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Aufbruch oder Abbruch? - Wohin treibt die katholische Kirche?

Die ARD-Sendung am 15.5.2012, 0.15 Uhr - 1.00 Uhr (immerhin 600-tausend Zuschauer, und 9,4 % Marktanteil zu dieser späten Stunde!), griff im Vorfeld des Mannheimer Katholikentages die Frage auf, wie die Stimmung in den katholischen Kirchengemeinden in Deutschland bei den Menschen aussieht. Auch in meine Pfarrei, St. Peter in Bruchsal, kamen Herr Bernd Seidl, swr, Kirchenredaktion, und Kameraleute. Sie interviewten Bernhard Köhler, der darauf hinwies, dass Änderungen in der derzeitigen Lage der kath. Kirche von der Basis angestoßen werden müssen, wenn sie geschehen sollen.

In einem weiteren Interview-Teil wurde ich gefragt, welche Erfahrungen ich mit meiner, der kath. Kirche, im Blick auf den Umgang mit Gewaltopfern gemacht habe. Hier das Transskript (heißt das so?):

St.Peter 2012
                                  ARD
25.3.2012
Herr Bernd Seidl: Aufbruch also vor allem von unten? Wie schwer es ist, in der Kirche etwas zu verändern, weiß Erika Kerstner. Vor wenigen Tagen hat sie das Bundesverdienstkreuz bekommen. Die Grundschul- und Religionslehrerin moderiert eine Selbsthilfegruppe für Gewaltopfer, die Interesse am christlichen Glauben haben. 500 Frauen und 2 Dutzend Männer gehören inzwischen dazu1. In mehr als 500 Briefen und Mails an bischöfliche Stellen hat sie auf das Leid der Opfer aufmerksam gemacht. Die Hälfte davon blieb unbeantwortet - auch nachdem 2010 der Missbrauch in den Schlagzeilen war. Die katholische Kirche hat sich inzwischen strengere Richtlinien gegeben. Reicht das alles aus? Herr Alois Glück: Alles, was wir jetzt führen, auch der Dialogprozess, den die Bischofskonferenz ja als Antwort gesucht und ausgerufen hat, gäbe es nicht ohne die Erschütterungen des Jahres 2010, ohne das Erschrecken über den Missbrauch und hier ist was wesentlich Positives dann passiert, nämlich dass dann die Opfer in den Mittelpunkt gerückt sind.  Kirche ist nicht Selbstzweck. Der einzige Maßstab für kirchliches Handeln ist das Evangelium zu vermitteln. Weder Ämter noch Strukturen ... kann Selbstzweck sein. Es ist alles nur hinzuordnen auf die Frage: Wie gelingt es, das Evangelium in die heutige Zeit, für die Menschen in der heutigen Welt zu vermitteln?
Herr Erzbischof Zollitsch: Ich glaube, wir haben damals unsere Aufgaben gemacht, die anstanden, die Dinge angepackt und wir dürfen jetzt auch schauen, wie geht der Weg in die Zukunft? Denn man lebt nicht in der Vergangenheit, sondern man lebt von dem, was uns Jesus Christus als Botschaft und Verheißung geschenkt hat. Und in dieser Verheißung machen wir uns fest und deswegen gehen wir den Pilgerweg gemeinsam in der Kirche. Aber wir wissen auch, es ist viel stärker der hörende Weg, der dienende Weg und es ist auch ein Stück Demut, die uns gut tut, damit wir spüren, wir sind für die Menschen da, nicht für uns und wir wollen dienen und wollen damit uns auf den Weg von Gott weisen lassen und das ist Teil dieser Erneuerung.
EK: Ich denke, ich kann gut anerkennen, dass die katholische Kirche sich bemüht. Wir haben den Missbrauchsbeauftragten, wir haben viele öffentliche Äußerungen. Allerdings muss ich zur Kenntnis nehmen, dass - das ist mein Eindruck - die Kirchenleitungen noch nicht verstanden haben, wie schrecklich Traumatisierung durch Menschengewalt ist. Die Entschuldigungen kamen ohne die Opfer aus. Sie wurden in Kameras gesprochen, sie wurden in Mikrofone gesprochen. Sie wurden nicht zu den Betroffenen gesprochen. Ich hatte die Hoffnung, jetzt schauen sie hin, wo sind unsere Strukturen mit schuld, wo ist unser Umgang mit Macht mitbeteiligt daran, dass Täter in der katholischen Kirche unterkommen konnten und dass sie dort auch geschützt wurden. Ich hatte gedacht - und so hatte ich den Erzbischof Zollitsch in seiner Dialogoffensive auch verstanden -, jetzt können wir endlich darüber sprechen - über Pflichtzölibat, über Beteiligung von Frauen an Entscheidungen und auch an den Weiheämtern, wie gehen wir in der Kirche mit Macht um, wie binden wir ungeweihte Menschen, Laien, in die Kirche ein und ich musste dann feststellen nach der ersten Einladung zu diesem Dialog wurden ganz schnell die Pflöcke wieder eingeschlagen: "Darüber, darüber, darüber und darüber dürfen wir aber nicht reden."

