Glaube nach Gewalt
Papst Franziskus traf Opfer sexuellen Missbrauchs : Klare Worte gegen Missbrauchstäter

Papst Franziskus traf Anfang der vergangenen Woche sechs Menschen, die von Klerikern sexuell missbraucht worden waren. Er feierte Gottesdienst mit ihnen, nahm sich für Einzelgespräche einen Vormittag lang Zeit und bat um Verzeihung, einmal für die Verbrechen des sexuellen Missbrauchs, den Kleriker begangen hätten, aber auch für die "Sünden der Unterlassung" seitens der Verantwortlichen der Kirche, die nicht angemessen auf Missbrauchsanzeigen reagiert hätten.
Erika Kerstner gehört zur Selbsthilfe- und Arbeitsgruppe "Gottessuche". Das ist eine ökumenische Initiative Gewalt überlebender Christinnen.

Frau Kerstner, was haben Sie gedacht, als Sie die Nachrichten von dem Treffen von Papst Franziskus mit den sechs Gewaltüberlebenden in Rom gehört haben?

Zunächst war ich sehr positiv überrascht. Der Papst hat die Opfer in der Zentrale der Katholiken empfangen. Er hat sie also in die Mitte gestellt. Er hat auch mit der Eucharistiefeier eine Handlung gewählt, mit der er sich als Vertreter der Kirche zusammen mit den Opfern unter das Evangelium Jesu Chrsti stellt. Das heißt: Er hat einen ganz hohen Anspruch vermittelt. Und er erinnerte in seiner Predigt an die Erzählung vom Verrat Jesu durch Petrus, und dieses Verhalten des Petrus hat er mit der Position der Kirche im Umgang mit Opfern sexueller Gewalt durch katholische Priester verglichen. Er sprach ja auch von den Tränen, die er sich erbittet. Das bedeutet, er erwartet von sich und der Kirche die Umkehr der Kirche zu den Opfern. So wie Petrus ja auch bereut hat und umgekehrt ist. Und, das sagten Sie schon, der Papst hat sich für jedes der Opfer etwa 30 Minuten Zeit genommen, das heißt, er hat das Anliegen sehr ernst genommen.

Er erwartet so etwas wie die Umkehr der Kirche zu den Opfern. Haben Sie den Eindruck, dass Ihnen das hilft bei Ihrer Arbeit, innerkirchlich für das Thema "Sexuelle Gewalt" zu sensibilisieren, wenn der Papst hier solche klaren Worte findet?

Ja und nein. Also, ich denke, er meint es persönlich ernst. Das kann ich ihm gut abnehmen. Aber es wird davon abhängen, ob auch weltweit die Bischöfe dieses Anliegen ernst nehmen und sich zu den Opfern bekehren. Und da habe ich meine Zweifel.

Woher rühren diese Zweifel?

Bisher ist zumindest in Deutschland nicht sehr viel geschehen, was bei den Opfern sexueller Gewalt durch Kleriker schon angekommen ist. Ich sehe es so und weiß es aus Rückmeldungen von vielen Opfer. Sie wurden abgespeist einmal mit einer Geldsumme oder sie wurden weitergeschickt zu Therapien. Das heißt: Kirche hat sich die Opfer vom Leib gehalten. Matthias Katsch hat neulich sehr beklagt, dass es kein Gespräch zwischen den Kirchenleitungen und den Opfern gibt, und wenn ich es richtig sehe, ist das tatsächlich so.

Matthias Katsch ist einer der ehemaligen Jesuitenschüler, die die ganze Enthüllungswelle 2010 ins Rollen gebracht haben. Das heißt, die katholische Kirche hat sich in den letzten Jahren, als das Thema ‚Sexueller Missbrauch’ aufkam, einmal um das Thema "Entschädigung", na ja, mehr schlecht als recht gekümmert. Sie reden von "abspeisen". Ich würde ergänzen: Hat man sich nicht auch um das Thema "Prävention" bemüht? Aber Sie fordern, glaube ich, ein, dass man mit den Opfern sexueller Gewalt anders umgeht.

