Theologische Impulse

Irmgard Rech: Die unerledigte Hausaufgabe der Kirchen. Die Bibel neu lesen lernen1

Vollmundig und im stolzen Bewusstsein, im Besitz des "Wortes Gottes" zu sein, singen die Kirchen in diesem Jahr das Lob der Bibel. Möglichst viele sollen hineingerissen werden in eine medial aufgeheizte Euphorik und zu begeisterten Bibellesern gemacht werden. Marktschreierisch wird da das "Wort Gottes" mal zum "Ratgeber für alle Lebenslagen", mal zur "Zuflucht für Trauernde und Fröhliche", mal zum "tollen Buch mit seltsamen Sachen". Neben solchen niveaulos anbiedernden Werbesprüchen gibt es allerdings auch Locksprüche für Anspruchsvollere. Da heißt es dann: "Die Bibel verwandelt einen" und "Bibel im Blick der Forschung - Wissenschaft kein Argument gegen den Glauben" und "Die Bibel, nach wie vor ein Bestseller der Weltliteratur!" Für noch etwas gehobenere Ansprüche werden "dialektisch konzipierte" Dossiers verfasst, in denen auf schnodderig-frech daherkommende Fragen wie "Lügt uns die Bibel was vor?" beruhigend und aufbauend geantwortet wird.

Einseitige Lenkung der Bibellektüre

Diese Art von pädagogisch überanstrengten Versuchen, die unterschiedlichsten Leser für eine zeitgemäße Bibellektüre zu motivieren, hinterlassen ein ungutes Gefühl. Fragen muss man sich dabei, ob diejenigen, welche die Bibel als harmloses Erbauungsbuch oder großartiges Glaubensbuch anpreisen, sie wirklich gelesen haben. Obwohl es längst keine Auswahlbibeln für Erwachsene mehr gibt, existieren sie noch in vielen Köpfen. Gelesen werden oft nur die Stellen, die auf kirchlichen Studientagen ausgewählt und zur Lektüre empfohlen werden. Man weiß dann, dass bei den Propheten Jesaia und Micha die visionären Friedensworte stehen: Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermessern aus ihren Lanzen. (Mi 4,3) Wer aber ein paar Verse mehr liest, der stolpert erschreckt über den brutalen Satz, den Gott am Ende der Friedensvision auch ausspricht: Steh auf, um zu dreschen, Tochter Zion! Denn ich gebe dir Hörner aus Eisen und mache dir bronzene Hufe, damit du viele Völker zermalmst und ihren Besitz dem Herrn weihst, ihren Reichtum dem Herrn der ganzen Erde. (Mi 4,13)
Und das genaue Gegenteil zum Motto der Friedensbewegung lässt sich beim Propheten Joel finden: Ruft den Völkern zu: Ruft den Heiligen Krieg aus! Bietet eure Kämpfer auf! Alle Krieger sollen anrücken und heraufziehen. Schmiedet Schwerter aus euren Pflugscharen und Lanzen aus eueren Winzermessern! (Joel 4,9f.) Auch dieser Ausruf zum "Heiligen Krieg" ist ein Spruch des Herrn, er steht nicht im Koran, sondern in unserer Bibel. Diese brutalen Sätze sind, Gott sei's geklagt, nicht wirkungslos geblieben. Im Namen Gottes haben Bibelgläubige die grausamsten Kreuzzüge und Kriege geführt und ganze Völker ausgerottet, um sie dem christlichen Gott zu weihen.

