Theologische Impulse

Der Prophet Amos1

Warum ein Buch aus dem Alten Testament?
Mit dem Propheten Amos sind wir mitten im Alten Testament. Da stellt sich zuerst die Frage, ob denn das Alte Testament für uns Christen und für uns heute überhaupt noch eine Bedeutung hat. Der Name sagt es ja schon: Ein Altes Testament. Alt heißt in unseren Ohren: veraltet, nicht mehr brauchbar, längst überholt.
Warum also wollen wir uns mit einem Text, mit einem der 46 Bücher des Alten Testamentes beschäftigen?
Der Name ist sehr unglücklich gewählt. Das Alte Testament ist zwar alt, aber nicht überholt, sondern bis heute aktuell. Wir könnten auch vom Ersten Testament sprechen oder von der hebräischen Bibel. Denn unser Altes Testament ist zugleich die bis heute geltende Bibel der Jüdinnen und Juden. (Allerdings haben Juden eine andere Reihenfolge der Bücher gewählt. Sie haben wie wir zuerst die Tora; dann jedoch die Propheten, die vorderen und die hinteren, und zuletzt die Schriften; Tanach = Tora, Nebiim, Ketubim. Die Christen lassen ihre Bibel mit den Propheten enden als Hinweis darauf, dass die Prophetie mit den Propheten nicht abgeschlossen ist, sondern mit Jesus weitergeht.)
Jesus war Jude; die hebräische Bibel war seine Bibel. Eine andere heilige Schrift hatte er nicht. Jesus stand in der jüdischen Glaubenstradition und er ist nur vor dem Hintergrund seines Judentums zu verstehen. Die Jesusnachfolger, die die Schriften des Neuen Testamentes geschrieben haben, haben sich immer wieder auf die früheren Schriften berufen, d.h. auf die hebräische Bibel.
Bis etwa 900 v.Chr. haben sich die Juden ihre Erfahrungen mit Gott nur mündlich erzählt. Mündliches Erzählen war damals ein zuverlässiges Erzählen. Jeder hatte die Geschichten von der Befreiung aus Ägypten z.B. tausendmal gehört. Da durfte kein Erzähler einen Fehler machen, die Zuhörer hätten ihn oder sie sofort korrigiert.
Erst um 900 v.Chr., als die Nomaden in Kanaan sesshaft geworden waren und es unter David und Salomo einen Königshof mit königlichen Angestellten gab, erst da begann man, die unterschiedlichen umlaufenden Geschichten aufzuschreiben. Bis dann die 46 einzelnen Bücher als „Heilige Schrift“ der Juden fertig waren, sollte es rund 800 Jahre dauern. Erst um 100 v.Chr. ist die hebräische Bibel abgeschlossen worden. Seither wird daran nichts mehr geändert, nichts hinzugefügt und nichts weggenommen.
Sie sehen bereits an diesem langen Entstehungsprozess des Ersten Testamentes, ein wie langer und komplizierter Prozess dies war. Daraus erklärt sich dann auch, dass wir heute oft Mühe haben, das Erste Testament zu verstehen. Es ist ja von den Anfängen her (nehmen wir als „Anfang“ mal die Flucht der Mosegruppe aus Ägypten um 1250 v.Chr.) mehr als 3000 Jahre alt. Und es ist in einer ganz anderen Kultur als der unseren geschrieben. Wir müssen also immer neu bei den Texten dieser heiligen Schrift auch schauen, in welcher Zeit und für wen ein Text aufgeschrieben wurde.

Was ist ein Prophet?

