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Was sich in der Kirche ändern muss - eine Perspektive von Missbrauchsopfern


Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf. Mk 6,37


Im Umgang der katholischen Kirche mit kirchlichen Missbrauchsopfern hat sich seit 2010 – dem sogenannten „Krisenjahr“ der katholischen Kirche in Deutschland – Hilfreiches für kirchliche Missbrauchsopfer getan. Manche Missbrauchsfälle wurden aufgeklärt. Kirchlichen Opfern wurde psychotherapeutische und juristische Hilfe angeboten, sie konnten Geld „in Anerkennung des Leids“ erhalten. Präventionsmaßnahmen wurden eingeleitet, MitarbeiterInnen geschult, Führungszeugnisse verlangt. In einigen Bistümern haben SeelsorgerInnen begonnen, sich mit den spezifischen Bedürfnissen Traumatisierter in der Seelsorge vertraut zu machen.


        1. Welche Erfahrungen machen Missbrauchsopfer in der Kirche?

Warum haben Missbrauchsopfer dennoch oft den Eindruck, nicht gesehen, nicht gehört, nicht verstanden zu werden und – vor allem – nicht dazuzugehören?

Im Folgenden zitiere ich Frauen, die als Kinder oder Jugendliche sexuellen Missbrauch erlitten haben. Solche Aussagen begegnen mir in der Arbeit mit Betroffenen so oder so ähnlich immer wieder. Sie berichten von einigen ihrer Erfahrungen mit ihrer Kirche und zeigen, wie sich Kirche verändern muss, wenn Christen und ihre Amtsträger Missbrauchsopfer nicht verfehlen wollen.
 

        a. Missbrauchsopfer erfahren, dass sie nicht dazu gehören

„Ich wünsche mir eine Gemeinde, deren Mitgliedern bewusst ist, dass Missbrauchs-Opfer mitten drin sind, und die ihr Sprechen und Tun reflektieren und so gestalten, dass Missbrauchs-Opfer nicht verletzt, sondern ermutigt werden. In dieser Gemeinde dürfen Opfer nicht als ‚die da draußen, in der fernen Welt, die Anderen‘ angesehen werden, sondern als diejenigen, denen das Evangelium ganz besonders gilt. Das würde ich gerne erleben.“ (N.N., Missbrauchsüberlebende)

In einem kirchlichen Aufklärungsfilm, den auch die Deutsche Bischofskonferenz anbietet, heißt es: „Prävention von sexualisierter Gewalt. Ein Thema, das Beklemmungen auslöst, das in jedem Fall verwirrt. Allein schon die vielen verschiedenen Begriffe. Dann die verschiedenen Beteiligten. Opfer und Täter. Täter, die vielleicht Opfer sind. Und Opfer, die zu Tätern werden können, und mittendrin wir"1. Der Aufklärungsfilm gibt genau die Erfahrung vieler Missbrauchsopfer auch in ihren Gemeinden wieder: Sie gehören nicht zum „wir“ der Kirche dazu – als gäbe es in christlichen Familien keinen sexuellen Kindesmissbrauch. Und sie müssen damit rechnen, als künftige Täter diskriminiert zu werden.

Eine der schmerzlichsten Folgen von sexuellem Kindesmissbrauch ist das Gefühl, aus der Welt herausgefallen zu sein, nirgends mehr dazuzugehören, jegliche Beheimatung in der Welt verloren zu haben. Die Gewalt hat die Bindungen an Familie und Freunde zersetzt, Selbstbild und Vertrauen zerstört, sinngebende Werte – auch den Glauben an Gott – untergraben. Missbrauchsopfer suchen immer neu nach Sinn und Solidarität – auch in der Kirche. Einer Kirche jedoch, die ihnen die Zugehörigkeit verweigert und in ihnen künftige Täter sieht, werden sie kaum Vertrauen entgegenbringen können.

        b. Missbrauchsopfer erfahren sich als nicht-wahrgenommen von ihrer Kirche

Ich habe mal nach Seelsorge für Missbrauchsopfer gesucht. Gefunden habe ich Angebote von Bauernnotruf bis Zirkusseelsorge. Für Missbrauchsopfer gab es auch Angebote – aber nur für kirchliche Opfer. Und auch für die gab es nur therapeutische und juristische Angebote. Ich als Opfer familiärer sexueller Gewalt war nicht vorgesehen. (N.N., Überlebende familiären Missbrauchs)

