2.Glaube nach Gewalt
Solidarität mit Gewaltüberlebenden
Workshop am 25.7.2009 in der Pfarrei St. Peter Bruchsal - im Rahmen des Amos-Projektes
Präsentation

A. Mythen
„Sie hat ihn wahrscheinlich provoziert“
„Er misshandelt /missbraucht ein Kind ja nur, weil er getrunken hat!“
„Das kommt doch nur in bestimmten Familien vor!“
„Was ziehen die sich auch so an!“
„Warum sind die nachts auch noch unterwegs!“
„Die Frauen sind selber schuld!“
„Nur Kinder ab der Pubertät sind betroffen!“
„Nur fremde Männer missbrauchen Kinder!“
„Gewalt gibt’s nur in der Unterschicht!“
„Wenn Gewalt passiert, ist das ein einmaliger Ausrutscher!“
„Die Täter sind krank, pervers, Alkoholiker....!“
„Frauen provozieren und wollen es ja eigentlich!“
„Hätten sie auch ihrem Mann oder dem Vater gehorcht!“
„Männer können ihre Sexualität nicht kontrollieren!“
„Ich kenne keine Frau, die als Kind misshandelt und missbraucht wurde!“
"Nach 20 Jahren erzählt sie davon! Das kann doch nicht sein!"

Sie kennen sie vermutlich, die Mythen über sexuelle Gewalt.
Es ist bis heute üblich, dass den Opfern von sexueller Gewalt die Schuld zugeschoben wird. Die Täter werden beschönigend geschützt. Ergebnis: Die Mythen dienen ihnen in erster Linie zur Abwehr eigener Ängste. So lange man glaubt, mit dem richtigem Verhalten nicht zum Opfer werden zu können, hält man sich für unverwundbar. Wenn die Opfer irgendwie Schuld haben und wenn Gewalt nur woanders, aber nicht in meiner Nähe geschieht, dann muss ich selbst keine Angst haben. Ich kann ja alles vermeiden, was Opfer falsch gemacht haben. Dann werde ich selbst nicht zum Opfer.
Studien belegen, dass die Mythen auch unter Menschen verbreitet sind, die professionell mit Vergewaltigungsopfern zu tun haben: unter Polizisten, Juristen, Ärztinnen und Ärzten. Und manchmal werden sie gar in rechtskräftige Urteile gegossen. So sprach das oberste Gericht in Italien einen Angeklagten vom Vorwurf der Vergewaltigung frei. Begründung der Latino-Richter: Wenn eine Frau hautenge Jeans trage, habe sie die Folgen selbst zu verantworten. So geschehen letztes Jahr in Rom.

Die zweite Verletzung der Opfer   
"Wenn sie einen so kurzen Rock trägt, dann ist sie selbst schuld!", "Sie wollte es nicht anders!", "Sie hat es verdient!" - Außenstehende sagen oft die unglaublichsten Dinge über vergewaltigte Mädchen und Frauen. Die Haltung, die Frau habe sexuelle Übergriffe selbst zu verantworten, ist weit verbreitet, wie Umfragen belegen. Wenn Sie sich vorstellen, Sie wären das Opfer von sexuellem Missbrauch in der Kindheit, sie wären ein Vergewaltigungsopfer (egal welchen Alters), Sie hätten in Ihrem Elternhaus in der ständigen Angst vor Gewalt leben müssen,…. was würden Sie fühlen, wenn Ihnen solche Äußerungen zu Gehör gebracht werden?
Über männliche Täter heißt es andererseits beschönigend: "Männer können ihre Sexualität nicht kontrollieren" oder: "Der Täter war geistesgestört." Bohner hat sich wissenschaftlich mit diesen die Würde der Frau verachtenden Haltungen beschäftigt. Er ist überzeugt, dass sie deshalb konstruiert werden, weil sie "der Aufrechterhaltung des Glaubens an eine gerechte Welt" dienen sollen.
Diese Verdrängung der Realität hat einen Sinn, eine Aufgabe. Sie hilft, dass man nicht das Gefühl für die Sicherheit des Lebens verlieren muss.
Den Mythen stellt Bohner die harten Fakten gegenüber. Er betont, in der Gesellschaft bestehe generell eine hohe Gewaltbereitschaft. 20 bis 50 Prozent aller Frauen seien irgendwann in ihrem Leben direkt mit Aggressionen konfrontiert. "Es gibt nicht die typischen Opfer oder Täter - Gewalt ist ein Thema, das uns alle betrifft", sagt der Deutsche.
Vergewaltigungsmythen begünstigten dieses Klima der Gewalt und machten betroffene Frauen ein zweites Mal zu Opfern. "Fatal ist", so Bohner, "dass diese Mythen nicht nur in den Köpfen der Leute existieren, sondern auch kommuniziert werden. Dadurch werden die Opfer sexueller Gewalt zusätzlich diskriminiert."
An der Universität Kent untersucht er in psychologischen Experimenten, was Vergewaltigungsmythen bei Frauen und Männern bewirken. Er fand heraus, dass opferfeindliche Mythen meist mit Verdrängung zu tun haben. Weshalb unterstützen zum Beispiel auch Frauen solche die Wahrheit verdrehende Geschichten? Das erstaunliche Ergebnis: Sie dienen ihnen in erster Linie zur Abwehr eigener Ängste. So lange sie glauben, mit dem richtigem Verhalten nicht zum Opfer werden zu können, halten sie sich für unverwundbar.

