Glaube
            und Gewalt
KIRCHE IN AGONIE - IST IHR NOCH ZU HELFEN?  Gotthard Fuchs, Wiesbaden

Die Quelle ist nicht mehr online (http://www.kirchen.net/ka/pwt/download/fuchs_1999.htm), der Text jedoch immer noch aktuell und tröstlich. Den Autor habe ich wegen der Abdrucksrechte kontaktiert, jedoch keine Antwort erhalten. Ich hoffe, ich darf diesen Text trotzdem hier einstellen.

Als ich gestern Nachmittag hier nach Salzburg kam und mich mit dem Taxi zum Priesterseminar fahren ließ, sagte die junge Frau, die das Taxi fuhr, sie wisse nicht, wo das Priesterseminar sei (ich hatte die Straße vergessen). Ich sagte: »Da ist in der Nähe eine große Kirche mit einer Kuppel«, und darauf sie: »Ach wissen Sie, mit den Kirchen habe ich es nicht so.« Ich denke, das ist ganz bezeichnend, daß auch im katholischen Salzburg die Frage nach der Kirche keineswegs im Zentrum steht, ja für viele eher langweilig, demotivierend ist oder gar abstoßend wirkt. So finde ich es ausgesprochen mutig, daß Sie sich am Schluß einer so intensiven Werktagung dieser Frage nach der Kirche widmen. Wir wollen miteinander darüber nachdenken, in dem ich Ihnen zunächst ein Wort, das schon 50 Jahre alt ist, zitiere und von ihm her die Frage nach der Agonie, nach Vergangenheit und Zukunft von kirchlichem Christentum erläutere. »Kirche wird immer sein, aber wird Kirche immer bei uns sein? Wenn wir fragen, lebt oder stirbt die Kirche, dann meint das unsere Kirchen stunde. Da helfen keine frommen Erwägungen und Absichtserklärungen, da hilft nur die ehrliche Bestandsaufnahme dessen, was ist und der innere Versuch, damit fertig zu werden.« So fragte - für uns Heutige vielleicht überraschend - Alfred Delp in einer Predigt zum Fest Peter und Paul im Jahre 1941. Schon damals beschrieb er die deutschen Lande als kirchliches Missionsland: dürftig, dürr und einsam. »Die Erfahrung gibt uns auf die Frage « Kirche lebst oder stirbst du< die Antwort, daß Kirche etwas fremdes, einsames geworden ist. Die Erfahrung legt die Versuchung nahe zu denken, daß die Kirche müde geworden ist und drängt zu der weiteren Frage >Ist das deine letzte Stunde? Fallen wir zerbrochen aus dir heraus?< und vielleicht sagen sie noch einmal, was lebt wird leben, was stirbt wird sterben. Das kann man aber nur sagen, wenn man nicht weiß, was die Kirche für uns bedeutet hat und bedeutet. Wenn man nicht spürt, daß mit der Frage nach der Kirche auch die Frage nach dem Sinn unseres Daseins gestellt ist. So wollen wir diese Fragen stellen, um zu wissen, ob die Kirche noch der Glaube unseres Geistes und die Liebe unseres Herzens ist. Drei einfache Fragen wollen wir stellen: Wodurch lebt die Kirche? Woran stirbt die Kirche? Kirche bist du heute Kirche des Lebens oder Kirche am Ende?« Um an der Jahrhundertwende Klarheit zu bekommen über unsere Kirchenvisionen und Kirchenrevisionen mag es gut sein, sich an solche geistlichen Väter und natürlich auch Mütter der konziliaren Erneuerung zu erinnern. Die Frage, die Delp damals inmitten der nationalsozialistischen Verblendung umtrieb Sie wissen, er ist Anfang 1945 von den Nazis als einer der großen christlichen Märtyrer dieses Jahrhunderts umgebracht worden - die Frage, die Delp damals stellte, stellt sich heute in der postmodernen Pluralität der Sinnangebote, der Bedürfnislagen und Verteilungsprobleme natürlich sehr anders; sie stellt sich in gewisser Weise sogar verschärft angesichts der Lebens- und Überlebensproblemen, angesichts der Faszination anderer Weltanschauungen und Religionen inmitten der neo- und interreligiösen Szene und natürlich auch angesichts der Abstimmung in und gegen die Kirche mit den Füßen. Was stirbt, was ist am Sterben, wo ist Sterbearbeit zu leisten? Es ist ja ein christliches Werk der Barmherzigkeit, Sterbende zu begleiten und Tote zu beerdigen. Andererseits: wo ist Neues im Entstehen, wo zeigt sich evangelisatorische Kraft? Wo ist der spezifisch christliche Hoffnungsimpuls neu gefragt und damit auch der Reichtum kirchlicher Glaubensvermittlung. Also auf der einen Seite, so denke ich, sehr viel Kirchenenttäuschung, Kirchendistanz, Kirchenkritik. vielleicht sogar Kirchendepression, auf der anderen Seite wie in Gegenreaktion, Bedarf an Religion, auch an religiöser Institution, neuer Kirchenbedarf und in der Mitte die fragenden Menschen, die wir sind.

