2.GlaubeundGewalt
Was Betroffene wollen
Gastbeitrag in: "Der Europäische Tag zum Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung und sexuellem Missbrauch am 18. November. Hintergrundinformationen und erste Anregungen für pastorale Arbeitsfelder. Kinder haben Rechte, S. 20-23

Missbrauchsopfer sind mitten unter uns

Wenn in einer Seelsorgeeinheit mit ca 7000 KatholikInnen 10% zum Sonntagsgottesdienst gehen, so sind unter ihnen 84 MitchristInnen, die zwischen 0 und 14 Jahren sexuellen Kindesmissbrauch erlebt haben. Nehmen wir die Frauen und Männer hinzu, die nach dem 14. Lebensjahr sexuelle Gewalt erlebt haben, so müssen wir damit rechnen, dass in jeder Versammlung von mehr als vier ChristInnen EIN Opfer von sexueller Gewalt anwesend ist. Opfer sexueller Gewalt achten meist sehr aufmerksam darauf, ob eine christliche Gemeinde sie ausgrenzt oder als zugehörig ansieht. Sie erwarten Stärkung ihrer Hoffnung und Ermutigung ihrer Zuversicht, die sie im Leben mit anhaltenden Traumafolgen brauchen, um es zu bewältigen. Es ist also nötig zu schauen, ob gottesdienstliches und gemeindliches Sprechen und Tun  in der Lage ist, Missbrauchs- und Gewaltopfern Zugehörigkeit, Hoffnung und Zuversicht zu vermitteln.

Missbrauchsopfer haben Erwartungen

Sie wollen dazugehören

Opfer von Kindesmissbrauch waren ganz alleine in einem Universum von Gewalt, Schmerz, Einsamkeit und Unberechenbarkeit. Da war kein Mensch und kein Gott, der geholfen hätte. In der Gewalt zerbricht den Opfern das Gefühl von Zugehörigkeit. Auch in Gottesdiensten ist ihr Leben und Leiden oft nicht der Rede wert. Eine Frau schreibt: „Die Mittelstandschristen schauen immer auf die Problemlagen ‚außerhalb‘ ihrer Kreise. Missbrauch scheint es offensichtlich in Konflikt- und Kriegsgebieten, in Afrika, jedenfalls weit weg von uns zu geben, aber doch nicht mitten unter uns. Ich warte darauf, dass in den Gottesdiensten mal zur Sprache kommt, dass Opfer von Kindesmissbrauch mitten in der Gemeinde sind.“ Wer dem in der Gewalt aufgedrückten Gefühl von Missbrauchsopfern, nicht dazuzugehören und draußen zu stehen, entgegenwirken will, sollte in den gottesdienstlichen Texten und Predigten spürbar machen, dass er/sie um die Anwesenheit von Missbrauchsopfern weiß. Manchmal genügt dafür schon ein Nebensatz, der die anwesenden Opfer aufmerken und darauf hoffen lässt, vielleicht doch dazuzugehören.

Sie wollen glauben und vertrauen können

Opfern von Kindesmissbrauch ist in der Gewalt die Fähigkeit zu vertrauen – sich selbst, anderen Menschen, Gott – zerrüttet worden. Sie mussten lernen, sich nur auf sich selbst zu verlassen, weil niemand da war, auf den Verlass gewesen wäre. Einem guten Gott zu vertrauen, seine bergende Nähe zu erleben ist ihnen oft nicht möglich oder fällt ihnen schwer. Diese Schwierigkeiten sind nicht selbst-verschuldet, sie sind eine Folge der Gewalt. „In der Not kann ich mich weder Gott noch einem anderen Menschen anvertrauen. Mit meinem Glauben an Gott ist es nicht weit her. Meine Fähigkeit, Gott zu vertrauen, ist kaum vorhanden. Und trotzdem will ich dieses Rest-Vertrauen nicht aufgeben.“ Viele Opfer erleben ihre Glaubensfähigkeit als defizitär. Hilfreich ist ihnen, wenn sie aufmerksame MitchristInnen erleben, die sie etwas von der Güte Gottes ahnen und erfahren lassen. Die Begegnung mit solchen MitchristInnen kann ihr Vertrauen in sich selbst und in andere Menschen stärken und ihren Glauben an einen guten Gott aufbauen helfen.

Sie wollen nicht als defizitär Glaubende angesehen werden, wenn sie nicht vergeben können

