Betroffene

Fünf Mythen, die der Opferbeschuldigung, der Opferausgrenzung und dem Täterschutz dienen

Immer neu muss ich mich mit Varianten der Opferbeschuldigung und der Täterentschuldigung auseinandersetzen. Dieses Denken ist auch im kirchlichen Raum verbreitet. Damit ich nicht jedes Mal wieder Aufklärungsarbeit per Mail zu leisten habe, seien hier einige der gängigen Mythen über Gewalt und Gewaltopfer benannt, wie sie im kirchlichen Raum zirkulieren. Nicht immer werden sie so direkt ausgesprochen, oft sind sie nur unterschwellig virulent.

Mythos 1: "Die Opfer müssen vergeben, sonst werden sie nie geheilt. Sie sind dann selber schuld, wenn sie psychosomatisch erkranken."

Ja, es stimmt: Vergebung IST heilsam. Es stimmt auch, dass Gewaltopfer unter vielfältigen psychosomatischen Krankheiten und Beschwerden zu leiden haben: unter Schlaflosigkeit, Alpträumen, Rückenschmerzen, sonstigen chronischen Schmerzen, Angst, Unruhe, .... die Liste ist entsetzlich lang.
Nur der Zusammenhang, in den Erkrankung und Vergebung gestellt werden, der ist leider falsch. Denn die psychosomatischen Krankheiten sind keine Folge davon, dass Opfer nicht vergeben - sie sind eine Folge der Gewalterfahrungen. Die Vergebungsforderung verknüpft Krankheit mit Schuld. Die Schuld an den psychosomatischen Krankheiten macht sie nicht da fest, wo sie liegt: bei den Tätern. Vielmehr bürdet sie sie den Opfern auf, weil die den - im Übrigen chronisch unschuldigen - Tätern nicht vergeben.

Diese Vergebungsforderung kommt unter dem Deckmantel der Fürsorge für die Gesundheit von Gewaltopfern einher. Sie erweckt den Eindruck, als wollen jene, die von Opfern Vergebung verlangen, nur das Beste für die Opfer.

Aber sie dient allen Beteiligten an Gewalt - nur nicht den Opfern, denen sie zu helfen vorgibt.
Sie dient in Wirklichkeit den Tätern: Das hätten sie gerne, dass ihnen schon vergeben ist, bevor sie Einsicht zeigen, bereuen, um Vergebung bitten und wieder gut machen, was vielleicht noch gut zu machen ist! Schwamm drüber, reden wir nicht mehr davon. War ja nicht so schlimm, vergeben - und vergessen!

Sie dient auch den Zuschauern der Gewalt. Wieder einmal können Zuschauer zuschauen. Diesmal können sie zuschauen, ob die Gewaltopfer die Vergebung denn nun "hinkriegen" oder wieder einmal versagen. Sie müssen nichts tun. Sie müssen nicht mit den Opfern solidarisch sein; sie müssen keinen Konflikt mit Tätern und einer täterschützenden Kirche aushalten. Sie müssen nicht die oft große Not der Opfer aushalten - sie müssen wirklich nur tun, was Zuschauer und Zuschauerinnen immer schon tun: zuschauen.


Mythos 2: "Täter waren selber früher Opfer."1

Das stimmt mit hoher Sicherheit. Wir erfahren es in dieser Form bei jedem Prozess, in dem Gewalttaten verhandelt werden: Der Täter war früher einmal selbst Opfer.
Die Frage ist jedoch, ob Täter weniger Täter sind, weil sie früher einmal Opfer waren. Und ob Opfer weniger Opfer sind, weil die Täter früher einmal Opfer waren. Eine aktuelle repräsentative Studie hat für Deutschland ergeben, dass 40% aller Frauen in Deutschland Opfer von Gewalt werden. Würden diese Frauen zu Täterinnen, dann müssten unsere Gefängnisse voller Frauen sein. Deren Anteil an der Gesamtzahl der Gefängnisinsassen, die für Gewalttaten verurteilt wurden, liegt jedoch bei nur 4-5%. Das Argument, dass Opfer zu Tätern werden, kann so also nicht stimmen. Offensichtlich haben Opfer von Gewalt durchaus eine Wahl. Sie können entscheiden, ob sie GewalttäterInnen werden wollen - oder nicht. Die Aussage, dass Täter früher selbst Opfer waren, dient - jenseits ihres Wahrheitsgehaltes - einer doppelten Verschleierung: Sie soll den Gewalttäter entschuldigen und seine Gewalttat weniger schlimm machen. Ganz nebenbei wird aus dem Opfer eines Gewaltverbrechens dann jemand, der irgendwie weniger oder vielleicht sogar gar kein Opfer ist - wer weiß? Zugleich wird damit das verantwortliche Handeln jener Gewaltopfer, die NICHT zu Gewalttäterinnen (und hoffentlich auch Gewalttätern!) werden, unsichtbar gemacht. Nicht zufällig wird damit gerade die Stärke von Frauen unterschlagen, die sich entschieden haben, die erfahrene Gewalt gerade nicht an andere Menschen weiterzugeben.
Der Hinweis, dass Täter früher selbst einmal Opfer waren, dient dem Täterschutz. Und er dient der Verunglimpfung der Opfer. Er unterstellt nämlich klammheimlich, dass heutige Opfer in Wirklichkeit künftige GewalttäterInnen sind. Auch dies ist eine Möglichkeit, Opfer von Gewalt mundtot zu machen.