A n n ä h e r u n g e n
Lassen Sie mich nach diesem für mich immer noch bewegenden Zitat von Alfred Delp an dieser Stelle eingangs auch dies sagen: Es geht nach christlichem Verständnis in der Frage nach der Kirche nicht primär um die Kirche; wenn Christlnnen glauben, dann glauben sie niemals an die Kirche: sie glauben mittels, dank und trotz der Kirche an den, den sie den lebendigen Gott nennen und als den Grund und die Hoffnung ihres Lebens verstehen dürfen. (Denken Sie an die lateinische Formulierung: credo in deum etc. - credo ecclesiam ohne »in«: glaubend verlassen wir uns auf den dreieinzigen Gott allein - credere in -; die Kirche gehört, ihrem eigenem Credo gemäß, nicht zum Ziel des Glaubens; sie gehört zur Ordnung der Heilsmittel; sie ist Vermittlerin, Medium des Heils, nicht dieses selbst.) Dieser Hinweis, daß es gerade bei einem Referat über Gegenwart und Zukunft der Kirche nicht primär um die Kirche und schon gar nicht um hausgemachte Probleme der Kirche geht, sondern um das, was sie zu vermitteln und zu bezeugen hat, scheint mir ungeheuer wichtig zu sein. Ein tiefer Grund für sehr viel Kirchenenttäuschung, sehr viel Verärgerung, liegt ja gerade darin, daß dort, wo man Hoffnung auf das Evangelium, auf Sinnerschließung, auf Lebensdeutung, auf Hoffnungsvermittlung hat, daß dort eine Institution verhärtet, ermüdet, mit sich selbst beschäftigt erscheint und keine Energie mehr hat und keine Hoffnungsimpulse vermittelt. Deshalb, um dies eingangs zu unterstreichen, noch ein zweites Zitat, an dem deutlich werden soll, wie sehr unsere Frage nach dem bisherigen kirchlichen Christentum und seiner Zukunft transparent bleiben muß auf Grundprobleme der Daseinsdeutung und der Lebensbewältigung aller Menschen hin. Erlauben Sie also dieses zweite, etwas längere Zitat: »Es ist in der Tat die westliche Welt, hervorgegangen aus dem biblischen Wort, die das wissenschaftliche, moderne und säkularisierte All hervorgebracht hat, und deshalb ist die Krise dieser Welt eine solche des Glaubens. Der westliche Atheist ist ein geprüfter Gläubiger (es besteht ein großer Unterschied zwischen einem westlichen Atheisten und den Atheisten des vorchristlichen Altertums oder der verschiedenen Atheismen asiatischer Völker, Buddhisten und anderer, denn die kulturelle Umwelt ist eine ganz andere). Die Krise unseres Jahrhunderts ist, soweit sie vom Triumph des Westens lebt, eine Kollektivkrise des Christentums selbst. Ich bin ernstlich der Meinung, daß die westliche Krise, die wie eine Krankheit die ganze Welt ergriffen hat - keine übrigens einfachhin schlechte Krise - von uns Christen allein gelöst werden kann. Ich sage nicht, wir die Abendländer, sondern einzig Glaubende können helfen, die Krise zu bewältigen. weil nur sie verstehen, wo der Ursprung und der Schlüssel liegen. Das heißt nicht, wir hätten die persönliche Fähigkeit dazu, wohl aber, das wir die Frage korrekt stellen können. «So der damalige Studentenpfarrer Jean-Marie Lustiger, derzeit Kardinal in Paris.
Es geht nicht primär um die Kirche, nicht um innerkirchliche Probleme. Es geht, wie Lustiger mit Recht sagt, um die Zukunft menschlichen, menschengerechten  Lebens für alle- Es geht um die Bewältigung von Lebens- und Überlebensproblemen für alle. Der westliche Atheist ist ein geprüfter Gläubiger Alle Kirchenkritik, alle Kirchenenttäuschung, auch die relativ vielen Distanzierungen und Austritte aus dem kirchlich verfaßten Christentum hierzulande sind zu lesen als Ausdruck, so würde ich vorschlagen, einer tiefen Sehnsucht nach geistlichen Ressourcen, nach spirituellen Kräften, die man aber. so scheint es, oft in dieser Kirche nicht findet. Viele erleben ja die faktische Kirche - ich spreche jetzt zunächst von meiner, von unserer, der römisch-katholischen - viele erleben diese Kirche wie einen Drachen, der vor einer Höhle liegt, in der kostbarste geistliche Erfahrungsschätze schlummern; aber man müsse diesen Drachen, so scheint es, erst einschläfern oder gar töten, um überhaupt an die Schätze heranzukommen. Ich denke, für alle, die sich heute über christliche Überlieferung und kirchliche Zukunft Gedanken machen, ist es entscheidend, den humanisierenden Mehrwert des Evangeliums, den Reichtum dieser christlichen Überlieferungen in ihrer kirchlichen Vermittlungsgestalt neu zu entdecken sowie ihren Glanz und ihre Ausstrahlungskraft zu würdigen. Wir reflektieren hier nicht binnenkirchlich, sondern in Solidarität mit den Menschen, die heute Hoffnung suchen, Hoffnung haben und an einer gerechteren Welt, an Frieden und Bewahrung der Schöpfung arbeiten. Die Krise unseres Jahrhunderts ist, soweit sie vom Triumph des Westens lebt, eine Kollektivkrise des Christentums selbst. Die große Frage ist, deuten wir diese Kirchenstunde als das Ende des Christentums, als Agonie im Sinne einer Beendigung eines 2000jährigen geistlichen Abenteuers oder deuten wir diese Krise mit Lustiger als eine zweifellos sehr schmerzliche, aber sehr produktive Wachstumskrise. Salopper gesagt: Schauen wir auf das halb gefüllte Glas Wasser und sagen: es ist halb leer oder es ist halb voll?

