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                Gewalt
Manchmal hilft nur noch Humor
oder
kirchenkabarettistische Gebrauchsanweisung zur Vermeidung des Kontaktes mit gewaltüberlebenden Christinnen

Gesetzt den Fall, Sie werden von mir angesprochen und um irgendeine wie auch immer geartete Unterstützung für gewaltüberlebende Christinnen im Rahmen Ihrer kirchlichen Arbeit angefragt und Sie wollen diese Unterstützung (zumeist einen Link) nicht leisten, dann kann ich Ihnen einige Empfehlungen geben, wie Sie mit meiner Anfrage umgehen können. Mit wenigen Ausnahmen tun das Ihre kirchlichen KollegInnen auch.
Das einfachste und am besten bewährte Mittel ist das Schweigen. Was immer in meiner Anfrage steht, wie auch immer dort argumentiert wird, schweigen Sie einfach. Lassen Sie sich auch nicht durch eine erneute Anfrage in Ihrem Schweigen irritieren.

Sind Sie ein wenig zartbesaiteter und wollen antworten, ohne sich aber irgendwie in das Thema involvieren zu lassen oder gar in Kontakt mit diesen Christinnen zu kommen, dann kann ich Ihnen einige andere Empfehlungen geben. Sie stammen allesamt aus der Praxis Ihrer kirchlichen KollegInnen und haben sich bewährt.

  • 1. Schreiben Sie, wie wichtig das Thema ist, dass Sie aber leider nicht zuständig sind.

  • 2. Schreiben Sie, dass das Thema oft übersehen wird, Sie jedoch nicht zuständig sind. Versprechen Sie, dass Sie meine Anfrage an eine geeignete Stelle weiter leiten werden. Namen oder Adresse geben Sie mir jedoch nicht weiter. Seien Sie sicher, dass meine Anfrage irgendwo versandet.

  • 3. Installieren Sie eine automatische Antwort, die mir zugestellt wird: "Ihr Schreiben ist bei uns eingegangen. Wir werden es bearbeiten und uns wieder bei Ihnen melden." Verfahren Sie bei weiteren Rückfragen ebenso. "Ihr Schreiben ist bei uns ....."

  • 4. Danken Sie mir für mein Engagment. Teilen Sie mir mit, dass Sie nicht zuständig sind, aber jemanden kennen, der/die zuständig ist. Geben Sie mir Name und Adresse weiter. Dort erhalte ich dann die gleiche Antwort - und spätestens beim vierten Kontakt hat sich der Kreis geschlossen - mir wurde erneut Ihr Name als Ansprechpartnerin genannt. Aber da ich die Antwort ja schon kenne....

  • 5. Als überzeugte Feministin lehnen Sie Unterstützung zum jetzigen Zeitpunkt ab mit dem Hinweis, dass Sie sie gerne gewähren, sobald es keinen einzigen Mann mehr gibt, der die Initiative unterstützt. (s. Ablehnungsgrund Nr. 6)

  • 6. Sagen Sie mir als leitende Mitarbeiterin einer Frauenseelsorgestelle, dass Sie uns leider nicht unterstützen können, solange nicht auch ein Kirchenmann aus der Hierarchie, Domkapitular mindestens, uns unterstützt. (s. Ablehnungsgrund Nr. 5)

  • 7. Teilen Sie mir mit, dass Sie sich über die Initiative Gewaltüberlebender Christinnen freuen und dass es gut wäre, wenn wir in Kontakt bleiben. Konkretisieren Sie dieses Angebot auf keinen Fall und vermeiden Sie Rückfragen, die Interesse signalisieren könnten.

  • 8. Berichten Sie ausführlich von Ihrer bisherigen Beschäftigung mit dem Thema "Gewalt gegen Frauen"  und machen Sie meine Bitte um Unterstützung in der Fülle des von Ihnen Erzählten verschwinden.

  • 9. Berichten Sie ausführlich von Ihren vielen Initiativen und bitten Sie mich, dass ich doch für die Verbreitung Ihres Faltblattes  "Gewaltdekade" Sorge tragen möge. Vermeiden Sie es, auf mein Anliegen einzugehen.

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  • 10. Tun Sie so, als wären Ihnen das Thema und die betroffenen Menschen ein Anliegen. Führen Sie sogar einen lang vorbereiteten  ökumenischen "Impulstag" mit Betroffenen und Interessierten durch. Verwenden Sie dafür ruhig Gelder beider Kirchen. Konfrontieren Sie die Anwesenden möglichst nicht mit den Brutalitäten der Bibel, bieten Sie stattdessen leichte Kost. "Energiearbeit" würde ich Ihnen vorschlagen und statt eines Gottesdienstes empfiehlt sich ein begehbares Labyrinth. Nennen Sie das Ganze "Ritual" - das kommt an und macht sich gut.

