Gelungenes
Kirchentagseindrücke - Frauenzentrum Köln
9.6.2007

Eindrücke sind notwendigerweise sehr subjektiv und selektiv. Der erste Eindruck war: Hier betrete ich "Freundinnenland", ich bin willkommen, mit der reflexhaften Opferbeschuldigung muss ich in diesem Haus nicht rechnen. Ich muss mich auch nicht schämen, Opfer zu sein. - Dieser Eindruck beherrschte den ganzen Tag im Frauenzentrum des Evangelischen Kirchentages. Er gab ihm eine große Leichtigkeit in allem Schweren. Dafür sei den Frauen des Frauenzentrums, allen voran Pastorin Christina Schlarp und Pastorin Daniela Hammelsbeck, herzlich gedankt.

Der Stand von GottesSuche diente der Information über unsere Arbeits- und Selbsthilfegruppe. Marieluise Gallinat-Schneider, die die Bruchsaler Gruppe als Seelsorgerin begleitet, betreute mit mir und weiteren Frauen zusammen den Stand. Wir hatten viele eindrückliche und offene Gespräche mit Frauen, die sich für die Initiative interessierten. Immer wieder auch wurden wir gefragt, ob es in anderen Gebieten Deutschlands Gruppen gibt, die der Bruchsaler Gruppe vergleichbar wären und deren Fokus ebenfalls auf Traumabewältigung vor dem Hintergrund des christlichen Glaubens läge. Da mussten wir mit Bedauern verneinen. Dass auch Männer sich für die Arbeit interessierten, sei ausdrücklich vermerkt. Noch immer gibt es erst ausnahmsweise ein Gespür dafür, dass der Kampf gegen Gewalt an Frauen nicht nur Sache der Frauen, sondern ebenso sehr  Aufgabe von Männern ist.

Der Stand unserer Gruppe war zugleich der Treffpunkt für Frauen aus der Mailingliste GottesSuche, die sich teilweise virtuell seit 4 Jahren kennen, aber einander bislang noch nicht real begegneten. Es war einfach eine große Freude zu spüren, wie die Listengespräche sich nun erweitern konnten um ein Gesicht, eine Stimme und ein Lachen :-)))) Eine große Freude war auch, dass wir zum ersten Mal in dem Buch von Dr. Barbara Haslbeck, an dem auch Frauen aus der Mailingliste GottesSuche mit einem Bild und mit Nach- und Mitdenken beteiligt waren, blättern konnten. 1
Es war einfach nur schön und ermutigend, längst nicht mehr alleine dazustehen, sondern sich eingebettet wissen in ein tragfähiges Netz von Menschen, die miteinander unterwegs sind. Mit dabei waren in Köln jene Frauen aus der Liste, die nicht haben kommen können. Für sie schreibe ich hier auch noch einige Eindrücke von der Podiumsdiskussion auf. Das Thema lautete: "Ich glaube an Gott, den allmächtigen Vater. Welche Verantwortung haben Theologie und Liturgie bei Gewalt gegen Frauen und Mädchen?" Auf dem Podium waren Dr. Margot Käßmann (Bischöfin der Ev. luth. Landeskirche Hannover); Frauke Mahr (LOBBY FÜR MÄDCHEN - Mädchenhaus Köln e.V.), Astrid Peter (Germanistin und freie Bildungsreferentin, Leverkusen); Dr. Barbara Haslbeck (Katholische Theologin, Passau). Es moderierte Dr. Angela Maas (Journalistin, WDR Köln).
Eingeleitet wurde die Veranstaltung mit dem Such- und Klagegebet von Carola Moosbach:

"Mit der Anrede fängt es schon an Gott....
Es ist besser wenn Du nicht zur Familie gehörst Gott
mit denen spreche ich nicht...
aber ich verstehe es nicht und es bringt mich zum Weinen
Bitte finde mich bald Schwester Gott" 2