A r c h e t y p i s c h e s K i r c h e n b i l d

Dazu möchte ich Ihnen - Sie haben mich ja als Theologen eingeladen, deswegen will ich jetzt nicht religionssoziologisches Material ausbreiten - ein kostbares Symbol zur Deutung der gegenwärtigen Kirchenstunde anbieten und in Erinnerung rufen, das die TheologInnen der frühen Christenheit gerne gebraucht haben: Das Bild von Sonne und Mond in der Natur, das Bild von der Kirche, die im Gang der Menschheit die Rolle des Mondes einzunehmen hat. Die Bedeutung, die sich daraus für unsere Leitfrage ergibt, wird hoffentlich sofort deutlich werden) Dieses archetypische Bild von Mondphasen, den Zyklen der Fruchtbarkeit - übrigens nicht zufällig ein feminines, feministisches Bild aus einer Männerkirche und Männertheologie - meint: So wie der Mond in der Natur dazu sei, sagt etwa Origines oder Augustinus, das Licht der Sonne aufzunehmen und in die Nacht zu strahlen, damit auch in der Nacht Kühlung, Orientierung da sei und das Leben weitergeht, so sei die Christenheit in der Welt, so sei die Kirche in der Menschheit dazu da, das blendende Licht des Evangeliums - die Botschaft von Gottes einseitig zuvorkommender Liebe und seiner erwählenden Treue zu allen Menschen und der Welt im Ganzen - aufzunehmen und in die Nacht der Menschheit hineinzustrahlen, damit die Menschen, die Orientierung suchen, dadurch Licht, Orientierung, Hoffnung haben im Dunkel, in den Fragen und auch Ausweglosigkeiten der Geschichte. Was also der Mond in der Natur sei, sei die Kirche im Gang der Menschheitsgeschichte. Sie sehen, es geht in diesem Bild darum, daß das Sonnenlicht, daß also die frohe Botschaft des Evangeliums weiter gestrahlt wird. Das Licht des Evangeliums soll reflektierend und attraktiv, anziehend, auch in der Nacht, auch in den Phasen der Ausweglosigkeit, der Ratlosigkeit, der Krisen, auch gerade da (wenn auch mondhaft abgeschattet) leuchten. Nun kommt das Entscheidende an diesem tiefenökologischen und kosmisch archetypischen Bild. Die alten TheologInnen sagten: Der Mond muß in rhythmischen Abständen sterben, er muß sozusagen auf Null herunter, um neu der Power der Sonne gewachsen zu sein und aufzutanken und wieder seinen Dienst der Ausstrahlung zu leisten. Und so - das ist nun die Pointe für unseren Zusammenhang so muß auch die Kirche, genauer gesagt, so muß die jeweils historisch gewordene Gestalt von Kirche sterben. sie muß sozusagen immer wieder auf Null herunter- gefahren werden, um neu gewachsen zu sein der Power des Evangeliums, dem unglaublichen Verheißungsüberschuß des biblischen Gottesglaubens - eine Lehre vom Sterben und vom Tod der Kirche, die Hugo Rahner wieder erinnert hat; ein Ostersymbol zweifellos, ein Symbol, in dem sich die Jesusgeschichte im Gang der Kirchengeschichte spiegelt. Danach gibt es also Phasen, in denen die Attraktivität, die Ansehnlichkeit, die Ausstrahlungskraft des christlichen Lebens und der kirchlichen Sozialgestalt am Abnehmen, ja am Sterben ist. Karsamstaglich verbunden mit der österlichen Hoffnungsgewißheit ist die Zuversicht, daß gerade durch solche Sterbeprozesse hindurch sich doch neu eine Kirchengestalt herausentwickelt, herausgebiert, die zeitgemäß (nicht modisch!) wiederum attraktiver, lebensermutigender, hoffnungsstiftender, sinnvermittelnder ist. Mir will scheinen, daß dieses Symbol der lunaren Ekklesiologie uns helfen kann, die gegenwärtige Stunde unerbittlich klar, aber im Lichte des karfreitäglichen Osterglaubens, also streng theologisch - Sie haben mich als Theologen eingeladen - zu buchstabieren. Es könnte also hilfreich sein, in diesem Licht zu schauen, welche Kirchengestalt heute am Sterben ist und welche am Auferstehen: wo sind darin wir (wenn ich jetzt der Kürze halber »wir« sagen darf) als Einzelne, als Gemeinden, in dem Lebenszusammenhang, in dem wir stehen, aber auch in dem ortskirchlichen Kontext, etwa Österreichs oder Deutschlands, in dem wir Kirche sind?

