Glaube
            nach Gewalt
Listentreffen GottesSuche am  25. - 26. August 2012
Thema: Jesus begegnet den zehn Aussätzigen (Lk 17,11-19)
 Listentreffen 2012.1
Wir trafen im Laufe des Mittags aus unterschiedlichen Richtungen Deutschlands in Freising im Kardinal-Döpfner-Haus ein und stellten mit Freude fest, dass auch diejenigen, die einander bislang nur virtuell kannten, "dazugehören". Nahtlos konnten wir an unsere bisherigen Mailkontakte anknüpfen und unsere dortigen Gespräche fortsetzen. Neben unserer persönlichen Situation nahm die leidvolle Erfahrung des Ausgegrenztseins aus Kirchen und Gesellschaft breiten Raum ein.
So stand dann auch im Zentrum unseres sehr intensiven Gottesdienstes am Sonntagmorgen, den wir nach der Iona-Liturgie in einer Kapelle des KDH feierten, die Begegnung Jesu mit den zehn Aussätzigen (Lk 17,11-19).

Und es begab sich, als er nach Jerusalem wanderte, dass er durch Samarien und Galiläa hin zog. Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer; die standen von ferne und erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser! Und als er sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern! Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein. Einer aber unter ihnen, als er sah, dass er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samariter. Jesus aber antwortete und sprach: Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber die neun? Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde? Und er sprach zu ihm: Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dich gerettet.
Listentreffen 2012.2

Wir haben viel von unserem eigenen Leben darin gefunden und im Lauf des Gespräches wurde uns aus einer zunächst moralinsauren Vorbild-Geschichte eine wirklich frohe Botschaft. Einige Stichworte unserer Annäherung an den Text seien genannt:

Nicht zufällig spielt die Perikope in einem Grenzgebiet - zwischen Galiläa und Samaria. Jesus wird im Folgenden die Grenzen der Religion und der Völker, die Grenzen von "Zuständigkeiten", die Grenzen von Gesunden und Kranken überschreiten.
So wie der Fremde, der Samariter, bei denen aufgenommen wurde, die in der gleichen Not waren, so erleben auch wir oft, dass am ehesten noch Außenseiter ein Gespür für andere Ausgegrenzte entwickeln.

Die Aussätzigen halten sich fern. Sie wissen um ihr Ansehen; um die Gefahr, die sie für andere darstellen. Sie wissen um die Konsequenzen, die es für sie hat, wenn sie die gesellschaftlich und religiös vorgegebene Distanz zu anderen Menschen unterschreiten. Dann wird ihnen noch einmal mehr bescheinigt, dass sie nicht dazugehören und sich gefälligst an dem ihnen zugewiesenen Ort aufzuhalten haben und nirgends sonst. Sollen sie tatsächlich riskieren, wieder und wieder und wieder ihre Nicht-Zugehörigkeit, ihr Fremdsein und ihre Ferne auf den Kopf zugesagt zu bekommen?

Die Aussätzigen des Lukas-Evangeliums weisen nicht einmal auf ihr Anliegen hin, sie bitten lediglich um Erbarmen und knüpfen damit an einen Begriff an, der in den Psalmen als Klagewort präsent ist. Jeder, der mit seiner Bibel vertraut ist, hört im Hintergrund einen Psalm oder ein Jesaja-Wort (Ps 41,5; 51,3 Jes 33,2). Diese Menschen vertrauen darauf, dass Jesus doch schon weiß, in welcher Not sie sind. Allerdings müssen sie "ihre Stimme erheben", d.h. lauter werden, weil sie sonst nicht gehört werden. Sie verwenden eine Anrede für Jesus, Meister, der sonst den Jüngern und Jüngerinnen vorbehalten ist.

Trotz der Distanz zwischen den Aussätzigen und Jesus "sieht" er sie. Der hier verwendete Begriff des Sehens (
) umfasst das Wahrnehmen, Einsehen, Erkennen, Verstehen. Jesus nimmt die gesamte leidvolle Existenz der Aussätzigen am Rande der Gesellschaft wahr. Da schwingt das Mitleid mit, das Jesus mit den Anfragenden hat. Mitleid - nicht jenes, das besserwisserisch von oben herab gnädig erwiesen wird -, Mitleid ist in der Bibel fast ein Synonym für "Erbarmen". Es drängt zum Handeln, zur Solidarität auf Augenhöhe. Mitleid hat Folgen - sonst bleibt es das Luxus-Gefühl dessen, der sich in diesem edlen Gefühl sein eigenes Gut-Sein bestätigen will.

Sofort antwortet Jesus den Aussätzigen. Das ist alles andere als selbstverständlich. Zu oft legen diejenigen, die von sozial Ausgegrenzten, Aus-Gesetzten, angesprochen werden, erst einmal noch größere Distanz zwischen sich und die Ausgegrenzten. Dass es zu oft zu keiner Antwort der Angesprochenen kommt, ist eine leidvoll erfahrene Situation bis heute. Es genügt nicht, Gewaltopfer zum Sprechen aufzufordern, ohne zum Hören, Antworten und Tun bereit zu sein.