  • Wenn dann mehr als die Hälfte der Besucherinnen des Impulstages ihre Adresse hinterlassen, weil sie Interesse an einer langfristigen Gruppe Betroffener haben, dann .... verfallen Sie in Schweigen - schließlich haben Sie doch den Impulstag durchgeführt und das muss reichen!  Es geht ja nicht an, dass Sie sich gar Betroffene ins Haus holen und damit Scherereien jeglicher Art riskieren. Schließlich ging es ja gar nicht um die Betroffenen, sondern um Ihr Image als Frauenreferentin! Vertrauen Sie darauf, dass ich auch das irgendwann einmal kapieren werde.

  • 11. Erkennen Sie endlich, dass Ihr kirchliches Amt, in dem Sie arbeiten, im Grunde genommen, bei Licht betrachtet, wenn Sie es sich genauer anschauen..... eigentlich ein Amt ist und immer schon war, das nichts anderes tut als die Interessen gewaltüberlebender Christinnen zu vertreten. Komisch - so deutlich wurde Ihnen das erst bewusst aufgrund meiner Anfrage. Teilen Sie mir Ihre Erkenntnis mit. Damit erübrigt sich ein Eingehen auf meine Anfrage. Ich werde dann schon noch merken, dass mein Anliegen bei Ihnen bestens aufgehoben ist.

  • 12. Teilen Sie mir mit, dass Sie die Initiative für dringend nötig halten und bitten Sie darum, nach angemessener Zeit über meine Erfahrungen informiert zu werden. Nach Erhalt der Informationen ein Jahr später verfallen Sie in anhaltendes Schweigen.

  • 13. Bekunden Sie Ihr großes Interesse und sagen Sie, dass Sie auf dem Sprung in den Urlaub sind. Versprechen Sie, dass Sie sich nach dem Urlaub wieder melden werden. Lassen Sie mich im Ungewissen darüber, ob es sich um einen mehrwöchigen oder mehrjährigen Urlaub handelt.

  • 14. Zeigen Sie Ihr Engagement in der Sache, weisen Sie auf die bevorstehende Weihnachtszeit (Fasching, österliche Bußzeit, Ostern, Pfingsten, Erntedank, Totengedenken, den nächsten workshop, die nächste Tagung, den nächsten Vortrag....) hin und bitten Sie um Verständnis, dass Sie sich jetzt nicht mit meinem Anliegen auseinandersetzen können. Vergessen Sie nicht, mir gute Wünsche zu Weihnachten, Ostern, Pfingsten, Ferien.... - oder was immer gerade ansteht - , zu übermitteln. Versprechen Sie, sich nach den Feiertagen wieder zu melden. Legen Sie sich aber nicht auf eine Jahreszahl fest.

  • 15. Löschen Sie meine Mail sofort nach Erhalt, antworten Sie nicht. Setzen Sie sich erneut an Ihren Vortrag in meiner Kirchengemeinde "Jeder Mensch braucht einen Engel".

  • 16. Danken Sie für den Erhalt des Schreibens und wünschen Sie mir Gottes Segen. Auf den Inhalt meines Schreibens müssen Sie dann nicht mehr eingehen.

  • 17. Prüfen Sie, ob meine Anfrage einen regionalen Bezug zu Ihrem Arbeitsfeld hat. Ist sie innerhalb Ihres Bezirks angesiedelt, empfehle ich Ihnen Schweigen. Ist sie außerhalb Ihres Bezirks angesiedelt, verweisen Sie auf Ihre Dienstpflichten, die sich an die Grenzen Ihrer Diözese zu halten haben. Überlegungen zur Weltweite des Katholizismus, die Sie kurz zuvor noch gelobt hatten, vergessen Sie bitte. Übersehen Sie auch, dass das Internet nicht an solche Grenzen gebunden ist und dass Sie erst kürzlich Überlegungen über die Risiken, aber auch Chancen dieses Mediums angestellt haben und Ihnen dabei das Wort "Mission" durch den Kopf geisterte.

  • 18. Vergessen Sie alles, was auf der Homepage Ihrer Diözese/Ihres Hauses steht und was mich dummerweise denken machte, Sie wären jemand, die und der ein offenes Ohr für gewaltüberlebende Christinnen hat oder gar mit diesen Unberührbaren zusammen nachdenken wollte, was Not wendend sein könnte.