Zum Zentrum des Christentums gehört die Bereitschaft, den Feinden zu verzeihen und sich mit ihnen zu versöhnen. Die Versöhnung scheitert in der Regel daran, dass die Täter sich meist keiner Schuld bewusst sind. Viele Missbrauchsopfer möchten gerne dem Täter verzeihen – und können es nicht. Zu sehr wurde ihr Leben beeinträchtigt, zu schwer sind die anhaltenden Folgen der Gewalt zu ertragen. Nicht wenige Opfer brauchen lange Zeit, bis sie sich selbst verzeihen können, zum Opfer geworden zu sein. Ein Opfer sagt: „Und dann wird mir im Gottesdienst noch Jesus vor Augen gestellt, der doch seinen Mördern verziehen habe. Das stimmt zwar nicht, denn Jesus hat seinem Vater im Himmel die Vergebung anvertraut – aber es wird immer wieder so kolportiert. Und wenn ich das Vater unser so verstehe, wie es meist verstanden wird, dann scheint Gott einer zu sein, der mir nur in dem Maß vergibt, wie ich vergebe. Was ist das für ein Gott, der meinen Missbrauch zugelassen hat – und mich jetzt von jeglicher Vergebung auszuschließen scheint, weil ich nicht vergeben kann?“ Für die christliche Gemeinde kann es wichtig sein zu erkennen, dass das Opfer mit seiner Nicht-Vergebung des Verbrechens an die Mitmenschen appelliert, auch diese Not mit ihm auszuhalten. Zugleich liegt darin das Pochen auf Gerechtigkeit – und Gerechtigkeit ist ein ureigenes Anliegen Jesu: Gott ist barmherzig – aber er ist auch gerecht (vgl. Lk 18,1-8). Zur Gerechtigkeit gehört, dass die anhaltend schmerzenden Wunden, die durch das Verbrechen verursacht wurden, gesehen werden, um Kraft für den Widerstand gegen das alltägliche Verbrechen des Kindesmissbrauchs zu finden.

Sie wollen keinen Gott, der einen Menschen opfert

Ein Opfer sagt: „Ich warte darauf, dass die Liturgie von missverständlichen Opfervorstellungen bereinigt wird“ und formuliert damit die Not vieler Christen. Landläufig nämlich wird im Gefolge von Anselm von Canterbury der Tod Jesu als Wille des himmlischen Vaters gedeutet: Gott wollte den Opfertod seines Sohnes, um sich wieder mit den Menschen zu versöhnen. Gott erscheint als einer, der bedenkenlos sein Kind opfert und damit Kindesopfer legitimiert. Nicht nur für Missbrauchsopfer ist diese Vorstellung von Gott verheerend. Die christliche Gemeinde kann einüben zu sehen, dass es nicht Gott war sondern die Gewalttätigkeit von Menschen, die Jesus zum unschuldigen Opfer machte. Sie kann erkennen lernen, dass ihre Solidarität dem Opfer Jesus ebenso gilt wie anderen Menschen, die zum Opfer gemacht wurden. Sie kann sehen lernen, dass Jesus nicht nur das Böse getragen hat, das Menschen anrichten, sondern auch all die Schrecken und den Schmerz der Menschen, die das Böse erleiden.

Sie wollen, dass auch die bittere Realität von Familien vorkommt

Missbrauchsopfer haben oft das Gefühl, selbst mit einem Makel behaftet zu sein, weil sie in einer unheilen Familie aufgewachsen sind. Sie haben eine Herkunftsfamilie, in der der Missbrauch geschah, die ihn nicht wahrhaben will, die dem erwachsenen Kind nicht glaubt und es verstößt, wenn es die Wahrheit sagt. „Kirche transportiert oft ein romantisierendes Familienbild. Familie wird herangezogen als Sinnbild von Sicherheit, Vertrauen, Fürsorge etc. Ich kenne Familie ganz anders und fühle mich sehr verloren, wenn an Weihnachten von der Heiligen, der Heilen Familie geredet wird – als gäbe es keine Familie, in der die Gewalt das Sagen hat." Hilfreich wäre für diese Menschen, wenn die christliche Gemeinde zu erkennen gibt, dass sie um das Leid so vieler Kinder in ihren Familien weiß. Hilfreich wäre auch, wenn die christliche Gemeinde sich diesen Menschen als „Bruder und Schwester und Mutter“ (Mt 12,46-50) erwiese.

Sie wollen, dass ihr Leid zur Sprache kommt

Missbrauchsopfer reagieren auf die Gewalt, indem sie oft jahrzehntelang die Schuld an dem Verbrechen bei sich selbst suchen. Sie übernehmen als Schuldgefühl, was der Täter als seine Schuld in der Regel nicht übernimmt. „Gleich zu Anfang des Gottesdienstes soll ich erst mal bekennen, dass ich schuldig bin. Es hat lange gedauert, bis ich überhaupt sehen konnte, dass ich unschuldig an der Gewalt bin – und ansonsten ein Mensch mit Fehlern wie andere auch. Ich wünsche mir, dass nicht nur von der Schuld der Menschen die Rede ist, sondern auch vom Leid derer, die unter der Schuld eines anderen leiden“, sagen Missbrauchsopfer. Viele (ungekürzte) Psalmen können Missbrauchsopfern eine Sprache für ihr Leid geben und zugleich für alle Beter und Beterinnen eine Schule der Aufmerksamkeit für das Leid von Menschen auch bei uns sein.

Opfersensibilität im Alltag

Opfersensible Gottesdienste in einer opferfeindlichen oder –abgewandten Gemeinde geben ein Versprechen, das dann im Alltag nicht eingelöst wird. Daher ist die Umkehr der Gemeindemitglieder zu den Opfern unerlässlich. Sie zeigt sich in der Bereitschaft, das Erleben von Gewaltopfern überhaupt kennenlernen zu wollen. Sie wird sichtbar, wenn die Perspektive der Opfer in das alltägliche Sprechen und Tun der Gemeinde einbezogen wird. Wer diese Perspektive im Blick hat, folgt der Blickrichtung Jesu, der sich den Kleinsten und Verachteten auf Augenhöhe zuwandte.
7/2016
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