Von der Bibel ist auch Unheil ausgegangen

In der Diskussion um den drohenden Irak-Krieg wird uns auf erschreckende Weise bewusst, dass von der Bibel auch Unheil ausgeht. Der evangelische Präses Kock hat darauf hingewiesen, dass Präsident Bushs Gottesbild "alttestamentarisch" geprägt sei. Dieser Gott bestraft die Bösen und belohnt die Guten. Er zahlt denen heim, die nicht nach seinen Geboten leben:
Samaria verfällt seiner Strafe, weil es sich empört hat gegen seinen Gott. Seine Bewohner fallen unter dem Schwert, ihre Kinder werden zerschmettert, die schwangeren Frauen werden aufgeschlitzt. (Hos 14,1)
Fanatismus und Sadismus der "rechtgläubigen" Juden wie Christen finden in diesem Rachegott bis heute reichlich Nahrung. Im Jahr der Bibel sind wir zu einem ehrlichen Umgang mit der Schrift verpflichtet und dürfen in unserm Bemühen, sie in ein positives Licht zu rücken, ihre unheil- und todbringenden Seiten nicht unterschlagen. Eine Kirche, die Gläubige wie Nichtgläubige auffordert, die Bibel mit neuen Augen zu lesen, muss diese Forderung auch an sich selber richten.

Notwendige Revision des Bibelverständnisses

Das Jahr der Bibel wäre vertan, wenn die Kirchen nicht daran gingen, ihr traditionelles Bibelverständnis von Grund auf zu überprüfen. Sie täten gut daran, auf die Professoren und Professorinnen zu hören, die trotz der kirchlich kontrollierten Forschung den Mut haben, Konsequenzen aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen zu ziehen. Der Spiegel hat sicherlich Recht, wenn er schreibt: "An den theologischen Fakultäten werden derzeit unbequeme Gedanken ausgebrütet." Statt eine notwendig gewordene wissenschaftliche Aufklärung dem Spiegel zu überlassen, der in seinem reißerisch aufgemachten Artikel ("Die Erfindung Gottes. Archäologen auf den Spuren der Heiligen Schrift, Nr.52, 2002) mit Spott und Zynismus nicht spart, wäre es doch sicherlich klüger, sich nicht weiter davor zu drücken, die notwendigen Hausaufgaben in Sachen Bibelauslegung selber zu erledigen. Es haben sich da eine Menge Lektionen angehäuft, die gelernt werden müssen.
  • Erste Lektion Von der Bibel nicht mehr undifferenziert und pauschal als dem "Wort Gottes" reden. Die Bibel enthält auch Aussagen, die Unrecht Leid und Tod in die Welt gebracht haben.
  • Zweite Lektion Die Bücher der Bibel sind überwiegend literarisch gestaltet, d.h. sie sind als poetisch konzipierte Texte zu deuten und nicht als Texte historischer Dokumentation.
  • Dritte Lektion Die Forschungsergebnisse der feministischen Theologie sind aufzugreifen; man muss zugeben, dass die biblischen Bücher aus männlicher Perspektive geschrieben und bis in unsere Tage männlich ausgelegt wurden.
  • Vierte Lektion Die totale Vermännlichung des Gottesbildes mit der zugehörigen Herrschermetapher (Herr der Heerscharen) sind in Frage zu stellen aufgrund von Dt. 4,5f
  • (Verbot, ein männliches oder weibliches Gottesbild anzufertigen); die Fortentwicklung des Gottesbildes zum Abba der Jesus-Verkündigung verstehen lernen.
  • Fünfte Lektion Den Christus des Glaubens in den Evangelien nicht zur Festschreibung heutiger hierarchischer Kirchenstrukturen, besonders des zölibatären männlichen Priesterbildes zu missbrauchen, - Jesus hat sich mit "Kirchenstrukturen" und Priesterbildern keineswegs befasst.
  • Sechste Lektion Die subversive Kraft der Bibel anerkennen und sie als Quelle "notwendiger Selbstverunsicherung" sehen lernen ( so Matthias Drobinski in der Süddeutschen Zeitung, 27.12.2002).

© imprimatur Mai 2003
1 Quelle: imprimatur - nachrichten und meinungen aus der katholischen kirche, trier
http://www.phil.uni-sb.de/projekte/imprimatur/mainframe.html (Rubrik: Die einzelnen Hefte. Heft 2/2003)
Der Autorin Dank für die Abdruckrechte!