Amos war ein Prophet. Was aber ist ein Prophet?
Prophetie gab es nicht nur in Israel, sondern auch in der Umgebung. Dennoch gibt es EINEN gravierenden Unterschied zwischen den Propheten in der Umgebung Israels und einem Propheten wie dem Amos. Amos nimmt nämlich für sich in Anspruch, im Auftrag Jahwes zu sprechen. Das, was er zu sagen hat und offensichtlich sagen muss, auch wenn es sein eigenes Leben durcheinander bringt, das sagt er im Auftrag Jahwes.
Propheten und Prophetinnen werden in der hebräischen Bibel nabi/nebija genannt. Manchmal sind Menschen erstaunt darüber, dass es auch Prophetinnen gegeben haben soll. Für die hebräische Bibel war das selbstverständlich. Mirjam, die Schwester des Mose und Aaron, wird Prophetin genannt. Die Prophetin Deborah wird im Buch der Richter genannt. Joshia, der um 620 eine große Kultreform durchgeführt hat, geht zuerst zur Prophetin Hulda, um sie nach einem Gotteswort zu fragen, ob er diese Reform angehen solle. Prophetinnen sind also in Israel etwas Selbstverständliches. Allerdings gibt es kein Buch einer Schriftprophetin in der Hebräischen Bibel.
Prophet-Sein ist kein Ausbildungsberuf. Ein Prophet wird von Gott berufen. Amos ist eigentlich Bauer; Schafzüchter und Maulbeerfeigenzüchter, kein „gelernter Prophet“.
Was nun macht - außer der Berufung durch Gott - einen Menschen zum Propheten? Wie muss ein Prophet sein?
  • Er - oder sie - hat Realitätssinn und einen wachen Blick für die Gegenwart
  • Propheten sind Leute, denen die Ursprünge ihres Glaubens wichtig sind. Die schauen also nicht nur in die Gegenwart oder in die Zukunft, sondern auch zurück in  die Vergangenheit. Sie binden sich an die Tradition ihres Glaubens.
  • Prophet Sein nimmt die Ganzheit des Menschen in Anspruch. Ein Prophet tritt für seinen Auftrag mit seiner Person und mit seinem Leben ein.
  • Propheten müssen Schuld benennen. D.i. immer eine undankbare Aufgabe.
  • Propheten sind unbestechlich. Sie brauchen Handlungsfreiheit gegenüber Situationen und gegenüber Zeitgenossen.
  • Propheten üben Kritik an Traditionen, wenn diese verhärtet sind.
  • Die Botschaft eines Propheten darf niemanden ausschließen. Sie richtet sich an alle.
  • Propheten beziehen Position zugunsten der Schwachen und der Übersehenen.
Für die Zeitgenossen besteht natürlich immer das Problem zu erkennen, ob jetzt einer ein wahrer oder ein falscher Prophet ist. Wirklich wissen tut man das immer erst im Nachhinein. Nämlich dann, wenn die angekündigten Dinge auch eingetroffen sind. Bei Amos mussten die Leute 40 Jahre warten, bis zu erkennen war, dass eintraf, was er im Auftrag Jahwes angekündigt hatte. In der hebräischen Bibel gibt es noch zwei weitere Kriterien für einen echten Propheten:
Ein echter Prophet muss im Auftrag Jahwes sprechen; nicht im eigenen Auftrag oder im Auftrag von jemand anderem. Und ein echter Prophet darf nicht zum Polytheismus, zur Anbetung vieler Götter, verführen.
Sie sehen, die Kriterien, nach denen ein echter Prophet von einem falschen unterschieden werden kann, sind für die Zeitgenossen nicht besonders hilfreich.
Die echten Propheten selbst waren sicher, dass sie von Jahwe berufen waren. Bei Jeremia, 160 Jahre nach Amos, erfahren wir erstmals etwas, wenn man so will: über die Psychologie eines Propheten. Wenn Sie die sogenannten Confessiones des Jeremia, die Bekenntnisse lesen, bekommen Sie eine Ahnung davon, was das Prophet-Sein, was die Berufung durch Jahwe mit einem Menschen machen kann.
Bei Amos erfahren wir das noch nicht. Da wird nichts von der inneren Geschichte dieses Bauern erzählt. Es werden Visionen berichtet, es werden die Drohungen und Mahnungen vermittelt, die Amos gesagt hat. Es gibt einen Fremdbericht über seinen Konflikt mit einem Priester – aber es gibt keine „Innenschau“.

Wann treten Propheten auf?

    Propheten treten ausschließlich in der Königszeit in Israel auf. Die Zeit der Könige lag in den 400 Jahren zwischen 1000 und 587 v.Chr. Es ist eine Zeit der Verwilderung des Jahweglaubens durch Religionsmischung.
    Die Zeit der Könige, die staatliche Zeit ist eine Zeit der Emanzipation Israels von Jahwe und seinem Angebot des Schutzes. Die Menschen verließen sich auf den Staat, seine Rüstungen und seine Bündnisse. Politische Taktik erlaubte es Israel, sich von Jahwe unabhängig zu wissen. Israel war in der Gefahr, seinen Schutz nicht mehr von Jahwe, sondern von den eigenen Sicherungsmaßnahmen zu erwarten.
    In der Zeit der Könige verlagerte sich das wirtschaftliche Schwergewicht vom Land in die Städte. Die Bauern auf dem Land kamen zunehmend unter die Herrschaft der stadtsässigen Großgrundbesitzer. Viele der ehemals freien Bauern gerieten in Schuldsklaverei. Die hohe Abgabenlast war für die wirtschaftlich armen Bauern nicht mehr tragbar. Es kam zu einer zunehmenden Proletarisierung der Landbevölkerung.
    Ein letzter Anlass für das Auftreten von Propheten waren außenpolitische Ereignisse, die auf Israel übergriffen. Als gravierend wurde der endgültige Untergang des Nordreiches Israel im Jahr 722 v.Chr. erlebt. Das war die Zeit der Propheten Amos und Hosea im Nordreich und die Zeit des Jesaja im Südreich. Diese Propheten haben es mit der assyrischen Weltmacht zu tun. Als Assurs Macht wieder schwächer wurde, begann der Aufstieg Babylons zum Weltreich. Und Babylon vollendete im Blick auf das Südreich Juda das, was Assur nicht geschafft hatte: Der Babylonier Nebukadnezzar eroberte um 597 und 587 das Südreich. Die politische Größe Israel war zerschlagen. Die Eroberung des Südreiches Juda durch die Babylonier wurde von den Propheten Jeremia in Jerusalem und Ezechiel in der babylonischen Gefangenschaft begleitet.

