Glaube nach Gewalt

28.-30.11.2008 Treffen der Listenfrauen in Passau
Brauchen wir Propheten und Prophetinnen?

Einige Listenfrauen werden sich drei Tage Zeit nehmen, in denen wir miteinander - neben dem langjährigen virtuellen - nun auch im persönlichen Austausch ein paar Fragen nachgehen wollen, die jede von uns immer mal wieder umtreiben. Wir haben frühe und langanhaltende Gewalt überlebt. Das Überleben ist nicht selbstverständlich. Für viel zu viele "von uns" behält die Gewalt das letzte Wort. Für uns wird es sich noch zeigen, ob die Gewalt oder unsere Hoffnung den Sieg davontragen wird. Einstweilen jedoch halten wir Ausschau danach, was in unserem je kleinen Leben unsere unverwechselbare Aufgabe ist, die nur wir in unsere Gesellschaft und Kirche(n) einbringen können.
Wir wollen uns in diesen Passauer Tagen mit den ProphetInnen des Ersten Testamentes beschäftigen und sie befragen. Woher nahmen sie ihre Sicherheit, "im Namen Gottes" sprechen zu müssen? Wer hat ihnen rückgemeldet, wenn sie falsche Wege gingen? Wer hat ihnen den Rücken gestärkt, wenn sie mutlos wurden? Wer stand ihnen bei, wenn alle sie im Stich ließen? Haben auch wir Anteil an einer prophetischen Aufgabe?
Rainer Bucher spricht davon, dass prophetische Kritik immer auch den Finger auf Wunden legt, die in der Gefahr des Zugedeckt.- und Übersehen-Werdens stehen. Dass unser Anliegen in Gesellschaft und Kirche - von gelegentlicher medienwirksamer Empörung und ritualisierter fahnenschwenkender Öffentlichmachung mal abgesehen - zugedeckt wird, müssen wir leidvoll nach langjähriger Erfahrung konstatieren. (Ausnahmen, handverlesen und namentlich bekannt, bestätigen die Regel, werden dankbar gewürdigt und geben unserer Hoffnung Nahrung :-))))
Dürfen wir "in eigener Sache" davon sprechen, dass wir berufen, berechtigt und genötigt sind, den Finger auf die Wunde der Gewalt mitten in unserer friedlichen Zeit, mitten in Gesellschaft und Kirche(n)  zu legen?

Nicht zufällig findet unser Treffen am 1. Adventswochenende 2008 statt. Advent ist die Zeit der Wachheit und Aufmerksamkeit für das, was wir wünschen, erhoffen und gelegentlich heftig ersehnen - für uns selbst; für die Menschen, mit denen wir leben und für jene, die uns in vermeintlicher Ferne immer neu ganz nahe kommen, weil ihr Schicksal auch unseres ist.

Es ist gut zu wissen, dass es ein paar Menschen gibt, die fern von Passau unser Treffen mit ihren Hoffnungen und ihrem Gebet begleiten werden. Ihnen von Herzen Dank!
Ob es einen "Bericht" über das Listentreffen geben wird, weiß ich ganz und gar nicht. Manche Themen vertragen keine Öffentlichkeit und brauchen den Schutz des vertraulichen Gespräches.

21.11.2008 Rika, die sich langsam, bedächtig und mit bodenständiger Hoffnung auf die Passauer Tage freut

30.11.2008
Es war ein sehr dichtes Listentreffen. Eine Frau brachte ein Bild mit: Nebel im Wald, Fußspuren von Kindern in einem Schulhof; ein kaum lesbarer Wegweiser. So geht es uns. Wie oft leben wir im Nebel! Wie oft sind wir darauf angewiesen, dass irgendeine/r einen Weg schon einmal vor uns gegangen ist.
Eine andere Frau erzählte von einem Kind in der S-Bahn, das mit der Schulklasse im Schneeeanzug ins Theater fuhr und über das sich die Lehrerin lustig machte. Das Kind hatte das Richtige getan: Es hatte sein neuestes Kleid fürs Theater angezogen. Das neueste Kleid war der Schneeanzug. Dass er nicht zum Theater "passte", konnte dieses Kind nicht wissen. Wie oft waren wir selbst als verlassene Kinder wie dieses Kind im Schneeanzug gewesen!