Die Verantwortlichen in der Kirche richten ihren Blick bevorzugt auf Priester und Ordenspriester, die Kinder und Jugendliche sexuell missbrauchten. Und sie schauen auf deren Opfer. Dabei zeigte sich, dass überwiegend Jungen Opfer wurden – sie waren Messdiener zu einer Zeit, als Mädchen dieser Dienst nicht erlaubt war, oder sie lebten in einem von Priestern geleiteten Jungen-Internat. Jungen und Mädchen, die in ihren – auch christlichen – Familien, im Nahbereich oder in nicht-kirchlichen Institutionen sexuell missbraucht wurden, werden nur als dunkle Hintergrundfolie für die unbewiesene Aussage gebraucht, dass sexueller Missbrauch durch Kleriker ja viel seltener sei als sexuelle Gewalt in Familien. Das Leben und Leiden derer, die in ihren Familien, im Nahbereich und in nicht-kirchlichen Institutionen Opfer wurden und von keiner Prävention mehr erreicht werden, weil ihre Opferung unwiderruflich geschehen ist, findet noch immer kaum Interesse.
 

        c. Missbrauchsopfer erleben, dass sie nicht der Rede wert sind

„Der Gemeindepfarrer ist ein Ordenspriester, zu dessen Ordensniederlassung ein inzwischen verstorbener Mitbruder gehört, der mehrere Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht hat. Ich fragte ihn, ob er in einem Gottesdienst das Leben von Missbrauchsopfern zum Thema machen könne. Er beriet sich mit Gemeindemitgliedern und meinte dann, ein solches Thema sei den ‚normalen‘ Gottesdienstbesuchern nicht zuzumuten; es betreffe ja sowieso nur 5 Prozent der Gottesdienstbesucher, mit dem Leben der 95 Prozent anderen habe es nichts zu tun, die seien weder Täter noch Opfer. Im Übrigen seien die Gemeindemitglieder seit Jahren durch die Presse informiert, sie könnten das Thema einfach nicht mehr hören. Und wenn er als Pfarrer plötzlich von Missbrauch spreche, würden die Gottesdienstbesucher denken, er selbst sei ein Täter. Außerdem möge ich daran denken, dass mit dem Tod des Täters auch seine Taten beerdigt seien.“ (N.N., Missbrauchsüberlebende)

Die Reaktion dieser Gemeindemitglieder und ihres Pfarrers gibt wieder, was viele Missbrauchsopfer allerorten zu hören bekommen: Ihr seid eine zu vernachlässigende Minderheit2. Dürften leidende Menschen in unseren Gemeinden und Gottesdiensten nur dann der Rede wert sein, wenn ihre Zahl eine bestimmte Größe überschreitet und ihr Leid überdies eine überwältigende Mehrheit der Gemeinde persönlich betrifft, so müsste wohl auf viele Fürbitten verzichtet werden. Die Aussage, dass mit dem Tod des Täters seine Taten beerdigt seien, signalisiert Missbrauchsopfern, dass sie nach dem Tod eines Missbrauchstäters über das Erlittene und über die oft lebenslänglichen Folgen zu schweigen haben.

Wer so denkt und handelt wie diese Gemeinde, übersieht, dass Christen sich auf Jesus von Nazareth, ein Opfer von Menschengewalt, berufen. Sein Leben und Sterben zeigte, dass Gott selbst um das Leid von Menschen weiß und an der Seite der Opfer steht. Missbrauchsopfer dürfen also erwarten können, dass auch ihr Leben und ihr Leiden in der christlichen Gemeinde der Rede und der Com-Passion wert sind.
 

        2. Was sollte sich in der Kirche Jesu Christi ändern?

 

        a. Die Bibel aus der Perspektive der Opfer lesen lernen

Die Bibel beginnt nach der Paradieserzählung mit einem Brudermord. Sie berichtet durchgängig von Unterdrückung, Unrecht und Ausbeutung der Schwachen. Sie ermutigt die Ausgebeuteten, zu klagen und nach Hilfe und Gerechtigkeit zu schreien. Ihre Sprache ist drastisch, derb und unzivilisiert, bar jeder Höflichkeit. Daher wird heute die Beschäftigung mit biblischen Gewalt-Texten oft vermieden und umgangen. Dahinter steht die Sorge, dass die Bibel wahrgenommen werde als eine Heilige Schrift, die zu Gewalt auffordere, sie verursache und legitimiere.

Tatsächlich jedoch decken biblische Gewalttexte die Gewalttaten von Menschen auf – sie verschweigen sie nicht. Sie geben denen eine Stimme, deren Schrei nach Gerechtigkeit und menschlicher Solidarität ungehört bleibt. Sie rufen Gott an als denjenigen, der alleine noch helfen und „Vergeltung“, d.h. Gerechtigkeit, üben kann. Bis heute können auch Missbrauchsopfer sich und ihre Geschichte in solchen biblischen Texten wiederfinden.