Studien belegen, dass die Mythen auch unter Menschen verbreitet sind, die professionell mit Vergewaltigungsopfern zu tun haben: Polizisten, Juristen, Ärztinnen und Ärzte. Und manchmal werden sie gar in rechtskräftige Urteile gegossen. So sprach das oberste Gericht in Italien einen Angeklagten vom Vorwurf der Vergewaltigung frei. Begründung der Latino-Richter: Wenn eine Frau hautenge Jeans trage, habe sie die Folgen selbst zu verantworten. So geschehen letztes Jahr in Rom.1

 
B. Fakten
Im September 2004 wurde eine repräsentative Studie zu Gewalt gegen Frauen  mit dem Titel „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland" im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend veröffentlicht. Sie ist Teil des Aktionsplans der Bundesregierung zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen. Es ist die erste repräsentative Befragung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland. Die Studie schließt endlich bestehende Wissenslücken über das Ausmaß von Gewalt gegen Frauen in Deutschland.
Befragt wurden über 10.000 Frauen im Alter zwischen 16 und 85 Jahren, die über ihre Gewalterfahrungen berichteten. Parallel dazu haben weitere Teilerhebungen die Gewaltbetroffenheiten einiger schwer erreichbarer Bevölkerungsgruppen erfasst. Dazu gehören insbesondere Frauen osteuropäischer und türkischer Herkunft sowie Frauen in Asylbewerberheimen, Gefängnissen und Prostituierte.
Im Vergleich zu den erfassten Handlungen körperlicher Gewalt bezogen sich die Fragen zu sexueller Gewalt auf einen engeren Gewaltbegriff, der ausschließlich strafrechtlich relevante Formen wie Vergewaltigung, versuchte Vergewaltigung und unterschiedliche Formen von sexueller Nötigung unter Anwendung von körperlichem Zwang oder Drohungen umfasste.

Die zentralen Ergebnisse
37 Prozent aller befragten Frauen haben körperliche Gewalt seit dem 16. Lebensjahr erlebt.
13 Prozent der befragten Frauen haben seit dem 16. Lebensjahr sexuelle Gewalt erlitten.
Insgesamt haben damit 40 Prozent der befragten Frauen körperliche oder sexuelle Gewalt oder beides seit dem 16. Lebensjahr erlebt.
58 Prozent der Befragten haben unterschiedliche Formen von sexueller Belästigung erfahren.
42 Prozent aller befragten Frauen haben Formen von psychischer Gewalt wie systematische Abwertung, Demütigung, Ausgrenzung, Verleumdung, schwere Beleidigung, Drohung und Psychoterror erlebt.
Gewalt gegen Frauen wird überwiegend durch Männer und dabei überwiegend durch den Partner und im häuslichen Bereich verübt. Männliche Beziehungspartner waren mit großem Abstand die am häufigsten genannte Gruppe der Täter bei körperlicher und bei sexueller Gewalt.

Die Gewalt hat vielfach – und dabei häufig erhebliche – psychische, psychosoziale und gesundheitliche Folgen für die betroffenen Frauen. So haben 55 Prozent aller Frauen, die körperliche Gewalt erlebt haben, und 44 Prozent aller Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, körperliche Verletzungen aus Übergriffen davongetragen. Diese reichen von leichten Verletzungen wie z.B. blauen Flecken und Schmerzen im Körper über schwere Folgen wie Verstauchungen, bis zu offenen Wunden, Knochenbrüchen und Kopf-/Gesichtsverletzungen.
Bei jeweils etwa einem Drittel der Frauen mit Verletzungsfolgen durch körperliche oder sexuelle Gewalt waren die Verletzungen so schwer, dass medizinische Hilfe in Anspruch genommen wurde.
Gravierend sind auch die psychischen Folgen: Alle erfassten Formen von Gewalt und Belästigung führten in hohem Maße zu psychischen Folgebeschwerden: Von Schlafstörungen, erhöhten Ängsten und vermindertem Selbstwertgefühl über Niedergeschlagenheit und Depressionen bis hin zu Selbstmordgedanken, Selbstverletzung und Essstörungen.
Die Zusatzbefragungen von Asylbewerberinnen, inhaftierten Frauen und Prostituierten weisen auf eine höhere Gewaltbetroffenheit dieser Gruppen hin. Dies gilt auch für türkische und osteuropäische Migrantinnen: 49% der türkischen Migrantinnen und 44 Prozent der Frauen aus Osteuropa.
Jedes 7. Mädchen wird zw. 0-14 J. sexuell missbraucht (10-15%) und jeder 10. Junge (10%). Es liegt jeweils eine enge Falldefinition (Vergewaltigung) zugrunde. Missbrauch hat epidemieartige Ausmaße, das ist das Ergebnis, seit in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts das Tabu sexueller Missbrauch an Kindern gefallen ist.
Die Untersuchungsergebnisse zeigen einen engen Zusammenhang zwischen dem Erleben und Miterleben von Gewalt in der Kindheit und Gewalterfahrungen im Erwachsenenleben. Frauen, die körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt haben, waren in erheblich größerem Ausmaß bereits von Gewalt in ihrer Herkunftsfamilie betroffen – entweder als kindliche Zeuginnen elterlicher Gewalt, oder durch eigene Erfahrungen körperlicher Züchtigung durch die Eltern oder durch sexuellen Missbrauch in Kindheit und Jugend.

