2.
            Glaube und Gewalterfahrungen





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Kastanienblüten
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Warum Gewaltopfer unsere  Solidarität brauchen

„Gewalt gegen Frauen – das Thema ‚geht nicht’ in den Veranstaltungen der Frauenseelsorge. Da kommt niemand.“ Das sagte mir die Frauenseelsorgerin einer Diözese Deutschlands. Zugleich erinnerte sie mich an die vielen Veranstaltungen zum Thema „Gewalt gegen Frauen“. Dahinter stand die unausgesprochene Frage: ‚Ist es denn nicht genug, was wir seit Jahren tun?!’

Das Thema „Gewalt gegen Frauen“ ist in kreativen events, öffentlichkeitswirksamen Aktionen, auf Tagungen und Seminaren präsent. Fachleute vernetzen und tauschen sich aus, sensibilisieren Öffentlichkeit und MultiplikatorInnen. Kirche konzentriert sich auf Hilfe in akuter Gewaltsituation, Gewaltprävention und Aufklärung. In diesen Handlungsfeldern ist „noch etwas zu tun“. Allerdings fällt eine Gruppe aus diesen unverzichtbaren Aktivitäten heraus: Jene Menschen, die langfristig oder lebenslänglich unter den Folgen von Gewalt zu leiden haben. Bei ihnen ist nichts mehr zu machen, sie sind lange zuvor Opfer geworden. Für Prävention und Aufklärung ist es zu spät.

Auf diese Menschen möchte ich hier den Blick richten. Im Sommer 2000 begann ich, mit Frauen zu arbeiten, die langfristig durch Gewalt traumatisiert sind. Sie klagen, dass sie bei den genannten kirchlichen Veranstaltungen nicht gemeint seien und nicht vorkommen. Sie berichten, dass die Stimmung eiskalt wurde oder die Atmosphäre nicht danach gewesen wäre, als sie auf solchen Tagungen nicht nur über Opfer sprechen wollten, sondern von ihnen. Es scheint, dass die fortwährende Existenz von Gewaltopfern eine Provokation und eine Widerlegung des Erfolgs kirchlicher Anstrengungen ist.

Ich möchte zunächst Zahlen vermitteln, vom Erleben der Betroffenen in Vergangenheit und Gegenwart berichten und von dem, was sie notwendig brauchen. Dann stelle ich die Initiative GottesSuche vor. Nicht verschwiegen werden die Hindernisse, die diese Arbeit erschweren und vermutlich wenig mit den beteiligten Personen und viel mit der Dynamik zu tun haben, die dem Trauma innewohnt. Schließlich berichtet Marieluise Gallinat-Schneider, die seit 4 Jahren eine Gruppe Gewaltüberlebender Christinnen als Seelsorgerin in der Seelsorgeeinheit St. Peter, Bruchsal, begleitet, von ihren Erfahrungen. Zuletzt ist von Zukunftsperspektiven zu sprechen.

1. Zahlen
Verbrechen werden unsichtbar, wenn sie gehäuft auftreten. 2004 gab es die erste repräsentative Untersuchung über "Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland“. Sie belegt, dass 40% aller Frauen zwischen 16 und 85 Jahren körperliche, seelische und/oder sexuelle Gewalt durch andere Menschen erlebten. Nicht erfasst sind damit die Gewalterfahrungen zwischen 0 – 16 Jahren. Seriöse Zahlen sagen, dass jedes 7. Mädchen und jeder 10. Junge zwischen 0 und 14 Jahren sexuellen Missbrauch im engeren Sinn, d.h. Vergewaltigung, erlebt. Eine Untersuchung über Gewalt gegen Männer ist in Arbeit. Dieses epidemisch zu nennende Vorkommen von Gewalt lässt vermuten, dass jede/r von uns Betroffene im näheren Umfeld kennt.