Und wir selbst, "die Kinder im Schneeanzug", wir sollten einen prophetischen Dienst für andere tun? Es gab kaum eine Verdächtigung, die wir nicht im Gespräch äußerten. In den vielen Gesprächen und den beiden Gottesdiensten, die wir miteinander feierten, zeigte sich aber dann doch, dass ein prophetischer Dienst darin bestehen kann, die Finger in eine Wunde von Kirche und Gesellschaft zu legen, dabei kein Gehör zu finden - und trotzdem Hoffnung und Freude nicht zu verlieren.
Hier ist ein Thesenpapier zum prophetischen Dienst zu finden, das uns bei unseren Überlegungen geholfen hat.
Rika
AG
                        Gottsuche

So waren wir in diesem gastfreundlichen Haus in Passau angekündigt :-)



Einige Thesen zur Aktualität des Prophetentums im 21. Jahrhundert
Johann Pock setzt sich mit dem Thema „Das Fundament der Propheten“[1] auseinander. Hier habe ich einige Thesen aus seinen Überlegungen zusammengestellt. Pock stellt fest, dass unsere Gegenwart von Macht- und Herrschaftsstrukturen gekennzeichnet ist, die Ohnmächtige und Ausgeschlossene hervorbringen. Zugleich sind die Lebensorte, die Lebensweisen, das Leiden, die Freude und die Hoffnung der armen und ausgegrenzten Menschen – Männern wie Frauen -  besonders konstruktive Orte, sich an die Verheißungen Gottes zu halten.

Biblische ProphetInnen traten in drei Fällen auf:

  1. in religiösen Krisen (wenn Israel vom Glauben an Jahwe abfallen wollte)

  2. in politischen Krisen (wenn Israel als Staat sein Heil nicht mehr von Gott, sondern von politischen Koalitionen erwartete)

  3. in wirtschaftlich-sozialen Krisen (Situationen der Ausbeutung)

Wer heute in der Tradition von ProphetInnen leben will, muss folgende „Bedingungen“ erfüllen:

  • Er/sie muss eine Option treffen und Partei nehmen für Menschen, die machtlos oder sprachlos (gemacht worden) sind.

  • Prophetische Kritik legt immer „auch den Finger auf Wunden, die in der Gefahr des Zugedeckt- und Übersehen-Werdens stehen.“

  • Weil ProphetInnen sich in ganz konkrete Situationen begeben bzw. aufgrund von konkreten Notlagen überhaupt erst zu ProphetInnen werden, leben sie immer auch in existentieller Selbstgefährdung.“

  • Im Fall der Ablehnung der „Botschaft“ müssen ProphetInnen damit rechnen, dass sie verfolgt, ggf. getötet werden. Aber auch der „soziale Tod“ kann ihnen drohen, indem sie von der Gemeinschaft isoliert werden.

  • Propheten werden zu Sozialkritikern, weil es Gott um die Menschen geht. Sie stehen auf der Seite derer, die keine Stimme haben – auf der Seite der Unterdrückten und Benachteiligten, für die sie Recht und Gerechtigkeit durchsetzen möchten.

  • ProphetInnen brauchen die Bestätigung für ihr „Amt“ von ihrer Umwelt. Sie müssen von denen, in deren Interesse sie sprechen, als Propheten anerkannt sein. Die Bestätigung von anderen erhalten sie häufig in Form von Ablehnung. Wichtig ist, dass ProphetInnen sich an die Reich-Gottes-Botschaft binden, nicht an populistische Erwartungen.

  • Prophetisch leben bedeutet, aus der Perspektive der Ohnmächtigen und mit ihnen zusammen eine „in ihrer Ohnmacht mächtige Gegenmacht zu organisieren“.


[1] Johann Pock: Für Kritiker kein Platz?! Das "Fundament der Propheten" (Eph 2,20) und die Frage nach einem Prophetenamt der Kirche, in: Rainer Bucher, Rainer Krockauer (Hg.): Prophetie in einer etablierten Kirche? Aktuelle Reflexionen über ein Prinzip kirchlicher Identität, Münster 2004, S. 24-37

Seitenanfang