Amos – seine Zeit

Die Entwicklung bis zur Zeit des Amos lässt sich ungefähr so skizzieren: Um 1200 wandert die Gruppe um Mose von Ägypten her nach Kanaan ein. Zunächst gibt es verschiedene Stämme, die sich zusammenschließen, um gemeinsam gegen Angreifer vorzugehen. Unter David entsteht aus den lockeren Zusammenschlüssen ein Staat. Im Norden haben wir das Nordreich, Israel. Im Süden das Südreich Juda. Mitten drin Jerusalem, die Stadt Davids.
Zur Zeit des David und seines Nachfolgers, Salomo, ist das Königreich so groß, wie es später nie wieder werden wird. Um 900 fällt das große Reich auseinander.Es gibt keinen gemeinsamen König für das Nordreich Israel und das Südreich Juda mehr. Die Könige in beiden Reichen wechseln in rascher Folge.
Im Nordreich kommt 787 v.Chr. der König Jerobeam II. an die Macht. 40 Jahre lang regiert er. Und er hat Glück in seiner Regierungszeit. Bisher hatte Israel ständig mit Feinden zu kämpfen. Da war der Hauptfeind im Norden, die Aramäer. Sie griffen Israel immer wieder an. Sie verheerten das Land Gilead, das Siedlungsgebiet von Efrajim und Manasse, östlich des Jordan. Die Philister am Mittelmeer fühlten sich im Schutz der Aramäer ermutigt, Israel ebenfalls wieder anzugreifen. Und von Süden her drangen die Ammoniter südlich des Jabbok nach Israel ein. Feinde ringsum.
Zur Zeit des Jerobeam II. jedoch passierte außenpolitisch etwas, das dem Nordreich Ruhe vor den Feinden verschaffte. Die aufsteigende Weltmacht Assur hatte nämlich nach den Aramäern gegriffen. Die Aramäer waren den Assyrern tributpflichtig geworden. Deren Macht war gebrochen und sie ließen Israel in Ruhe. Gerettet wurde Israel also durch die Assyrer. Jerobeam II. gelang es, sein Reich nach Norden und Osten wieder auszubreiten, so dass es fast wieder die Grenzen des ehemals davidisch-salomonischen Reiches erreichte. Er erreichte dies mit einer brutalen militärischen Expansionspolitik.
Innenpolitisch hat das Führen von Kriegen natürlich Konsequenzen. Man braucht Soldaten und man braucht Rüstungsgüter. Israel, das Nordreich, suchte und fand Zugang zum internationalen Handel und beschaffte sich dort die nötigen Rüstungsgüter. Nun erzeugte Israel ausschließlich landwirtschaftliche Produkte. Landwirtschaftliche Produkte waren billig, Rüstung war teuer. Es mussten also sehr viele landwirtschaftliche Güter geliefert werden. Der Abgabendruck auf die Landbevölkerung, die Bauern, wuchs. Viele der bisher freien Bauern mussten Land verkaufen. Nicht wenige gerieten in Schuldknechtschaft, wenn sie nicht mehr zahlen konnten. Aufgekauft wurde das Land von den in den Städten ansässigen Großgrundbesitzern. Die kamen auf diese Art zu billigem Land und zu Sklavenarbeitern. Die konnten in Luxus leben. Wir werden nachher bei Amos noch sehen, wie dieser Luxus aussah.
Da wo die Konzentration von Geld und Macht stattfindet, da muss immer auch mit Korruption und mit Bestechung, auch vor Gericht, gerechnet werden. In Israel war das nicht anders. Hier sind vor allem die Heiligtümer in Nordisrael zu nennen: Bet El und die Hauptstadt Samaria. In Samaria ist nicht nur das religiöse Zentrum des Landes, hier ist auch das politisch-militärisch-gesellschaftliche Zentrum des Landes. Hier lebt der König mit seinem Hofstaat, mit dem Palast. Hier leben die am Tempel angestellten Priester. Hier ist die militärische Zentrale. Der Lebensstil der Reichen kostet Geld - das Geld der Landbevölkerung, das Geld der Armen.