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  • 19. Erinnern Sie sich an Ihre Weisungsgebundenheit in Ihrem Ressort - gewaltüberlebende Christinnen sind in der Arbeitsbeschreibung irgendwie nicht vorgesehen. Vermeiden Sie auch tunlichst jeden Gedanken an die unter die Räuber Gefallenen. Solche Gedanken sind gefährlich - und auf jeden Fall mit Unannehmlichkeiten verbunden. Davon haben Sie vermutlich sowieso schon zu viele.

  • 20. Weisen Sie Anfragen zurück mit dem Hinweis, dass ein solches Thema "Gewalt gegen Frauen" nicht zum Profil eines christlichen Hauses passe. Lassen Sie sich aber nicht zu konsequentem Tun hinreißen. Fordern Sie also nicht die Entfernung von Jesus aus Ihrem Haus.  

  • 21. Verlinkungsanfragen lehnen Sie mit folgenden Hinweisen ab: Sie dürfen nur Gruppen verlinken, die einen kirchenamtlichen Auftrag haben. Sie dürfen nur verlinken, wenn der Internet-Ausschuss Ihres kirchlichen Amtes zustimmt. Die nächste Sitzung dieses Gremiums ist in einem Jahr zu erwarten. Danach werden Sie mir den Beschluss dieses Gremiums zukommen lassen. Sollten Sie Ihr Versprechen vergessen und ich Sie freundlich erinnern, dann berichten Sie mir, dass die Tagesordnung so umfangreich war, dass die Verlinkungsanfrage nicht mehr behandelt werden konnte. Versichern Sie mir, dass Sie sich bei der Sitzung des kommenden Jahres für die Verlinkung von GottesSuche einsetzen werden. Ganz gewiss. Sie können auch immer darauf hinweisen, dass Sie schlicht außerstande sind, gewaltüberlebende Christinnen einer bestehenden Linkkategorie zuzuordnen und Sie deshalb die Verlinkung ablehnen müssen. Bitten Sie in allen genannten Fällen um mein Verständnis für Ihre Notlage.

  • 22. Wenn Sie sich leichtfertigerweise, vielleicht in vorweihnachtlich-nostalgischer Stimmung, in ein Gespräch mit mir haben verwickeln lassen, mich dann aber so schnell wie möglich wieder loswerden wollen, empfehle ich Ihnen, dass Sie mich nach meinen kirchlichen UnterstützerInnen fragen. Wen auch immer ich Ihnen dann nennen werde, den lassen Sie als Gewährsfrau oder Gewährsmann nicht durchgehen. Da könnte ja jede kommen....

  • 23. Sollte ich Sie dezent darauf hinweisen, dass Jesus v.N.  Ihre Zurückweisung nicht unterschreiben könnte - lassen Sie sich auf gar keinen Fall auf eine Diskussion ein! Nutzen Sie einfach die Ihnen zuhandenen Mittel der Zurückweisung. Am effektivsten und Zeit sparendsten ist noch allemal das Schweigen.

  • 24. Gleichgültig an welcher Stelle der kirchlichen Hierarchie Ihre Arbeit angesiedelt ist, reagieren Sie auf meine Anfrage mit dem Hinweis, dass Sie Ihre Kompetenzen überschreiten, wenn Sie mit mir überlegen, was im Interesse Gewaltüberlebender in der Kirche getan werden könnte.

  • 25. Als Frau in der katholischen Kirche haben Sie immer die Möglichkeit, mich an einen Kirchenmann, der naturgemäß höher als Sie in der Hierarchie steht, zu verweisen. Lassen Sie sich auch nicht irritieren durch meine Verblüffung, dass für das Thema "Wege der Kirche zu traumatisierten Christinnen" ein Mann zuständig sein soll und jedenfalls nicht die Frauenseelsorge.

  • 26. Schlagen Sie mir - ungefragt! - vor, dass die Kirche das Projekt GottesSuche finanziell unterstützen könnte. Bedauern Sie, dass Sie in der kirchlichen Frauenarbeit dafür leider kein Geld hat. Und geben Sie mir die Adresse des katholischen Männerbüros an mit dem Hinweis, dass die Männerarbeit Gelder habe.

  • 27. Beklagen Sie als Frauenseelsorgerinnen den Mangel an Seelsorge für Frauen rund um die Themen "Schwangerschaft - Geburt und Gewalt gegen Frauen". Da ich hoch erfreut darüber bin, dass Sie den Mangel erkennen, schreibe ich Ihnen. Reagieren Sie auf mein Schreiben nicht.