Ich denke, Prävention ist was ganz Wichtiges, und da hat die Kirche tatsächlich sehr viel geleistet. Sie hat ja auch eine Hotline geschaffen für die diejenigen, die Opfer geworden sind und sie hat Missbrauchs-Beauftragte berufen, sofern es die noch nicht gab. Das hat sie alles gemacht. Aber, es ist folgendes passiert: Die Kirchenleitung hat sich, nachdem die Opfer, ich sage mal, bezahlt worden waren oder in Therapien versorgt worden waren, sofort der Prävention zugewandt, was ich für ganz wichtig halte. Aber die Kirche hat dabei vergessen, dass die Opfer, die es schon gibt, und auch die Opfer, die von keiner Prävention verhindert werden können, damit müssen wir rechnen, dass die überhaupt in den Blick gekommen sind. Das heißt: Die Kirche hat noch nicht realisiert, oder sie will es nicht wissen, dass Opfer sexueller Gewalt meistens lebenslänglich unter den Folgen dieser Traumatisierung durch Menschengewalt leiden.

Was würden Sie sich denn wünschen? Was würde Ihnen und anderen Gewaltüberlebenden helfen?

Zuallererst würde ich mir die Frage an die Opfer wünschen, die noch nicht gestellt worden ist, und die ich für die entscheidende Frage halte, nämlich: Was brauchst du? Diese Frage ist noch nicht gestellt worden. Kirche hat immer schon gewusst, was Opfer brauchen und hat sie damit verfehlt.

Diese Bekehrung zu den Opfern, von der Franziskus spricht, aus welchen Gründen hat die noch nicht stattgefunden. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum das so schwer ist?

Also, einmal denke ich, dass Opfer sexueller Gewalt, ob nun Christen oder Nichtchristen, kirchlich oder nicht kirchlich, dass die die Kirche immer an die Opfer der eigenen Pastoral erinnern. Und diese Erinnerung tut weh. Dann denke ich, dass Opfer die Finger in die Wunden legen. Einmal kann durch keine noch so gute Prävention verhindert werden, dass niemand mehr zum Opfer wird. Dann weisen die Opfer die Kirche auf ihren mangelhaften oder gefährlichen Umgang mit Macht hin. Dazu gehört auch die Frage, wie Frauen zum Beispiel in die Kirchenleitung eingebunden werden können. Dazu gehört die Frage, wie das Priesterbild in der katholischen Kirche aussieht. Außerdem: Jedes Opfer signalisiert anderen Menschen, dass jeder von uns und jede von uns Opfer werden könnte. Und dieser Gedanke macht ganz viel Angst. Deswegen sagt man sich: "Ich kann kein Opfer werden, ich mache alles anders als das Opfer und dann kann mir nichts passieren." Und das heißt, dass man damit  natürlich auch die Opfer beschuldigt; oder, was meistens passiert, man ignoriert einfach die Opfer.
Wenn man sich ihnen stellen würde, dann würde man sozusagen in den Abgrund des Bösen gucken, dass Menschen so etwas angetan werden kann?
Ja, und man müsste realisieren, was sexuelle Gewalt bei Menschen anrichtet, zum anderen müsste man realisieren, wie lange die Folgen anhalten, das ist oft lebenslänglich, und man müsste natürlich auch fragen, wie das Verhalten der Bischöfe zu beurteilen ist, die ihre Priestertäter geschützt haben.

Da bleibt noch einiges aufzuarbeiten.

Ja, der Papst hat es sehr deutlich gesagt. Er hat davon gesprochen, dass die Bischöfe die Verantwortung für den Schutz der Minderjährigen haben und dass sie für diese Verantwortung zur Rechenschaft gezogen werden. Für mich ist die Frage: Was bedeutet das konkret? Bedeutet es die Entlassung der Bischöfe, die Täter geschützt haben?

Mit dieser offenen Frage: Herzlichen Dank, an Erika Kerstner von der Gruppe "Gottessuche"

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