S i e b e n  P r o v o k a t i o n e n

Wo erleben wir Sterbeprozesse, wo gilt es Abschied zu nehmen, wo gilt es Trauerarbeit zu leisten? Wo gilt es, entsprechend Geburtshilfe zu leben im Sinne eines Hebammendienstes und sozusagen visionär daran mitzuwirken, daß die gegenwärtig offenkundige Krise - man spricht von Priesterkrise, Gemeindekrise, Ordenskrise ... ich will das Krisengerede gar nicht hier jetzt groß ausbreiten - wo wir diese Übergangsphänomene, in denen wir uns vorfinden, als eine ungeheure Chance entdecken, um an einer neuen Epoche christlichen Glaubens und kirchlichen Lebens mitzuwirken. Das möchte ich Ihnen jetzt der Kürze halber in einigen Thesen, die natürlich untereinander zusammenhängen - entfalten (wohl wissend, daß ich kein Prophet bin und die Zukunft nicht kenne). Mir will scheinen (ein erster Gedanke) - Ist das akustisch gut? Furchtbar? Also leiser, gehe ich zu nahe heran? Und Sie haben sich das die ganze Zeit angehört? Jetzt haben Sie die ganze Zeit gelitten. Aber das ist natürlich gut katholisch, einfach zu leiden und nichts zu sagen. Tut mir leid. Seit dem ersten Tag schon? Und was ist mit dem Aufstand, was ist mit dem Protest, was ist mit der Basis, meine Damen und Herren? Das ist es doch, daß wir zuviel leiden, an der falschen Stelle leiden, das ist ein bestimmter kirchlich vemittelter Masochismus. Das ist ja etwas - Sie unterstreichen es mit Ihrem Beifall was viele spirituell hungrige Zeitgenossinnen enttäuscht am kirchlich verfaßten real existierenden Christentum: dieses steht im Verdacht, so depressiv, abwertend, masochistisch zu sein und die Lebenslust, die Kreativität, die Zukunftshoffnung, die Lust, da zu sein, zu entwerten. Tod und Auferstehung der Kirche, Agonie ja, a b e r - noch einmal, ich spreche als Theologe. Und Theologen sind dazu da, daß sie die bisher gelebte Hoffnung der Glaubenden nachdenkend übersetzen und unterstreichen, damit entschiedener christlich-geistlich gelebt werden kann. Theologisch ist das Zentrum der Osterglaube, und der Osterglaube ist ohne den Karfreitag und den Karsamstag nicht zu haben, in dem wir stehen. Wir erleben - so meine These - Sterbeprozesse und sie gehen durch uns hindurch, je nach Alter, je nach Glaubens- und Lebensgeschichte verschieden. Aber zugleich können dieselben Prozesse im Lichte des Osterglaubens als ein ungeheures Hoffnungspotential gelesen werden. Einige Konkretisierungen im Stenogramm.
Erstens also: es stirbt die zivilreligiöse Gestalt des kirchlichen Christentums. Die heiligen und unheiligen Allianzen zwischen Thron und Altar. wie sie seit Konstantin mächtig wurden, treten zurück und verlieren ihre lebensgestaltende Kraft. Die Kirche verliert immer mehr Privilegien in Staat und Gesellschaft. Sie ist unterwegs in die Minderheit, in die Diaspora, biblisch gesagt ins Exil. Längst ist das Christentum nicht mehr die gesellschaftsbestimmende Kraft, auch wenn einige in den kirchlichen Chefetagen sich das noch so wünschen und erträumen. Längst ist sie nicht mehr Staatsreligion, und immer stärker wird die Bewegung dahin gehen, daß die, die in der Zukunft ChristInnen sein und bleiben wollen, es im Bewußtsein einer freilich erwählten, aber auch in die Diaspora zerstreuten Minderheit sind. Man mag das bedauern: Sterbeprozesse, Abschiedsarbeit ganz sicher, aber vielleicht kann man es auch begrüßen, weil dadurch mancher Ballast abgeworfen wird und neue Freiheit entsteht; sehr viel, was früher heilsvermittelnd war, verliert jetzt seine Attraktivität. Es ist ja bei allen Sterbeprozessen, bei allen Trauerphasen diese tiefe Ambivalenz: schmerzhaft Abschied nehmen müssen und zugleich Hoffnung lernen, daß neue Lebensenergie, neue Lebensmöglichkeiten erschlossen werden. Welches Kirchenbild haben Sie, habe ich - im Hinterkopf, im Herzen, im Lebensgefühl, in der Glaubensentscheidung? Immer noch so ein Idealbild von kirchlichem Christentum, das die Gesamtgesellschaft zivilreligiös durchsäuern sollte? Oder gehen wir entschiedener, lustvoller, hoffnungsvoller auf einen solchen Minderheitenstatus in der Diaspora zu?
Zweite These: Es stirbt das eurozentrische Christentum. In 50 Jahren werden dreiviertel aller ChristInnen auf der Welt Nichteuropäer sein. Raimund Panikkar, der große Grenzgänger zwischen Ost und West, Buddhismus und Christentum, erzählte mir von einer Audienz bei Paul VI., wo er damals den Papst fragte: »Eure Heiligkeit, wird man denn auch in Zukunft, um ein Christ werden und bleiben zu wollen, vorher der geistigen Heimat nach ein Grieche und der kulturellen Heimat nach ein Semit geworden sein müssen?« Muß man für die Zukunft des Christentums z. B. das Alte Testament lesen, muß man in die Geschichte Israels eintauchen? Indische Christen sagen, wir haben doch die Bagavadghita, wir haben den Reichtum hinduistischer Traditionen, wir haben die Upanishaden, wir haben die Veden. Abschied vom eurozentrischen Christentum?!! Zum ersten Mal - Karl Rahner hat es mit Entschiedenheit gesagt - ist das Christentum dabei, aus seinen europäischen Wurzeln und Eierschalen sich herauszuentwickeln und wirklich kat-holisch, ganzheitlich, weltweit zu werden (Holismus steckt in dem Wort!). Was heißt das für uns christliche EuropäerInnen? Was heißt das für unsere narzißtischen Kränkungen. da wir doch meinten, wir dürften die ganze Welt mit unserer Weise beglücken? Die Krise unseres Jahrhunderts ist eine Krise des bisherigen Christentums, hatte Lustiger gesagt: Das bisherige Christentum ist griechisch, jüdisch, germanisch, eurozentrisch. Aber in der Form wird es sterben und muß in eine neue Wachstumsphase eintreten. Es ist schon dabei.
Drittens: Es stirbt das konfessionalistische Christentum mit seinen Konfessionskriegen und ökumenischen Grabenkämpfen, mit seinen schrecklichen Judenverfolgungen und seinen militanten Alleinvertretungsansprüchen. Manche sagen. daß dieser Machtverzicht in den Kirchen nicht freiwillig war; wenn die alte Macht noch da wäre, ginge es munter so weiter wie bisher: autoritativ, autoritär, gar totalitär. Wie auch immer: wir sind unterwegs zu einer neuen Kultur nicht nur innerchristlicher Ökumene, nicht nur innerabrahamitischer Aufgeschlossenheit zwischen Juden, Christen und Muslimen, auch unterwegs zu einer neuen Dialogizität vor allem mit den Traditionen, Kulturen und Religionen Asiens. Das Gespräch zwischen Christus und Buddha beginnt. Es stirbt das konfessionalistische Christentum: Wir sind unterwegs zu einer neuen Ökumene im Dialog der Religionen und im Austausch ihrer geistlichen und geistigen Reichtümer.
Viertens: Es stirbt die hierarchistische, monokratische Gestalt des kirchlichen Christentums mit seinen Monopolansprüchen und Selbstimmunisierungsstrategien. Wir sind in einem Übergang, in dem wir - und das ist ein Problem des katholischen Fundamentalismus Abschied zu nehmen haben von einem römisch zentralistischen, hierarchistischen Verständnis von kirchlichem Christentum. Wohlgemerkt, ich sage nicht hierarchisch, weil gesunde Hierarchien etwas Kostbares sind. Die ganze Natur, der Kosmos ist hierarchisch; es gibt Ordnungen, es gibt Gefüge. Beziehungsgefüge. ohne die wir gar nicht produktiv leben können. Aber dieser Hierarchismus, wo einige meinen, für andere das Heil bestimmen, verwalten zu können und z. B. sogar sich erdreisten zu sagen, man dürfe über dieses oder jenes. etwa die Frauenordination in der römischen Kirche, nicht einmal mehr nachdenken - das ist eine absurde Geste der Abwehr. in der sich sehr viel Hilflosigkeit und Angst äußern. Wir sind unterwegs zu einem neuen gemeinschaftlichen, kommunialen geschwisterlichen Verständnis von Christentum auf allen Ebenen auch kirchlicher Realität. Entsprechend fängt das Christentum jetzt erst neu an, das, was es seit Ursprungszeiten verkündet und behauptet, auch selbst zu realisieren - den Glauben nämlich an einen beziehungsreichen, trinitarischen, kommunialen Gott, dessen Beziehungsreichtum sieh im Umgang miteinander, in der kirchlichen Realität auch abbilden muß. Erst jetzt - das ist eine prophetische Intuition des jetzigen Papstes fängt das Christentum an. (ich spreche notgedrungen zuerst vom römisch katholischen) seine eigene Botschaft einzuholen. Es entdeckt das Geheimnis des Drei einzigen, des beziehungsreichen, des gemeinschaftlichen Gottes als Grund aller Wirklichkeit. Wirklichkeit ist Beziehung, die Lust am Anderssein, die versöhnte Verschiedenheit, die Lust daran, daß ich gerade dadurch ich werde, daß ich in Beziehung zu dir und dank deiner ich werde und du dank meiner du. Dieses Grundmuster der Kommunialität, wie wir Theologen sagen, das wird die neue Gestalt gelebten Glaubens prägen, im Abschied von Hierarchismen und monokratischen Strukturen.
Damit verbunden, fünftens, stirbt auch das klerikalistische Christentum. Noch nie gab es soviel sogen. Laien in der Christenheit, die sich geistlich engagieren und die auf der Basis des gemeinsamen Priestertums aller Glaubenden die Freiheit eines Christenmenschen entdecken, erleben und ausprobieren. Das ist ungeheuer hoffnungsvoll, in concreto freilich auch sehr schmerzhaft, weil natürlich überall, wo es ans Abschiednehmen geht, auch angsthafte Verhärtungen, fundamentalistische Widerstände da sind und vieles, was wir derzeit - Stichworte: Bischofsernennungen, mangelnde Transparenz und Machtspielchen innerhalb des Apparates - erleben, letzte hilflose, angsthafte Abwehrreaktionen sind in einem Sterbeprozeß mit entsprechen den Folgen für die, die leider dabei noch Opfer werden. Es stirbt das klerikalistische Christentum.
Damit verbunden, sechstens, es stirbt das paternalistische und entsprechend infantilisierende, das patriarchale und androzentrische Christentum. Gut, die bisherige Gestalt des kirchlichen Christentums ist sehr männerzentriert, kirchenmännerzentriert. Da gehört das ganze Thema »Priester - Laie« hinein, aber auch das Themenfeld »Männer und Frauen«. Wieviel Angst voreinander speziell von uns Männern gegenüber Ihnen als Frauen, wieviel wechselseitige Projektion und Delegation! Wie viele Klischees, wie viele Verhärtungen, wie viele Fixierungen sind hier über Jahrhunderte hin ausgeprägt worden. Die sind am Sterben. Da wächst nicht zuletzt auch dank feministischer Theologien und Bewegungen eine neue geschwisterliche Form des Umgangs miteinander, in der eine der revolutionärsten Visionen der Bibel endlich Realität wird, nämlich die gottgewollte Gleichwürdigkeit und Gleichwertigkeit von Mann und Frau.
Siebtens schließlich: es stirbt ein magisch-sakramentalistisches Christentum der selbsternannten Gottesbesitzer und Gottesverwalter. Wir sind unterwegs zu einer wirklich mystischen Christlichkeit. Immer wieder wird nicht zufällig Karl Rahner zitiert: »Der Fromme der Zukunft wird ein Mystiker sein, einer, der etwas erfahren hat« und der aus Erfahrung und Entscheidung den geistlichen Mut gewinnt zu einer eigenen Biographie. Christ und Christin der Zukunft haben ein entsprechend unvertret- und unverwechselbares geistliches Selbstbewußtsein, eine darin begründete prophetische Zustimmungs- und Widerstandskraft. Wir sind im Abschiednehmen von einem paternalistisch-infantilisierenden, bevormundenden Christentum. Wir könnten auch sagen, wir sind dabei, als Getaufte endlich selbst erwachsen zu werden und aus den Kinderschuhen herauszutreten. Immer noch gibt es viel zu viele, die sich mit den kleinen und großen Problemen der kleinen und großen heiligen Väter beschäftigen und immer noch aus der Perspektive des Kleinkindes schauen, was denn der Papa da oben jetzt macht und wie es der Mutter Kirche grad geht. Nein, es geht doch damm, daß wir selber mütterlich und väterlich, also im Glauben genial, produktiv, kreativ werden. Dahin sind wir unterwegs - zu einer Gestalt des Christentums, die von Mündigkeit, von erwachsener Entschiedenheit geprägt ist, vom Mut zur eigenen Geschichte mit Gott und also der Welt. In diesem Sinne sprach Karl Rahner von Mystik - Mystik nicht als elitärer Sonderweg für irgendwelche religiösen Hochleistungssportler, Mystik nicht als Imbiß in einem geistlichen Delikatessenladen, wo man Sondererfahrungen macht; nein: Mystik als Wagnis, in dieser Welt mit ihrer Lust und mit ihrem Schrecken ein Glaubender, eine Glaubende zu werden, hoffend und hebend und bereit, die dann auftretenden Widersprüche und Spannungen auszuarbeiten, auf der Spur und im Geiste Jesu Christi. So meinte es Kardinal Lustiger, so Karl Rahner u. v. a. m.