  • 28. Verwirren Sie mich mit Ihrem Kommunikationsstil etwa in dieser Art: Ich schreibe, dass ich Ihnen  - einer diözesanen Frauenseelsorgestelle - von einem erprobten, aber innerkirchlich weitgehend unbekannten Weg zu traumatisierten Christinnen, nämlich "GottesSuche", erzählen möchte. Ich benenne als mein Anliegen, dass ich mit Ihnen zusammen überlegen möchte, welche Formen von Unterstützung diese Menschengruppe braucht. Antworten Sie mir, dass Sie leider nicht weiterhelfen können, weil Sie nicht wüssten, wo in der Kirche das Thema "Gewalt gegen Frauen" solcherart verhandelt würde.

  • 29. Zeigen Sie mir die vielen Aktenordner Ihres kirchlichen Büros, in denen Sie die Texte zu Gewalt abgeheftet haben und dokumentieren Sie mir damit, wie sehr Ihre Kirche sich gegen Gewalt engagiert. Sagen Sie mir zugleich, dass  es für eine Anfrage nach Verbundenheit und Unterstützung Gewaltüberlebender durch die Kirche einfach "noch zu früh für die Kirche" sei. Die sei noch nicht darauf vorbereitet. Stimmt: 2000 Jahre Erzählen vom barmherzigen Samariter sind wirklich kein ausreichender Zeitraum, um sich Rechenschaft darüber abzulegen, was zu tun ist, wenn die Seele von Menschen gemordet wurde.

  • 30. Sagen Sie mir, dass Sie als Vertreterin kirchlicher Frauenarbeit sich leider nicht empfehlend für eine Initiative wie GottesSuche einsetzen dürfen. Benennen Sie auf keinen Fall Begründungen dafür! Schreiben Sie mir - wenige Wochen später - ich möge Sie als Ihre Verbündete betrachten, dürfe dies aber an keiner Stelle öffentlich kenntlich machen. Überlassen Sie mich dann meiner Ratlosigkeit, wie klammheimliches Verbündetsein gehen kann und wozu es dient - und vor allem: wem.

  • 31. Zeigen Sie sich angemessen ratlos, warum Christinnen mit Gewalterfahrungen sich ausgerechnet an Kirche(n) wenden. Weisen Sie freundlich auf die vielen uneigennützigen und guten Opferhilfegruppierungen hin - bevorzugt auf jene, die sich mit Gewalt in der Ferne und gegenüber Fremden befassen. (Anm.: Auch ich halte diese Gruppen für notwendig und gut. Nur scheinen sie in amtskirchlicher Optik als Feigenblatt zu dienen, das hilft, die Gewalt gegen die eigenen Frauen und die in der Nähe zu verschleiern.)

  • 32. Prüfen Sie in Kontakten mit mir, ob Gewaltopfer Ihrem eigenen Kampf gegen frauenfeindliche kirchliche Strukturen dienlich sind oder nicht. Können Sie die Nützlichkeit Gewaltüberlebender für Ihre Ziele nicht finden, dann scheuen Sie sich nicht, Letztere fallenzulassen, um weiterhin ungehindert gegen frauenfeindliche Strukturen kämpfen zu können. Lassen Sie sich in Ihrem Wohlbefinden nicht stören durch den Gedanken, dass Sie dadurch mithelfen, die ganz alltägliche Gewalt gegen die Frauen in Ihrem Nahbereich - womöglich des Sonntags neben Ihnen in der Kirchenbank - zu verschleiern. Es gibt einfach Wichtigeres zu tun.

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  • 33. Klagen Sie über die Belastungen, denen Sie in Ihrer kirchlichen Arbeit ausgesetzt sind und vermitteln Sie mir das Gefühl, dass die Schwierigkeiten des Lebens Traumatisierter mit den Gewaltfolgen eigentlich eine Kleinigkeit und nicht der Rede wert sind angesichts Ihrer eigenen Sorge vor Entlassung oder Umstrukturierung Ihrer kirchlichen Arbeit. Entlassen Sie mich aus diesem Gespräch mit dem flauen Gefühl, dass ich die Situation völlig fehl einschätzte: Die wahren Opfer sind nicht Gewaltüberlebende - die wahren Opfer, die der Solidarität und meiner Hilfe bedürfen, sind kirchliche Frauenarbeiterinnnen, die vielfältige Traumatisierungen (s.o.) erleiden. (Noch pikanter wurde der Hinweis dieser Kirchenmitarbeiterin, als ich später erfuhr, dass sie Psychologin ist und den Unterschied zwischen einer Lebensbelastung durch berufliche Veränderungen und der Traumatisierung durch Menschengewalt kennen müsste. Offensichtlich zog sie es vor, sich dumm zu stellen, um nur ja nicht mit Gewaltbetroffenen in Kontakt kommen zu müssen.)