Amos – Der Prophet

Amos kommt aus dem Südreich, aus Tekoa, einige Kilometer von Jerusalem entfernt. Er ist Bauer. Er hat eine Schafzucht und eine Maulbeerfeigenzucht. Als Maulbeerfeigenzüchter kommt er in seiner Welt rum. Entweder hat er die Plantagen am Mittelmeer oder am Toten Meer, denn nur dort wachsen Maulbeerfeigen. Amos ist informiert über die politische Situation seiner Zeit. Er weiß auch eine Menge über das, was im Nordreich Israel vor sich geht. Er kriegt die Eroberungen Jerobeams mit, den Reichtum der Einen und die Armut der Anderen. Er kriegt mit, wie die Reichen auch noch die Religion für sich in Anspruch nehmen.
Amos wird von Jahwe als Prophet berufen und erhält den Auftrag, ins Nordreich zu gehen; ins Ausland also, wenn man so will. Und dort in die Zentren der Macht, nach Bet El und nach Samaria.
Er predigt im Auftrag Jahwes. Das was er zu verkünden hat als Sprachrohr Gottes, gefällt ihm nicht. Er erzählt in seinem Buch von 5 Visionen, die er hatte über den Untergang des Nordreichs. In einer ersten Vision berichtet er von einer Heuschreckenplage. Im Laufe dieser Vision fällt er Gott in den Arm und sagt: "Gott, Jahwe, vergib doch! Was soll denn aus Jakob werden? Er ist ja so klein!" Gott lässt sich bitten und bereut die angedachte Heuschreckenplage. Sie fällt aus. Es gibt sie nicht.
In der zweiten Vision erzählt Amos von einer Feuersglut, die über das Nordreich kommt. Amos fällt erneut Gott in den Arm und sagt: "Gott, Jahwe, halte doch Ein! Was soll denn aus Jakob werden? Er ist ja so klein!" Und ein zweites Mal zieht Gott die Strafe zurück. Zuerst hatte Amos noch um Vergebung gebeten, dann nur noch um Einhalt. In den drei noch folgenden Visionen sagt Amos gar nichts mehr, um Gott dazu zu bewegen, die vorgesehene Strafe nicht zu verhängen.
Die vorgesehene Strafe ist das Ende des Nordreichs. Amos sieht Jahwe mit einem Senkblei in der Hand, auf der Mauer stehend. Er prüft, ob die Mauer gerade ist oder ob sie abgerissen werden muss. Die Entscheidung ist klar: Sie wird abgerissen. Das Nordreich wird untergehen. In einer anderen Vision wird Israel mit einem Obstkorb verglichen mit reifem Obst: Und Jahwe sagt: Mein Volk Israel ist reif für das Ende. (Im Althebräischen sind Ende und Ernte vom Klang her ganz ähnlich.) In einer letzten Vision sieht Amos den Untergang des Tempels und des ganzen Volkes. Amos hat Unheil zu künden, das Ende des Nordreichs. Ob Amos dabei die Assyrer als Vollstrecker im Blick hatte, sagt er nicht.
Da steht er also nun in Samaria und hat eine Botschaft zu verkünden, die unheilvoller nicht sein kann.
Amos geht sehr geschickt vor. Zunächst hat er alle Zuhörer und Zuhörerinnen auf seiner Seite. Die nicken nur noch. Denn sie wissen, wovon dieser Amos spricht. Der leitet seine Predigt ein mit dem Botenspruch des Propheten: "So spricht Jahwe...!"
Und dann kommt's. Amos droht der Reihe nach den Feinden Israels mit Vernichtung und Feuer.
Er droht
  • den Aramäern in Damaskus, weil sie das Gebiet von Gilead, also Nordisrael, mit "eisernem Dreschflegel zermalmt" haben. Diesen Krieg der Aramäer hatten die Leute noch in Erinnerung. Mit den Dreschflegeln, einer Art Egge, die metallene Spitzen hatte, hatten die Aramäer jedes Feld kaputtgemacht und manchmal wurden wohl auch Gefangene damit zu Tode gefoltert. Wir denken heute an Abu Ghraib, Guantanomo, Folterkeller in so manchem Staat.
  • Amos droht den Philistern, die ganze Gebiete von Israel entvölkert hatten, Menschen verschleppt hatten und als Sklaven an die Edomiter verkauft hatten. Die Edomiter brauchten Arbeitskräfte für ihre Kupferminen. Menschenhandel würden wir ein solches Verbrechen heute nennen.