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C. Das Erleben der Opfer
Nicht immer sind die Folgen von Gewalt gravierend, aber oft. Bei sexuell missbrauchten Kindern weiß man, dass sie nur zu 25% die Gewalterfahrung in ihr Leben integrieren können. Sie kommen also mit einer zeitweisen Beeinträchtigung ihres Lebens davon. Alle anderen kommen nicht davon.
Man kann keine generellen Aussagen über die Gewaltfolgen treffen. Sie hängen mit der bisherigen Lebensgeschichte zusammen, mit den individuellen Verarbeitungsmöglichkeiten, mit der Art der erlebten Gewalttaten, mit der Nähe zum Täter.
Sicher ist, dass Kinder immer am schwersten betroffen sind. Sie erleben die Menschen, die ihnen Schutz und Sicherheit geben sollten, als nicht Schutz gebend. Sie können die für ihr Leben notwendigen Bindungs- und Halte-Erfahrungen nicht machen. D.h. sie gehen sehr schutzlos in ihr Erwachsenenleben. Von daher erklärt sich auch ein wenig, warum Frauen ab 16 erhöht anfällig dafür sind, dass sie erneut Gewaltopfer werden.
Das typische Erleben der Gewaltopfer wird unter dem Stichwort „psychotraumatische Belastungsstörung“ erfasst. Mit diesem Wortungeheuer werden etwa folgende Gefühle beschrieben:
  • starke Angst bis hin zu Panikgefühlen

  • Angst zu sterben (Angst auch im Nahbereich, in der eigenen Wohnung, denn da geschieht ja oft die Gewalt)
  • Opfer fühlen sich innerlich wie betäubt, leer, stumpf.
  • Alpträume verfolgen sie.
  • Übererregung tritt auf. Das gesamte vegetative System läuft auf Hochtouren und kommt nur langsam auf ein entspanntes, normales Grundniveau. Stellen Sie sich vor, sie müssten tage- und nächtelang, oft über Wochen andauernd sich so fühlen, als hätten sie gerade einen Autounfall hinter sich. Und wenn Sie sich irgendwann wieder entspannt haben, tritt die Übererregung erneut auf.
  • Opfer haben wenig Hoffnung und sind sehr misstrauisch. Die Gewalt haben sie da erlebt, wo sie sich eigentlich sicher und geborgen fühlen sollten: daheim. Und da gibt es niemandem, den sie um Schutz bitten können. In solchen Augenblicken höchster Not zerbricht das Vertrauen von Menschen. Es zersplittert einfach. Es gibt keine Hilfe. Kein Mensch hilft, Gott auch nicht. Das Opfer ist vollkommen alleine. – Das Misstrauen erklärt sich daraus, dass immer dann, wenn man glaubt, vertrauen zu dürfen, die Angst hochkommt: Ich wurde ja von denjenigen, denen ich vertraut habe, missbraucht, misshandelt.... Passiert das jetzt wieder? Andere Menschen werden also oft als gefährlich erlebt, auch dann, wenn sie es nicht sind. Dieses Misstrauen macht vertrauensvolle Beziehungen immer neu ziemlich schwierig.
  • Manche Opfer möchten nicht an das Geschehen erinnert werden. Sie verdrängen es. Das Verdrängen kann bis zur Amnesie gehen - die Opffer wissen nicht mehr, dass sie missbraucht, vergewaltigt, geschlagen wurden oder ihre Kindheit mit Psychoterror verbracht haben. Im Untergrund wirken die Erfahrungen jedoch weiter. Oft treten dann Symptome auf, die die Opfer oft lange Zeit nicht einordnen können.
  • Manche Opfer können die Fakten benennen, aber sie finden das „gar nicht so schlimm“, d.h. die Gefühle sind abgespalten. Andere erleben die Gefühle in einem über das Normale hinausgehenden Maß – und wissen nicht, woher diese Gefühle kommen.
  • Manche Opfer müssen mit sog. flash-backs leben. Das sind Zustände, wie sie während der Gewalterfahrung oder danach auftraten. Die Opfer leben dann ganz plötzlich wieder in der Gewaltsituation, mit allen Ängsten, der Panik, den Schmerzen – so als lägen oft nicht viele Jahre und nicht selten Jahrzehnte dazwischen. Ausgelöst werden solche flash-backs durch Harmlosigkeiten: Ein Geruch, eine Farbe, die Begegnung mit einem Menschen, eine Handbewegung – alles kann ein Opfer triggern, also einen flash back auslösen - es muss nur irgendeine Verbindung mit der Gewalttat geben. Ganz schwierig wird es für Opfer, wenn sie den Zusammenhang mit der Gewalterfahrung selber nicht kennen. Sie wissen dann nicht einmal, warum sie Panik haben; nicht schlafen können; nichts essen können; sich nicht aus dem Haus trauen; ...
Diese Symptome  und Gewaltfolgen sind ganz normale Reaktionen auf verrückte und schlimme Erlebnisse. Nicht die Opfer sind verrückt, sondern das, was sie erleben mussten.