  • 34. Sprechen Sie mir davon, dass es gewalttätig und geradezu traumatisierend für die TeilnehmerInnen Ihres Frauenverbandes ist, wenn Sie diesen Frauen (und Männern/Pfarrern) beim Fortbildungs- und Jahrestreffen das Thema "Gewalt" aufdrücken und dass Sie dies nicht tun dürfen, weil Sie selbst damit nachgerade zur Gewalttäterin werden. Und, nicht wahr?!, es geht doch darum, Gewalt zu reduzieren?!

  • 35. Erklären Sie mir, dem Opfer, dass das Versöhnungsangebot Gottes doch allen Menschen gilt. Sprechen Sie mir mit klerikalem Tonfall - der ist auch Frau gottgegeben -, dass auch die Täter Gottes geliebte Kinder sind und dass auch ihnen die Fürsorge der Kirche zu gelten habe. Am besten fragen Sie mich um Rat, wie um Himmels Willen denn mit Tätern umzugehen sei. Hinfort sind Sie und ich mit dem Täterwohl beschäftigt und die Opfer sind vergessen. Und wieder einmal tue ich, was ich kenne: Ich sorge für die Täter, früh gelernt, nie ganz vergessen und mit Ihrer Frage wieder brutal gegenwärtig. Diese Frage hat noch einen immensen, nicht zu unterschlagenden Vorteil: In Wirklichkeit müssen Sie sich dann nämlich mit niemandem beschäftigen: Mit den Opfern nicht, die tauchen nämlich spätestens bei der Frage nach dem Täterwohl ab, so wie ich. Mit den Tätern müssen Sie sich auch nicht rumschlagen, denn die gibt es gar nicht, die sind chronisch unschuldig und der Vergebung Gottes nicht bedürftig. Damit hat sich die Unterstützungsbitte für Opfer ein für allemal erledigt. Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen - das macht Ihnen so schnell niemand nach. Ihre Vorgesetzten werden Sie wegen innovativ-kreativem Umgang mit Problemgruppen loben, Ihnen die Zeitersparnis hoch anrechnen und das Vorgehen in die geheimen Dienstanweisungen für MitarbeiterInnen deutschlandweit aufnehmen. Gehaltserhöhung ist Ihnen sicher und die Sie ständig bedrohende Entlassung vorerst abgewehrt. Und mit mir müssen Sie sich garantiert nicht mehr beschäftigen.

  • 36. Ich habe Sie als Hauptverantwortliche für einen Frauentag zur Gewaltdekade im Vorfeld der Veranstaltung gebeten, die Opferperspektive im Nahbereich in den Blick zu nehmen. Danken Sie mir für diesen Hinweis. Teilen Sie mir nach Beendigung der Veranstaltung mit, dass Sie mein Schreiben an die zuständige Referentin weitergeleitet haben. Vertrauen Sie darauf, dass die zuständige Referentin entweder schweigt oder nicht zuständig ist oder als Nicht-Zuständige schweigen wird. Informieren Sie mich, dass es am "Tag der Frauen" stärker als auf die Opferperspektive im Nahbereich darauf ankam, die Dekade insgesamt ins Bewusstsein der Frauen zu rufen und durch konkrete Beispiele die Frauen zu ermutigen, das Thema auch in ihren Gruppen zu diskutieren. Schließlich gehe es ja darum, dass die Welt "ein bisschen friedlicher" werde. Seien Sie versichert, dass ich mich bemühe rauszufinden, wann diese "ein bisschen friedlichere Welt" auch bei den Betroffenen ankommt.

  • 37. Antworten Sie auf mein Schreiben mit der Ankündigung einer Antwort. Vergessen Sie anschließend sowohl Ihre Ankündigung der Antwort als auch Ihre ausstehende Antwort - und vertrauen Sie darauf, dass ich Sie nicht durch eine erneute Nachfrage in Verlegenheit bringen werde.