Interview Bild2


1 Das ist ein Missverständnis: Ich bin seit 2000 mit etwa 500 Betroffenen in Kontakt gekommen. Einige von ihnen sind in der Mailingliste.
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Im Interview ungesagt: Zwischenbilanz in der Karwoche 2012

Was in einem Interview mit der ARD (Sendetermin 14.5.2012, 23.30 Uhr, ARD, ca 35. Minute) alles ungesagt bleiben musste, schreibe ich hier auf. Viele Beobachtungen und Wünsche/Forderungen wiederholen sich, weil sie noch immer ungehört sind.

Zuerst möchte ich anerkennen, dass in der kath. Kirche in Deutschland viel getan wurde und dass sich auch im Vatikan einiges getan hat. Aber es reicht noch nicht, noch lange nicht. Opfer von Gewalt stehen noch immer vor geschlossenen Türen. Das gilt nicht nur für Opfer von Klerikern, sondern auch für Menschen, die Opfer von sexueller Gewalt im Nahbereich oder in ihren Familien wurden. Denn was bisher geschah, waren Absichtserklärungen in Papierform und auf Internetseiten. Es gibt diözesane Beauftragte, die gute Arbeit leisten und auf der Seite der Opfer stehen. Aber es sind zu wenige.

Wir brauchen eine von der Kirche unabhängige Stelle, die die Opfer im Umgang mit Kirche berät und bei Konflikten zwischen Kirche und Opfern vermittelt. Den Opfern steht ja eine große und mächtige Institution mit einer ausgeprägten Infrastruktur und vielen finanziellen und personellen Ressourcen gegenüber – Opfer haben keinen solchen stützenden background. Eine Institution, die so wie die kath. Kirche in Machtmissbrauch, in sexuelle Gewalt verstrickt ist, kann ihr eigenes Tun nicht aufklären. Da kommt es zu Spaltungen auf allen Ebenen der Verwaltung und Hierarchie, die aus eigener Kraft nicht mehr bewältigt werden können. Wir erleben diese Spaltungen ja in Gemeinden, aus denen ein Täter rausgenommen wird. Einige, meist wenige, stellen sich hinter das Opfer, andere beschuldigen das Opfer. Solange auch die Rolle der Bischöfe, der Missbrauchsbeauftragten und anderer Verantwortlicher als zuständig für Opfer und zugleich für Täter nicht auf ihre Praktikabilität befragt wird, werden die Verantwortlichen sich auf die Seite der Täter schlagen. Erst wenn die eigene Befangenheit der Verantwortlichen erkannt und eingestanden wird und die "Aufarbeitung" (für manche Opfer übrigens ein Unwort, das von anhaltender Ignoranz gegenüber dem Leid der Opfer zeugt) in unabhängige Hände gelegt wird, kann gehofft werden, dass den Opfern ein wenig Gerechtigkeit widerfährt.

Wir brauchen das Bewusstsein der Kirchenleitungen, dass sie sich an der Seite der Opfer zu positionieren hat, wenn sie das Evangelium glaubwürdig erzählen wollen. Aber Täter werden - wie im März 2012 im Bistum Trier vermutlich repräsentativ auch für andere Bistümer bekannt wurde - nach wie vor geschützt und als Seelsorger - nicht selten sogar mit Kontakt zu Kindern und Jugendlichen - eingesetzt. Für Opfer und für Eltern, deren Kinder im Religionsunterricht, als MessdienerInnen, als BesucherInnen im Altenheim, als PatientInnen in einer Klinik in Kontakt mit Missbrauchstätern kommen, ist dieses Szenario unerträglich. Opfern signalisiert der weitere Einsatz von Missbrauchstätern in der Seelsorge, dass sich in der kath. Kirche nichts geändert hat. Nach wie vor werden die Täter geschont und die Opfer alleine gelassen. Wenn Opfer von Gewalt in eine Klinik oder in eine Pflegeheim kommen, sind sie in einer krisenhaften und vulnerablen Situation, die oft die Gefühle der früheren Traumatisierung triggert. Ihnen in dieser Situation - zusätzlich zur "normalen" Krise und zusätzlich zur Wiederbelebung des Traumas - auch noch die Begegnung mit einem Missbrauchstäter als Seelsorger zuzumuten, zeugt von einer unerträglichen Ignoranz der kirchl. Entscheidungsträger.