D. Der Hammermann

Ich habe Ihnen einen Text mitgebracht. Er stammt von einer Frau, etwa 40 Jahre alt. Veröffentlicht ist er bei Barbara Haslbeck, Sexueller Missbrauch und Religiosität, LIT-Verlag, Berlin 2007, S. 389.  (Die TeilnehmerInnen des workshops lesen den Text..... )

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E. Das erste und das zweite Schweigen
In der Hammermann-Geschichte haben wir gehört, wie es einem Kind geht, das Gewalt erlebt; andere gehen vorbei; wieder andere sehen etwas – und sagen nichts oder etwas völlig Irrelevantes zu. Der Täter macht weiter, keiner hindert ihn. D.i. Täterschutz.
Die Autorin der Hammermann-Geschichte hatte geschrieben: „Es tut heute noch so weh wie damals. Nein, es tut mehr weh als damals. Das ist der beschissene „Witz“ an einer Posttraumatischen Belastungs-störung. Der Hammermann war nicht vor 20 Jahren, sondern vor 20 Minuten, und das immer wieder.“
Da gibt es also einmal das Erleben der Gewalt, oft über lange Jahre. Alles scheint vorbei – aber das ist es nicht. Die Autorin hat es beschrieben: Nicht vor 20 Jahren, sondern vor 20 Minuten, und das immer wieder. Die Gewaltfolgen wirken nach. Lange. Nicht selten lebenslänglich.
Aber noch etwas wirkt nach: Das Schweigen über die Gewalt – und das Schweigen über die Gewaltfolgen.
Dieses zweite Schweigen ist für die Opfer manchmal noch unerträglicherer als das erste Schweigen.
Es gibt sehr viele Menschen inzwischen, die über die Opfer sprechen, es gibt nur sehr wenige, die mit ihnen sprechen.
Dahinter steckt die Sorge, Opfer könnten irgendwie unzurechnungsfähig sein oder nicht kalkulierbar in ihren Verhaltensweisen. Den Gewaltopfern wird eine gewisse Monströsität unterstellt. Dabei wird einfach übersehen, dass wir in jeder Menschengruppe Gewaltopfer unter uns haben. Es klebt ihnen kein Etikett an der Stirn, deswegen erkennen wir sie nicht. Und dann glauben wir fälschlicherweise, es gäbe keine. Aber sie sind unter uns als Mütter von Kindergartenkindern, als Nachbarin, als Freundin (die nie davon gesprochen hat), als alte Frau (die im Alter ihre Gewalterfahrung einholt), als Rechtsanwältin, Krankenschwester, Lehrerin, Verkäuferin, Altenpflegerin, Hausfrau, Mitglied im Turnverein, Gottesdienstbesucherin u.s.w.
 
Bis heute und bis in die Gruppierungen hinein, die sich öffentlich für Opfer einsetzen, gibt es Opferbeschuldigungen. Wenn am Dialog über Gewalt alle Gruppen beteiligt werden, die Täter und die Zuschauer, nicht jedoch die Opfer, dann kommt am Ende raus, dass Opfer zugleich Täterinnen sind.
Im Bemühen, auch Männer am Dialog zu beteiligen, wird die Frauensicht und die geschlechtsspezifische Verteilung von Opfern (Frauen/Kinder) und Tätern (überwiegend Männer) übersehen.
In einer Fürbitte zum „Weltgebetstag der Frauen“ haben Frauen formuliert: "Wir fürchten uns, etwas gegen üble Praktiken zu sagen, und lassen so zu, dass wir und andere missbraucht und beschädigt werden. Wir sind Opfer und Täterinnen zugleich. Sei uns gnädig, Gott und schenke uns deine Barmherzigkeit."
Die Opfer von Gewalt haben – womöglich aktiv – zugelassen, dass sie selbst missbraucht wurden. Da werden aus Opfern Täterinnen gemacht.
Beliebt ist auch, den Opfern vorzuwerfen, dass sie psychisch krank werden, weil sie nicht vergeben können. Da wird so getan als wären die seelischen und körperlichen Krankheiten eine Folge der Nicht-Bereitschaft zur Vergebung – und nicht eine Traumafolge.
In einer solchen Atmosphäre der Opferbeschuldigung und der Ausgrenzung aus dem Dialog über Gewalt wird kein Opfer den Mund aufmachen. Das Schweigen also hält weiterhin an.
Die Folgen für die Opfer von Gewalt im Nahbereich halten ebenfalls an. Da gibt es eigentlich nur eines zu tun: Wir müssen eine Atmosphäre schaffen, die es den Opfern erlaubt zu sprechen.

F. Gewalt im Nahbereich – was können wir tun?
Die meisten Menschen denken beim Thema Gewalt, dass sie das nichts angeht. Sie gehen davon aus, dass sie niemanden kennen, sexuell missbrauchte Kinder schon gar nicht. Und Erwachsene, die als Kinder missbraucht wurden oder in ihrem Leben Gewalt im Nahbereich erfahren haben – die kennen sie auch nicht. Gewalt passiert woanders, nicht in unserer Nähe. (So sehen auch die kirchlichen Aktionen zur Dekade gegen Gewalt aus.)
Das kann aber nicht sein, wenn wir uns die Zahlen anschauen. Die Annahme, dass wir keine Gewaltbetroffenen kennen, hat einen Grund: Betroffene brauchen nämlich bestimmte Signale, die es ihnen erlauben, sich mit ihrer Geschichte einem anderen Menschen anzuvertrauen. Wir wissen, dass für den Bewältigungsprozess der Traumatisierung durch Gewalt die Enthüllung der Erfahrung, das Ende des Schweigens, eine zentrale Bedeutung besitzt.
Wenn wir möchten, dass diese Menschen in die Gemeinschaft der Menschen integriert werden, dann müssen wir lernen, die nötigen Signale zu setzen. Der Schlüssel dazu, dass Menschen sich uns anvertrauen, liegt in unserer parteilichen Stellungnahme für die Opfer.
Das Gespräch zwischen Opfern und Umstehenden setzt ein enorm hohes Maß an Verunsicherung und Angst in Gang, das nicht von ungefähr kommt. Es aktiviert einige der Gefühle, die das Opfer in der Missbrauchssituation erlebte. Im Gespräch überträgt sich die Verwirrung und Schwere, die der Missbrauch auslöste. Jedoch handelt es sich nicht ausschließlich um Übertragung von Gefühlen der Opfer. Auch das Erleben der Umstehenden hat Einfluss auf die Gesprächsdynamik. Das Thema Missbrauch rührt bei den Umstehenden Erfahrungen an, die vielfach unreflektiert aus Medien entnommen werden und oft Klischees entsprechen.
Zu den Klischees gehört die Opferbeschuldigung. Sehr häufig führen die Ängste auf beiden Seiten zum Schweigen. Damit bestätigt sich für betroffene Frauen das, was die Gewalt ihnen beigebracht hat: Ihre Erfahrungen sind unwichtig, nicht der Rede wert, eine Schande. Irgendetwas an ihnen ist nicht in Ordnung, weshalb völliges Stillschweigen und Tabuisieren die einzige Umgangsmöglichkeit darstellen.


