschwäche. Der Umgang mit Alkohol und Nikotin ist für nicht wenige Frauen ein schambesetztes Problem. Drogenkonsum und Medikamentenmissbrauch in der Vorgeschichte wurden immer wieder einmal erwähnt. Probleme im Sexualleben sind notorisch ebenso wie permanente innere Anspannung bis zu permanenter hoher innerer Unruhe. Von chronischen Schmerzen, Atembeschwerden, Schwindel, Übelkeit, Hauterkrankungen, Störungen im Magen-Darm-Bereich berichten viele Frauen. Genannt werden auch Antriebslosigkeit, Überanpassung an Erwartungen des Umfeldes, Selbstverletzungen und selbstschädigendes Verhalten. Viele Frauen beklagen den Verlust der Herkunftsfamilie (die entweder für die Gewalt verantwortlich war oder das Kind/die Jugendliche trotz des Wissens um Gewalt nicht geschützt hat und von der viele Frauen sich in einem langen und schmerzhaften Prozess getrennt haben).

Einige Frauen müssen mit anerkannten Behinderungen leben, die aus der Gewalt (incl. massiver Vernachlässigung in der Kindheit) resultieren. Ich weiß von einem Fall, der zur mehrfachen Schwerstbehinderung des Opfers führte – das Opfer (30 J.) lebt heute in einem Pflegeheim.

Als durchgängig und gravierend beeinträchtigend berichten nahezu alle Frauen von ihrer Isolation, dem Verlust von Vertrauen und Zuversicht, dem Gefühl von Nicht-Zugehörigkeit; dem Verlust von Selbstachtung und Selbstwertgefühl, der jegliche Lebensäußerung erschwert.

Gelegentlich erfahre ich, dass eine Frau, mit der ich in Kontakt war, Selbstmord begangen hat.Die belgische Missbrauchskommission berichtet, dass von 475 (bekannten) Missbrauchsopfern 13 Selbstmord begangen haben, das sind 2,7% der Opfer.
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