Wir brauchen eine biblisch inspirierte „Theologie der Opfer“, die die Steilvorlage des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter nutzt. Da finden wir exemplarisch alle Beteiligten: Täter, Opfer, Helfer und Zuschauer bzw. Vorübergehende. Ich bin überzeugt: Wenn Kirchenleute sich zu den Opfern bekehren, haben sie kein Glaubwürdigkeitsproblem mehr. Das spricht sich rum.

Wir brauchen Bischöfe und Verantwortliche, die mehr über Traumatisierung durch Menschengewalt wissen als derzeit. Und wir brauchen mehr Mitgefühl mit den Opfern, die oft lebenslang unter den Folgen der Traumatisierung zu leiden haben. Ich habe oft den Eindruck, dass viele in den Kirchenleitungen noch nicht viel vom Leid der Opfer verstanden haben und es wohl auch nicht so genau wissen wollen. Wem die Beeinträchtigungen und Behinderungen des Lebens mit Gewaltfolgen bekannt sind, der wird sich vielleicht ein bisschen schwerer tun, die Täter weiterhin zu schützen, die Verbrechen weiterhin zu vertuschen und die Opfer nach wie vor im Stich zu lassen. Solange Täter keinen äußeren Druck erleben, werden sie ihre Verbrechen nicht wahrnehmen können. Solange Täter weiterhin in der Seelsorge eingesetzt werden, als sei nichts geschehen, müssen sie davon ausgehen, dass die Kirchenleitungen sie nach wie vor schützen. Opfer und die wenigen ihnen Verbündeten müssen aus diesem Vorgehen der Kirchenleitungen schließen, dass es der Kirchenleitung entgegen aller Beteuerungen immer noch nicht um die Opfer geht.

Wir brauchen die Beteiligung von Opfern und Opfervertretern an Gesprächen und Entscheidungen auf Augenhöhe. Es wird viel über die Opfer gesprochen, aber es wird zu wenig mit ihnen gesprochen. Es gab eine Serie von Entschuldigungsbitten und Bußgottesdiensten. Die Entschuldigungen wurden – lange bevor die Verbrechen auch nur annähernd bekannt wurden - in Fernsehkameras gesprochen, in den Bußgottesdiensten wurde Gott angerufen. Opfer waren in der Regel nicht beteiligt. Versöhnung scheint unter Umgehung der Opfer möglich zu sein – die katholische Kirche müsste es besser wissen. Beim Symposion in Rom, das im Februar 2012 stattfand, wurde ein italienischer Opfervertreter wieder ausgeladen. Ein einziges Opfer, Maria Collins aus Irland, wurde gehört. Mir bleibt völlig unverständlich, wie Papst und Bischöfe immer wieder sagen können, die Opfer stünden an der ersten Stelle. Wenn ich an Kirchenleitungen und Verantwortliche etwas über die Opferperspektive schreibe, dann bleiben drei von 4 Briefen/Mails einfach unbeantwortet. Daran hat auch das Krisenjahr 2010 nichts geändert. ---- Der Umgang mit Opfern findet in einer seltsam emotionsfreien, bürokratischen Manier statt. Da wird davon gesprochen, dass „Anträge auf Opferentschädigung bearbeitet“ wurden (Matthias Kopp), dass Anträge „aufgenommen und bearbeitet wurden“. Da wird ein Fall dokumentiert, aktenkundig gemacht, Namen, Orte, Zeugen, Handlungen werden erfragt, eine Statistik wird erstellt (die nicht veröffentlicht wird) – das Opfer und der Ordinariatsmitarbeiter, der „den Fall aufnimmt“, kommen nicht in den Blick. Die realen Opfer verschwinden hinter den Begriffen dieser Bürokratensprache. Es ist, als hätten es Opfer in den Verantwortlichen der Kirche oft mit "emotionalen Analphabeten" zu tun.