G. Womit Menschen rechnen müssen, die mit Gewaltopfern solidarisch sind
  • 1. Mit intensiven und gegensätzlichen Gefühlen müssen Sie rechnen. Der Gedanke, dass Opfer in Ihrem Sportverein, neben Ihnen in der Kirchengemeinde, im Beruf, in der Kantine, .... sein könnten, verunsichert. Ist etwa die Schwester auch betroffen? Die Tante? Wo es Opfer gibt, muss es auch Täter geben. Gibt’s Täter etwa auch unter uns? In der Nachbarschaft, im Freundeskreis, im Kollegenkreis? Die grundlegenden Sicherheiten des Lebens werden in Frage gestellt, wenn man wirklich realisiert, dass Opfer – und Täter – mitten unter uns leben. Vielleicht erleben Sie Schuldgefühle, weil Sie keine Gewalterfahrungen hatten? Wenn Sie die Erfahrungen Betroffener hören, kann das Entsetzen Sie packen, was Menschen einander antun können. Wenn Sie in Kontakt mit Betroffenen sind, können Sie sich ärgern, dass sich im Erleben der Opfer nichts zu ändern scheint. Sie werden ungeduldig. Opfer-Erzählungen können auch Ihre eigenen Opfererfahrungen hochholen, die Sie längst vergessen glaubten. Nehmen Sie Ihre Gefühle wahr und ernst.
  • 2. Mit eigenen Widerständen rechnen. Sie können des Themas überdrüssig werden. Dann sind Sie geneigt, Opfer zu beschuldigen und Leid zu verharmlosen. Damit rutschen Sie plötzlich in eine Täterrolle – die machen das genauso. Die Opfer kennen selbst diesen Mechanismus auch: Identifikation mit dem Täter. Sie übernehmen die Sicht des Täters, verharmlosen selbst ihr Leid und beschuldigen sich selbst (Weltgebetstag). Diese Übernahme der Tätersicht ist der Versuch, mit der eigenen Ohnmacht zurechtzukommen. Es ist wichtig, dass Sie diesen Mechanismus kennen, dann können Sie ihm entgegenwirken.
  • 3. Rechnen Sie mit äußeren Widerständen. Gewalt im Nahbereich ist von einem hochwirksamen Tabu umgeben. Sie werden, sobald Sie selbst davon sprechen, mit erheblichen Widerständen rechnen müssen. Schweigen ist die übliche Reaktion. Dann kann es Ihnen wie dem Opfer gehen: Das Opfer lebt wie in einem luftleeren Raum. Es ist von Schweigen umgeben. Reaktionen der Umwelt fallen einfach aus. Die Opfer zweifeln an ihrer Wahrnehmung und fragen sich, ob sie verrückt sind. Wenn Sie sich mit dem Thema Gewalt beschäftigen und mit Gewaltbetroffenen, kann es Ihnen ähnlich ergehen: Sie werden als SpielverderberIn angesehen. Sie bringen etwas, von dem man nicht spricht, ins Gespräch. Sie werden belächelt, für unrealistisch gehalten oder gar als Nestbeschmutzerin gemieden. Immerhin sagen Sie ja: Gewalt kommt in den besten Familien vor, sogar bei uns. Man wird Sie als männerhassende Feministin oder unmännlichen Softie beschimpfen. Man wird ihnen sagen, es gäbe Schlimmeres als das bisschen Gewalt im Nahbereich. Die Folgen seien nicht so schlimm. Wenn Sie diese Mechanismen kennen, können Sie entscheiden, was davon Sie selbst sich zumuten wollen und können.
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H. Ermutigende Impulse zum Gespräch mit Betroffenen2