  • Amos droht den Ammonitern. Die hatten im letzten Krieg gegen Nordisrael schwangere Israelitinnen aufgeschlitzt, frauenspezifische Menschenrechtsverletzungen begangen, würden wir heute dazu sagen.
An all das erinnerten sich die Zuhörer und Zuhörerinnen des Amos. Vielleicht gab es in jeder Familie noch jemanden, der einen Tod eines Verwandten oder seine Wegführung in Gefangenschaft zu beklagen hatte. Das waren furchtbare Zeiten gewesen und sie hatten ihre Narben hinterlassen. Den Aramäern, den Philistern, den Ammonitern sollte Recht geschehen, sie sollten - wie auch immer - vernichtet werden. Der Amos hat ganz Recht. So dachten die Zuhörer.
Aber der Amos hörte bei diesen Drohungen noch nicht auf. Plötzlich redet er ja gegen Israel, gegen das Nordreich, gegen seine Zuhörer. Jetzt ist es mit der allgemeinen Zustimmung vorbei. Sie können vielleicht mal überlegen, für wen im Nordreich die Anklagen des Amos hoffnungsvoll und richtig klangen – und wer von den Zuhörern sich ärgerte und empörte.
Die Anklagen, die Amos vorträgt, sind nämlich gewichtig:
In Israel wird ein Gerechter für Silber verkauft und ein Armer für ein Paar Sandalen. Da geht es um die Schuldknechtschaft. Weil ein Armer eine geringe Schuld hat - Sandalen sind billig -, muss er in Schuldknechtschaft.
In Israel, sagt Amos, wird der Kleine in den Staub getreten und das Recht des Schwachen gebeugt. Das heißt, vor Gericht (das Gericht tagte im Tor der Stadt) hatte der Arme, der Schwache, die Witwe, die Waise keine Chance auf ihr Recht. Richter richteten nicht nach Recht und Gerechtigkeit, sondern im Interesse dessen, der sie bestochen hatte. Korruption ist etwas, was auch uns heute ziemlich vertraut ist.
Amos ist noch nicht fertig. In Israel, sagt er, benutzen ein Vater und sein Sohn die gleiche Frau. Wir nennen das heute den sexuellen Missbrauch in Abhängigkeitsverhältnissen. Vielleicht war die Frau im Zuge der Verarmung ihrer Familie in Schuldknechtschaft geraten und nun ihren Besitzern in jeder Hinsicht ausgeliefert.
Amos ist immer noch nicht fertig: Er klagt weiter an, dass die Reichen, die sich an den Armen bereichert haben, mit den gezahlten Bußgeldern Wein kaufen und ihn im Haus Gottes trinken. Dabei liegen sie dann auf den Mänteln, die die Armen als Pfand gegeben haben, weil sie anders nicht zahlen konnten. Dabei gab es in Israel ein Gesetz: Wer einen Mantel zum Pfand erhalten hatte, musste ihn am Abend zurückgeben. Der Mantel war nämlich zugleich die Decke des Armen für die Nacht. Und Nächte in Israel sind kalt. Die Reichen lassen es sich im Angesicht Gottes, im Haus Gottes also gut gehen - auf Kosten der Armen.
Amos hat es auf die Reichen abgesehen. Er beschuldigt die Reichen in Samaria - und zu anderer Zeit auch in Bet El -, dass sie in Häusern mit Elfenbeinschmuck wohnen, in Häusern aus Quadersteinen (die Armen haben einfache Lehm-Reisig-Häuser). Sie trinken Spitzenweine aus großen Krügen, d.h. die machen Saufgelage. Und das im Haus ihres Gottes und während die Armen im Land nicht wissen, wie sie überleben sollen. Die Reichen haben nicht nur ein Haus, sie haben ein Haus für den Sommer und eins für den Winter. Und nachdem sie die Armen ausgebeutet haben und während sie das noch immer tun, meinen sie, vor ihrem Gott ganz im Recht zu sein. Sie feiern Gottesdienste mit üppigen Festen, zum Klang der Harfe grölen sie. (Nun ja, Sie kennen vielleicht von Volksfesten das Grölen, wenn die Gruppe alles andere als nüchtern ist).
