Theologische Impulse
Fensterblumen
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© Anni 2014



Die Würde des Entrechteten
Mt 5, 39-41


Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin (39). Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel (40). Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm (41).































Triberg
Triberg
© Anni 2015


















Das ist einer der klassischen Bibeltexte, der die Menschen, die einer entwürdigenden und ausbeuterischen Situation unterliegen, aufzufordern scheint, in dieser Situation zu verharren, sie geduldig zu ertragen - und zu hoffen, dass der Angreifer, der Terror-Verbreiter sich doch bitte ändern möge. Der Beitrag des Unterdrückten scheint darin zu liegen, dass der Aggressor sich ändert, wenn der Leidende in der Unrechtssituation verharrt.


Nun kann mit guten Gründen diese Aussage Jesu durchaus anders gedeutet werden. Der Leidende verharrt nicht in der Situation - er verändert sie. Seiner Demütigung begegnet er mit der Wiedergewinnung seiner Würde.
Wie das?
Walter Wink stellt in seinem Buch "Verwandlung der Mächte. Eine Theologie der Gewaltfreiheit"1 einige Beobachtungen an.

... wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.

Stellen Sie es sich praktisch vor. Sie schlagen ein Gegenüber auf die linke Wange. Vorausgesetzt Sie sind Rechtshänder, dann werden Sie das Gegenüber mit dem Handrücken auf dessen rechte Wange schlagen. Dieser Schlag dient eher dem Demütigen, Erniedrigen, dem Zurechtweisen eines Schwächeren, Untergebenen. Der Gedemütigte hält nun dem Mächtigeren die andere Wange, die linke, hin. Was geschieht?
Der Mächtigere wird herausgefordert, mit seiner rechten Hand oder Faust zuzuschlagen.
Nun war es in Israel nicht möglich, mit der Linken zu schlagen, denn die Linke war ausschließlich unreinen Tätigkeiten vorbehalten. Folglich wäre der Mächtigere gezwungen, mit der rechten Hand auf die linke Wange des Unterlegenen zu schlagen. In Israel jedoch durfte mit der Faust nur zwischen Gleichberechtigten gekämpft werden. Der Gedemütigte signalisierte dem Mächtigeren mit dem Hinhalten der linken Wange, dass er gleiche Rechte beanspruchte wie der Mächtigere und dass er ihm gleichgestellt ist. Der Gedemütigte kooperiert nicht mehr mit dem Demütiger. Er behauptet seine Würde, ohne dem Demütigenden mit gleicher Münze heimzuzahlen.

Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel.
In Israel gerieten Arme immer wieder in die Situation, dass ihnen die Schulden über den Kopf wuchsen und sie deswegen vor Gericht gezerrt wurden. Eine solche Situation können wir uns hier vorstellen. Der Gläubiger verklagt einen Armen, der seine Schuld nicht zurückzahlen kann. Das Gericht setzt fest, dass der Schuldner das Hemd hergeben muss. Jesus fordert dazu auf, auch noch den Mantel (das lange Obergewand) herzugeben. Was würde dann geschehen?
Der Schuldner würde nackt aus dem Gericht kommen.
Nacktheit war in Israel tabu. Die Verantwortung dafür fiel auf den, der sie verursacht hatte. Wer nackt aus dem Gericht kommt, zeigt damit auf den, der die Nacktheit zu verantworten hat. Er legt in der Sprache seiner Handlung offen, dass das Gericht ein Unrechtssystem, das den Armen das letzte Hemd wegnimmt, stützt. Er demaskiert die Ausbeutung der Schuldner und zeigt auf die Konsequenzen der Ausbeutung. Er lässt sich die Ausbeutung nicht gottergeben gefallen, sondern treibt lediglich auf die Spitze, was im Grunde geplant ist: Die völlige Ausbeutung der Armen und das Unrecht, das vom Gericht gesprochen wird. Den Verursacher der Nacktheit stellt er bloß und konfrontiert ihn mit seinem Tun.

Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm.
Die römischen Besatzer durften in Israel die Bevölkerung zwingen, ihnen auch noch das Marschgepäck zu tragen. Begrenzt war diese erzwungene Dienstleistung auf eine Meile. Forderte ein römischer Soldat ein Mehr an Dienstleistung, musste er sich ggf. vor seinen Vorgesetzten rechtfertigen und hatte möglicherweise mit einer Disziplinarstrafe zu rechnen.
Stellen Sie sich nun vor, der Jude erklärt dem Soldaten, er wolle das Gepäck eine zweite Meile tragen. Der Soldat wittert vielleicht einen Hinterhalt, wird unsicher, steht am Ende vielleicht da und bittet den Juden, ihm doch sein Gepäck zurückzugeben.
Auch hier: Der Gezwungene verwandelt den ursprünglichen Zwang in eine eigene Entscheidung und bringt damit den Unterdrücker in eine unangenehme Situation. Vermutlich wird dieser Soldat es sich beim nächsten Mal überlegen, ob er noch einmal einem Juden befehlen soll, ihm sein Gepäck zu tragen.

"Jesus ermutigt die Juden nicht, eine zweite Meile zu laufen, um sich Verdienste im Himmel zu sammeln, um fromm zu sein, oder um den Soldaten mit Freundlichkeiten zu überhäufen. Er hilft einem unterdrückten Volk, eine Möglichkeit des Protests zu finden und eine belastende Praxis, die im ganzen Imperium verachtet wird, zu entschärfen. Er verkündet keine unpolitische Botschaft spiritueller Weltüberwindung, sondern formuliert eine weltliche Spiritualität, die es Menschen am unteren Rand der Gesellschaft oder unter der Fuchtel einer imperialen Macht ermöglicht, ihre Menschlichkeit wieder zu erlangen." (
Walter Wink, a.a.O. S. 97)

Realistisch dürfte sein, dass sich Situationen der Ausbeutung und Unterdrückung, der Demütigung und Entrechtung nicht schnell, nicht leicht, nicht sofort verändern lassen. Aber die Gedemütigten und Entrechteten können etwas verändern: Sie dürfen die Zustimmung zu ihrer Ausbeutung verweigern und sie können ihre eigene Würde behaupten lernen.


1 Regensburg 2014, S. 90-100
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