Gelungenes
Gottesdienst von "Wir sind Kirche -  Karlsruhe" am 21.3.2004


Vorbemerkung:

Dieser Gottesdienst wurde als katholische Eucharistiefeier in einer kleinen Gottesdienstgemeinde gefeiert, die sich seit Jahren monatlich trifft und relativ vertraut miteinander ist. Die gottesdienstliche Feier ist immer mit einem anschließenden Beisammensein verbunden.

Der Gottesdienstentwurf entstand in einer kleinen Vorbereitungsgruppe aus Männern und Frauen, Betroffenen und Nicht-Betroffenen. Da uns keine Erfahrungen von Gottesdiensten mit Betroffenen und Nicht-Betroffenen vorlagen, benötigten wir ein halbes Jahr für die Vorbereitung. In einem ersten Schritt war es wichtig, Befangenheit ab- und Vertrauen aufzubauen. Beides gelang. Die Vorbereitungsgruppe konnte Klarheit darüber erreichen, dass von der Gemeinde keine "Aktion" erwartet wurde, dass das zunächst einzig Notwendende vielmehr darin besteht, sich dem Thema auszusetzen und dadurch das Schweigen zu beenden.

Im Vorfeld war unklar, wie die Gemeinde mit der Anwesenheit einer identifizierten Betroffenen würde umgehen können. Daher wurde zu meiner Vorstellung die Formulierung "eine, die mit Betroffenen arbeitet" gewählt. Diese Formulierung war offen für unterschiedliche Interpretationen. Die meisten der Mitfeiernden haben nach meiner Wahrnehmung ganz selbstverständlich die richtige Interpretation gewählt und konnten damit gut umgehen.

Das Predigtgespräch der gesamten Gruppe war sehr intensiv. Wir waren im Nachhinein froh, dass die vorbereiteten Texte auch für Gewalterfahrungen von Männern offen waren - denn auch die kamen zur Sprache. Insgesamt trug dieser Gottesdienst zu Recht den Namen einer Feier, denn es war möglich, in Solidarität miteinander beim Namen zu nennen, was Menschen niederdrückt und ihre Teilhabe am Leben verhindert. 
Kornblume A.


Einzugslied: Gott gab uns Atem
Begrüßung
Einführung
Wenn Sie sich in Ihren Kirchengemeinden umschauen, dann müssen Sie davon ausgehen, dass jede vierte Frau Gewalt erlebt hat. Gewalt gehört für viele Frauen und Kinder zum  Alltag. Nur: Die sprechen nicht darüber. Kinder nicht und Erwachsene auch nicht. Dahinter steht die Erfahrung, dass sie nicht gehört werden und die Erfahrung, dass nicht die Gewalt, sondern die Gewaltüberlebenden tabuisiert werden. Zugleich kämpfen diese Frauen – es gibt übrigens auch Männer mit Gewalterfahrungen – mit oft lang anhaltenden bis lebenslänglichen Folgen der Gewalterfahrung. Gewalt zerstört das Vertrauen in sich selbst, in die Welt, die Menschen, in Gott.  Zu den vielen Folgen der Gewalt gehört das Gefühl, nicht zur Gemeinschaft der Menschen dazuzugehören. Diese Menschen fragen sich immer wieder: Mit wem kann ich reden? Wo kann ich hingehen, wenn es mir schlecht geht? Bin ich liebenswürdig? Ist Gott vertrauenswürdig?

Ich arbeite seit fast vier Jahren mit gewaltüberlebenden Frauen, die sich diesen Fragen stellen und miteinander schauen, ob der christliche Glaube eine Hilfe im langfristigen Leben mit den Traumafolgen sein kann. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es für Gewaltüberlebende eine große Hilfe sein kann, „Verbündete“ zu finden, die nicht wegschauen und nicht davonlaufen. Mit dem heutigen Gottesdienst möchte ich Sie einladen, hinzuschauen. Dazu werden wir uns die Geschichte einer biblischen Frau, die Geschichte Tamars aus dem 2.Buch Samuel ein wenig miteinander anschauen. Es ist die Geschichte einer Frau, die von ihrem Halbbruder vergewaltigt wurde. Sie ist so präzise erzählt, dass sie in einem modernen Lehrbuch über sexuelle Gewalt im Nahbereich stehen könnte. Gott sei Dank steht sie in der Bibel! Dass sie uns von dort überliefert wurde, ist nämlich ein erstes Heilmittel gegen das, was Gewaltopfer nach der Gewalt am Bedrückendsten erleben: das Schweigen. Mit der Geschichte Tamars legen wir die Geschichte von Gewaltopfern auf den Tisch des Hauses. Und Sie dürfen immer mitdenken, dass es Einen gab, der - selber Folteropfer - mit seinem Leben und Tod an der Seite der entsetzlich vielen Gewaltopfer steht. Wir dürfen also immer auch wissen, dass dieser Standort Jesu von Gott in der Auferstehung beglaubigt wurde.

