Ethische Neutralität


Was erwartet Verbündete?
Sandra L. Bloom: "Über die Unmöglichkeit ethischer Neutralität"1
Sandra L.Bloom hat auf unorthodoxe, jedoch für Betroffene und "Zuschauer" sehr konstruktive Weise über den Umgang mit Gewalt in den USA nachgedacht. Die Ergebnisse der Analyse sind sicher auch für den deutschen Sprachraum zutreffend. Die ursprünglichen Adressaten von Blooms Beitrag in einem Sammelband sind Kliniker, Forscher und Erzieher. Mir scheint jedoch, dass ihre Überlegungen über diesen Kreis hinausgehend von Bedeutung sind. Sie sind hier zusammenfassend aufgeführt, weil sie ermutigen, die Aufgabe der "Verbündeten" genauer anzuschauen. S.L.Bloom macht deutlich, dass es zur Eindämmung der Gewaltepidemie der Zusammenarbeit ALLER Menschen guten Willens bedarf. Ihre Überlegungen seien hier ausschnittartig wiedergegeben.

"Wer psychische Traumata untersucht, muß über furchtbare Ereignisse berichten. .. Ist das traumatische Ereignis jedoch Ergebnis menschlichen Handelns, ist der Berichterstatter im Konflikt zwischen Opfer und Täter gefangen. Es ist moralisch unmöglich, in diesem Konflikt neutral zu bleiben. Der Zuschauer muß Stellung beziehen."2 .... Bloom wendet die Infektionsmetapher auf unser gesamtes sozikulturelles Milieu an und sagt, "daß die augenblickliche Epidemie der Gewalt ein großes Problem der öffentlichen Gesundheitspflege ist."
"Die Traumatheorie liefert einen theoretischen Rahmen, innerhalb dessen die Psychiatrie die genannten wichtigen Entwicklungsschritte der Medizin nachvollziehen und sich so auf ein neues Jahrhundert und ein neues Paradigma vorbereiten kann. Nach dieser Theorie ist der Ursprung zahlreicher körperlicher, psychischer und gesellschaftlicher Störungen im direkten und indirekten Kontakt mit äußeren traumatogenen Faktoren zu suchen. Traumata verursachen chronische, ansteckend wirkende, generationenübergreifende und oft tödliche Erkrankungen."

"Ebenso wie Bakterien und Viren gewöhnlich die Auslöser von Infektionen sind, sind Gewalttäter die Überträger der Traumainfektion. Und je zerstörerischer diese Täter wirken, um so geringer sind die Überlebenschancen ihrer Opfer. Je intensiver der Kontakt zwischen Täter und Opfer, um so wahrscheinlicher ist, daß die Opfer unter langfristigen (S. 239) Folgen der vom Täter übertragenen Krankheit leiden werden. Je schlechter der (körperliche, psychische und soziale) Gesundheitszustand des  Opfers, um so höher ist die Wahrscheinlichkeit einer Traumaexposition. Die Infektion wird sogar auf eine pseudo-genetische Weise übertragen, da die Auswirkungen und Muster der Gewalt von den Eltern auf die Kinder übergehen, und zwar sowohl durch das, was nicht getan wird, als auch durch das, was  getan wird. Allerdings haben Bakterien unter Menschen nur relativ wenige Freunde. Die Überträger der Gewaltinfektion sind traditionell Männer - jene Männer die Frauen und ihre Kinder lieben, brauchen, respektieren und denen sie gehorchen."
"...die Gewalt in erster Linie der Biologie zuzuschreiben, ist eine Ausflucht. Unser kulturelles Training für Jungen ist viel zu methodisch, umfassend und beharrlich, als daß wir der biologischen Prädisposition mehr als eine relativ unbedeutende Rolle zuschreiben könnten."

"Unsere Fähigkeit zur Gewalttätigkeit hat unsere Fähigkeit, Gewalt einzugrenzen, überflügelt. Die Infektion ist außer Kontrolle geraten, und was wir heute erleben, ist eine Epidemie. Es reicht nicht aus, nach immer wirksameren Antibiotika Ausschau zu halten. Wir können schließlich keinen riesigen Teil der Bevölkerung, der bei ausschließlicher Fokussierung auf das Täterverhalten eigentlich von anderen Menschen isoliert werden müßte, einsperren oder töten. Während wir versuchen, die ansteckendsten "Virenstämme" unschädlich zu machen, und während wir uns bemühen, die Virulenz der übrigen zu verringern, müssen wir gleichzeitig eine Situation schaffen, die uns gegen Gewaltinfektionen widerstandsfähiger macht. Die öffentliche Gesundheitspflege befindet sich in dieser Hinsicht in einer Notstandssituation."

