Theologisches
Andreas Heller: Sexualisierte Gewalt in der Kirche: organisationsethische Perspektiven1

"Die Dimensionen des Problems "sexualisierte Gewalt" werden auf allen Ebenen der Kirche unterschätzt, sie haben ein weltkirchliches global-katholisches Ausmaß."  Der kirchlich-spirituelle Kontext wird ausgeblendet. Der kirchlich induzierte (!) Vertrauensvorschuss gegenüber Amtsträgern, der den Rahmen von (sexualisierter) Gewalt gegenüber Abhängigen bildet, wird ignoriert. Die moralischen, organisationalen und theologischen Dimensionen des sexuellen Missbrauchs in der Kirche werden weithin und weiterhin verniedlicht und verkleinert. Das Ausmaß der Gewalt in der kath. Kirche ist noch nicht begriffen und noch nicht formuliert worden. Die Aufdeckung des Ausmaßes sexualisierter Gewalt in den romanischen Ländern, in Lateinamerika, in Afrika steht noch bevor. (Sexualisierte) Gewalt ist ein globales Problem der Katholischen Weltkirche und Teil der Strukturen dieser Kirche.

 "Die steigenden Kirchenaustrittsquoten wird man verkraften, die erosionsartige innere Abwanderung und Abwendung der haupt- und ehrenamtlichen MitarbeiterInnen in der Kirche wird unterschätzt und geht an die Substanz." Die MitarbeiterInnen haben kein Vertrauen mehr in die Leitung der Kirche. Sie "bleiben, indem sie innerlich gehen". Sie erleben sich als enttäuscht, aber auch als getäuscht. "Der Boden des Vertrauens ist erdbebenartig verrutscht, es ist kein Stein mehr auf dem anderen und sinnvolle Wiederaufbaumaßnahmen sind nicht in Sicht."

 "Man ahnt die Dimensionen der 'sexualisierten Gewalt' und bietet deshalb keine Entschädigungen an und kann daher auch nur halbherzig aufklären und aufarbeiten und verliert weiter an Glaubwürdigkeit und Vertrauen." Diese These Hellers bleibt richtig, auch wenn 5000 € "Entschädigungszahlungen" im Gespräch sind. Dass vorbehaltlos und schonungslos aufgeklärt würde, glauben nur die kirchlichen Aufklärer - die Opfer wissen es anders und spüren sehr genau, was Heller beschreibt. Noch ist bei den Kirchenleitungen nicht angekommen, dass Kirche durch die "strukurelle Sünde" zur Täterin wurde. Auch Täter-Sein kann eine Form der Traumatisierung sein und zu Erstarrung, Lähmung, Ohnmacht.... führen. Für Kirche wichtig wäre, aus diesen Mechanismen von Vermeidung, Leugnung, Lähmung, Dissoziation oder Selbstdestruktion herauszufinden.

"Die ausschließlich internen, innerkirchlichen Versuche das Problem zu bearbeiten, verschärfen das Vertrauensdilemma." Kirche hat eigene Bearbeitungsmuster sexualisierter Gewalt (höchste Geheimhaltung, Meldung an die Zentrale, Androhung hoher Kirchenstrafen bei Information der Öffentlichkeit, interne Klärungsmechanismen, Versetzungspolitik), aber die funktionieren nicht - und sie widersprechen eklatant dem Evangelium, das Kirche verkünden soll und ohne das sie keine Existenzberechtigung hat. Vertrauen kann nicht durch Worte und Absichtserklärungen wieder gewonnen werden, sondern durch Handlungen, die verlässlich und berechenbar sind. Zum Vertrauensaufbau gehört eine verbindliche Kommunikation als Ausdruck und Kennzeichen der Organisationskultur. Zunächst müssen die Kirchenleitungen die Fakten anerkennen, die Perspektive der Opfer nachfühlen und alles tun, um die Lage auch theologisch zu verstehen und zu verändern.

"Die Kirche muss 'sexualisierte Gewalt' als eine strukturelle Sünde theologisch sehen, begreifen und anerkennen." Die Kirchenleitungen können nicht länger von "Fehlern" sprechen, sie müssen von struktureller Sünde sprechen, denn Kirchenleute haben Abhängige systematisch und eben auch "systemisch" missbraucht. Zur "Kultur der Kirche" gehörte eben auch die selbstverständliche Mitwisserschaft auf allen Ebenen, "die kollektive Vertuschungspraxis, die moralische Unterbewertung und Relativierung, das gemeinsame Interesse an der Aufrechterhaltung des status quo, die Ignoranz gegenüber den Opfern etc." Das Allerwichtigste nach Heller ist das Anerkennen des Leides des Erlebten". Das ist viel viel mehr als eine "Entschuldigung" an die Adresse der Opfer (EK: die eigentliche Adresse sind nicht die Opfer, es ist die Öffentlichkeit).

"Die Kirche glaubt, durch die Personalisierung und Individualisierung des Problems eine "Bearbeitungsform" gefunden zu haben und müsste langsam erkennen, dass sie selbst verstrickt bleibt." Die Hotlines beraten, sondieren und sortieren. Heller vermutet - zu Recht -, dass hier eine Auswahl an berichtenden Opfern lanciert wird und bewusst verhindert wird, dass sich andere Opfer melden. Hinzu kommt, dass die Fokussierung auf die Opfer verhindert, dass der pathologisierende, gesellschaftliche, politische Kontext berücksichtigt wird.

"Die Kirche kann sich nicht am eigenen Schopf aus dem Morast ziehen, sie muss sich helfen lassen."

"Die Kirche muss sich öffentlich helfen lassen und könnte in entsprechenden Zivilverfahren vor öffentlichen Gerichten auf die Verjährung verzichten und Glaubwürdigkeit gewinnen."

"Die Kirche muss einen tiefgreifenden interdisziplinären Analysevorgang aufsetzen, der zum Ziel hat, die Aufklärung und Auseinandersetzung als fachlichen und emotionalen Vorgang, als eine intellektuelle und gefühlsmäßige Prozeduralisierung zu verstehen." Nach Hellers Ansicht braucht es "vor allem" die Perspektive der Opfer.

Der Schlusssatz Hellers: "In der Organisationstheorie wird immer wieder vermutet, unter welchen Bedingungen Organisationen bereit sind, solche tiefgreifenden Veränderungen einzugehen. Von dem amerikanischen Managementtrainer Edgar Schein stammt die Beobachtung: Organisationen ändern sich erst, wenn die Angst vor dem Untergang größer ist als die Angst vor der Veränderung. Diese Untergangsangst in der Kirche ist erst schemenhaft zu erkennen."

-------------------------------------------------------------------------
1Aus: Thomas Krobath, Andreas Heller (Hg.): Ethik organisieren. Handbuch der Organisationsethik, Lambertus, August 2010, S. 983 - 995. Andreas Heller ist Inhaber des Lehrstuhls für Palliative Care und OrganisationsEthik an der IFF-Fakultät der Universität Klagenfurt, Graz, Wien





















































Seitenanfang