Gelungenes
Ökumenischer Frauentag
am 22.3.2003 im Schloss Flehingen im Raum Heidelberg, Heilbronn, Stuttgart und Karlsruhe

Gewalt gegen Frauen und Mädchen wahr-nehmen


Workshops
  
  • Bibel und Gewalt: Leitung: I. Mumm, Theologin, E. Höfflin, Rel.Päd., Referentinnen der Frauenarbeit der Evangelischen Landeskirche in Baden
  • Aufmerksamkeit für das Gute: Leitung: C.Carter, Straßburg, Künstlerin
  • "Typisch Weib": Leitung: H. Edin, Kürnbach, Rektorin, Psychodramaleiterin, Supervisorin
Diese Veranstaltung wurde unterstützt vom Dekadefonds der Evang. Landeskirche in Baden zur Überwindung der Gewalt und dem Frauenreferat der Erzdiözese Freiburg
Dieser "Impulstag" sollte sich als eine jener folgenlosen Gewalt-Veranstaltungen erweisen, die mir später immer wieder begegneten. Die Ursachen sind benennbar und liegen vor allem am Desinteresse an Betroffenen und der Angst vor dem Kontakt mit ihnen. Dokumentiert sei die Veranstaltung, weil sie ein erster Versuch war, Betroffene in Kontakt miteinander zu bringen.

Strategien, um Opfer zum Sprechen zu bringen

Gewaltopfer können von von wirklichen Begegnungen, die außerordentlich hilfreich waren und sich als langfristig tragfähig erwiesen haben, erzählen. Vielleicht sind sie exemplarisch dafür, wie das Brechen des Schweigens so gelingen kann, dass Opfer die in der Gewalt zerstörten Verbindungsfäden zur Gemeinschaft der Menschen/der ChristInnen wieder knüpfen können.

  • Zunächst wurden im Gespräch die Verbrechen beim (richtigen, auch juristischen) Namen genannt. Die Taten wurden nicht beschönigt und nicht entschuldigt. Die Folgen wurden nicht kleingeredet.
  • Die TäterInnen wurden benannt – in ihrer Funktion und mit kurzer Beschreibung.
  • Die Gesprächspartner reagieren jeweils in einer ganz spezifischen Weise, die folgende Elemente aufweist:
Das Gegenüber
  1. zeigt sein Erschrecken, Mitgefühl und den eigenen Schmerz, ohne die Distanz zu verlieren
  2. überwindet die Scheu nachzufragen. Die Nachfragen verletzten nicht; sie werden als von Herzen kommendes Interesse erlebt.
  3. gibt keinerlei Trost für die Vergangenheit, sucht nicht nach Verharmlosung oder Beschönigung und erschlägt nicht mit ihrer/seiner Deutung der Erfahrung des Opfers - auch nicht mit einer theologischen
  4. schweigt, wenn es keine Wörter mehr gibt und flieht weder vor dem Schweigen noch ins Schweigen
  5. vermittelt ein wenig ihrer/seiner eigenen Stärke, die das Erzählen von Schlimmem voller Mitgefühl aushält
  6. verliert den eigenen Halt auch angesichts des Schreckens nicht und hält stand
  7. kann unaufdringlich die Stärken der Betroffenen benennen und verabredet verbindlich eine Fortsetzung des Kontaktes (der nicht in der Fortsetzung dieses Gespräches bestehen musste) – lässt Betroffene also nicht wie die berühmte heiße Kartoffel fallen

Einige Strategien in öffentlichen Veranstaltungen, die Opfer zum Schweigen bringen

Verlagere die Gewalt in die Ferne der Weltpolitik, damit wird die Gewalt im Nahbereich, mitten unter uns verharmlost. Es ist ja unzweifelhaft Gewalt, wenn Menschen an den Folgen unseres Wirtschaftens krepieren. Und wer wollte im Ernst leugnen, dass eine Mutter, die ihrem Kind hilflos beim Verhungern oder Sterben an unsauberem Wasser zuschauen muss, Gewalt erlebt? Angesichts dieser Gewalt war ja nun die eigene Vergewaltigung, die kindheitslange Misshandlung, der jahrelange Missbrauch, der Inzest irgendwie unscheinbarer, harmloser, vermutlich irgendwie doch nicht Gewalt. 