2. 1. Erleben der Betroffenen in der Vergangenheit
In den zurückliegenden Monaten erschütterten immer wieder Fälle von Kindesmisshandlung die Öffentlichkeit. Ich habe mit Frauen zu tun, deren Gewalterfahrungen in der Kindheit liegen und die in der Regel keine Öffentlichkeit erreichten. Sie wurden als Kinder vernachlässigt, körperlich, seelisch und/oder sexuell missbraucht, misshandelt, vergewaltigt. Hilfe gab es nicht, Entrinnen ebenfalls nicht. Das Opfer bestand nicht selten nur aus Angst. Jenseits der Angst gab es nichts mehr, keine Zeit, keine Hoffnung, keine Zukunft. Das Zutrauen auf Rettung wurde ausgelöscht. Flucht war unmöglich, Kampf ebenfalls. Es blieb die Flucht nach innen, das Zersplittern, das amnestische Vergessen. Der Mensch zerbricht. Hinfort ist ihm jeder Mensch ein Feind und die Welt bedrohlich. Die Identität ist – mehr oder weniger tief – fragmentiert, das Opfer von Gott und den Menschen isoliert.

2.2. Erleben der Betroffenen in der Gegenwart
Das überaus Bedrückende ist, dass es nicht vorbei ist, wenn es vorbei ist. Die erlebte Gewalt prägt das Leben. Die Erfahrung oft jahrelanger Ohnmacht und Gewalt brennt sich wie eine Wunde ein, deren Schmerz nie versiegt. Fachleute sprechen von einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Jedes 4. Gewaltopfer und jedes 2. Missbrauchs- und Vergewaltigungsopfer leidet an einer PTBS.
Eine PTBS geht häufig mit Albträumen, Schlaflosigkeit, flash backs, Depressionen, Essstörungen … einher. Zu den Symptomen gehört eine schwer auszuhaltende  chronische Übererregung. Der traumatisierte Mensch lebt in der ständigen Erwartung einer Gefahr, auch Jahre und Jahrzehnte nachdem das traumatische Ereignis vorbei ist. Intrusionen, ungewollte Erinnerungen, drängen sich immer wieder auf. Die Erinnerungen werden so erlebt, als liege das Gewalterleben nicht Jahre oder Jahrzehnte zurück, sondern geschehe in der Gegenwart. Auslöser kann im Grunde alles sein: ein Geräusch, ein Geruch, eine Geste, eine Farbe…. Dabei bleiben die Emotionen der ursprünglichen Gewalterfahrungen erhalten. Ihre Intensität ist qualitativ verschieden von normalen Gefühlen; sie liegt außerhalb des gewöhnlichen emotionalen Erfahrungsspektrums und überfordert das gewöhnliche Vermögen, Gefühle auszuhalten. Es gibt keinen Ort der Welt, an dem Traumatisierte sicher vor Intrusionen sein können. Unter diesen unaushaltbaren Gefühlen bricht das Selbstverteidigungssystem eines Menschen immer neu zusammen. Flucht geschieht, aber in Form einer Veränderung des Bewusstseinszustandes. Er geht einher mit verstärkter Bildwahrnehmung, verändertem Sinnesempfinden, verzerrter Realitätswahrnehmung, Depersonalisation, Derealisation, Dissoziationen bis hin zu posttraumatischer Amnesie. Der Versuch, die quälenden Intrusionen zu vermeiden, führt zu Einschränkungen im Leben der Betroffenen. Situationen und Menschen werden oft gemieden. Nähe zu Menschen wird als Bedrohung erlebt. Die Vergangenheit ist immer neu präsent. Nicht selten prägt sie das gesamte Leben.

3. Was Gewaltüberlebende brauchen
Die andauernden Gewaltfolgen müssen Gewaltopfer mühsam, quälend, oft in jahrelangen Therapien bearbeiten und zu verändern suchen. Die Theologin Dr. Barbara Haslbeck hat in ihrer Dissertation (Sexueller Missbrauch und Religiosität. Wenn Frauen das Schweigen brechen: eine empirische Studie, Münster 2007) im Gespräch mit Betroffenen vor allem zwei weitere Herausforderungen beobachtet, die sich Gewaltüberlebenden stellen: Die Suche nach Sinn und die Suche nach solidarischen Menschen.