Bei allen Schwierigkeiten: Das Gespräch zwischen Betroffenen und Umstehenden findet statt und es entstehen dabei belastbare Beziehungen, die beide Seiten wachsen lassen. Für die Betroffenen sind solche Kontakte überlebenswichtig. Im Auf und Ab des Bewältigungsprozesses ist das Bündnis mit einem Menschen, der keine Leistung verlangt und sich um die Perspektive des Opfers bemüht, ein wichtiger Bezugspunkt. Die Verbündeten werden Zeugen großer Zerstörung und außerordentlicher persönlicher Kräfte. Die Begegnung mit Betroffenen lässt ahnen, was Überleben nach dem Seelentod bedeutet. So kann sie zur Quelle tiefer Freude und persönlicher Bereicherung werden.
  • 1. Die Kunst, Missbrauch wahrzunehmen. Täter arbeiten vor allem mit der Vernebelung der Wahrnehmung: Es handele sich um eine Bagatelle, um ein Kavaliersdelikt. Im Fall des Kindes: Das Kind habe es selbst gewollt und den Täter gereizt – insofern sei er zum Opfer geworden; der Täter selbst hatte eine schlimme Kindheit und sei daher nicht verantwortlich für sein Tun. Über solche Muster appellieren Täter an das verbreitete Bedürfnis, das Unglaubliche nicht zu glauben. Missbrauch wird ermöglicht durch gesellschaftlich verankerte Strukturen, die die Täterstrategie stabilisieren. Besser nichts sehen, hören und sagen. Es bedarf einiger Kraft, um in diesem undurchsichtigen und nebulösen Feld eigene Klarheit zu gewinnen. Der sicherste Weg zur Kunstfertigkeit, Missbrauch wahrzunehmen, besteht darin, den Opfern zuzuhören.
  • 2. Gefühle zulassen, ohne sich in ihnen zu verlieren. Die Konfrontation mit Gewalt und den davon Betroffenen löst intensive Gefühle aus. Entsetzen, Angst, Lähmung, Erschrecken, Ohnmacht, Wut auf die Täter, Ungeduld mit den Opfern; die Erfahrung eigener Ohnmacht. Diese Ohnmacht ähnelt der Ohnmacht der Opfer. Ihre Ohnmacht darf gezeigt werden. Das Opfer erlebt Sie darin als jemand, der/die berührbar ist. Gleichzeitig dürfen Sie sich nicht in Ihren Gefühlen verlieren – sonst können Sie nicht mehr helfen. Das Opfer braucht Sie als Verbündeten und nicht als doppeltes Ich, das von der Wucht des Schmerzes und dem Grauen in demselben Maße überflutet wird. Wenn die Betroffene abdriftet, braucht sie einen Menschen, der mit beiden Beinen in der Wirklichkeit steht.
  • 3. Sie haben ein Recht auf Abstand und Berücksichtigung der eigenen Belastbarkeit. Wenn Sie für sich das Recht auf Abstand in Anspruch nehmen, zeigen Sie gleichzeitig dem Opfer, dass es mehr als nur Gewalt, Missbrauch, Verzweiflung gibt. Damit sind Sie für das Opfer ein positives Rollenmodell. 
  • 4. Der Versuchung des Aktionismus widerstehen. Angesichts der weiten Verbreitung und des immensen Ausmaßes an Leid, das Gewalt im Nahbereich verursacht, könnten Sie derart in Wut geraten, dass Sie sich mit Leib und Seele für Veränderungen einsetzen wollen. Diese Wut ist eine große Gabe, jedoch dürfen Sie nicht in blinden Aktionismus verfallen. So wichtig Ihr Engagement ist, so sehr müssen Sie sich vor Anstrengungen schützen, deren Erfolg fragwürdig ist. Sie sind ein Teil des Hilfenetzes. Schützen Sie sich vor Überforderung. Da wird meist Resignation draus.
  • 5. Die eigenen Möglichkeiten nicht unterschätzen. Beginnen Sie im Alltag, sich gegen Missbrauch einzusetzen. Es sind weniger die spektakulären großen Aktionen, sondern die kleinen Gesten und das offene Ohr. Diese sind anspruchsvoll genug und fordern nicht selten hohes Standvermögen: Wer dem Kind das Küsschen für der Oma nicht abverlangt, den Sohn mit Puppen spielen lässt oder von Gott als Mutter spricht, wird schnell belächelt und nicht für ernst genommen. Seien Sie stolz auf die eigenen Möglichkeiten und fördern Sie ihren Ideenreichtum. Ihr Einsatz verändert die Welt!
  • 6. Sich Hilfe holen. Haben Sie keine Hemmungen, sich selbst Unterstützung und Rat einzuholen, um die eigenen Gefühle in der Auseinandersetzung mit Gewalt zu bearbeiten. Sie zeigen sich als verantwortungsvoll und kompetent, wenn Sie sich entsprechend beraten lassen.
  • 7. Worte anbieten. Betroffene wagen oft kaum, ihre Gefühle und ihre Erlebnisse auszusprechen. Vielleicht sind sie auch in so extremer körperlicher und psychischer Spannung, dass kein Wort mehr möglich ist. Diese Sprachlosigkeit kann ansteckend wirken und Sie übernehmen das sprachlose Entsetzen. Das allerdings erzeugt in der Betroffenen das Gefühl, Sie zu überfordern oder sie beginnt zu grübeln, ob Sie ihr glauben. Üben Sie sich darin, vorsichtig Worte anzubieten. Wenn die Betroffene von Gewalt und  Missbrauch erzählt, geben Sie dem Mitgeteilten den richtigen Namen. So werden die Taten als das sichtbar, was es ist: Unrecht, das auch einen juristischen Namen hat. Haben Sie keine Angst vor Nachfragen. Bleiben Sie bei den Gefühlen der Betroffenen und formulieren Sie diese. Auf diese Weise hat sie nicht das Gefühl, allein im Regen zu stehen. Sie halten Ihr mit Worten einen Regenschirm hin. Manchmal gilt es auch, das Schweigen auszuhalten, wo keine Worte mehr sind. Allerdings setzt dieses stumme Teilen des Grauens eine solide Beziehungsbasis voraus, die im Gespräch hergestellt wird. Erst wenn die Betroffene weiß, dass Sie zu ihr stehen und dass Sie das Schlimme schweigend aushalten können, handelt es sich um ein Schweigen, das die Betroffene nicht allein lässt, sondern verbindet.