Sprich von der gewaltmindernden Liebe, die auch die Täter umfasst. Dann kannst du sicher sein, dass keine Gewaltüberlebende sich zu Wort meldet. Täter haben Vorrang und am Ende unser aller Mitgefühl.

Suche die Ursachen für Männergewalt bei den Frauen, die Opfer werden. D.i. sehr beliebt und wurde bis vor kurzem als wissenschaftlicher Ansatz allseits akzeptiert. Wenn ein Opfer reden würde, müsste es sich am Ende von der illustren Runde fragen lassen, was es denn nun getan hat, um einen armen Täter so ins Unglück zu stürzen, dass der gar nicht anders konnte. 

Schüre die Angst vor hysterischen, unberechenbaren, ausflippenden, zusammenbrechenden Opfern; bausche die Bedrohung, die von diesen Menschen für sich und für andere ausgeht, auf. Dann kannst du diese Menschen ganz fürsorglich an Therapien verweisen, die kompetent helfen können. Dein Signal an die Opfer wird in jedem Fall verstanden: Sie müssen schweigen, wollen sie nicht riskieren, unangenehm aufzufallen oder überhaupt kenntlich zu werden. Ganz nebenbei wird man dir Anerkennung zollen für deine kompetente Fürsorglichkeit, mit der du dich um Opfer bemühst.

Sprich davon, durch dein und euer Schweigen die Opfer vor dem Schmerz schützen zu wollen. Jedes Opfer wird sofort verstehen, dass es deine guten Absichten, die seinem Schutz dienen, zunichte macht, wenn es ohne Rücksicht auf die ihm durch dich gewährte Schonung reden würde. Nein, so undankbar sind die Opfer nicht. Sie lassen sich schützen und schweigen also.

Erwähne ganz richtig, dass Neid, Eifersucht, Stolz, Gier in jedem Menschen sind. Vermeide dabei den altbackenen und wahrlich unzeitgemäßen Begriff der Sünde. Sprich stattdessen von "Gewalt". Auch Opfer kennen ja Neid, Eifersucht, Stolz, Gier; also sind ja auch sie irgendwie schuldig; irgendwie gewalttätig. Für ihre Erfahrung von Vergewaltigung, Inzest, Kindesmisshandlung, Kindesmissbrauch, ehelicher Gewalt...... haben diese Opfer dann kein Wort mehr, denn das richtige Wort ist schon anderweitig in Benutzung und vergeben. Es wurde ihnen weggenommen, sie sind enteignet. Wer kein Wort mehr hat, schweigt.

Treibe die Opfer in die Vergebungsfalle. Darüber besteht Konsens, der nicht ungestraft in Frage gestellt werden kann: Vergebung ist der christlichen Güter höchstes. Wer nicht vergeben kann oder will, der muss schweigen im christlichen Haus, wenn er nicht der Ächtung durch die anderen unterliegen will. In der Vergebungsfalle sitzen die Opfer dann endgültig und ein für allemal fest. Das kriegen sie wieder mal nicht hin, nicht auf Anhieb, vielleicht sogar nie. Und - horribile dictu - vielleicht wollen sie nicht vergeben, weil sie sich selbst belügen müssten oder weil sie wissen, dass ihre Vergebung noch allemal der Boden ist, auf dem Täter und Zuschauer es sich nach wie vor folgenlos gut gehen lassen.

Vieles von dem, was auf gutgemeinten Gewalt-Veranstaltungen gesagt wird, ist richtig. Seltsam ist nur, dass  Gewaltüberlebende mit ihrer Vergangenheit und Gegenwart dort irgendwie nicht vorkommen. Auf subtile und verwirrende Weise werden sie der Wirklichkeit und Wahrheit ihres Lebens entfremdet und enteignet. Sie erleben sich als Störenfried der Einmütigkeit und wagen nicht, das zu sagen - aus Angst, den Konsens zu zerstören und sich – wieder einmal – zu isolieren.

Der behauptete Schutz der Opfer dient in Wirklichkeit dem Schutz vor den Opfern.
13.10.2004

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