Ermutigung zum GEspräch   

Ermutigung zum Gespräch zwischen Gewaltüberlebenden und Verbündeten

Es ist selbstverständlich, dass Nichtbetroffene und Gewaltüberlebende miteinander sprechen - solange Gewaltüberlebende nicht als solche kenntlich sind: Mit hoher Wahrscheinlichkeit haben Sie als Nichtbetroffene/r schon häufig mit Gewaltüberlebenden gesprochen oder tun dies täglich. Ihre Nachbarin, Ihre Arbeitskollegin, Ihre Chat-Partnerin, Ihre Sportkameradin, Ihre Cousine, vielleicht Ihre Schwester oder Ihre Mutter sprechen nicht darüber. Vielleicht haben die es Ihnen auch erzählt - und Sie haben es wieder "vergessen", weil Ihnen die Vorstellung Schwierigkeiten macht, dass "die Andere" Schlimmes erlebt hat - Sie jedoch davongekommen sind.  Vielleicht fühlen Sie sich unbehaglich bei dem Gedanken, dass unsere Welt nicht für alle Menschen so sicher ist, wie das für Sie gilt. Sie könnten fürchten, dass Ihr grundlegendes Sicherheitsgefühl in der Vergangenheit und Gegenwart für die Zukunft gefährdet ist. Vielleicht haben Sie auch Sorge, dass das gewaltüberlebende Gegenüber die Fassung verliert, wenn Sie das Thema Gewalt berühren. Möglicherweise ist Ihnen unbehaglich bei dem Gedanken, dass es auch - am Ende gar in Ihrer Nähe - Täter und sogar Täterinnen geben muss. Wem ist dann noch zu trauen?

Es ist inzwischen möglich geworden, dass Gewaltüberlebende miteinander sprechen. Nach dem Überwinden einer ersten Hemmschwelle sind diese Gespräche "leicht". Der Belastung, die ein Gespräch über eigene Erfahrungen mit einem schwierigen Thema mit sich bringt, steht ein hoher Gewinn gegenüber. Da werden tragfähige Erfahrungen gemacht; man wird verstanden, das schwer aushaltbare Gefühl der Isolation wird reduziert, Solidarität und die Einbindung in die Gemeinschaft von Menschen erlebt.

Es ist auch möglich geworden, dass Nichtbetroffene über oder für Gewaltüberlebende sprechen. Akademieveranstaltungen, Gottesdienste, gemeindliche Informationsabende greifen das Thema auf und versuchen, es einem größeren Kreis zugänglich zu machen. Gewaltüberlebende geben sich dabei aus guten Gründen nicht zu erkennen. Sie tun dies nur in der Gruppe der LeidensgenossInnen. Nichtbetroffene andererseits bleiben ebenfalls unter sich. Das erleichtert zwar jeweils das Gespräch, es belässt jedoch Gewaltüberlebende in der Unsichtbarkeit und verzichtet auf die notwendige Konfrontation von Kirche und Gesellschaft mit dem Vorhandensein von Gewalt. Gewalt, die nicht wahrgenommen wird, muss auch nicht bekämpft werden.

Wenn Gewaltüberlebende und Verbündete Gewalt eindämmen und Gewaltfolgen für die Opfer reduzieren helfen wollen, dann ist es nötig, dass beide auch miteinander ins Gespräch kommen.

Dieses Gespräch scheint jedoch sehr schwierig zu sein. Da gibt es auf beiden Seiten Ängste, die einander manchmal verblüffend ähneln:
  • Beide sind befangen, weil sie unsicher sind über die eigene Reaktion und die Reaktion des Gegenüber
  • Beide sind hilflos, weil sie fürchten, die Kontrolle über das Gespräch zu verlieren
  • Beide sind besorgt, das Gegenüber verletzen zu können - durch einen Mangel an Kenntnis und Sensibilität, durch Überforderung und Überlastung
  • Beide sind ängstlich darüber, wie viele ihrer - vielleicht als "unangepasst" erscheinenden -  Gefühle sie dem Gegenüber mitteilen können und welche davon
  • Beide sind unsicher, wie viel an Schwäche und Inkompetenz im Gespräch sichtbar werden darf und wie Gesprächspartner damit umgehen werden

In den letzten drei Jahren habe ich das Gespräch mit Nichtbetroffenen gesucht. Dabei machte ich schwierige, aber auch gute Erfahrungen. Die überwältigend häufigste Reaktion auf Gesprächsversuche war Schweigen - auch von Gruppen, zu deren Zielen erklärtermaßen die Eindämmung von Gewalt und die Solidarität mit Opfern von Gewalt gehören. Und so legt sich mit dem andauernden Schweigen erneut wie eine Glasglocke das Gefühl über Gewaltüberlebende, tabu zu sein. Sie erfahren, dass ihr Wissen, ihre Erfahrung, ihr Nachdenken über Gewalt nicht gefragt sind. Nichtbetroffene erleben ihre Gesprächsunfähigkeit vielleicht als Versagen vor den Ansprüchen an sich selbst. Zweifellos: Die Konfrontation mit Gewalt IST schwierig. Sie kann nicht nur Opfer, sondern auch Verbündete an Grenzen des Erträglichen führen. Gewalt jedoch nicht wahrzunehmen, sich nicht mit ihrem Vorhandensein und ihren langfristigen Folgen zu konfrontieren, unterstützt aber die Täter und trägt nicht zur Eindämmung der Gewalt bei. Die Nichtwahrnehmung von Gewalt belässt die Opfer in der Unsichtbarkeit und riskiert, dass Gewalt sich weiter ausbreitet und Menschen zu Opfern macht - Opfer, die vielleicht verhindert werden könnten. Aus gelungenen Gesprächsversuchen ergeben sich erste Anhaltspunkte.