"Ob Psychiatrie und Psychologie Frauen und Kindern nun glauben oder nicht, sie entschärfen das Problem, indem sie es medikalisieren. Es wird also aus dem Bereich der Politik in den der individuellen Pathologie befördert und dadurch zu einem ausgezeichneten Objekt von Problem-Management, statt Anlaß für gesellschaftliche Veränderung zu geben ... Die therapeutische Ideologie führt bereitwillig nicht zu realer sondern imaginärer Veränderung. Nicht zu einem Angriff auf die Ursachen der Vergewaltigungen, sondern zum Aufbau unendlich vieler Behandlungszentren für eine voraussehbar (S. 242) endlose Zahl von Verletzten, von denen man, da sie ihre Qualen öffentlich zeigen, annimmt, sie litten unter der Einschränkung ihrer Fähigkeit, sich anpassen zu lassen ... Ihre Krankheit wird studiert, debattiert, benannt und umbenannt. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen ihre Defekte."3 Das Traumamodell wirkt unter anderem deshalb so beunruhigend, weil es uns zwingt, uns mit unserer eigenen Scheinheiligkeit, unserem Leugnen und unseren Rationalisierungen auseinanderzusetzen. Um unseren Patienten wirklich effektiv helfen zu können, müssen wir uns mit der tatsächlichen Beschaffenheit ihres Lebens konfrontieren. Sie sind zu Opfern geworden und können die Vergangenheit nicht verändern. Sie sind von der Krankheit der Gewaltanwendung befallen, einer Infektion, die nicht unbedingt zum Tode führt. Doch wenn sie nicht an den Folgen der Gewalt sterben - entweder unmittelbar aufgrund der Verletzungen, die der Täter ihnen zugefügt hat, oder aufgrund von Verletzungen, die sie durch die Verinnerlichung der erlebten Gewalt erlitten haben - , werden sie die Infektion wahrscheinlich auf andere übertragen, entweder durch eigenes gewaltsames Handeln oder indem sie versäumen, jene, die ihrem Schutz anvertraut sind, zu schützen."
"Durch diese finstere Verschwörung des Schweigens hat die Infektion der Gewalt das epidemische Ausmaß erreicht, das uns alle heute mit ständig größer werdenden Gefahren konfrontiert. Wenn wir uns nicht länger an diesem Verschweigen beteiligen wollen, müssen wir eine Möglichkeit finden, Zeugnis von dem abzulegen, was wir sehen und was wir wissen..."
"Die Versuchung, sich auf die Seite des Täters zu schlagen, ist groß. Der Täter erwartet vom Zuschauer lediglich Untätigkeit. Er appelliert an den allgemein verbreiteten Wunsch, das Böse nicht zu sehen, nicht zu hören und nicht darüber zu sprechen. Das Opfer hingegen erwartet vom Zuschauer, daß er die Last des Schmerzes mitträgt. Das Opfer verlangt Handeln, Engagement und Erinnerungsfähigkeit. ... Um sich der (243) Verantwortung für seine Verbrechen zu entziehen, fördert der Täter auf jede ihm mögliche Weise das Vergessen. Die ersten Verteidigungstaktiken des Täters sind Geheimhaltung und Schweigen. Wenn Geheimhaltung nicht mehr möglich ist, greift der Täter die Glaubwürdigkeit des Opfers an. Wenn er das Opfer nicht ganz und gar zum Schweigen bringen kann, sorgt er soweit wie möglich dafür, daß dem Opfer niemand zuhöre. ... Je mächtiger der Täter, desto umfassender ist sein Vorrecht, Realität zu benennen und zu definieren, und desto vollständiger kann er seine Argumente durchsetzen4
"Was die Behandlung von Gewaltopfern und insbesondere von Menschen, die in ihrer Kindheit zu Gewaltopfern geworden sind, anbetrifft, wissen wir mittlerweile, daß wir uns dabei nicht auf dem sicheren Boden der individuellen Pathologie bewegen. Wir haben es (245) vielmehr mit jahrelangen Verletzungen von Menschen- und Bürgerrechten zu tun, für die niemand die Verantwortung angelastet wird, mit Gesetzesübertretungen, die größtenteils unbestraft bleiben. Die Öffentlichkeit ist nur in unzureichendem Maße bereit, sich wirklich für den Schutz von Kindern vor Mißbrauch, Mißhandlung und Vernachlässigung einzusetzen. Das folgende Zitat stammt aus dem Jahresbericht des U.S. Advisory Board on Child Abuse und Neglect von 1990:

"Kindesmißbrauch und Kindesvernachlässigung sind heute in den Vereinigten Staaten ein nationaler Notstand ... Obwohl sich unsere Nation dazu verpflichtet hat, ihre Kinder zuschützen, leiden Jahr für Jahr immer noch Hunderttausende von Kindern unter Hunger und Vernachlässigung, Brandmarkung und schwerer körperlicher Mißhandlung, Vergewaltigung und Sodomisierung, andauernder Schelte und Herabwürdigung. ... Das System, das von der Nation damit beauftragt wurde, gegen Mißbrauch, Mißhandlung und Vernachlässigung von Kindern anzugehen, hat versagt. ... Dabei geht es nicht um das akute Versagen eines einzelnen Elements, sondern das Kinderschutzsystem als Ganzes leidet unter chronischem und schwerem multiplem Organversagen." (U.S. Advisroy Board 1990)

Was sollen wir in Anbetracht dieses Desasters tun? Warum merken nur so wenige Menschen, daß wir auf Kosten unserer Kinder und Jugendlichen leben?
"Es ist äußerst interessant, daß bei all den vielen Verbrechen, die untersucht worden sind, stets das Verhalten der Zuschauer darüber entscheidet, inwieweit es dem Täter gelingt, seine Pläne auszuführen:

"Zuschauer, Menschen, die Ereignisse miterleben, aber von den Handlungen der Täter nicht unmittelbar betroffen sind, prägen eine Gesellschaft durch ihre Reaktionen. Wenn die gültigen Gruppennormen Gewalt dulden, können Zuschauer zu Opfern werden. Zuschauer sind sich oft der Bedeutung von Ereignissen oder der Konsequenzen (246) ihres Verhaltens nicht bewußt, oder sie leugnen diese. Da die Ereignisse, deren Zeugen sie werden, ein Teil ihres Lebens sind, wenden sie Abwehrmechanismen wie Rationalisierung und absichtliche Fehlwahrnehmung an, um sich die Bedeutung des Geschehens nicht bewußt machen zu müssen, oder sie vermeiden es, mit Informationen über das Leiden der Opfer konfrontiert zu werden. Zuschauer können einen gewaltigen Einfluss ausüben." ....5
Mit Hilfe dieses Konzepts läßt sich jener Opfer-Täter-Zyklus der Gewalt durchbrechen, der die Sicherheit unserer Gesellschaft zerstört. Die Geschichte zeigt, daß immer dann, wenn Gewalt als Gruppennorm toleriert und unterstützt wird, eine ständig zunehmende Zahl von Zuschauern zu Opfern und/oder Tätern wird, bis es schließlich immer schwieriger wird, zwischen diesen drei Gruppen klar zu unterscheiden. Es ist nun an der Zeit, daß wir uns von der ausschließlichen Beschäftigung mit der Pathologie der Opfer und der Pathologie der Täter lösen und zu planen anfangen, die Zuschauer zu aktivieren, den Zuschauer in jedem von uns in das Geschehen einzubeziehen. Es ist an der Zeit, die Gesundheit und das Wohl der gesamten Bevölkerung so zu verbessern, daß dem Überträger der Infektion Einhalt geboten und er in gewissen Grenzen gehalten wird. Täter können ihre Krankheitserreger nur dann weiterverbreiten, wenn dies geduldet wird, wenn die Gefährdeten schutzlos bleiben. Gewalt ist zur Zeit die größte Gefahr für die Gesundheit dieser Nation, und als Kliniker, die dies wissen, haben wir die fachliche, persönliche, politische und moralische Pflicht, dies auszusprechen."