Die Kirche – sowohl die Christen in den Gemeinden als auch ihre Amtsträger – sollte lernen, die Bibel aus der Perspektive der Opfer zu lesen. Dazu gehören die Traditionen der Gerechtigkeit im Alten und Neuen Testament, die Widerstand gegen Gewalt und Unrecht lehren.

Wir brauchen eine biblisch grundgelegte spirituelle Erneuerung aller, die zum „Leib Christi“ gehören. Sie kann helfen, die Berührungsängste mit Opfern von Gewalt ebenso zu überwinden wie die Berührungsängste mit jenen Texten der Bibel, die von Gewalt erzählen und den Opfern die Klage über ihr Leid ermöglichen. Ohne die biblischen Visionen von Gerechtigkeit für die Opfer, erfahren (nicht nur!) Missbrauchsopfer ihre Kirche als abgehoben, lebensfern und seltsam kalt und unberührbar.

        b. Sich über Traumatisierung durch Menschengewalt und ihre Folgen für die Opfer informieren

In Deutschland wissen noch immer viele Menschen wenig von Traumatisierung durch Menschengewalt und ihre Folgen. Das verwundert, weil die Medien seit 2010 darüber informieren und immer wieder Opfer zu Wort kommen lassen. Noch immer ist vielen Menschen nichts von der Isolation und der anhaltenden Einsamkeit von Opfern bekannt. Von der Not des Schweigen-Müssens, von der Beschädigung oder Zerstörung des Grundvertrauens durch Menschengewalt bleiben sie unberührt. Sie erschrecken nicht einmal, wenn sie von Missbrauchsopfern hören, die das Leben nicht mehr ertragen und sich umgebracht haben.

Dieses Desinteresse am Leben von Gewaltbetroffenen teilen auch viele Christen, kirchliche Amtsträger nicht ausgenommen. Wer nichts über das oft anhaltende Leid von Missbrauchsopfern wissen will, tut ihnen Unrecht. Manches Unverständnis könnte verändert, viele bis heute virulente Opferbeschuldigungen könnten vermieden werden, wenn nicht nur über Opfer, sondern mit ihnen gesprochen würde. Dann könnte endlich auch die Frage auftauchen, auf die so viele Opfer warten: „Was willst du, dass ich dir tun soll? Was brauchst du?“ Wer den Opfern zuhört, muss nicht immer schon besser als die Betroffenen wissen, was diese brauchen – und verfehlt sie nicht.

        c. Nicht die Institution schützen, sondern die Menschen

Der Evangelist Markus berichtet von einem Gespräch der Jünger über die Frage, wer von ihnen der Größte sei. Jesus beantwortet die Machtfrage der Jünger nicht zufällig damit, dass er ein Kind in die Mitte der Jünger stellt und sich selbst mit diesem Kind identifiziert: „Wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf“ (Mk 9, 33-37). An diesem Maßstab muss sich die gesamte Kirche messen lassen. Das Ansehen der Kirche in der Öffentlichkeit ist für die Nachfolge Jesu unerheblich. An Imagefragen war Jesus nicht interessiert. Ihm ging es um umfassendes Heil von Menschen. Zum Heil gehört auch die körperliche, seelische, sexuelle und spirituelle Unversehrtheit. Jesus fragte auch nicht danach, ob jemand aus seinem engeren Kreis am Unheil von Menschen schuldhaft beteiligt war und er daher „zuständig“ sei. Er wusste sich ohne Ausnahme verantwortlich für alle, die mit ihrem Leid vor ihm standen. Daher darf auch der Blick der Kirche nicht eingeengt werden auf die Opfer der eigenen Pastoral. Er ist zu weiten auf alle Menschen, die unter die Räuber gefallen sind.

Wer sich Ausgegrenzten und Ausgebeuteten und unter ihnen auch Opfern von Kindesmissbrauch uneigennützig und ohne Sorge um das Ansehen der Institution zuwendet, wird sich nicht mehr um die Glaubwürdigkeit der Institution kümmern müssen.
 

        d. Das Kirchen- und das Priesterbild korrigieren

Überprüft werden muss das herrschende Kirchenbild. Die Kirche ist nicht identisch mit dem Reich Gottes – sie ist pilgerndes Gottesvolk auf dem Weg zum Reich Gottes. Der Kirche gehören nicht nur einzelne Sünder an, sie ist auch affiziert von den Sünden ihrer Mitglieder, also eine sündige Kirche, die ständiger Erneuerung bedarf. Ihre Strukturen können sexuelle Gewalt begünstigen und Menschen den Weg zu Gott erschweren oder ihn gar vollständig verhindern. Wer zwischen der „sancta ecclesia“ einerseits und Sündern, also auch kirchlichen Missbrauchstätern, andererseits unterscheidet, überhöht und sakralisiert die heutige, geschichtlich gewordene und daher auch änderbare Organisationsform der Kirche. Er kann den Anteil dieses Kirchenbildes an sexualisiertem Machtmissbrauch durch Priester und an dessen Vertuschung durch Bischöfe nicht erkennen.