  • 38. Folgen Sie dem Rat eines Freundes, der Ihnen bestätigt, dass Ihr bisheriges Vorgehen mir gegenüber richtig war. Er hat Ihnen empfohlen, "mit Menschen, die in diesem Bereich eine negative Erfahrung gemacht haben, sehr sensibel umzugehen und alles zu vermeiden, Prozesse emotional anzuheizen." Der Freund meint also, Sie sollten weiter tun, was Sie bisher schon taten: verharmlosen und vor allem, mich abwimmeln. Und ein frohes Osterfest wünscht er Ihnen auch noch. Lassen Sie sich nicht dadurch irritieren, dass mir das Schreiben Ihres Freundes durch einen technischen Zufall bekannt wurde. Vertrauen Sie darauf, dass ich noch lernen werde, dass dies zur Struktur des kirchlichen Umgangs mit Gewaltüberlebenden gehört, dass hinter ihrem Rücken über sie, nicht jedoch von Angesicht zu Angesicht mit ihnen gesprochen wird. Vertrauen Sie auch darauf, dass ich noch lernen werde, dass das Wort "sensibler Umgang" innerkirchlich ein Synonym für "Schweigen" ist.

  • 39. Verhandeln Sie das Thema "Gewalt gegen Frauen im Nahbereich" in gemischtgeschlechtlichen Gruppen. Verstricken Sie sich in Machtkämpfe entlang der Linie Männer - Frauen. Übersehen Sie, dass die eigentlichen Trennungslinien entlang der Gruppen Täter - Opfer - Zuschauer verlaufen. Seien Sie versichert, dass Sie mit den Machtkämpfen so beschäftigt sein werden, dass die Opfer von Gewalt im Nahbereich einfach aus dem Blick geraten.

  • 40.  Beteiligen Sie am Diskurs über "Gewalt im Nahbereich" TäterInnen und ZuschauerInnen. Nur eine Gruppe dürfen Sie nicht beteiligen: die Opfer. Nennen Sie diese Ausgrenzung der Opfer "Fürsorge". Dann bemerken andere erst bei genauem Hinschauen, dass Sie die Opfer in Wirklichkeit für dialogunfähig bis unzurechnungsfähig halten, mindestens jedoch für Menschen, die den Dialog stören.

  • 41. Im Gespräch mit mir stellen Sie fest, dass in den Beratungsstellen täglich Frauen mit Gewalterfahrungen anklopfen - manche von ihnen zunächst mit einem anderen Anliegen, hinter dem erst nach einiger Zeit die Gewalterfahrung sichtbar wird. Sie sind flüchtig verwundert, dass alle diese Frauen, mit denen Ihre Mitarbeiterinnen in Beratungsstellen zu tun haben, an Ihrem Arbeitsplatz nicht vorkommen, obwohl Sie doch diejenige sind, die in Ihrer Landeskirche das Thema "Frauen und Gewalt" bündelt. Gehen Sie jedoch Ihrer Verwunderung nicht nach, widmen Sie sich vielmehr weiterhin mit voller Kraft der internationalen Vernetzung von Hilfestellen gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution. Seien Sie versichert, dass ich volles Verständnis habe, dass auch diese Frauen Hilfe brauchen. Lassen Sie sich nicht beirren davon, dass ich weiterhin denke, auch Frauen, die hierzulande Gewalt erleb(t)en, bedürften der Hilfe und Solidarität. Bitten Sie einfach um Verständnis, dass Sie nicht alles zugleich tun können. Verweisen Sie mich an N.N. und geben Sie nicht zu erkennen, dass Sie auch nicht weiter wissen, nachdem ich Ihnen sagte, dass ich alle diese Stellen seit Jahren vergeblich angesprochen habe. Empfehlen Sie mir am Ende, zur Polizei zu gehen. Die seien immer dankbar für Unterstützung.

  • 42. Bieten Sie mir Geld an; für Einzelfallhilfe. Lassen Sie sich nicht aus der Ruhe bringen, wenn ich sage, ich brauche kein Geld, sondern wir brauchen öffentliche Solidarität. Bedauern Sie, dass Sie die nicht leisten können und lassen Sie uns über Geld reden, das ich nicht brauche.

  • 43. Schreiben Sie in flyer zu Ihrer Veranstaltung gegen Gewalt an Frauen, - an die Sie sich nicht gewöhnen wollen -, dass Sie sowohl ökumenische Gruppierungen als auch die Ökumene überschreitende Gruppierungen, die gegen Gewalt an Frauen arbeiten, vernetzen. Wenn ich Sie ernst und beim Wort nehme und um einen Link bitten, lehnen Sie das mit Hinweis auf Arbeitsüberlastung ab. Verhindern Sie, dass ich rausfinde, was Sie mit "Vernetzung" meinten, wenn Sie nicht "Verlinkung" meinten.

