2.Glaube und Gewalt




Im Video eines Bistums, das in aller Kürze über sexuellen Missbrauch informieren will, heißt es:
 
  • "Opfer. Und Täter. Täter, die vielleicht Opfer sind. Und Opfer, die zu Tätern werden können und mittendrin wir."
  • "Grenzverletzungen passieren meist unüberlegt. Sie können also abgestellt werden. Indem man klar benennt, was nervt, es sich deutlich verbittet und auch Rahmenbedingungen ändert. Man muss es aber auch tun. Sonst kann es immer schlimmer werden. Und alles, was vorher unüberlegt geschah, das machen die Täter nun ganz bewusst, systematisch, strategisch."

Dagegen protestierte ich im Mai 2016. Vergeblich. Die zuständige Präventionsbeauftragte verstand meine Einwände nicht. Der Film hebe sich fachlich nicht von den Lehrmeinungen der Prävention ab. Es sei darum gegangen, ein simples Informationsangebot, sehr niederschwellig, ohne inhaltliche Vereinfachung zu machen. 

Meine Einwände:
  • Es ist sicher richtig, dass Täter nicht selten zuvor Opfer waren und dass auch Opfer zu Tätern werden können - bei der Ubiquität, in der Missbrauch unsere Gesellschaft prägt, ist das auch nicht anders zu erwarten. Fakt ist jedoch: 23% der Eltern, die in der Kindheit keine Gewalterfahrungen machten, wendeten als Erwachsene Gewalt an. Hatten Eltern Gewalterfahrungen, so wendeten 26% von ihnen Gewalt an. (Studie "Intergenerational transmission of child abuse and neglect: Real or detection bias? von Cathy Spatz Widom, Sally J. Czaja, Kimberly A. DuMont, 2015, paraphrasiert nach einem Spiegel-Bericht)

  • Ein zweites Argument: Träfe zu, dass aus Opfern Täter werden, dann müssten unsere Gefängnisse voller Frauen sein. Die erste repräsentative Studie über Gewalt an Frauen in Deutschland ergab 2006 , dass 40 % aller Frauen in Deutschland Opfer von Gewalt werden. Der Anteil der Frauen an der Gesamtzahl der Gefängnisinsassen, die für Gewalttaten verurteilt wurden, liegt jedoch bei nur 4-5 %. Es gibt also offensichtlich eine geschlechtsspezifische Art, mit Opfererfahrungen umzugehen. Die meisten Frauen und (!) viele Männer reagieren gerade nicht mit Gewalt auf Gewalterfahrungen. Wenn in dem Beitrag vom künftigen Täter-Sein von Opfern gesprochen wird, dann kann diese Aussage Opfer abschrecken. Kein Opfer möchte gerne als künftige Täterin/künftiger Täter bezeichnet werden und wird sich hüten, sich als Opfer zu erkennen zu geben.
  • Natürlich geschehen Grenzverletzungen auch unabsichtlich und unüberlegt. Aber Grenzverletzungen, die von Missbrauchstätern begangen werden, geschehen gerade nicht unabsichtlich und unüberlegt, sondern sehr gezielt. Sie dienen dazu, das Opfer zu verwirren. Sie wollen austesten, wie viel Widerstand zu erwarten ist und sollen der Desensibilisierung des Opfers dienen, um möglichen Widerstand zu reduzieren.
  • Und schließlich: Der Satz "Opfer. Und Täter. Täter, die vielleicht Opfer sind. und Opfer, die zu Tätern werden können und mittendrin wir" suggeriert, dass "wir" jedenfalls weder Opfer noch Täter sind. Zum "Wir" gehören die Täter nicht dazu und die Opfer auch nicht. Noch deutlicher kann man die Ausgrenzung von Opfern nicht konstatieren.

Das "Aufklärungsvideo" grenzt Opfer aus, es macht sie zu künftigen Tätern und es verharmlost das gezielte Vorgehen von Missbrauchstätern. Ich bezweifle, dass diese Positionen sich "fachlich nicht von den Lehrmeinungen der Prävention" abheben.
Mai 2016


Nachtrag November 2016: Inzwischen wird das Video auch gezeigt im
Bistum Essen im Bistum Limburg im Bistum Münster in der Diözese Rottenburg-Stuttgart und im Bistum Trier. In einem zweiten Bistum habe ich meine Kritik angemeldet, nach 3 Wochen jedoch immer noch keine Antwort erhalten. Erfahrungsgemäß ist auch nicht mehr damit zu rechnen. Schade, dass das Anliegen nicht gehört wurde.

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