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Sehr verletzt durch Vergebungsforderungen an die Opfer sexualisierter Gewalt habe ich mich zu folgendem Text entschlossen. Eingeflossen sind Gedanken von dieser Homepage (Opfermythen), Impulse aus einem Gespräch mit einer Theologin, einer Fortbildung und dem Buch von Hannah Arendt " Über das Böse- Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik"

Vergebung

Es ist praktisch unmöglich, sich mit dem Thema sexualisierte Gewalt im kirchlichen Raum zu bewegen,
ohne dass irgendein guter Christ wohlwollend zur Vergebung aufruft.
Natürlich die Opfer eben dieser Gewalt, wen sonst.

Da fliehe ich entsetzt aus dem Raum oder tief in mich hinein,
aber das Wort findet seinen Weg in mein Gehirn.
Und dort fängt eine Stimme an zu flüstern.
Kein Wunder, flüstert sie, dass du keine Ruhe findest,
dass dich Erinnerungsfilme ins Chaos stürzen, du dir nachts die Albträume einfängst
 – es liegt an dir, du kannst nicht vergeben.

Die alten Muster sitzen tief.

Aber was will denn jemand erreichen, der die Opfer zur Vergebung auffordert,
statt die Täter zu Schuldbekenntnis und Buße?
Auch solche Gebete wären ja möglich.
Er beruhigt sein Gewissen.
Vielleicht müsste er ja sonst etwas tun,
dort wo Menschen zum Opfer werden.
Ganz konkret mit dazu beitragen,
dass die Opfer geschützt und die Täter zur Verantwortung gezogen werden.
Aber dann wird für alle sichtbar, was geschehen ist.
Und was bedeutet das für den Ruf unserer Kirche?

Also ist es sehr viel klüger, die Opfer zum Schweigen zu bringen,
ihnen eine Aufgabe zu geben, die sie beschäftigt
und die sie vermutlich nie lösen werden.
Mich erinnert diese Vergebungsforderung an die Märchen,
wo derjenige, der eine tödliche Gefahr vom Königreich abwendet,
die Hand der Prinzessin versprochen bekommt.
Dann siegt er tatsächlich, kommt lebend zurück, überlebt,
und der alte König hat eine neue lebensgefährliche Aufgabe für unseren Helden.
Danach bekommt er dann sicher die Prinzessin.

So sind alle beschäftigt,
die Opfer müssen im Kampf gegen das Böse überleben.
Die Täter bleiben unsichtbar im Dunkel
und die guten Menschen können in Frieden schlafen,
zum Abendmahl gehen und während der Predigt überlegen,
was es zum Mittagessen geben wird.

Hat nicht Jesus selbst am Kreuz vergeben?

Nun, genau das hat er nicht.
Vater vergib ihnen, hat er gesagt, denn sie wissen nicht was sie tun.
Das steht in meiner Bibel.
Meinte er damit,
dass die Täter und Mitwisser in dieser emotionalen Unwissenheit über die Folgen ihrer Taten bleiben?
Dass sie nie begreifen und spüren werden, was sie denen angetan haben,
die ihnen zum Opfer gefallen sind?
Beinhaltet Gottes Vergebung nicht gerade die Erkenntnis dessen, was wir tun?
Reißt uns sein Geist nicht aus unseren friedlichen religiösen Gefühlen in eine Klarheit,
die kaum auszuhalten ist?

Und wenn das Leid seit der alten Geschichte der Vertreibung aus dem Paradies zum menschlichen Leben gehört,
wenn das Leid dieser Welt auch die fürchterliche Wahrheit beinhaltet,
dass Menschen anderen Menschen zum Opfer fallen,
gehört dann nicht auch die Frucht vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen dazu?
Ist uns nicht allen die Fähigkeit gegeben, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden?
Macht nicht gerade unser Gewissen uns zum Menschen?

Die Frucht vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen ist denen dringend anzuraten,
die die Frage der Vergebung den Opfern auflasten.
Diese Frage gehört zu den Tätern und zu Gott.
Und nach allem was ich zu Vergebung gehört habe,
ist Vergebung eingelullt in das Leugnen oder Nichtbegreifen einer Schuld nicht zu haben.
Vor der Vergebung liegt die Umkehr,
vor der Umkehr das Begreifen,
was die Tat angerichtet hat.
Die einzig wirksame Therapie von Tätern besteht darin,
dass sie begreifen, spüren und fühlen, was sie getan haben.

Bei Hannah Arendt1 habe ich gelesen,
dass es nicht ausreicht gegen das Böse,
Menschen zu sagen, das darfst du nicht tun.
Auch Auschwitz war möglich,
nachdem es jemand erlaubt und befohlen hatte.
Ich kann das nicht, so schreibt Hannah Arendt,
ist die einzige wirkliche Waffe gegen das Böse.
Etwas nicht können bedeutet,
ich fühle und spüre, was es anrichten würde, wenn ich es tue.
Ich fühle mit Herz und Verstand, ich habe nicht das Recht, so zu handeln.
Denn nach dieser Tat werde ich mit mir, der Welt und Gott nicht mehr wirklich leben können.
Deshalb kann ich es nicht tun.

In der Konsequenz heißt das für mich,
die Vergebung eines Verbrechens kann gar nicht das Opfer vorschnell aussprechen.
In dieser Konsequenz der Vergebung muss der Täter um Vergebung, Buße, Sühne kämpfen,
nachdem er begriffen und gespürt hat, was er getan hat.
Falls er jemals aushalten kann,
was seine Tat an Unheil bewirkt hat.
Vergebung kann letztlich nur erlangen,
wer sich selbst und seiner Schuld begegnen kann.

Und diesen Kampf muss er mit dem führen,
der dafür zuständig ist, Sünden zu vergeben oder zu behalten, mit Gott.

Sollte eine Kirche, die sich selbst noch ernst nehmen will,
nicht genau das predigen im Umgang mit sexualisierter Gewalt?
Annette

1
"Über das Böse - Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik" Piper Verlag GmbH, München 2006

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