Gelungenes

Zeitungsbericht über die Initiative GottesSuche

(BNN 17.4.2007)

Bruchsal (cvr) „Sexueller Missbrauch ist Seelenmord!“ Eine Aussage, die seit Ende März in der Bruchsaler Fußgängerzone auf einem Stolperstein steht. Beigetragen wur-de der schlichte Stein von der Gruppe „Gewaltüberlebende Christinnen - GottesSuche“, einer Bruchsaler Gruppe, die sich mit den religiös-theologischen Folgen der Gewalt gegenüber Frauen beschäftigt.
„Das Problem ist, dass Gewalterfahrungen langfristige Folgen haben,“ erklärt Erika Kerstner, Initiatorin der 2003 gegründeten Gruppe. Wenn man davon ausgehe, dass (laut einer Studie des Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend) 37 Prozent der Frauen zwischen 16 und 85 Jahren körperliche, seelische und sexuelle Gewalt erfahren haben, dann würde das in Bruchsal allein circa 5000 Betroffene bedeuten, rechnet die dreifache Mutter vor. Von ihnen leide jede Vierte an posttraumatischen Symptomen wie Depressionen, Alpträume oder „Flashbacks“ bei denen das Erlebte auch nach Jahren sich wieder im Bewusstsein der Betroffenen plötzlich „abspielt“.
Oftmals wird den Opfern von ihrem Umfeld die Schuld an der Gewalt zugeschoben. Häufig machen sich bei Betroffenen Gefühle bemerkbar, wie „Ich gehöre nicht mehr dazu“, denn durch die Gewalt wird die Welt der Opfer auf den Kopf gestellt. „Frauen berichten von über Jahre dauernde Folterszenen in Reihenhäusern in Großstädten“, so Kerstner. Andere können erst nach Jahrzehnten über das ihnen Geschehene überhaupt sprechen.
Monatlich treffen sich Frauen allen Alters, die das durch Gewalterfahrungen zerstörten Urvertrauen suchen. „Glaube ist Vertrauenssache,“ betont Marieluise Gallinat-Schneider, Gemeindereferentin der Seelsorgeeinheit St. Peter, die die Gruppe mitbetreut. „Wir versuchen die Vertrauensbasis wieder herzustellen. Diese Frauen mussten die Erfahrung machen, dass niemand ihnen zur Hilfe kam – auch Gott nicht.“ Sie selbst sei dadurch motiviert, dass für viele die „heile Welt“ des christlichen Glaubens nicht zu den persönlichen Erfahrungen gehöre. Man könne nicht Gott als „guten Vater“ verstehen, wenn der eigene Vater einen geschlagen oder gar missbraucht habe.
Das Bedürfnis nach Glaube sei unheimlich heftig für Betroffene, ergänzt Kerstner, die die meisten Kontakte über das Internet pflegt. Für das „niederschwellige“ und absolut anonyme Medium als Plattform entschied sie sich im Jahr 2002, damals über die Homepage von Pfarrer Dr. Jörg Sieger. Inzwischen würden Frauen aus ganz Deutschland das Angebot des Chats oder der Mailingliste annehmen. Frauen aus der Umgebung aber – auch von weiter her  wie Bayern oder dem Ruhrgebiet - fänden sich dann auch zu den Treffen ein. Der Treffpunkt würde nur denen bekanntgegeben, die mit Erika Kerstner ein Vorgespräch geführt haben. „Es ist wichtig, dass wir wissen, welche Erwartungen die Frauen haben,“ so Kerstner, die auch auf die Anonymität der Gruppe hinweist. Informationen (wie Predigten oder geistliche Impulse) erhalten interessierte Frauen auf Anfrage, auch wenn sie über keinen Internetanschluss verfügen. Durch Vorträge und besondere Gottesdienste weise man immer wieder auf die Gruppe hin.
„Wir sind keine psychologische Gruppe, ich bin seelsorgerlich und nicht psychologisch tätig, aber die Gruppe ist eine Selbsthilfegruppe auf religiöser Basis,“ fügt Gallinat-Schneider hinzu. „Wir sind auf der Suche nach Gott und hoffen, dass Gott auch auf der Suche nach uns ist.“ Generell sei das Thema „sprachfähiger“ geworden, dennoch „brauchen wir die Solidarität der Kirche und der Öffentlichkeit.“ Weitere Informationen gibt es auf der Homepage www.gottes-suche.de oder unter Telefon (0 72 49) 15 61. Eine separate Männergruppe wäre inzwischen auch denkbar, so Kerstner. Hier fehle es aber bislang an Interessierten.

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Stolperstein         Stolperstein3