Sieben Aspekte habe ich Ihnen genannt, um das Bild vom Sterben einer Kirchengestalt, die über Jahrhunderte Heil vermittelt hat, aber heute am Ende scheint, deutlich zu machen und zugleich zu unterstreichen, wieviel Grund zur Hoffnung besteht, weil die Macht des Geistes und die Kraft des Evangeliums sich lebenserneuernd gerade darin durchsetzen, daß sie Abschiede nötig machen und Aufbrüche ermöglichen. Aber diese thesenhaften Perspektiven könnten sehr mißverständlich sein! Sie können nämlich vergessen lassen, daß es wie immer in concreto, in der je besonderen Geschichte betroffener Menschen, zumal wenn sie etwa in der real existierenden Kirche arbeiten, um sehr lange und auch schmerzhafte Veränderungsprozesse geht. In jedem Krankenhaus, in jeder Intensivstation erfahren wir das; auf der Intensivstation Kirche erleben wir das auch! Welche Leidensgeschichten, welche Hoffnungsgeschichten von Frauen in der Männerkirche! Welche Leidensgeschichten, welche Hoffnungsgeschichten von sogen. Laien in der Klerikerkirche! Wieviel Mut und Demut, wieviel revolutionäre Geduld, wieviel visionäre Hoffnungskraft braucht es da - und das heißt ja Osterglaube - , um diese Karsamstagsstunde durchzustehen. Es sind lange Wege, die nicht nur besprochen, sondern gegangen werden müssen. In ihnen muß und will sich bewähren, was Christ sein heute heißt, da wo wir nicht an die Kirche, sondern mittels, dank und trotz der Kirche an den glauben, den wir den einzig lebendigen Gott nennen dürfen; die Mitte und das Geheimnis unseres Lebens, die Zukunft der Welt.