  • 8. Nicht über die Täter reden wollen. Auch wenn Sie noch so entsetzt und irritiert sind über das, was die Betroffene Ihnen erzählt – geben Sie nicht der Versuchung nach, über die Täter und Ihre Motive reden zu wollen. Damit tun Sie nämlich das, was zur Täterstrategie gehört: Das Opfer und seine Gefühle sind unwichtig. Wenn die Frau über ihr Verhältnis zum Täter sprechen will, lassen Sie ihr den Raum. Vermutlich wird sie die Erlaubnis brauchen, extrem unterschiedliche Gefühle auszubreiten: Liebe und Hass, Rachegedanken und den Wunsch, alles glatt zu bügeln. Als Verbündete brauchen Sie nicht den Täter zu verstehen, sondern das Opfer. 
  • 9. Nicht zum Opfer stempeln. Im Kontakt mit Opfern von Gewalt im Nahbereich kann schnell die angsteinflößende Erkenntnis entstehen, es gäbe im Leben der Betroffenen nichts anderes als Vernichtung und Missbrauch. Vielleicht ist das im Moment des Gespräches so. Möglicherweise sind Sie die einzige oder eine der wenigen, handverlesenen Personen, mit denen die Frau sprechen kann. Das darf Sie jedoch nicht dazu verleiten, die Frau nur als Opfer zu sehen. Keiner klebt das Opferstigma auf der Stirn. Vergegenwärtigen Sie sich, dass sie verschiedene andere Rollen im Leben hat. Niemand will auf die Opferrolle reduziert werden. Die Betroffene wird es angenehm und stärkend erleben, wenn Sie ihr Lebendigkeit und Vielfalt zutrauen.
  • 10. Bleiben Sie ehrlich und realistisch. Machen Sie sich Ihre Rolle im Leben der Betroffenen bewusst. Diese hat bisher auch ohne Sie gelebt. Sie brauchen sie nicht zu erlösen. Aus Hilflosigkeit wollen Sie vielleicht positive Perspektiven für die Betroffene öffnen. Versprechen Sie nichts, was Sie nicht halten können, denn Ihre Vertrauenswürdigkeit nimmt Schaden. Es könnte sonst schnell als billiger Trost empfunden werden, mit dem Sie die Situation der Betroffenen nicht ernst nehmen und bagatellisieren. Bleiben Sie realistisch in der Einschätzung Ihres Einflusses auf die tragischen Verstrickungen eines anderen Menschen. Ihre bescheidene Ehrlichkeit gegenüber der Betroffenen gehört zum tragfähigen Grund, auf dem sich eine belastbare Beziehung aufbauen kann.
  • 11. Klären Sie Störungen. Vielleicht haben Sie gegenüber der Betroffenen zwiespältige Gefühle: Sie ärgern sich über ihre Unzuverlässigkeit oder sind genervt, weil sich im Leben der Frau Muster wiederholen. Eventuell entdecken Sie bei sich auch Ansichten, von denen Sie fürchten, sie könnten politisch nicht korrekt sein („Warum hat sie sich nicht gewehrt?“). Sie müssen davon ausgehen, dass solche unausgesprochenen Irritationen Auswirkungen haben. Sie wirken subtil in das Gespräch hinein. Deshalb ist es sinnvoll, solche Störungen anzusprechen, da sie sonst zu großen Verletzungen und Brüchen führen können. Frauen mit Missbrauchserfahrungen haben in der Regel ein sehr feines Gespür für atmosphärische Störungen. Wenn diese nicht klar angesprochen werden, vergiften sie das Gespräch, bis es schließlich auseinanderdriftet.
  • 12. Ich als Frau/Mann. Es spielt eine Rolle, ob Sie als Frau oder als Mann in Kontakt mit einer missbrauchten Frau stehen. Oft wünschen sich Betroffene mit Entschiedenheit eine weibliche Verbündete, da sie dabei weniger Abstand und Hierarchie erleben. Andere legen Wert darauf, von einem Geistlichen unterstützt zu werden. Es gibt kein gut oder schlecht – einziges wirkliches Kriterium für eine hilfreiche Beziehung ist die ebenbürtige Begegnung. Allerdings ist es sinnvoll zu reflektieren, welchen Einfluss das eigene Geschlecht auf den Kontakt hat. Es könnte sein, dass sich eine Betroffene von einem Mann schneller dominiert fühlt als von einer Frau. Körperkontakt stellt eine Intimität her, die sich mit der oft sehr langsam entwickelnden Vertrautheit nicht zusammen passt. Hier ist Vorsicht geboten – wahren Sie also Abstand.  Sexuelle Kontakte sind tabu. Sie führen zu Retraumatisierung.
  • 13. In Kontakt bleiben. Betroffene erleben oft, dass sie wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen werden, wenn sie ihren Missbrauch preisgeben. Das Schweigen auf ihre Offenbarung hängt meist mit der Hilflosigkeit der Umstehenden zusammen, die nicht wissen, wie sie reagieren sollen. Versuchen Sie Signale zu setzen, die der Betroffenen sagen: „Ich habe es gehört und ich weiß es. Du kannst wieder kommen damit.“ Fragen Sie nach, welche Art von Kontakt sich die Frau wünscht. Scheuen Sie sich nicht vor Verbindlichkeit. Verabreden Sie feste, aber zuverlässige Kontakte.