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Es ist nötig, dass die Kirche den Beitrag von Experten zu den Leitlinien nicht nur behauptet, sondern auch befolgt. So wies der Pressesprecher des Bistums Trier Ende März 2012 darauf hin, dass die Leitlinien 2010 von Opferverbänden mitformuliert worden seien. Einer der beteiligten Opferverbände - Zartbitter - jedoch widerspricht, dass in die Leitlinien das Expertenwissen von Opferverbänden eingegangen sei. "Im Interview mit dem domradio erklärte Herr Kronenburg, Pressesprecher von Bischof Ackermann und des Bistums Trier, diese Leitlinien seien unter  der breiten Beteiligung einer größeren Öffentlichkeit von Experten am Runden Tisch im Gespräch mit Opferschutzverbänden entstanden. Es habe eine relative Einigkeit darüber gegeben, dass man  insbesondere unter Gesichtspunkten der Prävention und Kontrolle pädosexuelle Seelsorger nicht aus dem Priesterstand entlassen solle." Zartbitter fährt fort: "Mit dieser Vernebelungstaktik versucht der Pressesprecher des Bistums die Verantwortung des Trierer Bischofs Ackermann und der Bischofskonferenz für die Weiterbeschäftigung von Tätern im Priesteramt zu leugnen. Eine Vertreterin der Opferverbände, die mit der Kirche über die Erstellung der Leitlinien im intensiven Diskurs stand, war Ursula Enders von Zartbitter e.V. .  Aufgrund ihrer 20jährigen Erfahrung in der Begleitung von Institutionen, die zum Tatort sexuellen Missbrauchs wurden, und ihrer intensiven wissenschaftlichen Recherche wies die Expertin die Kirche bei der Erstellung der Leitlinien wiederholt darauf hin, dass pädosexuelle Täter grundsätzlich aus dem Priesteramt zu entlassen sind. Keinesfalls reicht es – so Enders –, pädosexuelle Priester lediglich aus der Kinder- und Jugendarbeit auszuschließen." Zartbitter weist darauf hin, dass 7% aller sexuellen Straftaten gegenüber Kindern und Jugendlichen im Gesundheitsweisen geschehen - also auch in Krankenhäusern, in denen das Bistum Trier straffällige Priester einsetzt.

Wir brauchen eine opferorientierte Sprache, die aus einer opferzugewandten inneren Haltung kommt. Solange Verantwortliche in den Kirchen noch mit Schweigen, Verleugnung und Abwehr reagieren, solange können sie nicht opferfreundlich sein. Solange die opferorientierte innere Haltung nicht existiert, werden immer wieder Opferbeschuldigungen geschehen, die inzwischen nur subtiler sind als früher. Einige Beispiele:

In einem Erzbistum wird noch immer von einem mutmaßlichen Opfer gesprochen, obwohl der Serientäter, ein Ordensmann, der zwischen Bistümern und Orden jonglierte, gestanden hat.

Der Papst spricht anlässlich des Priesterjahrs von „Schwächen der Priester“, wenn er sexuelle Gewalt meint. Als Schuldigen am Missbrauchsskandal macht er in seinem Interviewbuch den Teufel verantwortlich. „Was in solchen Fällen der Kirche am hilfreichsten sein kann, ist weniger die eigensinnige Aufdeckung der Schwächen ihrer Diener, als vielmehr das erneute und frohe Bewusstsein der Größe des Geschenkes Gottes, das in leuchtender Weise Gestalt angenommen hat in großherzigen Hirten.“

Bischof Dr. Ackermann verwendet den Begriff „Nachlässigkeit“, wenn er von der Beteiligung von Bischöfen und anderen Mitarbeitern der Diözesen an der Vertuschung von sexueller Gewalt und am Täterschutz der Institution spricht. Dieser Begriff suggeriert eine Harmlosigkeit – tatsächlich sind an solchen bischöflichen „Nachlässigkeiten“ Menschen verzweifelt.

Der Kongress in Rom war mit „Auf dem Weg zur Heilung und Erneuerung“ betitelt. Dass nicht wenige Opfer sich umgebracht haben, weil sie die Traumatisierung und ihre Folgen nicht ausgehalten haben, wird übersehen. Dass viele Opfer von Menschengewalt weit entfernt von Heilung sind, wird nicht realisiert. Wie verletzend sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen ist, ist offensichtlich in vielen Kirchenbehörden bis heute unbekannt. Es gab seit Ende der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts viele Gelegenheiten, Gewalt gegen Frauen und Kinder  incl. der Gewalt innerhalb der Kirche zur Kenntnis zu nehmen. Wenn dies bis heute nicht geschah, dann ist dies unentschuldbar. Es bedeutet, dass die Kirchenleitungen die Gewalt, ihre Folgen und ihren eigenen Täterschutz nicht zur Kenntnis nehmen wollen.