Mythos 3: "Opfer sind zugleich Täterinnen. Sie haben Anteil an der an ihnen verübten Gewalt."

Es ist sicher richtig, dass Gewaltopfer nicht die besseren Menschen sind. Auch Gewaltopfer begehen Unrecht. Auch sie sind fehlbare Menschen. Dies jedoch ist mit der Aussage, Opfer seien zugleich Täterinnen, gar nicht gemeint.
Gemeint ist vielmehr, dass Gewaltopfer "irgendwie" mitschuld daran sind, dass Täter gar nicht anders konnten als zur Gewalt zu greifen. Die Gleichsetzung von Opfer und Täterin und die ausdrückliche Schuldzuweisung und Verantwortlichmachung der Opfer (!) für die Gewalt (!), ist eine Variante der Opferbeschuldigung. Sie relativiert die Verantwortlichkeit der Täter. Zugleich entlastet eine solche Opferbeschuldigung die weiterhin schweigende und schweigend zuschauende Kirche und Gesellschaft: Auch die Opfer von Gewalt sind ja irgendwie Schuld an der Gewalt. Und schließlich trägt diese Opferbeschuldigung und Täterentschuldigung dazu bei, dass Opfer weiterhin isoliert werden und schweigen müssen. Sie riskieren ansonsten, als Täterinnen gebrandmarkt zu werden. Von den Folgen einer Brandmarkung verstehen Gewaltopfer eine Menge. Ihr setzen sie sich nie wieder aus. Sie schweigen.
Ein Verbündeter gab zu bedenken, dass eine Formulierung, die Täter und Opfer von Gewalt in einen Topf wirft, nur auf eine schlampige, fahrlässige und verkürzte Formulierung zurückzuführen sei. Ich wünschte, er hätte Recht. Ich fürchte, er hat Unrecht - und er übersieht, dass Opferbeschuldigung System hat.

Mythos 4: "Auch Männer sind Opfer von Gewalt. Auch Frauen sind Täterinnen. Deswegen darf nicht explizit von Frauen als Opfer gesprochen werden. "

So ist es. So ist es wirklich. Diese Aussage ist zweifellos richtig: Auch Männer sind Opfer von Gewalt und auch Frauen sind Täterinnen! Das darf aber nicht dazu führen, dass wir den geschlechtsspezifischen Blick auf die unterschiedliche Verteilung von Männern und Frauen unter den Gewaltopfern und den GewalttäterInnen verlieren. Die große Mehrheit der Gewalttäter ist männlich; sonst wären nicht 95% derer, die wegen Gewalttaten verurteilt wurden, Männer. Derzeit gibt es keine zuverlässigen Zahlen über Männer, die Opfer von Gewalt wurden. Die Pilotstudie über männliche Gewaltopfer läuft. Die Ergebnisse müssen abgewartet werden. Ich fürchte, sie werden am Ende aufdecken, dass auch Männer Opfer von Gewalt werden, ganz überwiegend ausgeübt von - Männern.
In der Diskussion allerdings führt der Hinweis, dass es auch männliche Gewaltopfer gibt, zur Nivellierung, zur Relativierung, zur Vergleichgültigung gegenüber dem Leid, zum  Aufrechnen von Leid - und letztlich zur Entsolidarisierung mit den Opfern. Das Opfer-Sein von Frauen wird erneut unsichtbar gemacht. Frauen werden erneut mundtot gemacht. Ich glaube nicht einmal, dass mit dieser Argumentationsweise Männern, die Gewaltopfer wurden, tatsächlich geholfen wird. Auch unter ihnen gibt es solche, die Opfer wurden, ohne Täter zu werden.
Solange die Diskussion entlang einer Männer- und Frauenfront verläuft, werden nur die dann üblichen Grabenkämpfe folgen zwischen Männern und Frauen. Sie kosten Kraft und gehen dennoch am eigentlichen Problem vorbei. Sie übersehen nämlich dabei, dass die an Gewalt Beteiligten in Wirklichkeit anders zu beschreiben sind: Wir haben es nicht zuerst mit Männern = Tätern und Frauen = Opfern zu tun. Vielmehr haben wir es mit TäterInnen, mit Opfern und mit ZuschauerInnen zu tun. In allen drei Gruppen befinden sich - zahlenmäßig unterschiedlich stark vertreten, wie das in patriarchaler Zeit nicht anders zu erwarten ist - Frauen und Männer. Erst wenn wir  diesen differenzierten Blick auf Gewalt und die Beteiligten richten, erst dann wird es möglich werden, dass diejenigen, die mit Gewaltopfern solidarisch sein möchten, dies auch tatsächlich sind. Unter den mit Gewaltopfern Solidarischen habe ich bislang sowohl Frauen als auch Männer gefunden.


