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Einige Thesen zur Aktualität des Prophetentums im 21. Jahrhundert

Johann Pock setzt sich mit dem Thema „Das Fundament der Propheten“[1] auseinander. Hier habe ich einige Thesen aus seinen Überlegungen zusammengestellt. Pock stellt fest, dass unsere Gegenwart von Macht- und Herrschaftsstrukturen gekennzeichnet ist, die Ohnmächtige und Ausgeschlossene hervorbringen. Zugleich sind die Lebensorte, die Lebensweisen, das Leiden, die Freude und die Hoffnung der armen und ausgegrenzten Menschen – Männern wie Frauen -  besonders konstruktive Orte, sich an die Verheißungen Gottes zu halten.

Biblische ProphetInnen traten in drei Fällen auf:

  1. in religiösen Krisen (wenn Israel vom Glauben an Jahwe abfallen wollte)

  2. in politischen Krisen (wenn Israel als Staat sein Heil nicht mehr von Gott, sondern von politischen Koalitionen erwartete)

  3. in wirtschaftlich-sozialen Krisen (Situationen der Ausbeutung)

Wer heute in der Tradition von ProphetInnen leben will, muss folgende „Bedingungen“ erfüllen:

  • Er/sie muss eine Option treffen und Partei nehmen für Menschen, die machtlos oder sprachlos (gemacht worden) sind.

  • Prophetische Kritik legt immer „auch den Finger auf Wunden, die in der Gefahr des Zugedeckt- und Übersehen-Werdens stehen.“

  • Weil ProphetInnen sich in ganz konkrete Situationen begeben bzw. aufgrund von konkreten Notlagen überhaupt erst zu ProphetInnen werden, leben sie immer auch in existentieller Selbstgefährdung.“

  • Im Fall der Ablehnung der „Botschaft“ müssen ProphetInnen damit rechnen, dass sie verfolgt, ggf. getötet werden. Aber auch der „soziale Tod“ kann ihnen drohen, indem sie von der Gemeinschaft isoliert werden.

  • Propheten werden zu Sozialkritikern, weil es Gott um die Menschen geht. Sie stehen auf der Seite derer, die keine Stimme haben – auf der Seite der Unterdrückten und Benachteiligten, für die sie Recht und Gerechtigkeit durchsetzen möchten.

  • ProphetInnen brauchen die Bestätigung für ihr „Amt“ von ihrer Umwelt. Sie müssen von denen, in deren Interesse sie sprechen, als Propheten anerkannt sein. Die Bestätigung von anderen erhalten sie häufig in Form von Ablehnung. Wichtig ist, dass ProphetInnen sich an die Reich-Gottes-Botschaft binden, nicht an populistische Erwartungen.

  • Prophetisch leben bedeutet, aus der Perspektive der Ohnmächtigen und mit ihnen zusammen eine „in ihrer Ohnmacht mächtige Gegenmacht zu organisieren“.


[1] Johann Pock: Für Kritiker kein Platz?! Das "Fundament der Propheten" (Eph 2,20) und die Frage nach einem Prophetenamt der Kirche, in: Rainer Bucher, Rainer Krockauer (Hg.): Prophetie in einer etablierten Kirche? Aktuelle Reflexionen über ein Prinzip kirchlicher Identität, Münster 2004, S. 24-37

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