a. Die Suche nach Sinn
Gewalt hat keinen Sinn. Leid, das aus Gewalt resultiert, hat ebenfalls keinen Sinn. Wer anderes behauptet, nimmt die Erfahrungen der Frauen nicht ernst. Dennoch kämpfen viele Gewaltüberlebende auch Jahre und Jahrzehnte nach der Gewalterfahrung mit der Sinnfrage, die eine genuine Glaubensfrage ist. Das lebensnotwendige Vertrauen in einen guten Verlauf der Welt wurde zerstört. Die Erfahrung dieser Zerstörung jedoch ruft nach Lösung und Verständnis. Leid ohne Sinn ist tierisch-stumm und inakzeptabel. Christlicher Glaube erlaubt, das eigene Leid in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Damit ist dem Menschen möglich, das Eingemauertsein in die eigene Leiderfahrung zu überwinden. Erfahrbar wird Solidarität im Leiden und eine Sprache gegen das Verstummen. Klage vor Gott und auch die Klage gegen Gott werden möglich. In der Klage vor einem Adressaten wird die eigene Existenz auf ein hörbereites Gegenüber hin überschritten; die quälende Einsamkeit der Überlebenden wird reduziert.

b. Die Suche nach solidarischen Menschen
Die Verbundenheit mit Menschen und mit Gott wurde in der Gewalt zerstört. Sie kann nicht in der Isolation wiederhergestellt werden. Es braucht die Gemeinschaft von Menschen, die sich parteiisch und solidarisch an die Seite des Opfers stellen – eine genuin christliche Haltung. Es braucht Menschen, die sich berühren lassen vom Leid anderer Menschen; die nicht wegschauen und vorübergehen; die nicht in Opferbeschuldigung flüchten und nicht durch ihr Schweigen Tätern in die Hände arbeiten. Es braucht Menschen, die mit Mitleidensfähigkeit, Geduld, Engagement und mit ihrer Glaubwürdigkeit für Gewaltüberlebende durchsichtig auf die Güte Gottes hin sind.

4. Die Initiative GottesSuche (http://www.gottes-suche.de) verdankt ihren Namen der Hoffnung, dass Gewaltüberlebende Gott suchen und Gott diese Menschen sucht und dass sie einander nicht verfehlen. Die Initiative entstand, als nach eineinhalbjährigen Recherchen keine Gruppe im kirchlichen Raum auffindbar war, die die andauernden Traumafolgen mit Hilfe der Ressourcen des christlichen Glaubens bestehen wollte. Im Frühjahr 2002  ging ich daher auf der Suche nach Betroffenen ins Internet. Unterstützt wurde - und wird - diese Suchbewegung effektiv und hilfreich zunächst durch Pfr. Dr. Jörg Sieger (http://www.joerg-sieger.de), dann auch durch die Gemeindereferentin Marieluise Gallinat-Schneider (http://www.joerg-sieger.de/gallinat) aus der Seelsorgeeinheit St. Peter, Bruchsal. Pfr. Dr. Sieger steht  als Seelsorger im Internet und vor Ort für Betroffene zur Verfügung ebenso wie Frau Gallinat-Schneider, die zudem eine 2003 in Bruchsal initiierte Gruppe Gewaltüberlebender Christinnen seelsorglich begleitet.
Zunächst waren Erfahrungen mit dem Medium Internet und mit Betroffenen (bisher mit ca 290 Frauen) zu sammeln. Eine Mailingliste erwies sich als brauchbar, um Betroffene miteinander in einen geschützten Kontakt zu bringen. Ursprünglich war an eine „Arbeitsgruppe im Internet“ gedacht. Es zeigte sich jedoch, dass das Bedürfnis Betroffener nach „Seelsorge auf Gegenseitigkeit“ mindestens ebenso groß ist. In der Mailingliste entwickelte sich im Laufe der Jahre eine tragfähige Gemeinschaft, die miteinander und voneinander lernt und auch Konflikte verbindlich miteinander durchsteht. Die gewährte Anonymität ist hilfreich – der Verbindlichkeit tut sie überraschenderweise keinerlei Abbruch. Wichtig ist, dass die Menschen, die sich als GesprächspartnerInnen anbieten, im Kontakt authentisch, zuverlässig und schnell sind. Unumgänglich ist, dass sie langfristig zur Verfügung stehen.
In Zusammenarbeit mit einigen wachen und engagierten ChristInnen war es Betroffenen möglich, Gottesdienste, Vorträge und andere öffentliche Aktionen zu machen. Sie dienten der Bekanntmachung des Angebotes für Betroffene und der Kenntlichmachung der BegleiterInnen und sind der Versuch, Vertrauen zwischen Kirchen und Betroffenen aufzubauen.

