Glaube und Gewalt

Wird das gut gehen? Sonntags über Vertrauen und die wichtigste Ressource im menschlichen Miteinander.

Nachdem 2010 zahlreiche Fälle sexuellen Missbrauchs in der Kirche bekannt wurden, gab es viel Aufsehen. Nach wie vor scheint sich die Kirche mit der Aufarbeitung schwerzutun. Erst letzte Woche wurde bekannt, dass die wissenschaftliche Aufarbeitung der kirchlichen Missbrauchsfälle scheitert. Doch der Schaden bei den Opfern ist immens. Wer Gewalt und sexuellen Missbrauch erlebt hat, den lässt diese Erfahrung nicht mehr los. Für die Opfer bedeutet es einen tiefen Vertrauensbruch, der oft ihr ganzes Leben überschattet.

Herr Scobel:
Die Institution, die in den letzten Jahren am dramatischsten an Ansehen und Vertrauen verloren hat, dürfte ohne Zweifel die katholische Kirche sein. In dieser Woche wurde bekannt, dass in Kölner Krankenhäusern in katholischer Trägerschaft Frauen abgewiesen werden, wenn sie dort nach einer Vergewaltigung Hilfe suchen. Ein Grund dafür ist, dass man fürchtet, ihnen die Pille danach verschreiben zu müssen. Inzwischen bedauert man das. Hinzu kommt das Scheitern der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche. Immer noch ist die Mehrheit der Bischöfe der irrigen Meinung, sie könnte sich zum Herren des Verfahrens der Aufarbeitung machen. Es sind nur einige Anlässe, die zu öffentlicher Empörung und Ablehnung führen. Es drängt sich der Eindruck auf, dass in der katholischen Kirche zu wenige auf Seiten der Opfer von Gewalt und Missbrauch stehen. Im nächsten Film lernen Sie eine Frau kennen, die es geschafft hat, ihre enorme Vertrauenskrise zu verarbeiten.
Frau Doebbe: In allem, was sie macht, ist Erika Kerstner zuverlässig. Als Grundschullehrerin steht sie immer mitten im Leben. Aber sie spürt auch, dass sie etwas belastet.
EK:  Ich habe einen Mann, mit dem ich gut lebe. Wir haben drei Kinder. Wir haben Freude an unseren Kindern. Mein Beruf macht mir Freude - und trotzdem geht es mir schlecht. Und dann habe ich eine Therapie angefangen und im Laufe dieser ersten Therapie habe ich eine Vorstellung bekommen von dem, wie meine Kindheit war und dann kamen auch Erinnerungen.
Frau Doebbe:  Als Erika Kerstner 40 Jahre alt ist, bricht sie zusammen. Die Vergangenheit holt sie ein, aber sie läuft nicht weg davor. Sie stellt sich ihr. Heute, 20 Jahre später, kann sie darüber sprechen.
EK  Ich habe in meinem Elternhaus kein Vertrauen gelernt. Ich habe - meine Therapeutin nannte es einmal "überlebt"  - ich habe überlebt, Gott sei Dank, aber ein Grundvertrauen, was im Grunde auch jeder Mensch braucht, um überhaupt leben zu können, das war bei mir immer nur ganz fragil, ganz flüchtig, nur an manchen Punkten möglich. Mein Elternhaus war ein gefährlicher Ort für mich. Er war sehr angstbetont. Die Menschen um mich herum waren unberechenbar.
Frau Doebbe: Als Kind war die Kirche für sie ein Zufluchtsort. Dort hatte sie Ruhe vor ihrer Familie. Deshalb hat sie dort als junge Frau auch Hilfe gesucht - und ist wieder verletzt worden. Diesmal von einem katholischen Seelsorger, der ihr Gewalt angetan hat. Heute, nachdem sie sich lange damit beschäftigt hat, weiß sie, was das bedeutet.
EK  In der katholischen Theologie wird ein Priester als Stellvertreter Gottes angesehen. Er ist der Mittler zwischen den Menschen und Gott. Das heißt, wenn ein Priester Kinder oder Jugendliche missbraucht, dann vermittelt er ein Gottesbild, ein tyrannisches Gottesbild. Er vermittelt das Bild: Gott ist einer, der kann machen, was immer er will. Er darf Menschen schaden, er darf auch Menschen vernichten. Und das ist ein Bild von einem Gott, der nicht der Gott der Christen ist.
Frau Doebbe  Sie will nicht von der Kirche lassen. Andere hätten die vielleicht schon verlassen. Sie aber kämpft, sucht Verbündete. Z.B. auf dem Katholikentag von unten in Mannheim. Auch sie hat Zeit dafür gebraucht, sich öffentlich für sich und andere Betroffene einzusetzen.
EK Diese Frauen sind auch auf der Suche nach Solidarität. Sie brauchen andere Menschen, die hören. Sie brauchen nicht nur, dass sie selber sprechen, sondern sie müssen auch gehört werden. Dann - nur wenn es ausgesprochen wird, dann sind die Frauen in der Lage, es ganz ganz langsam in ihr Leben zu integrieren.
Doebbe: Seit 13 Jahren trifft sich EK mit einer kleinen Gruppe von Frauen in ihrer Pfarrgemeinde. ÜLber die Internetplattform gottes-suche.de vernetzt sie sich mit Frauen, aber anonym, was am Anfang besonders wichtig ist. Die Gruppe wird auch von einer Seelsorgerin unterstützt.
Frau Gallinat-Schneider: Man muss stehen lassen, dass es biographische Elemente im Leben eines Menschen gibt, die ihm ein Leben lang zu schaffen machen, die ihm ein Leben lang weh tun und unter denen man ein Leben lang leidet und die auch, wenn ich religiös bin, nicht weggehen sondern bei denen ich nur überlegen kann, wie ich die in mein Leben einbinden kann, wie ich die auch in meine Biographie einbinden kann und wie ich gut mit denen umgehen kann. Aber ohne dass ich erwartte, dass die jemals ganz verschwinden oder geheilt sind.
Frau Gallinat-Schneider
Frau Doebbe: EK (Psalmausschnitt hebräisch)
  Vor zehn Jahren hat EK auch angefangen, Hebräisch zu lernen, um die Psalmen im Original zu lesen. Inzwischen hat sie mehrere Teile der Bibel übersetzt. Sie will in der fremden Sprache einen neuen Zugang zu ihrem Gott und ihrer Religion finden. Schwierige Dinge in Angriff zu nehmen, das gehört einfach zu ihrem Leben dazu.
ZDF EK
Herr Scobel:  EK ist im vergangenen Jahr für ihren Einsatz für Opfer von Gewalt mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt worden. Auf unserer Internetseite www.sonntags.zdf.de finden Sie ihre Selbsthilfegruppe GottesSuche ebenso wie weitere Informationen zum Thema Vertrauen. Unter anderem können Sie dort auch ein längeres Interview mit EK und Professor Martin Schweer sehen.