Glaube
Interview auf dem Katholikentag in Mannheim mit dem ZDF
Redakteurin: Rita Doebbe

Frau Kerstner, Sie haben die Gruppe Gewaltüberlebender Christinnen gegründet.
Ja.

Was wollen Sie damit erreichen?

Ursprünglich war es als eine theologische Arbeitsgruppe gedacht, die der Frage nachgeht: Wo finden wir im christlichen Glauben Ressourcen, für das Leben mit anhaltenden Traumafolgen. Dann habe ich im Laufe der Kontakte mit Frauen festgestellt, die suchen Seelsorge. Und später habe ich festgestellt: Die sind in der Lage und bereit, Seelsorge auf Gegenseitigkeit anzubieten.

Welche Frauen kommen zu Ihnen?

In den ersten Jahren waren es überwiegend Frauen jenseits der Vierzig, inzwischen haben wir auch Frauen dabei Ende Zwanzig. Für mich ist das ein Hinweis, dass diese Frauen heute schneller und früher über ihre Lebensgeschichte sprechen können. Die Ältesten sind über 60.

Und was ist die Lebensgeschichte? Also, können Sie mir sagen, wovon sind die betroffen, welche Erfahrungen haben die gemacht?

Alle unsäglichen Erfahrungen, die man sich nur vorstellen kann oder auch nicht mehr vorstellen kann. Sexyueller Missbrauch natürlich, psychische Gewalt, massive psychische Gewalt, bis hin, dass sie als Kinder gefoltert wurden. Ich kann das nicht anders sagen.All das, was wir so als Spitze des Eisbergs in den letzten Jahren in der Öffentlichkeit gehört haben, trifft zu und ich glaube, es ist noch schlimmer, weil die meisten Betroffenen nur sehr stichwortartig über ihre Geschichte sprechen.

Ist diese Erfahrung innerhalb der Kirche oder ist das auch breiter gefächert?

Breiter gefächert. Also wir haben Frauen dabei, die in ihren Familien missbraucht und misshandelt wurden, wir haben solche, die im Nahbereich misshandelt wurden, dass es Fremdtäter waren, ist die absolute Ausnahme und wir haben einen gewissen Prozentsatz von Frauen, die sexuelle Gewalt durch katholische Priester oder Ordensmänner erlebt haben.




ZDF2012
Ihr spezifischer Ansatz ist ja, dass man die Reesourcen des Glaubens nutzt. Aus welchen Gründen ist Ihnen das so wichtig?
Das Leben mit Traumafolgen, die auch nach guten und gelungenen Therapie anhalten, besser geworden sind, aber anhalten, dieses Leben ist immer auf der Suche nach Sinn. Und die Sinnfrage ist eine genuine Glaubensfrage. Diese Frauen sind auch auf der Suche nach Solidarität. Sie brauchen andere Menschen, die hören. Sie brauchen nicht nur, dass sie selber sprechen, sondern sie müssen auch gehört werden. Dann - nur wenn es ausgesprochen wird, dann sind die Frauen auch in der Lage, es ganz, ganz langsam in ihr Leben zu integrieren.

Jetzt könnte man ja sagen, wenn diese Frauen, die diese Erfahrungen gemacht haben, eine Psychotherapie machen, dann würde das ausreichen. Warum ist dieser seelsorgerische Ansatz so wichtig?

Es gibt Überschneidungen zwischen Seelsorge und Psychotherapie. Aber gute Therapeuten und Therapeutinnen werden nicht die Sinnfrage stellen oder mit zu beantworten suchen. Das ist das Spezifikum der Seelsorge.

Sie haben in Ihrem Internetauftritt geschrieben, dass Frauen oder Menschen, die Gewalterfahrungen machen, den Vater sehr negativ erfahren, dass das auch Konsequenzen hat fürs Gottesbild und für den Glauben. Können Sie das nochmal ein bisschen beschreiben?

Ja. Wenn Frauen in ihren Herkunftsfamilien Väter und manchmal auch Mütter erlebt haben, die gewalttätig waren, dann lernen sie im Grunde diese menschliche, kindliche Erfahrung in den Himmel zu projizieren und sie erleben Gottvater als einen Tyrannen, der für sie gefährlich ist. Und es ist ein ganz langer Weg, bis sie erkennen können, das eine ist das irdische Vaterbild und das ganz andere ist eine Vorstellung von einem Gott, der auf der Seite der Opfer steht. Der Weg ist lang.

Und sie wollen mit ihrem Glauben diesen Weg in die Therapie und ins Leben rein suchen und finden?

Ja. Das schönste ist, wenn eine Frau nach einigen Jahren sagt: Meine Gewalterfahrung ist nicht mehr das Wichtigste in meinem Leben. Ich kann mich jetzt anderen Dingen im Leben oder auch dem Leben selbst zuwenden und wenn wir sie verabschieden dürfen aus der Mailingliste.

Wie war das in Bezug auf Kirche? Haben Sie Rückendeckung aus der Kirche bekommen?

Ja. Ich habe in der Pfarrei in St. Peter in Bruchsal sehr viel Unterstützung bekommen, was Ressourcen angeht, aber vor allem - das ist noch viel wichtiger - was das menschliche Mittragen dieses Anliegens angeht. Ich habe in den Universitäten Unterstützung gefunden, die die Bedeutung dieser Initiative erkannt haben, ansonsten bin ich mit sehr viel Zurückhaltung bedacht worden bis hin zum anhaltenden Schweigen.

Wie interpretieren Sie diese Reaktion vieler christlicher Menschen Ihnen gegenüber?

Ich denke, die Kirchenleitungen, die ich in der Regel angeschrieben habe, oder Seelsorgestellen, die haben noch nicht wirklich verstanden, was das Leid der Opfer ist. Sie sind noch sehr verbunden mit den kirchlichen Tätern und aus lauter ANgst, dass diese kirchlichen Verbrechen an die Öffentlichkeit kommen, wehren sie auch Opfer in anderen Kontexten einfach ab. Ich denke auch, es ist eine große Hilflosigkeit im Umgang mit Opfern. Es gibt da Phantasien, dass Opfer unzurechnungsfähig seien, dass sie irgendwie monströs seien in der Phantasie und weil es zu wenig Kontakt mit den Opfern, mit realen Opfern gibt, oder: Überlebenden gibt, gibt es auch zu wenig gute Erfahrungen. Ich denke, das ist ein Prozess, der wird noch lange dauern.

Was ist eigentlich der Vorwurf der Opfer gegenüber der Kirche?

Ich kenne Opfer, die gute Erfahrungen mit der Kirche gemacht haben. Es sind zu wenige. Der Vorwurf lautet: Die Aufdeckung des Missbrauchsskandals hat dazu geführt, dass mit den Opfern verwaltungsmäßig umgegangen wurde. Manche wurden abgewehrt, und zwar so - ich kenne nicht wenige unter ihnen, die inzwischen überhaupt nichts mehr von der Kirche erwarten, sich abgewandt haben bis hin zum Kirchenaustritt.

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Katholikentag 2012
Danke, R. für das Foto