Ein zweites Mißverständnis steht vielleicht im Raum. Es könnte bei diesem zyklischen Bild von Tod und Auferstehung im Bilde der Mondphasen die Möglichkeit der Mondfinsternis habe ich noch gar nicht angesprochen der Eindruck entstehen, als würde nach dem Sterben automatisch eine Wiedergeburt erfolgen. Aber jedes Sterben ist endgültig. Auch das Abschiednehmen von einer lieb gewordenen, gewohnten und bewohnten Kirchengestalt ist sehr schmerzlich, je nach Lebens- und Glaubensalter verschieden. Wenn ich an bestimmte Erfahrungen in meinem Leben, in meinem kirchlichen Dienst denke, wenn ich an bestimmte gregorianische Gottesdienstformen früherer Zeiten denke, dann bin ich tief traurig: sie sind gestorben und werden so nie wiederkommen. Wenn ich daran denke, wie wir als junge Priester tagelang im Beichtstuhl saßen und Beichte gehört haben, dann bin ich einerseits froh, daß dieser Ritualismus gestorben ist aber ich spüre schmerzhaft auch ein tiefes Vakuum, das entstanden ist. Mir liegt sehr daran, daß wir dieses Bild von Sonne und Mond nicht in einen fröhlichen Zyklus - »erst wird locker gestorben und dann wird wieder geboren, so geht das weiter« - naturwüchsig verniedlichen, denn jedes Bild hinkt. Es ist wichtig, daß wir auch den Schmerz, die Abschiedsarbeit deutlich an uns heranlassen und in der eigenen Biographie, in unserer Lebenswelt, in unserer Kirchengeschichte mitspüren. Es ist durchaus verständlich, wenn sich dann manche MitchristInnen - vor allem dann, wenn sie kirchliche Macht haben im Guten verhärten und zwar Ostern verkünden, aber im Grunde so wie die, die keine Osterhoffnung haben, aus panischer Todesangst Apparate-Pastoral betreiben oder alles gesundbeten. Sie sagen, z. B.: es wird schon wieder werden mit den Priestern, mit den Ordensleuten, mit der Kirche usw. Nein: in der Form, in der es war, wird es nicht mehr werden. Sterbeprozesse sind Sterbeprozesse, und wir brauchen in diesem Sinn eine kirchliche Kultur schöpferischer Abschiedsarbeit - eine Spiritualität nicht des Leidens, das depressiv macht, sondern kreativer Trauerarbeit. Es braucht neu die Unterscheidung der Geister: Welche Art von Kirche ist essentiell und auf welche Art, auf welche Gestalt von Kirche wollen wir, können und müssen verzichten? Die bisherige Gestalt kirchlichen Christentums darf ja keinen Augenblick bloß eingedunkelt, schwarz gemalt und schlecht gemacht werden, ganz im Gegenteil. Es ist doch so, daß über Jahrhunderte hin durch das bisherige Christentum gerade in seiner kirchlichen Gestalt ungeheuer viel Leben ermöglicht, Hoffnung gestiftet, Sinn vermittelt wurde. Heinrich Böll hat sicher recht, wenn er sagte: »Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen vorziehen, weil es in einer christlichen Welt Raum gibt für die, denen keine heidnische Welt je Raum gab: für Krüppel und Kranke, Alte und Schwache. Und mehr noch als Raum gab es für sie: Liebe für die, die der heidnischen wie der gottlosen Welt nutzlos erschienen und erscheinen. Ich glaube an Christus und ich glaube, daß 800 Millionen Christen auf dieser Erde das Antlitz der Welt verändern könnten und ich empfehle es der Nachdenklichkeit und der Vorstellungskraft der Zeitgenossen, sich eine Welt vorzustellen, in der es Christus und die Christen nicht gäbe. «Ja, was würde uns fehlen, wenn uns das Evangelium fehlt? Was würde uns fehlen, wenn uns die Kirche fehlt? Die bisherige Gestalt kirchlichen Christentums zieht zwar leider auch eine Blutspur hinter sieh her, und es wäre leicht, eine ganze Litanei von Fehlformen aufzulisten. Aber viel mehr müßten wir den humanisierenden Wert des bisherigen Christentums deutlich machen, um den Schmerz des Abschieds zu spüren und die daraus resultierende Hoffnung und Sehnsucht stark zu machen. Ohne diese Kirche hätten wir zum Beispiel - das wird oft unterschlagen - die Bibel nicht. Es ist ein beliebter Trick, die Bibel groß zu machen und die Kirche schwarz zu färben. Die Bibel ist ein in Jahrhunderten ausgemendeltes Dokument jüdisch christlicher Verheißungen und Gottentdeckungen im Schoß der Kirche. Es ist das Geschenk des kirchlichen Christentums an die Menschheit. daß jeder Mensch Person ist, unabhängig und vorgängig zu seinen Leistungen und Fehlleistungen, unabhängig und vorgängig zu seinen Taten und Untaten. Es ist ein Geschenk des biblischen Gottesglaubens und seiner kirchlichen Vermittlungsgestalt an die Menschheit. daß jeder Mensch Gottes Ebenbild ist. Es ist ein Geschenk des biblischen und kirchlichen Gottesglaubens an die Menschheit, daß jeder Mensch unhintergehbar eine eigene Gewissensinstanz ist. So könnten und müßten wir eine Segens und Erfolgsgeschichte des bisherigen Christentums in concreto schreiben. Dieses Christentum, genauer: diese Gestalt des Christentums, ist an ein Ende gekommen. Es ist verstellt durch verschiedene historisch gewordene kirchliche Strukturen; es muß diese Ursprungsschätze, die es über die bisherigen zwei Jahrtausende hin begründet haben, neu zur Geltung bringen. Es ist das Spannende an der gegenwärtigen Kirchenstunde, ganz neu den humanisierenden Mehrwert des Evangeliums zu entdecken. Es gilt ganz neu zu bedenken, wie eine heidnische Welt aussähe, in der das Christentum und jetzt meine ich nicht den römischen Zentralismus, sondern das Evangelium des Alten und Neuen Testamentes - verschwunden wäre. Wieviel Kirche brauchen wir, welche Kirche brauchen wir, nicht weil wir kirchenverliebt sind, sondern um der Menschheit willen, weil hier Grundwerte der jüngeren Menschheitsgeschichte jüdisch-christlich vermittelt auf dem Spiel stehen und wir sie allen Menschen schuldig sind? Das ist die entscheidende Kirchenfrage. Wie muß eine Kirche aussehen, die im Sinne der lunaren Ekklesiologie attraktiv diese Freude des Evangeliums vermittelt, diese Gewißheit, daß es im Chaos menschlicher Geschichte und oft verwirrender Verhältnisse, daß es angesichts von soviel Gewalt, Verblendung und Zerstörung doch eine alles tragende Wirklichkeit gibt, die das Ganze und jede/n Einzelne/n personal will und führt? Diese typisch christliche, diese typisch biblische Vision von der Würde des Menschen und von der Schönheit der Welt im Geheimnis dessen, den wir den erwählenden Gott nennen dürfen, gilt es stark zu machen.