Auch die reichen Frauen beteiligen sich an der Ausbeutung und Unterdrückung der Armen. Amos klagt sie an, dass sie zu ihren Männern sagen: Schafft Wein herbei, wir wollen trinken. Baschankühe nennt Amos die reichen Frauen. Baschankühe waren Kühe von der Baschanebene, gut genährt und satt.
Den "Tag Jahwes", den Tag des Gerichtes Gottes, wünschen sich die Reichen in Nordisrael herbei. Dann würde Gericht gehalten über die Bösen, über die Unrechttäter; also über die Anderen, die Aramäer, Philister, Ammoniter und wie sie alle heißen. Amos stimmt zu: Ja, wartet nur auf den Tag Jahwes. Aber, sagt Amos, an diesem Tag wird Gericht gehalten über Israel, das von Gott ausgewählte Volk. Gericht über das Volk Gottes, das von Gott erwählt worden war aus allen Stämmen der Erde. Und weil es erwählt war, deswegen wird es auch zur Rechenschaft gezogen. Amos sagt: "Darum müssen sie jetzt in die Verbannung. Das Fest der Faulenzer ist vorbei!" Amos sagt im Auftrag Gottes ein vernichtendes Urteil über den Gottesdienst: "Ich hasse eure Feste, ich verabscheue sie und kann eure Feiern nicht riechen. Ich will die fetten Heilsopfer nicht sehen. Weg mit dem Lärm deiner Lieder!" Und Amos sagt, was nötig wäre: Recht ströme wie Wasser und Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach."
Darum geht es Jahwe, um Recht und Gerechtigkeit. Gottesdienst feiern und zugleich die Armen ausbeuten - das geht in den Augen Jahwes ganz und gar nicht.
An einer Stelle seiner Predigten singt Amos ein Leichenklage-Lied. Wenn wir die Melodie von dem Lied "Wir sind nur Gast auf Erden" hören, denken wir sofort an eine Beerdigung oder einen Totengedenkgottesdienst. Ähnlich war das in Israel. Jeder kannte die Klagelieder. Und Amos, der singt ein Totenklagelied für eine Lebende, nämlich für die "Jungfrau Israel", also für das Nordreich. "Gefallen ist sie und steht nicht mehr, die Jungfrau Israel. Sie liegt zerschmettert am Boden in ihrem Land, und niemand richtet sie auf."
Mitten in einer prosperierenden Wirtschaft, mit guten internationalen Handelsbeziehungen, einem erfolgreich erweiterten Staatsgebiet, mitten im Frieden, auf dem Höhepunkt der Macht des König Jerobeams II., da singt Amos die Totenklage für dieses Land.
Der Konflikt mit den Mächtigen in Nordisrael ist vorprogrammiert. Im Amosbuch erhalten wir einen Einblick in diesen Konflikt. Amos war auch am zweiten Heiligtum Israels, in Bet El. Dort griff der zuständige Priester, Amazja, ordnend gegen Amos ein und durch. Amazja verfolgt eine doppelte Strategie: Dem König lässt er melden: „Amos hat sich gegen dich verschworen. Er verkündet deinen Tod durch das Schwert und die Verbannung der Leute in Israel.“ Amazja tut also so, als sei die Drohung gegen den König eine Drohung des Amos. Amazja unterschlägt kurzerhand, dass Amos nur der Bote Jahwes ist und nur ausrichtet, was Jahwe ihm aufgetragen hat.
Gleichzeitig geht Amazja zu Amos und gibt ihm – fast schon wie einem Kollegen – den guten Rat: „Geh, flüchte dich ins Land Juda. Dort iss dein Brot und dort darfst du meinetwegen auch weissagen – hier aber nicht; denn hier ist ein Reichsheiligtum!“
Amos hingegen stellt richtig, dass er kein (bezahlter) Prophet und kein Prophetenjünger ist, sondern Schafzüchter und Maulbeerfeigenzüchter, d.h. unabhängig. Und er sagt dem Amazja, dass er im Auftrag Gottes als Prophet tätig war. Amos verzichtet auch nicht darauf, dem Priester Amazja anzukündigen, dass auch er in unreinem Land sterben, seine Frau zur Hure wird und die Töchter und Söhne durch das Schwert umkommen werden. Amos lässt sich nicht einschüchtern.
Wir wissen nicht, ob Amos danach ins Südreich ging, zurück zu seinen Schafen und Maulbeerfeigenbäumen. Das Buch erzählt nichts davon.