So wollen wir also diesen Gottesdienst beginnen:
Im Namen Gottes, der hier in unserer Mitte ist
Im Namen Gottes, der Hüterin Israels, die für die Entrechteten eintritt.
Im Namen Gottes, des Schutzschildes der Menschen, die von niemandem geschützt wurden.
Dieser Gott, Hüterin und Schutz, sei mit uns allen heute und in Ewigkeit. Amen.

Kyrie
Wir haben Ihnen hier ein Bild von Edvard Munc vorbereitet. Bitte, schauen Sie das Bild in Ruhe an. Ich lade Sie ein, dem Menschen – der Frau oder dem Mann – auf dem Bild zuzuhören. Es mag Ihnen nicht gefallen, welche Geschichte dieser Mensch erzählt. Wenn Sie jedoch mit offenem Ohr hören, was der Mensch erzählt, helfen Sie mit, die Not dieses Menschen zu lindern und zu verändern.
(Stille 3-5 Min.)

Gott, in unserer Welt gibt es so viel Not von Menschen, die gehört werden will. Wir rufen zu Dir, unserem Gott und Retter: (Liedruf dazwischen: Gott, erbarme dich)

Tagesgebet
Heiliger Gott, Du hast die Kinder Israels aus der Knechtschaft in Ägypten befreit. Bleibe bei uns, da wir uns versammeln, um das Leid der Geknechteten und ihre Klage damals und heute vor Dich zu bringen. Darum bitten wir Dich im Namen deines Sohnes, der das Opfer seiner Mitmenschen wurde und unser Bruder ist. Amen.


Lesung aus dem 2. Buch Samuels: Amnon schändet seine Schwester Tamar (2 Sam 13,1-22)
1 Danach ereignete sich Folgendes: Ab(i)schalom, der Sohn Davids, hatte eine schöne Schwester namens Tamar. Amnon, der Sohn Davids, verliebte sich in sie. 2 Und Amnon quälte sich um seiner Schwester Tamar willen so ab, dass er sich krank fühlte; sie war nämlich eine Jungfrau, und so kam es Amnon unmöglich vor, ihr zu nahe zu treten. 3 Amnon hatte aber einen Freund namens Jonadab, den Sohn des Schima, des Bruders Davids; dieser Jonadab war ein sehr schlauer Mann. 4 Er sagte zu ihm: "Warum bist du von Morgen zu Morgen so elend, du Königssohn? Willst du es mir nicht sagen?"
Amnon antwortete ihm: "Ich liebe Tamar, die Schwester meines Bruders Ab(i)schalom."
5 Jonadab erwiderte ihm: "Lege dich zu Bett und stelle dich krank. Wenn dann dein Vater dich besuchen kommt, so sage zu ihm: Käme doch meine Schwester Tamar, um mir etwas zu essen zu geben! Wenn sie vor meinen Augen das Essen zubereiten würde, sodass ich zusehen könnte, dann würde ich das Essen aus ihrer Hand annehmen."
6 Amnon legte sich also ins Bett und tat, als sei er krank. Als nun der König kam, um nach ihm zu sehen, sagte Amnon zum König: "Lass doch meine Schwester Tamar kommen, damit sie vor meinen Augen einige Kuchen zurechtmache; aus ihrer Hand könnte ich etwas essen."
7 Da sandte David ins Haus zu Tamar und ließ ihr sagen: "Geh doch in das Haus deines Bruders Amnon und richte ihm das Essen her!"
8Tamar begab sich in das Haus ihres Bruders Amnon, während er zu Bett lag. Sie nahm den Teig knetete ihn, machte vor seinen Augen Kuchen und buk dann Kuchen.
9Dann nahm sie die Pfanne und schüttete sie vor ihm aus. Er aber weigerte sich zu essen, sondern sagte: "Schafft alle von mir hinaus!" Da entfernten sich alle von ihm.
10Darauf sagte Amnon zu Tamar: "Bring mir das Essen in die Kammer, damit ich aus deiner Hand esse." Tamar nahm die Kuchen, die sie zubereitet hatte, und brachte sie ihrem Bruder Amnon in die Kammer. 11 Als sie ihm aber zu essen darbot, fasste er sie an und sagte zu ihr: "Komm, Schwester, leg dich zu mir!"
12 Sie gab ihm zur Antwort "Lass doch, mein Bruder, entehre mich nicht! So etwas tut man nicht in Israel. Begehe doch nicht eine solche Schandtat! 13 Wohin sollte ich meine Schande tragen? Und du selbst stehst dann als einer der Verkommensten in Israel da. Aber rede doch einmal mit dem König: denn er wird mich dir nicht versagen."
14 Er aber wollte nicht auf ihre Stimme hören, sondern vergewaltigte sie, schändete sie und wohnte ihr bei. 15 Dann aber empfand Amnon einen sehr tiefen Widerwillen gegen sie, sodass der Widerwille, den er gegen sie empfand, noch heftiger war als die Liebe, die er zu ihr gehabt hatte. Darum sprach Amnon zu ihr: "Mach, dass du fortkommst!"
16 Da sagte sie zu ihm: "Nein, mein Bruder! Denn wenn du mich jetzt fortjagst, so ist das ein noch größeres Unrecht als das, was du mir angetan hast!" Er aber wollte nicht auf sie hören. 17 Er rief seinen Burschen, der ihn zu bedienen hatte, und befahl ihm: "Schaffe mir die da hinaus auf die Straße und riegle die Tür hinter ihr zu!" 18 [Sie aber trug ein Ärmelkleid; so kleideten sich nämlich von alters her die Königstöchter, solange sie Jungfrauen waren.] Da schaffte sein Bursche sie hinaus auf die Straße und riegelte hinter ihr die Tür zu.
19 Tamar aber streute Staub auf ihr Haupt, zerriss das Ärmelkleid, das sie trug, legte ihre Hand auf ihr Haupt und schrie, während sie davonging. 20 Ab(i)schalom, ihr Bruder, sagte zu ihr: "War dein Bruder Amnon bei dir? Schweige dann, liebe Schwester, er ist ja dein Bruder! Nimm dir diese Sache nicht zu Herzen!" So wohnte Tamar einsam im Hause ihres Bruders Ab(i)schalom. 21 Als der König David all diese Dinge erfuhr, wurde er sehr zornig. Er tat aber dem Gemüt seines Sohnes Amnon nicht weh; denn er liebte ihn, weil er sein Erstgeborener war. 22 Ab(i)schalom sprach mit Amnon kein Wort, weder im Bösen noch im Guten. Ab(i)schalom hasste nämlich den Amnon aus dem Grunde, weil er seine Schwester Tamar entehrt hatte.