K i r c h e n - F r a g e n

Ja wie sähe eine Welt aus, in der all dies verloren ginge? Das ist die entscheidende Kirchenfrage, prozeßhaft orientiert! Lassen Sie mich dazu drei Punkte in Erinnerung rufen. Je nach Lebenssituation, je nach eigener Glaubens- und Kirchengeschichte stehen wir alle in einem Prozeß, in dem wir uns zu fragen haben, wovon verabschieden wir uns und worauf hoffen wir? Wer ist der, den wir den einzigen lebendigen Gott nennen? Eine der großen Kirchenmütter dieses Jahrhunderts, Madeleine Delbrêl, eine der großen Mystikerinnen, hat das im Umfeld einer atheistischen, militant kommunistischen Umwelt formuliert. Sie war übrigens der Überzeugung, daß kaum etwas dem Glauben und der Christwerdung dienlicher ist als eine atheistische Umwelt, denn hier können wir den Stolz und die Demut entdecken, die das Evangelium denen schenkt, die sich von Gott erwählt glauben dürfen. »Aber«, so sagt sie, »wir verkünden keine gute Nachricht mehr, weil das Evangelium keine Neuigkeit mehr für uns ist. Wir sind daran gewöhnt. Der lebendige Gott ist kein ungeheures, umwerfendes Glück mehr, er ist bloß noch ein gesolltes, die Grundierung unseres Daseins.« »Wir (wir Christen, wir Kirchenleute) verteidigen«, so sagt sie, »Gott wie unser Eigentum, wir verkünden ihn nicht mehr wie das Leben allen Lebens. Wir sind keine Erklärer der ewigen Neuigkeit Gottes sondern nur noch Polemiker, die einen kirchlichen Besitzstand  verteidigen. «Das Evangelium neu entdecken: habe ich Gründe, ein/e Christ/In sein zu wollen und - was ich noch viel spannender finde - habe ich Gründe, ein/e ChristIn bleiben zu wollen und welches sind diese Gründe? Warum konvertiere ich nicht zum Buddhismus oder zum Judentum oder zum Islam oder in irgendeine Gestalt des neoreligiösen religionsfreundlichen Atheismus, wie er postmodern auf dem Markt der Sinnangebote in unterschiedlichen Mischungen zugänglich ist? Warum denn Christln sein, warum sich denn gerade darin orientieren? Meine Antwort: Weil das Evangelium ein Schatz ist, für den es auf der ganzen weiten Erde absolut keine bessere Alternative gibt! Daraus resultiert das Selbstbewußtsein der Christen und Christinnen! Das äußert sich nicht durch elitäre inflationäre Aufgeblasenheit, sondern in einer Praxis der Solidarität, der Toleranz, der konfliktfähigen Nächstenliebe, ja Feindesliebe, in der verrückten Geduld, an das Gute in jedem Menschen zu glauben - gegen die Miesmacher, gegen die Unglückspropheten in und außerhalb der Kirche. Gerade die gegenwärtige Krisenstunde ist so gesehen als eine Wachstumsgeschichte zu begreifen, in der wir bewußter, entschiedener und dann auch ausstrahlungsfähiger das bezeugen, was nur die haben dürfen, die sich ChristInnen nennen - nämlich den wahnsinnigen, den unglaublichen Glauben, daß das wahr sein könnte mit Jesus von Nazareth und daß dieses Bekenntnis zur Auferweckung des Gekreuzigten tatsächlich der Schlüssel zur Wirklichkeit ist und daß deshalb auch eine Sterbestunde und gerade diese Sterbestunden der Kirche, die durch uns hindurchgehen, in Wahrheit die Kehrseite von Geburtsszenarien sind, in denen ein erwachsenes, ein weltbejahendes, gottverliebtes, deshalb weltveränderndes Christentum entsteht.
Ich möchte Sie und mich zweitens einladen zu schauen, in welcher Wachstumsphase des Glaubens - und Glauben heißt im Namen Gottes sterben lassen und zur Welt bringen - wir sind. Alle, die in der gegenwärtigen Kirchenstunde sich als ChristInnen engagieren, haben einen Doppelberuf. Alle sind wir Sterbebegleiter, alle sind wir Geburtshelfer. Wer heute in der Kirche arbeitet, muß sich überlegen, wo er Sterbebegleitung übt und wo er Geburtshilfe leistet, damit Neues zur Welt kommt. Drittens schließlich: wie überall, wo es ans Sterben und Abschiednehmen geht, wo Aufbruch in Neuland angesagt ist, wird sehr viel Angst frei und dies in der Doppelgestalt von Abwehr und Widerstand einerseits und von therapiefreudiger Veränderungsbereitschaft andererseits. Der gesellschaftliche, der weltanschauliche und auch der christliche Fundamentalismus, der ja nicht nur in St. Pölten residiert, ist eine typische Reaktionsform, in der man mit dieser sehr verständlichen Angst, loslassen zu müssen, ohne zu wissen, wohin es geht, nicht österlich-produktiv umzugehen vermag, sondern kleingläubig angsthaft und im Grunde gottlos am Gewordenen festhalten will. Es gilt also, eine Kultur der Angstwahrnehmung in solchen Krisenzeiten zu entwickeln. Ähnlich wie wir zwischen notwendigem Leiden, das dem Wachstum dient, und masochistischem Leiden, das selbstzerstörerisch ist, unterscheiden müssen, müssen wir unterscheiden zwischen einer Angst, in der sieh Lebensvorgänge neu artikulieren und einer bloß unproduktiven, verhärtenden, lebensfeindlichen Angstgestalt. Der karfreitagliche Osterglaube ist Ermutigung zur Angst. Mit Paulus rühmen wir uns auch unserer Ängste! Weder Gesundbeterei und Schönreden, weder Jammern und Abwerten - nein: im Tod ist das Leben, in der Krise - karsamstaglich - die Chance!