"Die traumatische Realität kann nur im Bewusstsein bleiben, wenn das Opfer durch sein soziales Umfeld gestärkt und geschützt wird  und Opfer und Zeuge zu einem Bündnis zusammenfinden. Für das Opfer schaffen die Beziehungen zu Freunden, Partnern und Familie ein solches soziales Umfeld. Für die Gesellschaft insgesamt leisten das politische Bewegungen, die für die Ohnmächtigen sprechen. Die systematische Erforschung psychischer Traumata braucht die Unterstützung einer politischen Bewegung."6

"Wenn wir um uns schauen, stellen wir fest, daß der "Feind" sich nicht auf der anderen Seite des großen Meeres befindet. Der Feind ist in unseren Schulen, in unserer Regierung, unserer Polizei, unseren Kirchen, unserem eigenen Haus. Viele von uns schlafen mit dem Feind. Einige von uns sehen den Feind jeden Morgen im Spiegel oder gegenüber am Frühstückstisch. Der Feind, das sind wir selbst, und dieser Feind ist krank. Das Bedürfnis nach Kontrolle und Dominanz, das Bemühen, möglichst nicht das volle Spektrum unserer Emotionen zu spüren, die Unfähigkeit, Gefühle in Worte zu fassen, das Empfinden von Erlösung, wenn man andere Menschen verletzt, das Zuschauen und die Teilhabe am Leiden anderer Menschen ohne Mitgefühl, das Leugnen der Realität, das Leugnen dessen, daß man selbst etwas getan hat, das nicht richtig ist - dies alles sind Anzeichen für eine höchst ansteckende und lebensbedrohliche Infektionskrankheit mit Namen Gewalt. Doch sogar diejenigen unter uns, die selbst nicht aktiv gewalttätig sind, sind von dieser Krankheit befallen. Das am leichtesten erkennbare Anzeichen dafür ist Angst und die Unterwerfung unter ein System, von dem wir wissen, daß es den Tod bringt. Wir machen uns zu Handlangern der Gewalt, indem wir zulassen, daß sie unser Verhalten beeinflußt, und indem wir es versäumen, beharrlich gegen den damit verbundenen Freiheitsverlust zu protestieren. Wir machen uns zu Handlangern der Gewalt, indem wir es versäumen, beharrlich, aktiv und laut gegen Situationen zu protestieren, die Gewalt in der Familie fördern. Wir machen uns auch immer dann zu Handlangern der Gewalt, wenn wir den Anschein erwecken, das Modell der therapeutischen Einzelbehandlung sei in der Lage, die ungeheuren gesellschaftlichen Probleme zu lösen, die einen so wichtigen Anteil daran haben, daß die Gewalt immer mehr Raum gewinnt, statt abzunehmen.

Ein Teil unserer Selbstfürsorge muß darin bestehen, einfach zu sagen, war wir alle zu sagen so sehr fürchten. Die langfristigen, generationsübergreifenden Auswirkungen des Traumas sind wohl die schlimmste Infektionskrankheit, von der die Menschheit heimgesucht wird. Unsere Spezies kann nur dann frei sein, wenn es uns gelingt, diese Infektion unter Kontrolle zu bringen. Wir müssen die Gesundheit der Gesellschaft wiederherstellen, indem wir den mit dieser Krankheit Infizierten verbieten, Macht auszuüben. Die Pest des 20. Jahrhunderts, die Gewalt, muß in die Schranken gewiesen werden, und wir müssen als Zeugen der destruktiven Folgen dieser Krankheit unsere Stimme erheben. Dieser allgemeine Notstand der menschlichen Gesundheit erfordert unsere aktive und entschiedene Teilnahme an einem gut organisierten und mit erheblichen finanziellen Mitteln (249) durchgeführten gewaltlosen, alle Rassen und beide Geschlechter einbeziehenden gesellschaftlichen Graswurzel-Protest. Ein Teil unserer Selbstfürsorge muß darin bestehen, zu einem höheren Maß an moralischer Integrität zu gelangen, und dies kann uns nicht gelingen, wenn wir auf uns gestellt bleiben."

Quellen:

1 in: B. Hudnall Stamm (Hrsg): Sekundäre Traumastörungen. Wie Kliniker, Forscher & Erzieher sich vor traumatischen Auswirkungen ihrer Arbeit schützen können, Paderborn 2002,
  S. 235 - 249 (hier ausschnittweise wiedergegeben)

2 Judith Lewis Herman, Die Narben der Gewalt, S. 17 f
3 Armstrong, L.(1994): Rocking the cradle of sexual politics. Reading, MA: Addison Wesley
4 Hermann, Narben der Gewalt, S. 18 f.
5 (Staub, E. (1989): The roots of evil: The origins of genocide an other group violence. New York: Cambridge University Press
6 Hermann, J.L., Narben der Gewalt, 1994, 19f