  • 44. Auf meine Anfrage nach SeelsorgerInnen mit Kenntnissen im Umgang mit gewalttraumatisierten Frauen nennen Sie mir 2 Namen. Verbinden Sie diese Information mit der Bitte, die Namen nicht zu veröffentlichen und auch keinen Link auf Ihre kirchliche Beratungsstelle zu setzen. Nennen Sie mir als Begründung Ihre Sorge, dass Sie mit Anfragen überschwemmt werden könnten. Seien Sie versichert, dass keine betroffene Frau Ihre Beratungsstelle in Anspruch nehmen wird - aus Sorge, sie könne zu einer Überschwemmung beitragen. Wie schrecklich so eine Überschwemmung ist, haben wir Weihnachten 2004 mitansehen müssen.

  • 45. Erzählen Sie an einem Bibelabend einer kleinen Frauengruppe zu Mt 2, bei dem ich anwesend bin, dass die Gewalt DAS Problem unserer Welt sei. Stehen Sie zu Ihrer Überzeugung, dass dagegen nur die "Transformation" hülfe, die in einer Vernetzung aller Menschen besteht, die sich der Gewaltlosigkeit verschrieben haben. Sprechen Sie lange und ausführlich darüber, weil Sie überzeugt sind, dass Ihre Zuhörerinnen davon noch gar nichts wissen. Und vor allem: Erinnern Sie sich nicht, dass Sie von mir zwei Mails erhielten mit der Bitte, eine Gruppe Gewaltüberlebender in der Region und zwei Veranstaltungen zum Thema in der gleichen Region "Gewalt, über die man nicht spricht" zu verlinken und bekannt zu machen. Seien Sie sicher, dass Ihr Wort und Ihr dem Wort so widersprechendes Tun mich dermaßen verwirren, dass ich nicht in der Lage bin, Sie auf die Diskrepanz aufmerksam zu machen.

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  • 46. Wenn ich Sie als Seelsorgerin Ihrer Kirche nach Seelsorge für Gewaltüberlebende frage, dann verweisen Sie mich an das Autonome Frauenhaus oder an Wildwasser. Lassen Sie sich nicht irritieren, wenn ich rückfrage, seit wann diese beiden durchaus hilfreichen Institutionen sich in christlicher Seelsorge qualifiziert haben. Das ist mir nämlich neu.

  • 47. Gesetzt den Fall Sie seien Missbrauchsbeauftragter einer Diözese und Ihnen würde ein Buch bekannt. Das Buch hat eine Frau geschrieben, die als junges Mädchen von einem Ihrer Mitarbeiter, einem kath. Priester, missbraucht wurde. Sie stellen dieses Buch in einem Gremium - in welchem auch immer - Ihres Ordinariates vor und weisen darauf hin, dass das Buch ein Roman sei, d.h. dass kein Handlungsbedarf für Sie als Missbrauchsbeauftragter besteht. Zugleich bieten Sie über einen Kontaktmann der Autorin des "Romans" an, dass Ihre Diözese die Therapiekosten übernimmt. Lassen Sie nicht zu, dass Ihnen das Bizarre Ihres Verhaltens bewusst wird: Seit wann braucht es nach dem Schreiben eines Romans eine Therapie?

  • 48. Wenn Sie einen Praxispreis für Projekte ausloben, die besonders kreativ, besonders ungewöhnlich, nachhaltig, ergfolgreich, innovativ, modellhaft und mit großer Auswirkung sind, dann achten Sie unbedingt darauf, dass niemand, der nicht Ihrem kirchlichen Verband angehört, sich bewirbt. Machen Sie sich auch keine Gedanken darüber, ob die Eingrenzung auf Verbandszugehörigkeit sinnvoll ist. Weichen Sie nicht von Ihrem Prinzip ab, da könnte ja jede kommen...