Die Aussätzigen machen sich auf den Weg, ungeheilt wie sie sind. Es geschieht kein Wunder, keine Spontanheilung, nichts verändert sich zunächst. Die Wunden nässen immer noch, die Eiterbeulen platzen auf, die Aussätzigen sind nach wie vor unansehnlich. Erst auf ihrem Weg, den sie auf Anweisung von Jesus und im Vertrauen auf ihn beginnen, werden sie rein. Wir erfahren nicht einmal, ob sie das jüdische Gesetz eingehalten und sich den Priestern gezeigt haben, um sich ihre Reinheit bestätigen zu lassen. Die offizielle Bestätigung der Heilung ist einfach nicht mehr so wichtig. Wichtiger ist die Erfahrung des Rein-Seins. Wir wissen nicht, ob die Geheilten Gott, dem Urheber ihrer Heilung, gedankt haben. Es ist nicht erlaubt, aus dieser Perikope aus dem lukanischen Sondergut eine Diskriminierung der Juden abzuleiten. Erkennen können wir jedoch, dass Menschen unterschiedlich auf die Erfahrung von Heilung reagieren. Dankbar werden sie vermutlich in jedem Fall sein. - Wer "von uns" sich auf den Weg macht, der/die erlebt, wie sich auf diesem Weg ganz langsam etwas verändert, Schritt für Schritt, oft unmerklich oder erst in der Rückschau erkennbar. Unsere Wege sind länger als nur die drei Tage, die die Aussätzigen vom Grenzgebiet von Galiläa und Samaria bis nach Jerusalem brauchen. Aber Heilungsgeschichten verdichten oft Erfahrungen, die lange Zeiten in Anspruch nehmen können.

An dieser Stelle wird aus einer Heilungsgeschichte eine Umkehr-Geschichte. Der Samariter kehrt um, als er "sieht", dass er geheilt ist. Er verlässt die Gemeinschaft der Gleich-Betroffenen - gar nicht so einfach, von denen wegzugehen, die sich durchaus als solidarische Freunde gezeigt haben. Wir können uns die abrupte Umkehr des Samariters wörtlich vorstellen. Noch einmal zurückgehen an den Ort der Krankheit, der zugleich der Ausgangspunkt der Heilung war. Sich noch einmal mit dem Krank-Gewesen-Sein konfrontieren, das erleben viele von uns als unbedingt notwendig, um geheilt zu werden. Noch einmal das Leid, die Schmerzen, die Einsamkeit, die Verlassenheit, die völlige Ausweglosigkeit anschauen und erleben, dazu braucht es Kraft und Mut. Und noch einmal ist diese Bereitschaft zur Umkehr eine einsame Geschichte. Die neun anderen gehen weiter, nur der eine, der Samariter kehrt um. Geheilt ist er ja, aber es scheint noch etwas zu fehlen: Ihm fehlt die Rettung. Und Rettung ist mehr als Heilung. Vielleicht ahnt er, dass die Bitterkeit der Krankheitsjahre, der Einsamkeit und Verlassenheit nicht ungeschehen gemacht werden kann, aber in seiner Dankbarkeit aufgehoben ist. Vielleicht weiß er, dass zu seiner Zukunft die Erinnerung an die Vergangenheit dringend dazugehört, wenn es eine Zukunft in Freiheit sein soll. 

Als der Samariter wieder zu Jesus kommt, identifiziert er Gott als Quelle seiner Heilung und anerkennt Jesus als den, der den Willen Gottes tut. Jesus stellt drei Fragen (an wen?); die letzte lautet:
"Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde?" Wir ahnen die Provokation für die jüdischen Zeitgenossen Jesu, wenn ihnen ein Samariter, ein Ausländer, ein Fremder, ein Falsch-Glaubender, ein durch Krankheit und anderen Glauben doppelt Ausgestoßener als "richtig" vorgestellt wird. Zugleich nehmen wir zur Kenntnis, dass Lukas kein weiteres Interesse an den neun anderen Geheilten zeigt. Wir wissen nichts über ihren weiteren Weg.
Zuletzt noch spricht Jesus den Samariter direkt an: "Aufgestanden! Lauf!" Er gibt ihm die Zusage: "Dein Glaube hat dich gerettet!" Aus einer Heilungs- und Umkehrgeschichte wird eine Heils-Geschichte. Für den umgekehrten Samariter ändert sich eine ganze Welt. Er weiß nun, dass er sein Leben Gott verdankt, Rettung inclusive. Zugleich sagt ihm Jesus seinen eigenen Anteil an seiner Rettung zu - es ist sein Glaube. Er bleibt nicht der passiv-Geheilte, er wird zum aktiv Glaubenden.
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