Theologische Impulse
Vernichtet Gott die Opfer zusammen mit ihren Henkern?

Ein befreiungstheologischer Blick auf das Buch des Propheten Amos

 
Prof. Milton Schwantes ist lutherischer Pastor, Professor der Bibelwissenschaft und Koordinator der Zeitschrift „Revista de Interpretacao Biblica Latino-Americana“, der Zeitschrift für lateinamerikanische Bibelauslegung. Er lehrt an der Methodistischen Universität von Sao Paulo in Brasilien.
In seinem Buch „Das Land kann seine Worte nicht ertragen. Meditationen zu Amos“, 1986 (dt. 1991)1 setzt er sich meditativ und zugleich wissenschaftlich mit dem Propheten Amos auseinander. Das ist eine für uns eher ungewohnte literarische Gattung.
Frank Crüsemann, evangelischer Alttestamentler, schreibt im Vorwort, dass der Prophet Amos für uns hierzulande der „Prophet des totalen Gerichtes“ sei. Er gelte uns „als Verkünder einer Gottesstrafe, bei der auch die Opfer, die, um derenwillen Gott so handelt, noch einmal zu Opfern werden und Gott sein Israel auslöscht.“ 2 Dieser Frage geht Schwantes nach. Ich skizziere im Folgenden einige seiner Überlegungen zur Frage, ob die Opfer der Mächtigen in Israel auch noch die Opfer von Gott werden.

Die Konfliktlinien zur Zeit des Amos

Im Israel Jerobeams II. lebte die Bevölkerungsmehrheit auf dem Land in Großfamilien und Stämmen. Der Lebensunterhalt wurde durch Feldarbeit gesichert. Handel war eine Seltenheit; das Land gehörte Jahwe. Es war Erbe, also unverkäuflich.
Die Staatsklasse hingegen konzentrierte sich in der Stadt. Dazu gehörten
  •   der Königshof mit seinen Beamten
  •   die Priester am Tempel
  •   die Händler, die häufig mit den Beamten identisch waren
  •   die Soldaten mit der militärischen Ausrüstung
Der Staat Jerobeams II. expandierte. Es gelang diesem König von Nordisrael, das Land wieder so groß zu machen, wie es zur Zeit Salomos, 200 Jahre zuvor, schon einmal gewesen war. Die Kosten dieser militärisch vorangetriebenen Expansion mussten von der Landbevölkerung aufgebracht werden; ihre Abgaben wurden erhöht.
Jerobeam II. und die übrige Staatsklasse beteiligten sich zunehmend am internationalen Handel. Zwei wichtige internationale Handelsstraßen gingen durch Israel. Die „Küstenstraße“ verband die Nil-Länder mit den Euphrat/Tigris-Ländern. Der „Königsweg“ („Transjordan-Route“) verband Nordwestarabien mit dem nördlichen Teil des Vorderen Orientes; er verlief über das ganze ostjordanische Gebirge bis nach Damaskus3.
Israel konnte nur landwirtschaftliche Produkte liefern, um Eisen, Gold und Kostbarkeiten zu kaufen. Die Beteiligung des Staates am internationalen Handel war die zweite Ursache für die Abgabenerhöhung landwirtschaftlicher Produkte. Um die Abgabenerhöhung durchzusetzen, wurde das Landvolk getreten, terrorisiert, erdrückt und am Ende vernichtet. 4 Die Importwaren wurden ganz überwiegend in der Stadt konsumiert. Aber es dürfte auch in den Dörfern unter den Richtern, den Ältesten, Leute gegeben haben, die sich am Handel beteiligten und deren Interessen sich mit denen der Stadt trafen, so dass es auch auf dem Land zu Korruption in der Rechtsprechung und zu Fälschungen im Handel kam.

Amos und seine UnterstützerInnen

Schwantes sieht in Amos einen Wanderarbeiter und einen Saisonarbeiter. „Kaltesser“ würden ihn Südamerikaner heute nennen. Das sind ErntehelferInnen, die ihr Mittagessen kalt auf dem Feld essen. Amos muss Freunde und SchülerInnen gehabt haben. Vermutlich gab es eine organisierte Bauernschaft. Ohne sie ist – nach Schwantes – die Existenz und die Tradierung des Prophetenbuches nicht zu erklären, das in über 200 Jahren gewachsen ist und immer wieder aktualisiert wurde.
Schwantes geht davon aus, dass Am 3,3-4,3 eine Sammlung von fünf Prophetensprüchen ist, die sich als „Flugblatt“ gegen Samaria äußern und die Hauptstadt von Nordisrael als Wiege des Terrors und des Schreckens anklagen. In der Einleitung zu dieser Sammlung (3,3-8) beruft Amos sich auf das Wort Jahwes und legitimiert damit die folgenden Sprüche gegen den „maßlosen Terror“ (3,9), der von der Hauptstadt gegen die Landbevölkerung ausgeht. Ohne die Unterstützung einer organisierten Bauernschaft ist die Verbreitung von Flugblättern kaum denkbar. Schwantes hält es für unmöglich, dass die Anklagen des Amos-Buches nur die persönlichen Erfahrungen EINES Menschen enthalten. Vielmehr seien es die von den ausgeplünderten Bauern zusammengetragenen Erfahrungen, denen Amos aufmerksam zuhörte.