G o t t e s F r a g e n

"Kirche in der Agonie - ist ihr noch zu helfen?" Ich habe das Ganze im Bild von Sonne und Mond zu erläutern versucht mit dem Archetyp karfreitäglichen Osterglaubens. Ich hätte das Ganze auch, aber dazu reicht die Zeit nicht, in einem anderen Bild erschließen können, nämlich in der zentralen biblischen Erfahrung, die das Volk Israel macht und der wir das sogen. Alte Testament verdanken, nämlich die Erfahrung des Exils. Das Volk Israel mußte im 6. Jahrhundert Gott neu lernen, da der Tempel, der Staat, das Königtum zusammenbrachen, alle Verheißungen kaputt gingen, alles am Ende war. In dieser Phase mußte, durfte das Volk Israel lernen, daß der, den es seinen Gott nennt, den Bundesgott der Treue, auch ins Exil mitgeht, ja daß er sein Volk ins Exil schickt, damit das Gottesvolk unter den Völkern den Glauben an den lebendigen Gott bezeugt. Israel mußte in die Diaspora zerstreut werden. Das ganze Alte Testament ist Ergebnis eines Trauerprozesses angesichts des Exils. Auch das Neue Testament ist wir vergessen es zu oft - Produkt der Trauerarbeit über den Verlust Jesu. Angesichts der Tötung Jesu am Kreuz mußten die frühen Christen sich Klarheit darüber verschaffen, was trägt. Da haben sie die Schriften komponiert, da haben sie der Bibel ihre Endgestalt gegeben. Vor jedem biblischen Text stellt gleichsam als Notenschlüssel der Partitur: ein Text im Exil, ein Text in der Zerstreuung, ein Text, der, aus Trauerarbeit geboren, Hoffnung vermittelt. Die europäische Christenheit ist dabei, neu zu lernen, daß sie im Übergang steht von einer Kirche, die sich selbst behauptet, die sich von ihrer Umwelt abgrenzt, die mit der Umwelt rivalisiert, hin zu einer Minderheitenkirche, die aber offensiv teilnimmt an dem, was alle Menschen bewegt und ihnen Anteil gibt an der eigenen Hoffnung: Kirche im Exil, in der Diaspora. Madeleine Delbrêl hat das beispielhaft gesagt für die Eigenart eines missionarischen, ausstrahlungskräftigen christlichen Zeugnisses in einer Gott suchenden und noch gottlosen Welt. »Wir kommen zu den Nichtglaubenden nicht wie Leute, die ein Diplom erlangt haben zu denen, die keines haben. Wir kommen nicht wie solche, die Gott besitzen zu denen, die ihn nicht haben. Wir kommen als solche, denen vergeben worden ist und die im Evangelium einen Schatz gefunden haben, der bei ihnen hinterlegt ist für die Welt. Wir kommen wie solche, denen vergeben worden ist, damit andere Menschen auch an dieses Sonnenlicht des Evangeliums glauben. «Es ist eine Mystik der offenen Augen, die sich der weltlichen Übergangsrealität stellt, mitten in den karfreitäglichen Abbrüchen und österlichen Aufbrüchen. Es ist eine Doppelbewegung: Abschiedsarbeit, Trauerarbeit, Sterbeprozesse, aber auch Wiedergeburt, Neuanfang, Auferstehung. Unsere Kirchenstunde, so scheint, mir, ist der Karsamstag. Es gibt bewegende Hinweise auf das, was wächst an neuer Christlichkeit, einiges habe ich genannt: der Aufbruch geistlicher Gemeinschaften, die Entschiedenheit von Menschen, kontemplativ, betend, mystisch erwachsen zu werden, Einsiedlerbewegungen mitten in Paris, Konversionen hochreflektierter zeitgenössischer Menschen und vieles, vieles an Aufbruchbewegungen sonst. Aber auch Sterbearbeit ist angesagt, schwere Abschiedsarbeit, der Karsamstag in der Mitte. Es ist wie in den alttestamentlichen Texten des (Nach-)Exils, und mit dem Gebet der drei Jünglinge im Feuerofen des Buches Daniel möchte ich deshalb schließen: »Ach Herr. wir sind geringer geworden als alle Völker. In aller Welt sind wir heute wegen unserer Sünden erniedrigt.« Ja, die Kirche ist, wir sind, voller Sünden, deshalb ergeht über sie und uns Gottes Gericht. Gottes rettende und richtende Liebe richtet aber immer auf. Die Prozesse, die wir erleben, sind deutbar in diesem Bild von Gottes wieder aufrichtender Reinigung einer selbstgefällig, leidenschaftslos und faul gewordenen Kirche. In aller Welt sind wir heute wegen unserer Sünden erniedrigt. »Wir haben in dieser Zeit weder Vorsteher noch Propheten und keinen, der uns anführt. Wir haben weder Brandopfer noch Schlachtopfer noch einen Ort, um dir die Erstlingsgaben dar zubringen und um Erbarmen zu finden bei dir. Du aber nimmst uns an ... « (Dan 3,37ff). Und insofern ist die Antwort auf die Frage, die Sie mir gestellt haben, klar: Ja, Kirche ist in Agonie, leider Gottseidank. Es ist nämlich ein Gottesgeschenk, sterben lassen zu dürfen, mit allen Schmerzen, um zum wahren Leben zu kommen. Der Kirche ist - umso mehr - auch zu helfen, in der Kraft des Geistes und in österlicher Widerstandskraft. Denn wir alle sind Kirche. Ihr großer Landsmann Friedrich Heer sprach von der »Resistance der Innerlichkeit«. Ja, was würde uns fehlen, wenn uns das Evangelium fehlt - und die Kirche!


Anmerkungen
    1. Themenformulierung und Anlaß waren mir vorgegeben. Die folgende Nachschrift des Vortragsteils als Manuskript vorliegend, teils in freier Rede wurde nur spärlich redigiert und um wichtigste Literaturangaben ergänzt.
    2. Alfred Delp: Gesammelte Schriften (Hg. von Roman Bleichstein) Gesammelte Schriften III, Frankfurt 1983, 234f.
    3. Jean-Marie Lustiger. Wagt den Glauben, Einsiedeln 1986, 12Sf.
    4. Vgl. Hugo Rahner: Symbole der Kirche. Die Ekklesiologie der Vater, Salzburg 1964. 91 - 173.
    5. Zitiert nach Gisbert Greshake: Der dreieine Gott. Eine trinitarische Theologie, Freiburg 1997, 515
    6. Madeleine Delbrel. Wir Nachbarn der Kommunisten, Einsiedeln 1975, 238.
    7. ebd 253.
    8. Vgl. Rolf Zerfass: Spirituelle Ressourcen einer neuen Pastoralen Kultur, in: Karl Gabriel, Johannes Horstmann, Nobert Mette (Hg.): Zukunftsfähigkeit der Theologie, Paderborn 1999, 113 127.- Es wäre ein eigenes Thema, den ekklesiologischen Diskussionszusammenhang, der im Hintergrund meiner Überlegungen steht, hier im einzelnen zu belegen. Vgl dazu Medard Kehl: Die Kirche. Eine katholische Ekklesiologie, Würzburg 1992; Siegfried Wiedenhofer Das katholische Kirchenverständnis. Ein Lehrbuch der Ekklesiologie, Graz-Köln 1992. Jürgen Werbick: Kirche. Ein ekklesiologischer Entwurf für Studium und Praxis, Freiburg 1994


















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