Auch das Priesterbild gehört auf den Prüfstand. Wenn kirchliche Amtsträger von „Kirche“ sprechen, meinen sie oft die kirchliche und damit ausschließlich männliche Hierarchie. Sie setzen eine kirchliche Zweiklassen-Gesellschaft voraus – mit Macht ausgestattete Kleriker einerseits und Laien andererseits. Kleriker werden als unangreifbar und vertrauenswürdig dargestellt, ihnen wird Pastoralmacht zugestanden, sie handeln „in persona Christi“. Angesichts sexueller Gewalt durch Kleriker ist dieses Priesterbild unhaltbar geworden. Korrigiert werden muss auch das Kirchenrecht (Can 977 und Can 1378 CIC), das Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs durch Priester zu ‚Komplizen des Täters bei einem Verstoß gegen das sechste Gebot‘ macht. Es signalisiert, dass der Charakter von sexualisierter Gewalt als Missbrauch von Macht nicht verstanden wurde.

Auf ihrem Pilgerweg müssen die Christen und ihre Amtsträger – von Fachleuten und auch unter Schmerzen – lernen, welche Strukturen sie verändern müssen, wenn sie dem von Gott zugesagten Heil für alle Menschen dienen wollen. Zu den „Fachleuten“ gehören Missbrauchsopfer als Erfahrungsexperten ebenso wie unabhängige Aufklärer kirchlicher Missbrauchsfälle. Wenn Kirchenverantwortliche, die Täter schützten und Opfer im Stich ließen, zur Rechenschaft gezogen werden und erkennbare Konsequenzen folgen, ist dies ein Signal an kirchliche und außerkirchliche Missbrauchsopfer, dass die Kirche bedingungslos an der Seite der Opfer steht und gegen Unrecht – wo immer es geschieht – Widerstand leistet.
 

        3. Kirche hilft in Wort und Tat, dass auch Missbrauchsopfer Gottes Heil erfahren

Das Erschrecken darüber, dass von Christen, die Zeugen der Liebe Gottes sein sollen, und von Priestern, die Gottes Heil verkünden sollen, Zerstörung ausging (und ausgeht), müsste zu einer existentiellen Auseinandersetzung mit den Grundfesten des Glaubens und der Aufgabe der Kirche führen.

In den verschiedenen theologischen Disziplinen steht die Frage an, wie angesichts von ubiquitärem sexuellen Missbrauch in Gesellschaft und Kirche die Botschaft Jesu auch für Überlebende sexualisierter Gewalt befreiend vermittelt werden kann und wie der Glaube an die Auferstehung mitten in einem vom Tod bedrohten Leben so gestärkt werden kann, dass auch Opfer sexualisierter Gewalt Hoffnung und Heil erleben können.

Papst Franziskus schreibt in Evangelii Gaudium, ihm sei eine „verbeulte“ Kirche lieber als eine Kirche, die darum besorgt ist, der Mittelpunkt zu sein. Er formuliert: „Wenn uns etwas in heilige Sorge versetzen und unser Gewissen beunruhigen soll, dann ist es die Tatsache, dass so viele unserer Brüder und Schwestern ohne die Kraft, das Licht und den Trost der Freundschaft mit Jesus Christus leben, ohne eine Glaubensgemeinschaft, die sie aufnimmt, ohne einen Horizont von Sinn und Leben.“

Darum geht es auch für Opfer von sexuellem Kindesmissbrauch, die im christlichen Glauben Sinn und Halt suchen: dass sie zu einer Gemeinschaft gehören dürfen, die ihnen in Wort und Tat von Jesus Christus erzählt. Sie können – und wollen – dann ihrerseits Zeugen sein dafür, dass sie Heil erfahren mitten in einem durch Gewalt schwer gemachten Leben.


1 http://www.praevention-kirche.de/startseite/, Abruf am 2.8.2017; mein Protest blieb ungehört.

2 Neueste Untersuchungen sprechen davon, dass 13,9 Prozent der Bevölkerung – also jeder Siebte – sexuellen Kindesmissbrauch erlebt.

Der Text wurde für die November-Ausgabe 2017 des "Hirschberg. Zeitschrift des ND, Hrsg. ND-KMF e.V., Köln" geschrieben.
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