  • 14. Nicht in Panik geraten. Oft haben Menschen im Umfeld von Betroffenen Angst, die Frau könne im Gespräch angesichts der überwältigenden Gefühle zusammenbrechen. Es sind oft Klischees in den Köpfen der Umstehenden, die die Opfer sexuellen Missbrauchs zu hysterischen, ausflippenden und unberechenbaren Zeitbomben machen wollen. Der Alltag sieht anders aus. Oder es besteht die Befürchtung, die Betroffene könnte Unmengen schrecklicher Missbrauchsdetails erzählen. Auch das ist nicht die Regel. Die meisten können höchstens im geschützten Rahmen einer Therapie oder in der Verschwiegenheit eines Tagebuches Details weitergeben. Anderen Menschen erzählen sie meist nur stichwortartig. Sie versehen ihre Vergangenheit mit einem Etikett und fügen vielleicht eine allgemeine Diagnose hinzu. Es ist also höchst unwahrscheinlich, dass Ihnen große Gefühlsausbrüche bevorstehen. Missbrauchte Frauen erzählen tendenziell eher zu wenig als zu viel, weil sie sich selbst und ihr Gegenüber schützen wollen.
  • 15. Ressourcen stärken. Im Gespräch wird die Betroffene das Entsetzliche thematisieren. Sie wird aber auch von Gelungenem und Glückenden erzählen können. Überhören Sie das Förderliche nicht und bestärken Sie es. An Ihrer Ermutigung kann die Betroffene sich orientieren und unmittelbar spüren, dass sie Stärken und Talente besitzt. Das ist eine sichere Ausgangsbasis, von der aus sie in Abgründe blicken kann, ohne gleich den Halt zu verlieren. Gleiches gilt auch für Sie selbst: Machen Sie sich bewusst, wo Ihre Ressourcen liegen. Damit schützen Sie sich vor Überanstrengung.
  • 16. Vorsicht vor religiösen Interpretationen. Leben mit Gewalterfahrungen bedeutet für viele Betroffene, immer wieder aus der Normalität heraus zu fallen und von existentiellem Leid betroffen zu sein. Als SeelsorgerIn müssen Sie dieses Leid solidarisch mittragen. Versuchen Sie nicht, den Schmerz religiös zu deuten. Sie würden auf unerträgliche Weise dem Täter in die Hände spielen, dem die Deutung gefallen würde: Weil das Opfer fehlerhaft und schuldig ist. Fordern Sie nicht, dass Opfer Tätern vergeben sollen. Erzählen Sie dem Opfer nicht, dass sein Leid für irgendwas gut sein könnte. Das ist es nicht. Gewalt ist absurd. Wenn es Sinn zu suchen gibt, kann das nur das Opfer selbst tun.
  • 17. Spirituelle Präsenz. Über persönliche Religiosität zu sprechen ist peinlich. Nehmen Sie es deshalb als Vertrauensbeweis, wenn die Betroffene mit Ihnen über Religiöses sprechen will. Wahrscheinlich tut sie das nicht auf direktem Wege, sondern sie probiert in kleinen Schritten, ob Sie Fragen aushalten können, ohne sofort Lösungen zu bieten oder in abgrundtiefes Schweigen zu versinken. Achten Sie ganz besonders auf Symbole und Rituale, die der Frau wichtig sind. Sie sind oft Schlüssel zum religiösen Innenleben einer Person. Religiöses kann zu einer der wichtigsten Ressourcen im Bewältigungsprozess werden. Seien Sie deshalb hellhörig, wenn die Betroffene die religiöse Dimension ins Gespräch bringt und lassen Sie Raum dafür, ohne Glaubenssätze anzubieten. Üben Sie sich in spiritueller Präsenz. 
  • 18. Die eigene spirituelle Verankerung pflegen. Die Konfrontation mit Gewalt im Nahbereich fordert Ihre persönlichen Grundeinstellungen heraus. Vielleicht stellt sie Ihr Menschenbild in Frage. Christen können am Glauben an einen gerechten und liebenden Gott zweifeln. Wenn Sie Zeuge werden, wie die Würde eines Menschen mit Füßen getreten wird, brauchen Sie selbst die Verankerung in einem System, das Ihnen Sinn gibt. Sie werden kaum glatte Antworten finden – doch einen Raum zu haben, in dem Sie Ihre Fragen los werden können, ist schon viel wert. Vielleicht erleben Sie dort das „Trotzdem“: Dass Missbrauch und Gewalt nicht das letzte Wort haben und trotzdem Hoffnung besteht auf neues Leben und neue Kraft. Solche Erfahrungen sind außerordentlich kostbar. Die Auseinandersetzung mit Missbrauch, Gewalt und Trauma kann – paradoxerweise – Ihre eigene Einstellung zum Leben vertiefen und zu erhöhter Wertschätzung alles Lebendigen führen. Auch Sie werden an die Grenzen menschlicher Existenz geführt und sind dadurch gezwungen, wesentlich zu werden und Tragfähiges zu entdecken.
Wir alle haben gewonnen, wenn Menschen neu lernen zu vertrauen.

 1 Redaktion Dr. med. Andrea Stadler, Ärztin und Redakteurin bei NetDoktor.de
 2 Diese "Impulse für die Praxis" sind veröffentlicht in Barbara Haslbeck, Sexueller Missbrauch und Religiosität, LIT-Verlag, Berlin 2007, S. 450-462
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