In einem Bistum wurden Religionslehrer zum Thema „Traumatisierung“ fortgebildet. Niemandem in diesem Bistum fiel auf, dass die Referentin mit einer Beschuldigung der Opfer als künftige Täter aufwartete. Nach meinem Protest dauerte es 2 Monate, bis die Opferbeschuldigung auf der Internetseitseite gelöscht war. In der Presse und bei den Religionslehrern wird aber nach wie vor gewusst, dass frühere Opfer künftige Täter sind. Und in diesen Tagen musste ich zur Kenntnis nehmen, dass die Beschuldigung von Gewaltopfern als künftige Täter erneut nicht nur auf einer, sondern inzwischen auf zwei Internetseiten dieses Bistums zu finden war. Diesmal gelang das Löschen der Seite schneller. - Noch immer werden doppeldeutige Botschaften formuliert. Bischöfe fordern die Opfer auf, sich zu melden. Für die Opfer ist dies eine hoch belastende Situation. Wenn sie sich dann gemeldet haben, dauerte es mancherorts – nicht überall! – Wochen und Monate, bis eine Antwort kommt. In manchen Fällen erfolgte überhaupt keine Reaktion des Bistums auf die Meldung eines Opfers hin. In manchen Fällen wurde dem Opfer mit einer Verleumdungsklage gedroht.

Die Opfer werden als "Feinde der Kirche" wahrgenommen. Opfer machen öffentlich, was bislang verschwiegen und vertuscht wurde. Weil sie Schuld der Täter und Schuld der Institution öffentlich machen, werden sie als Feinde der geliebten Mutter Kirche wahrgenommen. Der Bote wird für die Botschaft verantwortlich gemacht. Das Opfer beschmutzt die Reinheit der Mutter Kirche. Es zeigt auf, was hinter der glitzernden Fassade an Schmutz lagert. Das Opfer macht deutlich, dass Bischöfe und Personalchefs durch Versetzung von Tätern Schuld daran haben, dass Opfern keine Gerechtigkeit wiederfuhr und dass weitere Kinder und Jugendliche zu Opfern gemacht wurden. Diese Erkenntnis ist schmerzhaft – und sie wird noch immer von Verantwortlichen in den Kirchenleitungen vermieden. Da muss dann gelogen, getäuscht und vertuscht werden. Nicht mehr die Täter und nicht mehr die täterschützenden Bischöfe und Personalverantwortlichen in den Bistümern werden als Verursacher der Schuld erkannt – es sind die Opfer, denen man die Aufdeckung übel nimmt. Noch immer gibt es psychische Abwehrmechanismen wie Schweigen und Nichtwahrhabenwollen. Das lähmt eine ganze Institution. Solange es diese Abwehrmechanismen gibt, können involvierte Mitglieder der Institution keinen echten Anteil am Schicksal der Opfer nehmen.

Wer als kirchlicher Mitarbeiter einen Verdacht auf sexuelle Gewalt durch kath. Priester einem Bistum meldet oder sich für Gewaltopfer einsetzt, muss damit rechnen, dass seine Meldung nicht ernst genommen wird, das Bistum nichts unternimmt, aber den anzeigenden "Mitbruder" seinerseits als Missbrauchstäter verunglimpft und das Gerücht streut, der Anzeigende sei psychisch labil oder psychisch krank. Der Täterschutz funktioniert nach wie vor. Ausgerechnet im Bistum des Missbrauchsbeauftragten Bischof Dr. Ackermann kommt zutage, dass dort 7 Täter weiterhin in der Seelsorge tätig sein dürfen, z.T. auch mit Kontakt zu Kindern und Jugendlichen. Die Konsequenz aus den (meist verjährten) Verbrechen der Täter besteht lediglich in einer Änderung des Einsatzortes. Für die Opfer signalisiert dieser Umgang der Kirche mit Tätern, dass Täter weiterhin geschützt und geschont werden und Gerechtigkeit für Opfer nicht erwartbar ist. Und für diejenigen, die mit Opfern solidarisch sind, Verbrechen bei der Kirchenleitung anzeigen und von der Kirche als ihrem Arbeitgeber abhängig sind, bedeutet es, dass auch sie als Feinde der Kirche behandelt werden.

