Theologische Impulse
Rainer Bucher, Leiter des Instituts für Pastoraltheologie und Pastoralpsychologie an der Universität Graz, schreibt in Concilium. Internationale Zeitschrift für Theologie - 40. Jahrgang/August 2004 - Heft 3: "Struktureller Verrat. Sexueller Missbrauch in der Kirche" einen Artikel über

"Machtkörper und Körpermacht. Die Lage der Kirche und Gottes Niederlage"1

(S.359) "Sexuelle Gewalt ist weniger ein sexuelles als ein Machtphänomen. Befragungen von Tätern und Opfern veranschaulichen, daß es den Tätern in erster Linie um Machterleben geht, nämlich darum, sich überlegen zu fühlen, zu demütigen, zu strafen, Wut abzulassen oder die eigene Männlichkeit zu beweisen. Sexualität ist lediglich ein - sehr effektives - Mittel dazu." (Anm. 10: Ulrike Brockhaus/Maren Kolshorn, Die Ursachen sexueller Gewalt, in: G. Amman/R. Wipplinger [Hg.], Sexueller Missbrauch. Überblick zur Forschung, Beratung und Therapie, Tübingen 21998, 89-105, 91)

(S. 360) Sexueller Missbrauch im Rahmen pastoralen Handelns ist Übergriff, Vertrauensbruch und auf Grund des doppelten Machtgefälles (Erwachsener - Kind; "Pastor" - Pastorierte/r) ein Machtphänomen an sensiblem Ort. Und er ist eine Niederlage Gottes im Handeln des Volkes Gottes und dessen Priester. Denn christliche Seelsorge ist nicht irgendein Handeln, sondern Handeln in der Nachfolge der Gottesverkündigung Jesu. ........ Es ist für christliche Seelsorge konstitutiv, sich um Menschen in Not zu kümmern. Tut sie es nicht, gründet ihr Handeln nicht in ihrem Gründer. .... Im Vollzug jedes menschlichen Lebens gibt es etwas, woran dieses Leben glaubt; und nicht das Bewusstsein ist der primäre Ort, wo dieser Glaube zu finden ist. Es gibt in jedes Menschen Leben das, worauf man setzt, real, im Vollzug der eigenen Existenz, nicht nur und wahrscheinlich nicht einmal zuerst im Bewusstsein und in dem, was man ausdrücklich bekennt. "Worauf Du nun... dein Herz hängst und verläßt, das ist eigentlich Gott" - so hat es Luther geschrieben. (Martin Luther, Großer Katechismus 1529, hg. v. G. Herrmann, Gütersloh 1961, 15) Zu erkennen ist dies aber am unverstellbarsten in den Taten und Vollzügen des eigenen Lebens. Unser Glaube ist das, wonach wir leben, das woran wir zuletzt hängen, das worauf wir wirklich in unseren Entscheidungen und Alltagshandlungen vertrauen.
Zentrales Prinzip christlicher Seelsorge ist der Gottesbegriff Jesu. Er kritisiert alle Götter, die menschliches Leben bedrücken. Es gibt deren bekanntlich viele, in jedem Leben. Seelsorgliche Kompetenz heißt, nach dem Gott und den Göttern des eigenen oder fremden Lebens fragen und die eigenen Götter in den Horizont des Gottes Jesu stellen zu können. Versklaven die Götter des eigenen Lebens (S. 361) oder befreien sie zu einem mutigen und erfahrungsreichen, zu einem (sich selbst und anderen) treuen und beziehungsintensiven, zu einem tapferen und abenteuerlichen, vor allem aber ehrlichen und andere auferbauenden Leben?
Die entwickelte Moderne hat die Kirche fast aller gesellschaftlicher religiösen Macht beraubt. Sexueller Missbrauch in der Pastoral nimmt das in anderer Weise, mit anderen Mitteln und am denkbar intimsten Ort - aus welchen individuellen Gründen auch immer - zurück. (Was natürlich nicht aus-, sondern einschließt, dass es auch und gerade in Zeiten noch existierender religiöser Macht und an Orten ihrer pädagogischen Verdichtung, etwa Erziehungsheimen, zu solchen Übergriffen kam.) Sexueller Missbrauch nimmt zurück, was die Kirche endlich in aller Konsequenz realisiert hat nach tausend Jahren "konstantinischer Formation" und also gesellschaftlicher Sanktionsmacht: dass Seelsorge der freie Zuspruch, die diakonische Hilfe des Gottes Jesu in Wort und Tat ist, selbstlos und absichtslos, einfach, weil Gottes universaler Heilswille es so will.