Die Entwicklung des Amos-Buches

Zuerst muss ich Ihnen aber ein wenig zumuten, einen Blick auf das uns heute vorliegende Buch des Propheten Amos zu werfen. Das Buch hat nämlich eine eigene Geschichte, die nicht mit der Botschaft des Amos endet. Die Geschichte des Buches beginnt mit einer ersten Sammlung der Prophetenworte und endet erst in der Zeit nach dem babylonischen Exil, ca 220 Jahre nach dem Auftreten des Amos.
Wie können wir uns diesen Prozess vorstellen?
Die erste Station ist das Auftreten des Amos, der mündlich eine Botschaft formuliert. Das ist ca 760 v. Chr.. Wie lange Amos predigte, ob ein paar Wochen, Monate oder ein Jahr, wissen wir nicht. Seine Prophetentätigkeit endet mit der Ausweisung aus dem Nordreich Israel.
Vermutlich haben in einem zweiten Schritt Freunde und Freundinnen den Amos gebeten, doch aufzuschreiben, was er im Nordreich gesagt hat. Und Amos hat geschrieben. Vielleicht hat er nur die Überschrift seiner Notizen formuliert und dann von seinen Visionen erzählt und einzelne Sprüche aufgeschrieben. Vermutlich stammen auch die Verurteilungen der Fremdvölker und die Anklagen gegen Nordisrael von Amos selbst.
Hinzugefügt wurde dem, was Amos in der Ich-Form schrieb, ein Fremdbericht über seine Auseinandersetzung mit dem Priester Amazja in Bet El, in der Er-Form. Vielleicht hatte ein Augenzeuge es miterlebt und hat diesen Bericht ins Südreich gebracht.
Das könnte etwa bis 735 v. Chr. geschehen sein.
Dann überschlagen sich die Ereignisse. 722 v. Chr. wird das Nordreich von den Assyrern eingenommen. Die Assyrer sind bekannt dafür, dass sie als Kriegsstrategie erstmals die Massendeportation anwendeten. Sie brachten breite Bevölkerungsschichten, allen voran die Oberschicht, in die verschiedenen assyrischen Provinzen und siedelten Leute aus dem Kernland in Nordisrael an. Es kam zu einer Vermischung der Völker. Nordisrael hatte aufgehört zu existieren.
In dieser Situation erinnerten sich Menschen wieder an die Botschaft des Amos. Da war es doch, das Gericht Jahwes, das Amos Nordisrael im Auftrag Jahwes angekündigt hatte! Nun bestätigten sich also die Worte, die Amos 40 Jahre vor den Ereignissen bereits angekündigt hatte!  Für die Leute, die das Prophetenbuch in Ehren hielten, war das die Bestätigung, dass Amos tatsächlich ein „wahrer“ Prophet war und kein falscher.
Assur machte vor dem Südreich nicht Halt. Aber die Könige des Südreiches waren klug genug, Assur Tribut zu zahlen, so dass dem Südreich nichts passierte. 100 Jahre später, um 622, war Assur schwach geworden. Diese Schwäche hat der König des Südreiches, Joshia, genutzt, um seine Macht nach Norden wieder auszudehnen. Er kam auch nach BetEl, das noch immer existierende Heiligtum im ehemaligen Nordisrael, das nur noch assyrische Provinz war. Durch die Assyrer war in Palästina natürlich assyrische Kultur und assyrische Religion eingedrungen. Joshia führte eine große Reform durch, um den Jahweglauben zu reformieren. In Bet El zerstörte er im Zuge seiner Kultreform das alte Heiligtum. Dort stand seit 300 Jahren die Statue eines Stiers im Tempel. Eigentlich sollte dieser Stier nur der Thron für den Gott Jahwe darstellen. Der Thron jedoch wurde von der Bevölkerung mit dem Gott selbst verwechselt. Joshia zerstörte dieses Heiligtum – und den Leuten, die das bislang vorliegende Amosbuch kannten, klingelten vermutlich die Ohren. Amos hatte doch die Zerstörung Samarias angekündigt. Und nun sorgte Joshia dafür, dass der Jahwekult nur noch in Jerusalem stattfinden durfte, nicht mehr wie bisher und noch immer in Bet El. Also fügten die Leute die Zerstörung von Bet El in das Amosbuch ein. Damit rechtfertigten sie die Josianische Reform und sagten damit, dass diese Reform, also auch die Zerstörung des Heiligtums von BetEl im Sinne des Propheten Amos sei. Uns ist klar, dass zwischen dem Auftreten des Amos und der Zerstörung von Bet El inzw. 140 Jahre vergangen sind.
Bisher besteht das Amosbuch also aus Texten, die er selbst aufgeschrieben hat (oder die unmittelbar auf ihn zurückgehen), aus einem Fremdbericht und aus eingeschobenen Texten, die die Josian. Reform betreffen.
Damit ist das heutige Amosbuch aber noch nicht fertig. Zweimal noch sollte es fortgeschrieben werden, bis es dann endlich seine heute vorliegende Form hatte.
587 v.Chr. wurde das Südreich von den Babyloniern, die inzw. die Assyrer als Weltmacht beerbt hatten, vernichtet. Auch hier wurden große Bevölkerungsteile deportiert. Und wieder haben Menschen sich das Amos-Buch vorgenommen und bei Amos nun eingetragen, dass eben nicht nur das Nordreich, sondern auch das Südreich dem Gericht Gottes verfallen war. Die Sprüche des Amos gegen die Fremdvölker und gegen das Nordreich wurden also ergänzt um die Sprüche gegen Juda, gegen das Südreich.
In der Zeit des babylonischen Exils machte die Theologie weitere Fortschritte. Der Perser, der nun seinerseits die Babylonier als Weltmacht beerbte, hat den exilierten Juden die Heimkehr nach Jerusalem ermöglicht. Und noch einmal haben sich Menschen, die das Buch des Propheten Amos vor sich hatten, drangesetzt, um einige Stellen zu ergänzen. In dieser Zeit wurde das Prophetenbuch erweitert um die Verheißung künftigen Heiles.
Wir haben es in den 9 Kapiteln des Prophetenbuches „Amos“ mit einem Vorgang zu tun, der für uns Heutige undenkbar ist. Bei uns ist es so, dass ein Buch unter dem eigenen Namen geschrieben wird, von einem Menschen oder einer Gruppe von Menschen, die alle namentlich bekannt sind. Wenn das Buch gedruckt ist, wird nichts mehr weggenommen und nichts mehr hinzugefügt. Da kann nicht irgendjemand kommen und klammheimlich und nachträglich unter dem Namen des ursprünglichen Autors etwas hinzufügen.  Wir würden das Urkundenfälschung nennen.
Das war in Israel (und im gesamten Altertum) anders. Wir kennen das auch im Neuen Testament. Da wurden Briefe geschrieben, die sich des Namens des heiligen Paulus bedienten. Die Benutzung dieses Namens war sozusagen ein Qualitätsausweis.
Dieser Umgang mit den zuerst aufgeschriebenen Texten des Propheten Amos, diese mehrmalige Ergänzung des Prophetenbuches im Laufe von 220 Jahren zeigt uns, dass dieses Buch eine lange Entwicklung hinter sich hat. Es wurde sozusagen „fortgeschrieben“. Immer wenn ein gravierendes Ereignis passierte – wie die Reform des Jahweglaubens unter Joshia oder die Einnahme und Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier oder die Heimkehr der Gefangenen aus der babylonischen Gefangenschaft unter den Persern– immer dann entdeckten die Menschen, die die Predigt des Amos und das inzw. entstandene Buch kannten, Neues und fügten es dem Prophetenbuch hinzu. Das ist keine Urkundenfälschung. Es ist ein Zeichen dafür, wie sehr lebendig mit der Botschaft des Amos umgegangen wurde. Dieses lange Wachstum eines Buches macht es uns heute so schwer, ein solches Buch zu lesen und zu verstehen.