Marie Collins, das Opfer, das als einzige Betroffene beim römischen Symposion über sexuelle Gewalt in der Kirche dabei war, weist auf etwas ganz Wichtiges hin, das meist unterschlagen wird. Sie spricht davon, dass es wenig spirituelle Hilfe für die Überlebenden gibt. Sie beobachtet – und ich muss das leider bestätigen -, dass die Hierarchie die Opfer als außerhalb der Kirche stehend wahrnimmt. Kirche hat noch nicht einmal angefangen, darüber nachzudenken, dass die Opfer auch mitten in der Kirche zu finden sind – als Mitchristen und Mitchristinnen. Kirche hat noch nicht einmal angefangen, sich auf ihre ureigene Kompetenz – nämlich die Seelsorge für Opfer von Gewalt – zu besinnen. 2010 war immer wieder die Rede davon, dass es doch in der Gesellschaft viel mehr sexuelle Gewalt gäbe als in der Kirche. Da frage ich mich ja schon, ob dieser Hinweis das Versagen von Priestern und Kirchenleitungen vergleichgültigen soll. Und ich frage mich, warum es nicht längst Seelsorger und Seelsorgerinnen gibt, die Überlebende seelsorglich begleiten. Wir müssen in Deutschland von mehreren Millionen Menschen ausgehen, die Gewalt erlitten haben; Jörg Fegert spricht davon, dass jeder 8. in Deutschland Opfer von sexueller Gewalt ist. 60% unter ihnen sind Christen. Seelsorge für sie gibt es nicht. Wir haben für die 75 000 Gefangenen fast 300 evangelische und 242 katholische ausgebildete Seelsorger – für die Opfer von Gewalt gibt es keine ausgebildeten Seelsorger. Da müssen sich Opfer auf eine beschwerliche Suche machen. Die fehlende Seelsorge ist ein blinder Fleck. In der Gefangenenseelsorge kümmert Kirche sich um Täter - die Opfer bleiben ausgeblendet.

Die Geldzahlungen an Opfer wurden von der Kirche selbst festgelegt. Die Institution, die Täter schützte und Opfer alleine ließ und weitere Opfer in Kauf nahm, beteiligte die Betroffenen nicht an den Überlegungen. Die Frage, die Jesus dem Bartimäus stellte "Was willst du, dass ich dir tun soll?" wurde nicht gestellt. So wurde aus einer vielleicht anfänglich gut und ehrlich gemeinten Geste eine Beschämung und Demütigung der Opfer.

Ich habe den Eindruck, dass die Verantwortlichen nach den beschämenden und demütigenden Geldzahlungen sich ganz schnell einem Gebiet zugewandt hat, bei dem etwas zu gewinnen ist: Der Prävention. Da ist eine Menge zu tun – und es ist gut, dass die Kirche die Prävention in Angriff nimmt. Übersehen werden dabei jedoch die Menschen, die von keiner Prävention mehr erreicht werden, weil sie schon Opfer geworden sind. Ich habe den Eindruck, dass Kirche sich nach dem „Erledigen“ der Opferkontakte ganz schnell der Prävention zuwendet, um nicht länger und nicht mehr mit der eigenen Schuld und auch der Ohnmacht (die die Ohnmacht der Opfer ist) konfrontiert zu sein. Das Engagement für Prävention verdeckt die Unfähigkeit der Kirchenverantwortlichen, sich mit den Opfern zu solidarisieren. Die Kirche bestätigt sich permanent selbst, wie gut sie mit Opfern umgeht. Viele Opfer sehen das ganz anders. Sie sind es, die beurteilen können, ob sie sich wahrgenommen fühlen oder nicht.

Die Kirchenverantwortlichen glauben von sich selbst, sie seien den Opfern zugewandt – aber diese Zuwendung kommt bei den Opfern so gar nicht an. Der Graben zwischen der Selbstwahrnehmung der Kirchenleitungen und der Wahrnehmung durch Opfer ist garstig breit.

Darauf deutet auch eine Äußerung des Papstes hin, die er im Blick auf Irland formuliert: ' Inzwischen erhielten die Opfer geistliche und psychologische Hilfe von der Kirche sowie rechtliche und finanzielle Unterstützung.' Marie Collins, Irin und Betroffene hingegen sagt, dass es wenig spirituelle Hilfe für die Überlebenden gebe.  Sie muss es wissen.