Wieder einmal zeigte sich, wie wahr und unverbraucht Carola Moosbachs Sprache ist. Frau Dr. Haslbeck und Frau Peter gaben einen Einblick in das Thema des Podiums. Einige der Überlegungen seien hier genannt. Sie treffen m.E. den Kern des Problems. Frau Dr. Haslbeck plädierte dafür, Glaube nach Gewalterfahrungen ins Zentrum des christlichen Hauses zu stellen, u.a. auch weil Menschen mit Gewalterfahrungen helfen können, das Profil des christlichen Hauses, die jesuanische Frohbotschaft, zu schärfen. Ein Bild von "Gott Vater" aus einem alten Katechismus führte in das Erleben von Gott ein als Begegnung mit einem alten Mann, von der Erde abgehoben, mit geschlossenen Augen und herrscherlicher Geste. Frau Dr. Haslbeck betonte, dass dieses Bild von Gott durch das Verhalten seiner Vertreterinnen und Vertreter auf Erden fortgesetzt wird. Gewaltüberlebende berichten ihr, dass sie in der Kirche mit ihren Erfahrungen nicht vorkommen; dass sie Ratschläge erhalten, die nicht weiterführen; dass ihre Scham- und Schulgefühle vermehrt werden und dass ihnen noch immer nicht geglaubt wird. So wie dieses vermeintlich "alte" Gottesbild Gott zeigt, genau so sind auch die Erfahrungen, die Betroffene mit Kirchen machen. Sie erleben keine Aufmerksamkeit, kein Wahrnehmungssensorium. Sie stoßen auf fühllose und hilflose Sprachlosigkeit.
Als Gründe wurden benannt, dass das Ideal der glücklichen Kindheit und die Idylle der heilen Familie aufgegeben werden müssen, wenn Opfern von Gewalt im Nahbereich Gehör geschenkt werden soll. Die Konfrontation mit Gewaltopfern führt dazu, dass die Provokation, die in der fortgesetzten Präsenz des Opfers als Opfer liegt, ausgehalten werden muss. In jedem Fall ist zu vermeiden, dass sich das noch immer virulente Bild des allmächtigen, unberührbaren und fernen Gottes in der Kirche wiederholt. Menschen braucht es, "die mit beiden Beinen auf der Erde stehen und nicht bei der ersten Verunsicherung davon laufen; welche, die die Augen und Ohren offen halten; es geht also um eine elementare Leidempfindlichkeit"  (J.B.Metz) Wesentlich ist es, einer zutiefst verunsicherten Person wieder etwas Selbstsicherheit und Macht zurückzugeben. In der Gewaltsituation hat sich keiner für das Opfer parteilich gezeigt – umso mehr braucht es die nachträgliche Solidarität der Umstehenden im Aushalten des Leides.

Sehr wichtig scheint mir - und dies wurde in den statements aller Podiumsteilnehmerinnen ebenso deutlich wie in der Diskussion -, dass Gewaltüberlebende einen Adressaten benötigen, dem sie ihr Leid und Leben, ihre Not und Klage, ihre Zweifel, Fragen und Hoffnungen sagen dürfen. Das Sprechen, das Klagen vor Gott, braucht unverzichtbar auch einen irdischen Adressaten - und da liegt die Verantwortung jedes Christen und jeder Christin in den Kirchengemeinden und Gottesdiensten. An ihrer Solidarität, an ihrer Leidempfindlichkeit wird sich erweisen, ob Gewaltbetroffene hoffen lernen, dass Gott eine ist, die und der sich nicht mit Gewalt und Macht, sondern im "Säuseln des Windes" in das Leben hineinbuchstabiert. An der Solidarität der MitchristInnen entscheidet sich, ob das Sprechen von der göttlichen Ruach und der Chokmah tatsächlich zu mehr Gerechtigkeit für die führt, die einen parteilichen Gott so dringend nötig haben.

In der Diskussion, an der auch die ZuhörerInnen beteiligt wurden, zeigte sich, dass in diesem Frauenzentrum nicht mit Opferbeschuldigung gerechnet werden musste und dass der christliche Gott ganz eindeutig auf der Seite der Opfer zu finden ist. Nur in einer kurzen Sequenz unterlag das Gespräch der Versuchung, sich mit "Räumen für Täter", in denen die sich ihrer Schuld stellen können, zu beschäftigen. Frau Dr. Haslbeck warnte eindringlich davor, den Blick auf abwesende und chronisch unschuldige Täter zu lenken - und damit erneut den Blick von den Opfern abzuwenden. Ganz konsequent tauchte im Laufe der Diskussion auch die Frage auf, warum wir sehr wohl Täterseelsorge, nicht jedoch Opferseelsorge kennen.
Alle Podiumsteilnehmerinnen - und Frau Dr. Käßmann benannte dies ausdrücklich - nahmen aus dem Gespräch mit, dass sie noch aufmerksamer als bislang schon die Perspektive der Opfer in ihrem theologischen, liturgischen und sozialen Tun im Blick haben werden. Das Gespräch wurde mit Musik und den "Brauchbitten" von Carola Moosbach abgeschlossen:

"Wir brauchen welche
die kämpfen können
die nicht davonlaufen beim ersten Geruch des Schreckens
wir brauchen welche
die hoffen können
die Dein Mund sind Dein Ohr und Dein Schrei
denen schick Deine Kraft Gott
die lass ansteckend sein" 3

Tatsächlich: Wir brauchen welche, die nicht davonlaufen beim ersten Geruch des Schreckens und die Gottes Mund, Ohr und Schrei sind. Wie entlastend es sein kann, wenn Frauen sich solidarisch verhalten, das habe ich - und wohl viele mit mir - auf dem Podium und bei den TeilnehmerInnen des Gespräches an diesem Morgen im Frauenzentrum des Kirchentages gespürt. Das macht Hoffnung. Dafür danke ich!
Rika, 10.6.2007
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1 Barbara Haslbeck: Sexueller Missbrauch und Religiosität. Wenn Frauen das Schweigen brechen: eine empirische Studie
Münster 2007 (ISBN 3-8258-9449-5)
2 in: Carola Moosbach: Gottflamme Du Schöne Lob- und Klagegebete, Gütersloh 1997, S. 19-20; vergr.
3 in: Carola Moosbach: Lobet die Eine. Schweige- und Schreigebete, Mainz 2000, S. 72