Seelsorge, das ist Befreiung von den falschen Göttern des Lebens; sexueller Missbrauch in der Pastoral etabliert aber genau solche falschen Götter: zuerst und brutal den der Macht. Sexueller Missbrauch in der Pastoral spricht handelnd von einem Gott der erzwungenen, erschlichenen Nähe, einem Gott, der machtinduzierte Nähe mit Liebe verwechselt, also einem im strikten Sinne perversen Gott. Diesen Gott der (schleichenden oder manifesten) Gewalt und der Macht hat es in der Kirche immer wieder gegeben, so sehr Jesus ihn eigentlich ein für alle Mal vertrieben hat.
Seelsorge, das ist Befreiung von den falschen Göttern des Lebens, so von den kleinen und armseligen eines allzu behaglichen und selbstzufriedenen Lebens. Denn Gott fordert uns auf, dieses eine und einmalige Leben mit allem Ernst und aller Intensität zu führen, im Wagnis für ihn und die Menschen und in der Glaubenssicherheit, zuletzt eben nie und nimmer unterzugehen, weder in der Kälte des schweigenden Kosmos noch in jener des menschlichen Hasses. Wo Seelsorger Kinder missbrauchen, verkünden sie einen Gott des (sexuellen) Kleinmuts und des Machtgefälles menschlicher Intimbeziehungen, verkünden sie einen Gott, der Kinder in die Kälte simulierter Nähe und schwer oder gar nicht verarbeitbarer Erfahrungen schickt.
Seelsorge, das ist Befreiung von den blendenden und verführerischen Göttern selbstherrlicher Selbstüberschätzung, denn wir sind nicht die Götter unseres eigenen Lebens oder auch nur seine Macher und alles, was wirklich wichtig ist für uns, von unserer schieren Existenz bis zur Liebe eines Menschen, ist reines und letztlich unverdientes Geschenk. Wo Seelsorger Kinder missbrauchen, verkünden sie einen Gott, der den Autoritäten alles erlaubt, sogar das Unerlaubte, der Liebe und Zuwendung abhängig macht von Gefügigkeit und gewährtem Opfer. Wo Seelsorger Kinder missbrauchen, repräsentieren sie den verführerischen Gott der rücksichtslosen Selbstherrlichkeit.
Seelsorge, das ist Befreiung von den krankmachenden Göttern mangelnden Selbstvertrauens und mangelnder Selbstbestimmung: von nicht endender Trauer, unterdrückenden Familien- und Beziehungsverhältnissen, von fesselnden Abhängigkeiten. Denn wir sind die von Gott geliebten Kinder, der nicht unser Unglück, sondern unser Leben in Fülle will, auch und gerade in unserer ganzen, (362) völlig unvermeidlichen Schuldhaftigkeit. Wo Seelsorger Kinder missbrauchen, verkünden sie einen Gott unterdrückender Abhängigkeiten im Intimsten, einen Gott, der allzu oft dann auch tatsächlich krank macht, Selbstvertrauen und Autonomie zerstört und Schuld nicht nimmt, sondern Schuldgefühle auferlegt.
Seelsorge, das ist Befreiung von den diversen Göttern menschlicher und religiöser Repression. Denn der Gott Jesu ist ein Gott der Freiheit und des Kampfes für die Ausgestoßenen, ein Gott, der jenen, die wirklich aus allen Rastern der Anerkennung fallen, seine ganz selbstverständliche Solidarität anbieten: den "moralisch Zweifelhaften", den unheilbar Kranken, den "Unreinen" (Anm. 16: Bei allem großen diakonischen Engagement der Kirche in ihrer Geschichte, es ist auch eine Schuldgeschichte, der sich die Kirche hier stellen muss, gerade gegenüber den religiös und moralisch "Abweichenden". Auch hier gilt: Ohne Anerkennung der eigenen Schuld ist keine Befreiung zu neuem Handeln möglich!), den Kindern, den Leistungsunfähigen. Wo Seelsorger Kinder missbrauchen, verkünden sie einen Gott, der all das schreiend nicht ist: kein Gott der Freiheit, sondern der Macht, nicht des Kampfes für die Ausgestoßenen, sondern einer, der Ausgestoßene produziert, kein Gott der Kinder, sondern der Erwachsenen.
Von Gott wissen wir nach Jesus vor allem eines: Er hat die Liebe zu ihm, zu unserem Gott, und jene zu unseren Mitmenschen radikal identifiziert. "Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott, aber seinen Bruder hasst, ist er ein Lügner " (1 Joh 4,19). Alle Götter, die Menschen knechten und versklaven, die sie unfrei und krank machen, sind Götzen: Mächtig und wirksam, aber christliche Seelsorge nimmt den Kampf mit ihnen auf. Wo Seelsorger Kinder missbrauchen, da ist dieser Kampf fast schon verloren.
Götzen sind Machthaber über unser Leben, die funktionieren, sei es im Interesse von staatlicher oder religiöser Herrschaft, sei es im Interesse eines "guten Lebens" des/der Einzelnen, seiner/ihrer selbstzufriedenen Behaglichkeit, seiner/ihrer befriedeten Existenz. Christliche Seelsorger und Seelsorgerinnen haben demgegenüber einen Gott zu präsentieren, der grundsätzlich unverfügbar ist, der als er selber ein Geheimnis bleibt: das Geheimnis unseres Lebens, das uns selber unendlich übersteigt. Seelsorge ist die Präsentation dieses Gottes in den konkreten Realitäten individueller Biographien. Sexueller Missbrauch durch Seelsorger aber ist seine aktive Leugnung in den konkreten Realitäten individueller Biographien - und das im Kontext seiner behaupteten Bezeugung.

Der Gott Jesu ist die große Hoffnung im Leben jedes Menschen, denn er lehrt die Welt mit anderen Augen zu sehen. Er kritisiert die Götzen und solidarisiert sich mit den Leidenden. Er ist in niemandes Händen verfügbar. Er ist kein Gott der Macht, sondern der Solidarität mit den Ohnmächtigen. (Anm. 17: Vgl. Hans-Joachim Sander, nicht verleugnen. Die befremdende Ohnmacht Jesu, Würzburg 2001; ders., Macht in der Ohnmacht. Eine Theologie der Menschenrechte, Freiburg/Basel/Wien 1999) Sexueller Missbrauch im Kontext der Pastoral ist das Gegenteil: Er ist ein Teil von Gottes Niederlage in seiner Kirche.


1 a.a.O., S. 354-363). Auszüge aus dem 4. Kapitel lege ich Ihnen hier vor. Dem Autor, der internationalen Redaktion in Nijmegen und Frau Regina Ammicht Quinn herzlichen Dank für die Abdruckrechte!

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