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Erzbischof Zollitsch hatte 2009 noch vermutet, dass die Zahl der Heimkinder, die Gewalt erlitten haben "im unteren dreistelligen Bereich" liege. Über die Vereinbarungen im Blick auf die  Heimkinder sagte er: "Ich freue mich, dass nun ein Angebot für ehemalige Heimkinder vorhanden ist, das ihre zentralen Anliegen berücksichtigt: das Bedürfnis nach Aussprache, der Wunsch nach Anerkennung, Beratung und therapeutischer Hilfe sowie finanzielle Hilfen." Das ist die kirchliche Sprachregelung beider Großkirchen. Die Realität ist anders: Die ca 300 000 ehemaligen Heimkinder, die unterschiedliche Gewaltformen erlitten haben und Zwangsarbeit leisten mussten (die man nicht so nennen darf!), erhalten entgangene Rentenansprüche und Therapien, wenn kein anderer Leistungsträger einspringt. Entschädigungen oder Zahlungen in Anerkennung des Leides gibt es nicht, nachgezahlten Lohn auch nicht. Die 120.000.000 Euro aus dem Heimkinder-Fonds ergeben rechnerisch für jedes betroffene Heimkind 400 Euro Einmalzahlung. Heimkinder hatten 300 Euro Monatsrente oder 54.000 Euro Einmalentschädigung gefordert. Die Kirchen haben die Deutungshoheit über das "Angebot" an die Heimkinder für sich reserviert. In der Öffentlichkeit muss der Eindruck entstehen, dass die Heimkinder Gerechtigkeit erfahren haben. Die Stimmen der Heimkinder jedoch bleiben ungehört. Und der Vorsitzende der Bischofskonferenz kann die Gesellschaft zu einem "Aufbruch der Gerechtigkeit und Solidarität" ermahnen. Nur: Wer kann den Aufruf noch ernst nehmen, wenn mit Gerechtigkeit und Solidarität im Blick auf die Heimkinder solches Schindluder getrieben wird?

Die systemischen Ursachen von sexueller Gewalt, die die Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ermöglicht haben, werden von den Kirchenleitungen nicht erkannt. Nach einem ersten wohl ehrlichen Erschrecken im Frühjahr 2010 wurde ein tabuloser Dialog angekündigt. Sehr schnell jedoch wurden die Grenzen des Dialoges benannt: Über Pflichtzölibat (der sicher nicht eindimensional als Ursache für sexuelle Gewalt angesehen werden kann), über Beteiligung von Frauen am Weiheamt und an den Entscheidungen der Kirche, über den Umgang der Kirchenleitungen mit Macht, über die Beteiligung von Laien an der Kirchenleitung durfte schon bald nicht mehr gesprochen werden. Dabei ist sexuelle Gewalt zuerst ein Machtgeschehen, das in einer geschlossenen Instituion, in einer männlichen zudem, gefährlich nahe liegt. Noch immer sprechen Bischöfe von Einzeltaten und Einzeltätern. Die Realität sieht anders aus. In der Presse wurden mindestens ca 1274 Täter und mindestens 2199 Opfer genannt. Die Dunkelziffer dürfte erheblich sein und diejenigen, die nicht mit dem Leben davongekommen sind, werden nirgendwo mitgezählt. Die Bischofskonferenz wagt nicht, die Zahlen zu veröffentlichen - sie sind zu bitter und sie würden dem Ansehen der Kirche schaden, das noch immer wichtiger als die Opfer ist.

Von den Bischöfen und Personalverantwortlichen in den Bistümern und vom Papst wird die eigene Beteiligung am Täterschutz nicht offengelegt. Papst Benedikt XVI. hat zuerst als Chef der Glaubenskongregation, dann als Papst über Jahrzehnte hinweg z.B. den Gründer der Legionäre Christi vor einer Strafverfolgung geschützt. Wenn Monsignore Scicluca, der Chefankläger des Vatikan, im Februar 2012 von einer „Kultur des Schweigens" spricht, von der man sich verabschieden müsse, dann erwarte ich, dass die Glaubenskongregation mit gutem Beispiel vorangeht. Aber das tut sie nicht. Auch die Geschichte von Lawrence Murphy – einem Pfarrer, der eine Schule für Gehörlose leitete und sich dort bis 1974 an rund zweihundert Jungen vergangen haben soll – ist bezeichnend. Als Vorwürfe gegen ihn laut wurden, wurde er versetzt. Der Vatikan – Bertone – hat den Täter in Ruhe gelassen, bis zu dessen Tod. Wie soll die Aufforderung an andere - des Papstes an die irischen Bischöfe z.B. - zur Aufdeckung der Verbrechen und des Täterschutzes glaubwürdig sein, wenn die Auffordernden ihre eigene Beteiligung am Täterschutz nicht offenlegen?