5. Hindernisse
Auch die Hindernisse sind zu benennen. Sie sind vielfältig. Ein Beispiel in Zahlen: Von 250 Bitten um Unterstützung durch Kirchen wurden 50% überhaupt nicht beantwortet; in 25% wurde mein Anliegen ergebnislos weitergereicht. In immerhin 25% der Anfragen gab es eine freundliche Rückmeldung, ein Link wurde gesetzt oder es kam zu einer konstruktiven und hilfreichen Zusammenarbeit mit Kirchenfrauen und – männern.
Dass auch im kirchlichen Raum die Abwehr von Gewaltopfern durch Opferbeschuldigung eher üblich ist, war leidvoll zu konstatieren. Vergebungsforderungen wurden an Opfer gerichtet, ohne dass Täter zur Umkehr oder Wiedergutmachung aufgefordert werden. Opfern wurde gesagt, ihr Mangel an Vergebungsbereitschaft führe zu psychosomatischen Erkrankungen. Damit wurde die Gewalt als Ursache von Krankheiten verschleiert. Täter wurden als frühere Opfer dargestellt und damit Opfern unterstellt, sie seien künftige Täterinnen. Die geschlechtsspezifische Verteilung von Tätern und Opfern wurde verschwinden gemacht mit dem Hinweis, auch Männer seien Opfer und Frauen Täter. Weiterhin wurde über Opfer gesprochen, nicht mit ihnen. Dass es möglich ist, mit Gewaltopfern zu sprechen, können Sie dem Erfahrungsbericht von Marieluise Gallinat-Schneider entnehmen.

6. Erfahrungen einer Seelsorgerin
„Ich war vor einigen Jahren auf einer Taufe eingeladen. Meine jüngere Tochter war damals sieben Jahre alt. Wir blieben über Nacht bei der Familie und ich wachte morgens auf und sah, dass meine Tochter schon aufgestanden war. Sie war beim Baby, hielt es im Arm, es begann zu weinen, sie nahm den Schnuller, gab ihn dem Baby und sagte: „Du musst doch nicht weinen Kleines, hab keine Angst, alles ist gut“. Achten Sie mal genau auf den Wortlaut. Meine Tochter mit ihren sieben Jahren sagte nicht, es wird alles gut, nein sie sagte, es ist alles gut. Auch ich habe das zu meinen Kindern gesagt, als sie klein waren. Bei einem Soziologen las ich später, wir nehmen, ohne groß nachzudenken, aber sicher mit großer Gewissheit die Rolle von Weltbeschützern, von Welterbauern an. Es erinnert zutiefst an den Anfang des Schöpfungsberichtes. Zunächst herrscht im Kind, wenn es aus schlechten Träumen aufwacht, auch Chaos und Finsternis - wie es auf der Erde war. Dann kommt die Mutter, und sorgt für Licht, Liebe, Zuwendung und bringt Ordnung ins Chaos und alles ist gut. Es gibt diesen winzigen Moment im Schlafzimmer des Kindes, in dem wir Eltern als Schöpfer der Ordnung handeln. Wir machen die Welt gut, wir können die Zusage geben, dass die Welt, das Sein, dass alles in Ordnung ist.
Stellen Sie sich nun vor, dass es zig Menschen gibt, die genau die gegenteilige Erfahrung machen mussten. Die Eltern waren nicht diejenigen, die Ordnung ins Chaos brachten oder Licht in die Finsternis, sondern diejenigen, die den Kindern Gewalt antaten. Statt des beschriebenen Friedens im Schlafzimmer herrschten dort Missbrauch und Gewalt. Wie soll ein Mensch, der solche Erfahrungen machte, der erfuhr, dass gerade die Eltern ihm Angst einjagten, ihm Böses antaten, dieses Urvertrauen herstellen, dass jemals etwas gut sein kann? Viele Frauen, denen dies angetan wurde, sind auf der Suche nach einem Gott, dem sie dennoch vertrauen dürfen, bei dem sie ihre Wut, ihre Trauer, ihre Verzweiflung und ihre Klage anbringen dürfen und der für sie da ist, wenn sonst niemand da ist.
Zum Teil wird eine lebenslange Suche daraus, in Gott und Jesus einen Verbündeten zu finden, der sich dem leidenden Menschen zuwendet, auch wenn sich alle anderen abwenden. Zumal unsere liturgische Sprache alles andere als hilfreich ist, wenn wir von Gott als Vater und Herrscher reden. Daher achte ich in der Gruppe auch immer auf Texte, deren Sprache behutsam mit dem Erleben der Frauen umgeht, verwende meist Texte von Frauen, die Bibel in gerechter Sprache etc. Und ich stelle fest, wenn ich darauf Rücksicht nehme, sind gute Gespräche, auch Glaubensgespräche möglich. In unseren Treffen wird geredet, zugehört, geschwiegen, geweint und gelacht - alles gehört dazu.
Natürlich erschrecke ich oft vor den leidvollen Erfahrungen der Frauen und ihr Erzählen schnürt mir die Kehle zu. Ich stelle fest, wenn ich ganz ehrlich sage: „Ich weiß nicht, warum du solche schlimmen Erfahrungen machen musstest und ich kann sie dir nicht nehmen, ich kann dir nur zuhören und da sein“, ist das meist schon genug. Von mir wird nicht erwartet, dass ich etwas anderes tue, als ihren Berichten zu glauben, Erfahrungen des Abgewiesenwerdens, des Nichtglaubens gehören zu den häufigsten dieser Frauen. Zusätzlich werden die Opfer zum Täter gemacht, weil instinktiv die Gedanken in die Richtung gehen, wenn die sich anders angezogen hätte, hätte ihr das keiner angetan – oder, sie hätte sich halt wehren müssen. Es ist schon ausreichend, dass in unserer Gruppe die Frauen Respekt, Achtung und Empathie erfahren und, dass sie das Schweigen endlich brechen können. Daher ist es auch nicht so schwer, die Opfer zu begleiten. Denn für mich als Christin gehören Annnahme meiner Mitmenschen, Zuwendung zum Leidenden und Mitgefühl zu den Grundwerten, die unser Zusammenleben bestimmen und wenn von mir nichts anderes erwartet wird, als dass ich das gebe, dann verstehe ich nicht, warum viele Menschen Angst vor dem Umgang mit Gewaltopfern haben.“