Die Visionen des Amos

Einen neuen Blick wirft Schwantes auf die Visionen des Amos. Die ersten beiden (Heuschrecken; Feuer/Hitze) handeln vom Landleben, von Pflanzen, vom Feld, vom Bauern und Hirten. Das Überleben der Bauern und Hirten ist gefährdet. Deswegen erinnert Amos Jahwe an die „Schwachheit Jakobs“, d.h. an die Schwachheit der ausgebeuteten Bauern. Und Jahwe setzt die Strafe aus. Dies ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass die ausgebeuteten Bauern von Jahwe NICHT vernichtet werden sollen.
Die dritte Vision hingegen hat die Stadt im Blick, denn die Mauer, auf der Jahwe steht, ist die Mauer um das Staatsheiligtum und um die königliche Dynastie.
Der Erntekorb der vierten Vision verweist auf die fälligen Abgabenleistungen. Zum Erntefest mussten nämlich die Abgaben am Staatsheiligtum abgeliefert werden. Der Staat verließ sich nicht nur und nicht dauerhaft auf den Einsatz des Militärs zur Eintreibung der Steuern – er instrumentalisierte auch den Tempel, seine Riten und seine Religiosität, als Mittel der Steuereintreibung.
In der dritten und vierten Vision werden also die Mächtigen, ihre Religion und ihre Vertreter bedroht. Diese Strafe setzt Jahwe nicht aus. Die letzte Vision klärt dann auf: Jahwe selbst erhebt sich auf dem Brandopferaltar und kämpft gegen den Ort und die Riten, die ihn doch am meisten ehren sollten. Aber dieses Heiligtum dient der Stadt. Es ist das Zentrum der Unterdrückung des Landes. Es kann nicht mit der Zustimmung Jahwes rechnen. Für die „Schwachheit Jakobs“, also für die Landbevölkerung der ausgebeuteten Bauern, besteht noch Hoffnung, für die städtischen Unterdrücker besteht keine Hoffnung mehr.

Die Angeklagten

Da sind als Angeklagte zunächst Amazja und seine Familie (7,16-17); die Priester (9,1-4) mit dem Tempel, der Institution des Priestertums, dem Festbetrieb und der Kult-Kundschaft. Dann werden Handelsleute (8,4-8); Richter und (falsche) Zeugen; Sklavenbesitzer und die vornehmen Damen Samarias als Angeklagte benannt.
An allererster Stelle und durchgängig jedoch wird das Heer angeklagt. Der antimilitaristische Ton durchzieht alle Kapitel des Amos-Buches5. Häufig wird das Heer nicht eigens aufgeführt; seine Rolle ist nur indirekt zu erkennen. Wenn eine Drohung gegen eine Dynastie, eine Stadt, eine Stadtmauer oder einen Herrscher vorliegt, ist davon auszugehen, dass die Zerstörung der Streitkräfte vorangegangen sein muss6. Nicht zufällig werden in 2,14-16 alle Heeresabteilungen beschrieben: Die Infanterie (der Schnelle, der Starke, der Tapfere, der Schnellfüßig), die Artillerie (Bogenschütze), die Kavallerie (der Berittene, der Pferdelenker, d.h. Streitwagenlenker), die Offiziere (der Tapfere) und der Generalstab (der Mannhafteste  unter den Starken). Sie alle werden ihr Leben nicht retten.
Die Völkersprüche zielen bis zu ihrem Höhepunkt in der Israelstrophe 2,6-8 auf das Heer, obwohl es dort nicht einmal benannt wird. Schwantes deutet dies so, dass das Heer allen ausbeuterischen Handlungen Deckung bietet. Das Heer ist also nicht einfach EIN Sektor der Gesellschaft, sondern ihr Kern. Es ist für die Erhaltung der Herrschaftsstruktur verantwortlich.
Die Prophetie des Amos richtet sich ebenfalls gegen „die Stadt“, nicht jedoch gegen das Land. In der Stadt leben die Herrschenden, dort stehen ihre Wohnburgen, dort findet sich das Heer, hier leben die Reichen und Begüterten, hier stehen die Tempel, sind die Sklavenbesitzer, der Königspalast, und die ungerechte Rechtsprechung aufzufinden. Die Stadt ist der Stammsitz der Ausbeuter. Auch im Anti-Samaria-Zyklus Am 3,3-4,3 wird die Stadt als Urheberin des sozialen Terrors gegen die Schwachen dargestellt.7
Für Heer, Königreich und Tempel sieht Amos keine Hoffnung mehr. Sie werden nicht überleben. Das entscheidende Thema des Amos ist die Ankündigung vom Untergang des Staates Israel mit seinen Institutionen. Die israelitischen Stämme hatten sich bei ihrer Konstituierung in Israel im 13.-11.Jh. für das Stämme-System entschieden und damit gegen einen König und gegen einen Staat. Amos steht in dieser Tradition des antistaatlichen Sozialsystems. Er kündet den Untergang des Staates Israel an, weil dieser Staat mit all seinen Institutionen der Unterdrückung der Armen dient.