Vergebung wird gefordert – von den Opfern. Noch bevor die Schäden ermessen sind, sollen Opfer vergeben. Der Vergebungsforderung an die Opfer steht kein Bußaufruf an die Täter gegenüber. Mit der Vergebungsforderung werden Opfer massiv unter Druck gesetzt. Wer nämlich nicht vergeben kann, der fühlt sich schon wieder schuldig. Die Vergebungsforderung dient den Kirchenleitungen, nicht den Opfern. Wenn die Opfer nämlich vergeben, dann kann es ja nicht so schlimm mit der Gewalt und den Gewaltfolgen sein. Die Verantwortlichen in der Kirche haben noch immer nicht verstanden - oder wollen nicht verstehen -, wie schlimm es in Wirklichkeit ist und dass Opfer von Gewalt manchmal beim besten Willen nicht vergeben können, weil sie täglich mit den Folgen der Traumatisierung zu leben haben.

Die geplanten Forschungen dienen eher dazu, die Wahrnehmung des Ausmaßes an Gewalt innerhalb der Kirche zu verschleiern. In 2 Jahren wird sich kaum noch jemand dafür interessieren. Dass es aussagekräftige Feststellungen geben wird, wage ich zu bezweifeln, denn in den Akten stehen viele Dinge nicht; sie stehen manchmal in einer verschleiernden Sprache da. Akten kann man verschwinden lassen. Und wenn sie zuerst sowieso nur von Mitarbeitern der Ordinariate gesichtet werden, wird so mancher Hinweis "überlesen" werden. Der verantwortliche Wissenschaftler Christian Pfeiffer hat erst vor kurzem eine Studie vorgelegt über das Ausmaß an sexueller Gewalt – und dabei die Personengruppen, die viel von Gewalt berichten könnten, erst gar nicht befragt (Frauen jenseits der Lebensmitte, Katholikinnen, psychisch Kranke und Traumatisierte, Heimkinder…). Es ist nicht zu erwarten, dass diese Forschungen die bittere Wahrheit offenlegen. Ein zweites Forschungsprojekt  untersucht die eigenen Gutachten, die im bischöfl. Auftrag über Priester, die sexuelle Gewalt angewandt haben, erstellt wurden. Auch da ist nicht zu erwarten, dass die Gutachter ihre eigenen Gutachten kritisch betrachten. Einer der Forscher, Hans-Ludwig Kröber, hat sich bereits entsprechend gegen die Opfer positioniert. Prof. Leygraf war bisher schon als Gutachter für die Kirche tätig und bestätigte 2012: “Der Umgang der Kirche mit diesen Fällen ist doch sehr sorgfältig und fast schon etwas übervorsichtig,” Die systemischen Ursachen werden von keiner der beiden Forschungsaufträge untersucht.

Fazit: Der ursprüngliche Aufklärungswille der kath. Kirche scheint auf allen Ebenen zu stagnieren, noch bevor er wirklich begonnen hat. Er ist - von Einzelnen abgesehen - nicht gewollt. Die opferfreundlichen öffentlichen Bekenntnisse werden vom tatsächlichen Verhalten der Verantwortlichen in der katholischen Kirche konterkariert. Die Auswahl der Forscher, die sich die Situation genauer anschauen wollen, deutet darauf hin, dass die Ergebnisse so ausfallen werden, dass das Vertuschen der Verbrechen an Kindern und Jugendlichen nicht wirklich in den Blick kommt. Es wird vermutlich so bleiben, wie es derzeit ist: Die Opfer werden weiterhin im Stich gelassen, die Täter werden geschützt und geschont. Öffentlich wird nur, was nicht mehr zu verheimlichen ist. Diese Bilanz ist ernüchternd. Für die kath. Kirche ist sie eine Bankrotterklärung. Die Glaubwürdigkeit der Kirche wird so nicht wieder hergestellt. Mit Rainer Bucher ist nach wie vor von einer "Niederlage Gottes in seiner Kirche" zu sprechen.

1.4.2012 Erika Kerstner

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