  • 49. Wenn Sie eine Großveranstaltung planen, in der Sie in 2 Stunden die gesamte katholische Kirche auf ihren Reformbedarf festnageln wollen, dann fragen Sie doch Gewaltüberlebende an und speziell jene, die Opfer "pädophiler" Priester waren. Beim Thema "Pädophilie" können Sie der Sympathie aller Gutwilligen sicher sein. Bemühen Sie sich, die Täter zu verstehen und fragen Sie Opfer an, ob sie beim Täterverständnis mitmachen wollen. Wenn die Opfer darauf beharren, sich nicht für Ihr Interesse an der Kirchenreform instrumentalisieren zu lassen und auch kein Interesse daran zu haben, über Täter zu sprechen, dann reagieren Sie doch mit einer neuen Opferbeschuldigung. Sie könnten dann etwa schreiben: „Die Erfahrung der Opfer, instrumentalisiert worden zu sein, wird wahrscheinlich deren Wahrnehmung immer prägen, gleich wie jemand versucht, dem vorzubeugen.“ Mit diesem Satz signalisieren Sie Opfern, dass die nicht einmal dazu taugen, als Demonstrationsobjekt für die Reformbedürftigkeit der Kirche herzuhalten. Wichtig ist dabei, dass Sie kein Argument von Opfern gelten lassen, denn die fürchten ja permanent, instrumentalisiert zu werden. Und also sind deren Argumente nicht bedenkenswert, denn Opfer haben automatisch eine eingeschränkte Wahrnehmung.

  • 50. In Rom fand ein großer Kongress zum Missbrauchsthema statt. Wenn Sie einer der Initiatoren sind, der häufig auf Pressekonferenzen spricht und auf einer dieser Pressekonferenzen verkündet, Homosexuelle seien anfälliger für Sexualstraftaten, und wenn Sie dann nach einem wissenschaftlichen Beleg für diese Behauptung gefragt werden, dann legen Sie doch die schlcihte Rechnung eines hochrangigen Vatikanbeamten vor, die schon einige Jahre alt ist. Und wenn Sie sicher sein wollen, dass Ihr Beleg nicht verstanden wird, dann benutzen Sie am besten die italienische Sprache - oder noch besser: die polnische Sprache.

  • 51. Wenn Sie um eine nachgerade kleine finanzielle Unterstützung für die Gewaltarbeit gebeten werden, so verweisen Sie mich an das zuständige Gremium der Kirche. Sie können dann sicher sein, dass es die Unterstützung des kirchlichen Gremiums nicht geben wird, denn (völlig gleichgültig, welche Instanz und welches Gremium Sie empfehlen!) das jeweils angefragte Gremium ist einfach nicht zuständig. Da können Sie dann leider auch nichts machen. Sie können mich nur bitten, dass ich für das jeweils angefragte Gremium Verständnis aufbringen möge. Bitte, vermeiden Sie jedoch Formulierungen in Ihrer Absage, die unmissverständlich zeigen, dass "die Kirche" genug mit sich selber und ihren Gruppen zu tun hat. So riskieren Sie nämlich, dass Gewaltüberlebende den Schluss ziehen, dass sie nicht zur Kirche gehören, sondern draußen stehen. Das könnte uns - wiewohl es die Wahrheit ist - ziemlich bitter aufstoßen.

  • 52. Wenn alles nicht hilft, machen Sie doch aus den inhaltlichen Überlegungen Machtfragen. Fragen Sie nach meiner kirchenamtlichen Beauftragung - aber Sie ahnen die Antwort vermutlich schon: Ich kann sie Ihnen nicht nachweisen - Ihre KollegInnen, mit denen ich das Gespräch über die Einbindung der Initiative in die Kirche(n) suchte, haben eine der Vorgehensvarianten gegenüber meinen Kontaktversuchen gewählt, die ich oben beschrieben habe. Und sie haben Erfolg damit.

  • 53. Veröffentlichen Sie als Pfarrer und Mitarbeiter eines priesterlichen Täters, der entgegen den Bistumsanweisungen weiterhin als Seelsorger arbeitet, in Ihrem Pfarrblatt die sog. Forschung des "false-memory-syndroms". Meinen Hinweis auf die Fragwürdigkeit dieser "Forschung" wehren Sie mit dem Argument ab, Sie müssten ja studieren, wenn Sie das verstehen und beurteilen wollten. Übersehen Sie einfach, dass es fürs Erste genügen würde, den Opfern zu glauben. Übersehen Sie auch, dass Ihr Kollege die Missbräuche gestanden hat und sich bei seinen Opfern entschuldigte. Beharren Sie darauf, dass die Opfer lügen und ignorieren Sie das Geständnis des Täters. Behaupten Sie einfach - auch ohne Studium - weiterhin, dass es erwiesen ist, dass Opfer sich einen Missbrauch einreden lassen. Und natürlich nehmen Sie das Pfarrblatt wieder aus dem Internet. Es hat ja seinen Zweck erfülölt: Opfer zu verleumden und Täter zu Unschuldigen zu machen.
Ich fürchte, diese Satire ist keine. Sie ist bittere Realität - auch im 6. Jahr nach dem sog. Krisenjahr der katholischen Kirche.
Letzte Änderung: 4.10.2015
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