Ein Blick auf die Opfer des Terrors

3,9 beschreibt Amos, was die Opfer erleben mit einem Wort aus der Wortwurzel „"hum"“. Das bedeutet „nicht aus noch ein wissen“. Das Wort beschreibt den totalen Terror gegen Menschen. Opfer des totalen Terrors sind die Ebjonim, die Armen; die Dallim, die Schwachen und Mageren und die Anijjim,die Unterdrückten. Ihnen zugehörig ist der  solidarische Zaddiq, der Gerechte.
Diese Armen sind weder Bettler noch Sklaven noch Stadtbewohner. Sie arbeiten auf dem Land und sind durch Gewalttätigkeit und Unterdrückung arm gemacht worden. Ihr Lohn/Ertrag wird ihnen abgepresst; es ist ihr Weizen, der die Reichen reich macht (5,11). Noch arbeiten die arm Gemachten. Erst wenn sie nichts mehr abliefern können, werden sie versklavt. Ihr Preis berechnet sich mit einem Paar Sandalen (2,6)8. Das Schicksal der Frauen in der Sklaverei wird als sexueller Missbrauch (2,7) beschrieben. Am Ende der langen Unterdrückungsgeschichte steht die Ausrottung der Unterdrückten (8,4).
Amos sagt nicht, dass die Armen NICHT vernichtet werden. Schwantes fragt jedoch: „Hätte es Sinn, die einen (das Heer, die Elite Samarias u.s.w.) zu bedrohen und andere („die Armen“, „Sklavinnen“ u.s.w.) zu verteidigen, wenn doch zur Stunde des vernichtenden Gerichtes beide dasselbe Schicksal erwartet?“9 Die Zukunft der Armen wird von Amos kaum ausgearbeitet, bestenfalls angedeutet – aber es gibt diese Zukunft für sie10. Schwantes sieht die Zukunft der Armen auch da, wo sie zu den Verbannten gehören, denn sie überleben11. Und er sieht sie in den 10% des Heeres, die heimkehren (5,3).

Prophetie ist aktuelle Prophetie

In der Theologie des Amos kommt sein wichtigstes Thema, der Exodus, nur einmal ausdrücklich in 9,7b vor12. Es geht Amos jedoch durchgängig um die Exoduserfahrung, denn er spricht vom exklusiven Handeln Jahwes, er kritisiert die Unterdrücker und er entwickelt eine Utopie für die Schwachen und – von ihnen ausgehend – für alle. Die Spiritualität des Exodus ist für Amos lebendig und gegenwärtig, obwohl er sie nicht rezitiert. Vielmehr interpretiert er sie neu. Und er weitet den Blick über Israel hinaus auf die Völkerwelt (9,7). Amos „sieht die Welt nicht mit den Augen Israels, sondern mit den Augen der Unterdrückten, der Sklavinnen und Bäuerinnen.“13
Es könnte lohnen, Amos heute vor dem Hintergrund unserer kleinen und der großen Welt, deren gemeinsames Kennzeichnen die Globalisierung ist, neu zu lesen. Wenn wir das Prophetenbuch aus der Perspektive der Unterdrückten und der Opfer von Terror und Gewalt lesen, dann könnte sich bestätigen, "dass Gott, wie ihn die Bibel zeichnet, gerade und vielleicht überhaupt nur aus der Perspektive der Unterdrückten, der Opfer von Gewalt sachgemäß erfahren werden kann." (F. Crüsemann)

E. Kerstner, 1/2009

Quellen
[1] Milton Schwantes: Das Land kann seine Worte nicht ertragen. Meditationen zu Amos, Sao Leopoldo 1986, dt. 1991. Zitiert wird aus der deutschen Übersetzung
[2] a.a.O.S.9
[3] vgl. Herders Grosser Bibelatlas, Erftstadt 2007, S.59
[4] Am 2,7; 3,9; 4,1; 8,4
[5] Am 1,3.6.13; 2,7.14-16; 3,9-11; 5,1-3; 6,1-3.8-10.13-14; 9,10
[6] Am 1,4-5.7-8; 2,3; 1,14; 2,2
[7] Eine Fülle von Belegen a.a.O., S. 61
[8] zum Vergleich: Ein Kind kostet in Südostasien europäische Männer 50 Euro. Gefunden im Internet in einem Reisebericht über Bangkok
[9] a.a.O.S. 94
[10] Am 7,2.5.; 5,15: 9,8.11-15
[11] Am 1,5.15; 5,5.27; 6,7; 7,11.17; 9,9
[12] die anderen Belegstellen sind deuteronomistisch, also nach dem Exil nachgetragen
[13] a.a.O. S. 120








































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