Wo liegen die Berührungsängste zwischen Gewaltüberlebenden und Verbündeten? Wie können sie überwunden werden?

Verbündete machen sich vielleicht Sorgen darüber, wie Gewaltüberlebende reagieren, wenn über Gewalt gesprochen wird. Sie fürchten möglicherweise, dass das Gegenüber die Fassung verliert. Da kann es hilfreich sein, dass Verbündete sich immer wieder klar darüber werden, dass der Status "gewaltüberlebend" nur eine von vielen anderen möglichen Beschreibungen eines Menschen ist. Das Wissen um die unterschiedlichen Rollen Gewaltüberlebender im Alltag kann Ängste Verbündeter vor Gewaltüberlebenden auf ein realistisches Maß reduzieren. Natürlich ist es richtig, dass Gewaltüberlebende mit speziellen Schwierigkeiten, die aus der Gewalterfahrung resultieren, zu kämpfen haben. Aber das ist ihre alltägliche Aufgabe, die sie in Familie, Nachbarschaft, Beruf..... auch meistern. Es ist also nicht sinnvoll, dass Verbündete eine Schonhaltung einnehmen, als wären Gewaltüberlebende nicht belastbar oder unfähig, sich mit anderen Menschen auseinanderzusetzen. Hilfreich ist ein normaler Umgang miteinander.  

Das Thema Gewalt kann alle, die sich damit konfrontieren, an Grenzen des Erträglichen führen. Gefühle, auch extreme und widersprüchliche, können auftauchen. Der Umgang mit diesen Gefühlen kann schwierig sein. Es hat sich bewährt, wenn GesprächsteilnehmerInnen aufmerksam ihre eigenen Gefühle wahrnehmen und sich auf sie verlassen. Darüber hinaus hat es sich als hilfreich erwiesen, wenn über diese Gefühle miteinander gesprochen wird. Das hilft, Missverständnisse und Verletzungen zu vermeiden.

Wenn Angst, Abwehr, Unsicherheit, Überforderung oder Befangenheit die vorherrschenden Gefühle sind, die ein eigentlich gesuchtes Gespräch verhindern, dann ist vielleicht zuallererst genau DARÜBER zu sprechen. Es könnte sich zeigen, dass diese Situation auch für die inhaltliche Arbeit am gemeinsamen Thema wichtig ist.

Es ist gut, am Anfang eines langfristig geplanten Gespräches Verabredungen darüber zu treffen, wie mit den Schutzbedürfnissen der GesprächsteilnehmerInnen bei Überforderung und Überlastung umgegangen werden soll. Hilfreich ist der Versuch, das Gespräch auch dann nicht abzubrechen - wenngleich sich Vertagungen bewährt haben -, wenn es schwierige Phasen gibt. Hilfreich ist auch, einander dies zuzusagen. Damit wird der Eindruck eines möglicherweise bedrohlich wirkenden Gesprächsabbruchs vermieden.

Beobachtungen im Gespräch zwischen Traumatisierten und Nichtbetroffenen zum Thema Gewalt lassen erkennen, dass Verbündete manchmal Sorgen haben, dass Gewaltüberlebende in einer Arbeitsgruppe therapeutische Unterstützung suchen könnten. Gewaltüberlebende, die mit Verbündeten zusammen in einem "Projekt Gewalteindämmung" a r b e i t e n, können jedoch sehr genau zwischen einer Arbeitsgruppe und einer therapeutischen Gruppe unterscheiden. Schon die Erfahrung, dass Menschen das Gespräch mit identifizierten Gewaltüberlebenden nicht verweigern, ist heilsam. Mehr und anderes ist in einer Arbeitsgruppe nicht zu leisten und wird von Gewaltüberlebenden auch nicht erwartet.

Manchmal fürchten Verbündete, dass Gewaltüberlebende ihnen zumuten könnten, ausführliche Erzählungen über Gewalterfahrungen anhören zu müssen. Gewaltüberlebende hingegen wissen, dass sie selbst sich die Konfrontation mit ihren Erfahrungen nur dosiert, häufig nur im Schutz von Therapien oder in der Verschwiegenheit eines Tagebuches zutrauen dürfen. Sie erzählen anderen Menschen daher in der Regel nur summarisch, mit wenigen Stichworten, unter Angabe einer "anerkannten Diagnose" von ihren Erfahrungen. Die Sorge Verbündeter, im Kontakt mit Überlebenden von unerträglichen Erzählungen überschwemmt zu werden, ist daher unbegründet. Gewaltüberlebende erzählen eher zu wenig als zu viel, wenn sie nicht das Schweigen über ihre Erfahrungen zu ihrem eigenen Schutz vorziehen. Schließlich: Wäre es denn so schlimm, wenn Verbündete und Überlebende weinen würden darüber, wie viel Gewalt es gibt und was sie anrichtet? Ich denke, es wäre eine durchaus angemessene Reaktion. Außerdem kann zugelassene Trauer eine Quelle der Kraft sein.

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