Gewalt

Religiöse Dimension in der Psychotherapie
Gisela Ana Cöppicus Lichtsteiner

Seit einigen Jahren mache ich die Erfahrung, dass sich Menschen in der psychotherapeutischen Behandlung erstmals oder wieder für einen Gottesbezug öffnen. Dadurch machen sie eine tiefe Erfahrung des Angenommenseins und der Geborgenheit, die m.E. über das rein Zwischenmenschliche der therapeutischen Beziehung hinausgeht und einiges zur Heilung beiträgt.

Glaubensfragen ernst nehmen

Ich bin der Meinung, dass sich christliche Therapeutinnen und Therapeuten mit lebendigem Glauben auf vielfältige Weise für die Glaubensfragen ihrer Klientel öffnen sollten. Aufgrund meiner Erfahrungen gebe ich zu bedenken, ob wir nicht sogar fahrlässig handeln, wenn wir den geistlichen Bereich nicht in die therapeutische Arbeit mit einbeziehen; sei es, um Schädigungen aus christlicher oder kirchlicher Erziehung zu bearbeiten, sei es, um zu helfen, Vorbehalte, Vorurteile und Unwissenheit über den christlichen Glauben zu beseitigen, und geistige Entwicklung zu ermöglichen.

Dazu möchte ich einige Beobachtungen aus meiner psychotherapeutischen Praxis mitteilen. Die Sehnsucht der Menschen nach dem Transzendenten, nach Gott, kommt in den letzten Jahren vermehrt und auf unterschiedlichste Weise in meinen Therapien zum Ausdruck, obwohl ich nicht als sogenannte spirituelle oder christliche Therapeutin aufgesucht werde, sondern mit dem Wunsch nach Behandlung psychischer, z.T. schwerer Leiden. Ist das Zufall, Zeitgeist oder Fügung?

Vielleicht besteht ein Zusammenhang zu meinem eigenen Weg der Gottsuche in den vergangenen Jahren, einem labyrinthischen "Umweg", der mich aber an den Punkt brachte, an dem ich die Entscheidung für den christlichen Glauben fällen wollte und konnte und der mich ausgesprochen hellhörig für ähnliche Anliegen meiner Patientinnen macht.

Interessanterweise wurde mein Entscheid für das Christentum definitiv ausgelöst durch Aussagen und Hinweise des Dalai Lama, der ja weit herum als glaubwürdiger geistlicher Lehrer grosse Wertschätzung geniesst. Er verweist uns westliche Suchende ja bei jeder Gelegenheit auf unsere eigene Religion, in der wir für ein geistiges Leben alles fänden, was wir brauchten. Mit Walter Gasser erlebe ich es schmerzlich, dass "so wenig vom christlichen Wirklichkeits- und Gottesverständnis gewusst und geglaubt wird". Schlechte Erfahrungen mit unserer in Misskredit geratenen Religion, aber auch Vorurteile und Unwissenheit verstellen uns dabei jede Offenheit und jedes Interesse für ein Suchen nach dem Kern der christlichen Botschaft: Das kenne ich aus eigener Erfahrung und erlebe es mit meinen Patientinnen, auch den christlich aufgewachsenen.

In der Gottessuche begleiten

Weil ich weiss, wie es sich ohne einen Gottesbezug lebt und wie der Glaube - Gott - das Leben verändert, greife ich dieses Thema in den Therapien auf, wann immer es sich bietet. Seit einiger Zeit verschaffe ich mir bereits in der Anamnese einen Eindruck von der religiösen Verfassung eines Menschen; weitere Gelegenheiten versuche ich zu erspüren, ich oktroyiere sie nicht auf. Als tiefenpsychologisch ausgebildete Therapeutin hatte ich anfänglich mit dem uns vermittelten "Problem" zu kämpfen, dass die Religiosität eines Menschen nicht in die Therapie gehöre. Auch die Klientinnen sprechen oft nur zögernd und scheu, ja schamhaft davon, sind aber meist sehr erleichtert, wenn auch dieser Bereich ihres Seelenlebens, ihre spirituellen Sehnsüchte, zum Thema werden darf. Ich meine, dass die Religiosität eines Menschen zu seinem Seelenleben gehört und uns in unserem Menschsein erst eigentlich ausmacht. Sie muss deshalb auch in der Psychotherapie einen Platz haben.


Es sind meist die Frauen, die sich einer Religiosität zwar öffnen möchten und nach einem "System" oder einer "Methode" suchen, die das Weibliche im "patriarchalen" Christentum dann aber schmerzlich vermissen und so eine je individuelle Suchbewegung machen. Dabei begleite ich sie, immer in dem Bewusstsein, welch wundervolle Aufgabe mir da zuteil geworden ist und dass ich es nicht mache bzw. machen kann, sondern dass es sich ereignet. Jede Einengung, Beeinflussung oder gar Missionierung waren für mich selbst auf meinem Weg unerträglich und hätten meinen Prozess sehr gestört. So erlebe ich es auch in den Therapien. Der Prozess des Ja-Sagens zu einem personalen Gott, zu Jesus Christus und evtl. zur Kirche, dauert Jahre und kann meiner Meinung nach nicht beschleunigt oder abgekürzt werden.