7. Perspektiven für die Zukunft
Christentum IST Gewaltanschauung. Ureigene Aufgabe von Christen ist, Menschen, die dem Menschen zum Opfer fielen, Hilfe und Solidarität erfahrbar zu machen. Noch liegt zwischen Gewalttraumatisierten und Kirchen ein schier unüberbrückbarer Graben. Hier wird Kirche zusammen mit Betroffenen Unterstützungsangebote entwickeln müssen, damit Gewaltopfer vertrauen lernen, dass Kirche ihnen Heimat ist im Leben mit Traumafolgen.

Kirche engagiert sich in Notfallhilfe für Gewaltopfer, Aufklärung und Prävention. Es gibt die Begleitung gescheiterter Menschen. So wurde die Gefangenenseelsorge institutionalisiert. Nötig ist jedoch, nicht nur Straftäter, sondern auch Gewaltopfer langfristig zu begleiten. Es braucht SeelsorgerInnen, die die Langzeitfolgen von Gewalt kennen, um die spezifischen Lebens- und Glaubensschwierigkeiten Gewaltüberlebender wissen und bereit sind, Menschen in die Hölle der Gewaltfolgen und Einsamkeit zu begleiten.

Neben seelsorglicher Einzelbegleitung von Gewaltopfern ist die eindeutige, politische und parteiische Solidarisierung der Kirche mit Gewaltopfern nötig, die sich nicht in unverbindlich-ritualisiertem Sprechen über sie erschöpft. ChristInnen müssen Tätern signalisieren, dass diese nicht mit kirchlicher Kumpanei und Kollaboration rechnen dürfen. Zuschauern muss klar werden, dass sie mit ihrem Zuschauen den Tätern in die Hände spielen.

Immer wieder erhalte ich auch Anfragen von männlichen Gewaltopfern auf der Suche nach Hilfe. Vor Ort braucht es Frauen- und Männergruppen Gewaltüberlebender. Dass die Sorge um die Opfer eine gemeinsame Aufgabe von Frauen und Männern ist, versteht sich von selbst.

Erika Kerstner + Marieluise Gallinat-Schneider
23.4.2007

Dieser Text wurde der Zeitschrift "Lebendige Seelsorge" eingereicht, die einen Preis für Solidarität ausgeschrieben hatte. Leider gab es weder einen Preis, den wir uns im Interesse der Betroffenen gewünscht hätten, noch eine Information. Schade.

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