Mythos 5: "Die Gewaltfolgen machen Opfer unzurechnungsfähig und deswegen unfähig für das Gespräch über Gewalt"

Es stimmt: Menschen, die einmal - meist lange und wiederholt - einem oder mehreren Menschen zum Opfer fielen, tun manchmal Dinge, die Nichtbetroffene befremden mögen. Sie fürchten sich nämlich häufig vor Menschen, die es wirklich und ehrlich gut mit ihnen meinen. Wohlgesinnte Menschen lösen in ihnen ungefähr so viel Angst aus wie Gewalt durch nahe Menschen. Aber diese Gewaltopfer reagieren absolut vernünftig: Sie schützen sich vor dem, was sie zu gut kennen: Gewalt im Nahbereich, die unter dem Deckmantel von Liebe daherkommt.
Ansonsten sind sie absolut "normale" Menschen, die denken, fühlen und handeln wie andere Menschen auch. Dennoch wird an dem Mythos, dass Opfer von Gewalt so sehr an den Folgen leiden, dass sie außerstande seien, an einem vernünftigen Gespräch über Gewalt teilzunehmen, weiter gestrickt. Dieser Mythos übersieht völlig, dass Frauen, die Gewaltopfer sind, zugleich noch vieles andere sind: Sie sind Hausfrau, Pfarrerin, Nachbarin, Wissenschaftlerin, Kollegin, Mitglied im Sportverein, Lehrerin, Verwaltungsangestellte, die Referentin des Vortrags, Theologin, Fabrikarbeiterin, Altenpflegerin, Teilnehmerin am Fortbildungskurs, Mutter von Kindern, Studentin; Mitglied einer Pfarrgemeinde, Teilnehmerin am Bibelabend...... Wir finden diese Menschen in allen Lebensbereichen. Dort leben und arbeiten sie wie andere Menschen auch. Wir nehmen sie lediglich nicht als Gewaltopfer wahr, weil ihnen kein Etikett auf der Stirn klebt. Der Mythos von unzurechnungsfähigen, bisweilen als gefährlich und bedrohlich phantasierten Gewaltopfern wird gelegentlich unter dem Deckmantel der Fürsorglichkeit versteckt. "Gewaltopfer dürfen nicht belastet werden mit dem Gewaltthema." Dabei wird übersehen, dass diese Form der Ausgrenzung und Bescheinigung der Unzurechnungsfähigkeit eine zusätzliche Belastung von Menschen ist, die Gewalt erlebt haben und mit Traumafolgen leben müssen. Sie müssen nun auch noch damit leben, dass sie für nicht gesprächsfähig oder für verrückt gehalten werden. Dies ist eine Form, die zweite (!), einem Menschen die Menschenwürde abzusprechen.


Die Verweigerung von Solidarität mit Gewaltopfern ist im letzten Jahrfünft subtiler geworden. Die Beschuldigung der Opfer und ihre Ausgrenzung sowohl aus dem Diskurs über Gewalt als auch aus der Gemeinschaft der Menschen/ChristInnen ist schwerer zu erkennen als früher. Sie verbirgt sich hinter der vorgeblichen Fürsorge für Opfer. Sie ist jedoch nicht weniger brutal als die früher offene Ausgrenzung. Nur schwerer zu durchschauen und schwerer zu bekämpfen ist sie. Und wie schon immer werden zwei Gruppen geschützt: Täter - und Zuschauer/Zuschauerinnen. Und wie schon immer wird eine Gruppe von Menschen preisgegeben und verraten: die Opfer von Gewalt.
Ich kenne nur Einen, der das anders handhabte, Jesus. Und ich kenne ein paar Menschen, die in seinen Fußstapfen gehen. Die machen Hoffnung.
Den Listenfrauen - euch :-) - danke ich für das genaue und differenzierte Gespräch, das mir geholfen hat, die jüngsten Formen der Opferbeschuldigung, der Opferausgrenzung und des Täterschutzes zu durchschauen und zu benennen.

16.3.2006
Rika

1 Nebenbei sei darauf verwiesen, dass Täter ihrer Würde verlustig gehen, wenn ihnen die Verantwortung für ihr Tun abgenommen wird.
Das sollen auf dieser Homepage aber die einzigen Ausführungen zur Psyche von Tätern bleiben. Denn um die Täter kümmert sich ein Heer von Psychologen, Therapeuten, Sozialarbeitern, Gefängisseelsorgern, Presseleuten.... Bei den Opfern sieht das anders aus. Die warten, oft durchaus erheblich suizidgefährdet, ein ganzes Jahr und länger auf einen Therapieplatz. Und in fast jeder Diskussion zum Thema sexuelle Gewalt kippt früher oder später (meist nach 15 Minuten)  das Gespräch und die TeilnehmerInnen beschäftigen sich ausgiebig mit den Tätern. Ich halte es jedoch für notwenig, von und mit den Opfern zu sprechen.