Theologische Impulse
In der 72-Stunden-Aktion 2009 in der Pfarrei St. Peter, Bruchsal, bauten Jugendliche u.a. eine große Werbefläche für das Amos-Projekt der Pfarrei im Juni und Juli 2009. Für sie entstand diese Kurzinformation.

„Amos für Eilige“
Hallo, ihr von der 72-Stundenaktion!

Ich gebe euch hier mal einen kurzen Überblick über den Propheten Amos. Ein Prophet ist ein Mann (oder eine Frau), der von Gott beauftragt wird, den Finger in die Wunden der Zeit zu legen, Gerechtigkeit anzumahnen, Täter und Opfer beim Namen zu nennen und klarzustellen, dass Gott auf der Seite der Schwachen und Ohnmächtigen steht. Meistens werden die Propheten nicht gehört, weil ihre Botschaft unangenehm ist. Propheten sind Spielverderber, die keinen Spaß verstehen – zumindest nicht den Spaß der Mächtigen.

Ganz anders wirken Propheten auf Leute, die sich schwach und ohnmächtig, arm und an den Rand gedrückt fühlen und das auch sind. Für die ist das Leben als Unterdrückte, Opfer und Ausgebeutete nämlich überhaupt nicht spaßig. Die müssen gucken, wie sie irgendwie überleben und über die Runden kommen. Und manchmal überleben sie auch nicht. Ihr seht: Die einen haben also ihren Spaß – und die anderen nichts zu lachen.

So sah es auch zur Zeit des Amos aus. Er kam ca 760 v.Chr. aus dem Südreich Juda, war eigentlich Maulbeerfeigenzüchter und Schafzüchter. Er wurde von Gott ins Nordreich Israel – also ins „Ausland“ - geschickt und dort in die Zentren der Macht, in die Hauptstadt Samaria, die neben dem König, dem Heer und den Beamten auch ein Heiligtum mit Priestern beherbergte. Und nach Bet El (dt.: Haus Gottes), wo sich ebenfalls ein Heiligtum befand. Einige Wochen oder Monate, höchstens ein Jahr lang, predigte Amos an den beiden Heiligtümern. Er prangerte Unrecht und Gewalt im Nordreich Israel an. Dabei nannte er folgende Verbrechen gegen Menschen:

  1. Die Philister, Feinde Nordisraels, beteiligten sich am Menschenhandel. Sie verschleppten Leute aus Israel – manchmal ganze Dörfer – und verkauften die Menschen an die Edomiter. Die Edomiter brauchten billige Arbeitskräfte für ihre Kupferminen.
  2. Die Aramäer, Feinde Nordisraels, waren in Israel eingefallen und hatten mit ihren eisernen Dreschflegeln (eine Art Egge mit Metallspitzen) das Bauernland verwüstet, die Saat zerstört und manchmal auch mit diesen Dreschflegeln Menschen zu Tode gefoltert.
  3. Die Ammoniter hatten im letzten Krieg gegen Nordisrael schwangere Israelitinnen aufgeschlitzt, also frauenspezifische Menschenrechtsverletzungen  begangen.
  4. Bisher galten die Anklagen des Amos, die er im Namen Gottes vortrug, den Feinden Israels. Dann aber klagt er den König, die Priester, die Beamtenschaft und das Heer in Nordisrael selbst an
  • Sandalen in Nordisrael waren billig. Wenn Nordisraeliten Schulden im Wert von ein Paar Sandalen hatten, konnten sie bereits in Schuldknechtschaft geraten.
  • Vor Gericht hatten Arme, Schwache, Verschuldete, Frauen und unter ihnen vor allem Witwen keine Chance auf ihr Recht. Die Richter waren bestochen von den Reichen und sprachen Recht im Interesse der Reichen. Die Zeche zahlten die Armen.
  • Wie überall gab es auch in Nordisrael sexuellen Missbrauch an Frauen, die – vielleicht in Schuldknechtschaft verkauft – von Vater und Sohn sexuell ausgebeutet wurden und sich nicht wehren konnten.
  • Die Reichen leben in Luxus. Sie leisten sich ein kühles Sommerhaus und ein heizbares Winterhaus. Ihre Häuser sind mit kostbaren Elfenbeinschnitzereien aus Phönizien geschmückt. Die Frauen tun es ihren Männern nach und organisieren mit ihrer Hilfe Saufgelage.
  • Das Fass zum Überlaufen bringt am Ende, dass die Reichen und die Richter, die Priester und die königlichen Beamten im Tempel Gottesdienst feiern. Dabei lassen sie sich volllaufen mit dem Wein, den die Richter den zu Unrecht Verurteilten abgenommen haben. Sie liegen auf den Mänteln, die die Armen als Pfand für eine nicht bezahlte Schuld hinterlassen mussten. Der Mantel war die Zudecke für die Nacht – und Nächte in Israel können kalt sein.
Die Botschaft, die Amos angesichts des himmelschreienden Unrechtes auszurichten hat, ist nicht weniger als der Untergang von Nordisrael. Natürlich glauben ihm der König, die Priester, die Beamten, das siegreiche Heer nicht. In ihren Augen ist Amos ein Spinner. Zu der Zeit, als er seine Botschaft verkündete, gab es in Nordisrael nämlich eine ruhige, satte, gute Zeit. Das Heer hatte die Feinde besiegt. Die Steuern auf die landwirtschaftlichen Produkte, die zunächst die Rüstung finanzierten, flossen reichlich – immerhin wurden die kleinen Bauern solange ausgepresst, bis sie nicht mehr zahlen konnten. Dann kamen sie in Schuldknechtschaft (und waren daher immer noch nützlich, weil billige Arbeitskräfte!). Ihre Ländereien wurden von den Großgrundbesitzern kassiert, die immer reicher wurden. Nordisrael nahm am internationalen Handel teil, die Wirtschaft brummte. Zumindest für die Reichen.
Die wollten sich von einem dahergelaufenen Propheten aus dem Ausland nichts sagen lassen. So wurde Amos aus Nordisrael ausgewiesen – dafür sorgten der Oberpriester und der König.

722 v.Chr. zeigte sich, dass Amos Recht behalten sollte:  Die Assyrer eroberten Nordisrael und deportierten die Bevölkerung. Den Staat Nordisrael gab es nicht mehr.

Wem von euch beim Lesen über Amos ein paar Dinge bekannt vorkamen, der ist vermutlich auf der richtigen Spur, nämlich auf der des Amos 2009: Mit einem internationalen Handel, der die Globalisierungsverlierer im Stich lässt, kennen wir uns aus. Von Menschenhandel – und dort vor allem von Frauenhandel und Kinderhandel – haben wir gehört. Dass sexueller Missbrauch in allen Schichten unserer Bevölkerung und gar nicht so selten passiert, wissen wir auch. Dass die einen Millionen veruntreuen können und die Wiedergutmachungskosten aus der Portokasse zahlen (wenn überhaupt) und dass die anderen wegen der Unterschlagung von 1,30 € ihren Arbeitsplatz verlieren, ist uns auch bekannt. Kriegsverbrechen an Zivilisten, an Frauen und Kindern stehen fast täglich in der Zeitung oder passieren, ohne dass irgendjemand Notiz davon nimmt. Dass Kinder aus sogenannten „bildungsfernen Schichten“ kaum eine Chance haben, sich erfolgreich in unserem Bildungssystem zu bewegen, kennt ihr vermutlich aus eigener Anschauung. Und vielleicht erzählen eure Eltern euch, wie stressig ihr Beruf in den letzten Jahren geworden ist oder dass sie Angst haben, ihre Arbeit zu verlieren – oder sie längst verloren haben.
Wer mehr wissen will, schaue auch unter http://www.joerg-sieger.de/amos2009/index.htm nach oder maile mich an.

Euch alles Gute bei eurer 72-Stundenaktion!

Erika Kerstner
Mai 2009


































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