Der Gottesbezug im therapeutischen Rahmen

Wie zeigen sich diese Öffnungen für einen Gottesbezug konkret im Rahmen einer mehrjährigen, individuellen Therapie? Ich kann es nur andeuten: Die Methode der Katathym-imaginativen Psychotherapie von Leuner, die ich neben dem analytischen Gespräch anwende, ist wohl ein besonders geeignetes Instrument, um diese Öffnung zu erleichtern, denn sie reicht tief in den unbewussten Bereich hinein, dorthin, wo auch der dem Menschen "unbewusste Gott" in ihm wohnt. In diesen Tiefen des Unbewussten können nicht nur frühkindliche Traumen aufgefunden werden, sondern auch ungelebte, verschüttete Ressourcen. Die wohl wichtigste "Ressource" im Menschen ist das Erkennen des Wohnens Gottes in ihm. Und wenn das einmal gespürt wird, fällt es leichter, Gott und Jesus Christus direkt anzusprechen.

Die Beobachtung dieser Sehnsucht nach Gott und der Bereitschaft, ihn heilend in sich wirken zu lassen, hat vielleicht auch mit der besonderen Verfassung meiner Klientinnen zu tun, die oftmals in der Kindheit schwer sexuell ausgebeutet worden sind, d.h. sie sind nicht nur in der Seele sondern auch im Leib zutiefst verwundet und verletzt. Den Leib aber bezeichnen wir als den Tempel Gottes. Diese Frauen sind im intimsten Bereich mehrfach traumatisiert: In der Beziehung und in der Liebe zu Menschen und zum Göttlichen, im seelischen und im körperlichen Bereich, d.h. sie sind auf eine totale Weise in ihrem Urvertrauen (für mich: Gottvertrauen) gestört und behindert. Zeigt sich vielleicht deshalb bei ihnen die Sehnsucht nach Heilung in der Therapie so deutlich als Sehnsucht nach Heiligung durch Gott?

Anders als bei so genannt esoterischen "Wegen", in denen Techniken vermittelt werden, mit denen der Mensch sich selbst zu erlösen und geradezu ins "Licht" hineinzuschreiten hofft, müssen wir in einer klassischen Psychotherapie - und auch in einer christlich orientierten - unsere Schattenseiten betrachten, um zu heilen und zu wachsen. Das Wissen darum, vom Göttlichen erkannt und anerkannt zu sein, erleichtert oftmals sowohl die Widererinnerung sehr früh erlebter Traumatisierungen wie auch eigener Schuld. In dieser Geborgenheit erst finden Menschen zu noch tieferer Wahrheit und erlauben sich, Blicke in die eigenen Abgründe zu werfen.

Es sind jedoch imaginative und emotionale Grenzgänge, die nur in einer individuellen Psychotherapie auf klinischem Hintergrund durchgetragen werden können. Imaginative Verfahren sind hochpotente, nicht ungefährliche Heilungstechniken. Sie dürfen deshalb nicht spielerisch unbedacht und nicht ohne klinische Ausbildung der Therapeutin bei psychisch leidenden Menschen angewandt werden.

Das Leben auf den Kopf stellen

"Unser Kampf geht heute um die teure Gnade", wird Bonhoeffer zitiert, nicht der billige Weg führt zur Reife. Der innere Kampf meiner Patientinnen auf dem Weg der Gottsuche drückt meist auch die Angst vor den Konsequenzen aus, wollen sie nicht im Bereich der esoterisch-spirituellen Unverbindlichkeiten stehen bleiben. Ein wirkliches Ja zu Gott, zu Christus, würde ihnen viel abverlangen, ihr bisheriges Leben auf den Kopf stellen, das spüren sie intuitiv richtig. Sie müssten sich in eine Verbindlichkeit stellen, neue Prioritäten setzen, verzichten, verlieren. Die Antizipation bzw. Erfahrung des Gewinns vom Wirken Gottes in uns entwickelt sich aber auch prozesshaft und muss ins Übergewicht kommen. Je nach Charakter verlaufen diese Umkehr-Prozesse verschieden, sanft oder heftig. Gott fordert, aber er überfordert nicht. Auch dies lege ich immer wieder in seine Hand. Und ins Gebet.

Dies alles kann m.E. eine Psychotherapie beinhalten und ermöglichen, wenn die Therapeutin ein konstruktives Gottesbild hat und von der heilenden Wirkkraft eines lebendigen Glaubens überzeugt ist. Der nächste Schritt unserer - ehemaligen - Patientinnen wäre dann die Suche nach einem geistlichen Übungsweg und/oder Lehrer.

Gisela Ana Cöppicus Lichtsteiner

Der Autorin Dank für die Abdruckrechte!

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