Predigtgespräch mit Einführung in den Texthintergrund
Tamars Geschichte steht im 2. Buch Samuel, einem Buch der Geschichtsschreibung und Geschichtsdeutung Israels. Die zentrale Figur des Buches ist David. Es geht um seinen Aufstieg zum König über Israel und Juda. Es geht um seine Regierungszeit und um die Auseinandersetzungen seiner Söhne um die Thronnachfolge. Das Buch wurde kurz nach dem Tod Davids verfasst. Der Tamargeschichte voraus ging Davids Ehebruch mit Batscheba und der Auftragsmord an Urija, dem Mann Batschebas und Heerführer Davids.
Der Tamargeschichte folgt später die Ermordung des Täters Amnon durch seinen Halbbruder Abschalom. Abschalom selbst deutet den Mord als Rache für die Vergewaltigung seiner Schwester. Zugleich ist der Täter der Rivale Abschaloms um den Davidsthron. Es bleibt im Zwielicht, ob Abschalom das Gesetz (Lev 20,17) befolgt, das ihn zur Ahndung der Schädigung von Eigentum – wir sprechen hier von einer Frau als Eigentum! - verpflichtet – oder ob die Rache für Tamars Vergewaltigung nicht im Dienste der Macht Abschaloms steht.



Fürbitten werden in Stille vor Gott gebracht.

Lied: Meine engen Grenzen

Gabenbereitung

Gabengebet
Unser Gott, der Du der Herr aller Herren bist, der Herr aller Mächte und Gewalten! Mit diesem Brot und diesem Wein bringen wir unser und aller Menschen Leben zu Dir. Wir bringen Dir unsere Freude und unser Leid, unser Lob und unsere Klage. Schenke uns, wofür diese Gaben stehen:
~ Frieden gegen Gewalt
~ eine Sprache gegen das Schweigen
~ Zugehörigkeit der Ausgegrenzten
~ Solidarität mit den Verlassenen
Darum bitten wir Dich durch unseren Bruder Jesus, Deinen Gesalbten. Amen

Sanctuslied

Vater Unser


Kommunionlied: Wir preisen deinen Tod

Schlussgebet: „Brauchbitten“ (nach Carola Moosbach: Lobet die Eine. Schweige- und Schreigebete, Grünewald Mainz 2000, S. 72)
jeweils eingeleitet mit dem Gebetsruf:
Gott, Du Schützer und Hüter derer, die unter die Räder gekommen sind
Wir brauchen welche
die weinen können...


Segen zur Entlassung
Gott segne uns.
Sie lasse uns wissen,
dass Sie stärker ist als der Tod
Er berühre die angstversiegelten Lippen
Sie breche auf das Schweigegefängnis

Gott lasse uns Menschen finden und Menschen sein
die einander zuhören
und füreinander da sind in der Not

Gott sammle alle Tränen wie Kostbarkeiten
und verwandle sie in Kraft zu neuem Leben
Er führe uns vom Tod zum Leben in Gerechtigkeit

Schlusslied: Wir wollen aufsteh‘n zum Leben