1 Die Auseinandersetzung mit dem Propheten Amos geht auf ein Projekt der Pfarrei St. Peter Bruchsal im Jahr 2009 unter Pfarrer Dr. Sieger zurück. Das Projekt begann Jahre zuvor - einige Menschen lernten zuerst Althebräisch und übersetzten dann den Prophetentext.

Literatur

Baumann, Gerlinde, Gottesbilder der Gewalt im Alten Testament verstehen, Darmstadt 2006
Bucher, Rainer, Krockauer Rainer (Hg), Prophetie in einer etablierten Kirche? Aktuelle Reflexionen über ein Prinzip kirchlicher Identität, Münster 2004
Deissler Alfons, Die Grundbotschaft des Alten Testamentes, ein theologischer Durchblick, völlig überarbeitete und erweiterte Neuausgabe, Freiburg 1995
Gunneweg, Antonius H. J., Biblische Theologie des AT. Eine Religionsgeschichte Israels in biblisch-theologischer Sicht, Stuttgart 1993
Keel, Othmar, Küchler, Max, Herders großer Bibelatlas, Freiburg 1989 (großangelegter Atlas mit vielen Bildern und Informationen)
Kratz, Reinhard G., Die Propheten Israels, München 2003
Rad, Gerhard von, Die Botschaft der Propheten, 4. Aufl. Gütersloh 1981
S. P. Abrahams: Lassen sich die Propheten zum Schweigen bringen? in: Schottroff, L. und W., Wer ist unser Gott? Beiträge zu einer Befreiungstheologie im Kontext der „ersten“ Welt, München  1986;  S. 108-121
Schwantes, Milton, Das Land kann seine Worte nicht ertragen. Meditationen zu Amos, München 1991
Sieger, Jörg, "Die Bibel" - Die Bücher des Alten und Neuen Bundes mit Einführung in die Geschichte, Gedankenwelt, Entstehung und theologische Intention, Bruchsal 2006
Wolff, Hans Walter: Dodekapropheton 2. Joel, Amos, Reihe: Biblischer Kommentar AT Bd. XIV/2
Wolff, Hans Walter: Die Stunde des Amos. Prophetie und Protest, München 1969
Erich Zenger, Einleitung in das AT, Stuttgart 52004





































Seitenanfang




























Seitenanfang
















































Seitenanfang



































Seitenanfang