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In Vielem kann ich diesem Artikel zustimmen, zugleich lässt er mich irritiert und ratlos zurück. Am Ende frage ich mich, ob bei der Sicht, die der Autor vorlegt, die Anliegen von Missbrauchsopfern durch Priester/Kleriker gut aufgehoben sind. Ich begründe.
  • Die Irritation beginnt mit der Überschrift (167). Das Psalmzitat führt mich als Leserin zur Erwartung, dass es um die Spiritualität der Menschen geht, die durch sexuelle Gewalt von Priestern verletzt wurden. Diese Erwartung wird jedoch enttäuscht. Im Zentrum des Textes steht der Umgang der kirchlich Verantwortlichen mit dem Aufdecken sexualisierter Gewalt in der Kirche. Wieder einmal geht es also um "die Kirche".

  • Der zitierte Psalm 22 ist das Gebet Jesu am Kreuz. Unschuldig Verfolgte haben auf diesen Psalm zurückgegriffen, wenn die Not groß war. Dass die Not der verantwortlichen Bischöfe, Personalreferenten, Generalvikare, die durch die Aufdeckung der sexualisierten Gewalt von Priestern/Ordensmännern verursacht ist, groß ist, ist unbestritten. Sie haben - vermutlich mit wenigen Ausnahmen - weltweit Missbrauchsfälle vertuscht, Täter geschützt und Opfer alleine gelassen. Von ihrer Unschuld kann also keine Rede sein. Dürfen sie diesen Psalm für sich in Anspruch nehmen?
  • Wenn ich den Text darauf anschaue, wer denn mit "Kirche" gemeint ist, stelle ich ernüchtert fest, dass es nicht die Missbrauchsopfer sind. Erhellend ist dabei der letzte Abschnitt mit der Überschrift "Wir gemeinsam: Anfragen und Aufgaben" (174-175). Unter dem "WIR" - das ja Zugehörigkeit ausdrückt - werden zunächst pastorale Mitarbeiter und zwei Päpste benannt. Dann geht es um kirchliche Strukturen, Weisungshierarchien, Priestertum und die Ausbildung der Priester. Aber es werden auch Kirchenverantwortliche und 'einfache Christen' erwähnt. Kirchenverantwortliche und 'einfache Christen' sollen die Aufgabe der Umkehr und des Schuldbekenntnisses erfüllen. Wenn Umkehr und Schuldbekenntnis im Blick sind, sind wohl kaum die Opfer gemeint. Deutlicher wird noch, dass es nicht um die Betroffenen geht, wenn der Autor die Frage formuliert, was Gott seiner Kirche sagen will durch die Skandale und Krisen dieser Zeit: "Offensichtlich doch dies, dass sie in der Wirklichkeit ankommen sollen, dass ihnen das unsägliche Leid der Opfer und unsere Verstrickung in die Wirkkraft des Bösen bewusst werden sollen." Den Opfern und Überlebenden muss die Wirkkraft des Bösen - die erlittene Gewalt und ihre andauernden Folgen - nicht bewusst werden, denn sie erleiden sie. Sie können also auch hier nicht mit dem Begriff "Kirche" gemeint sein. Sind Missbrauchsopfer von Klerikern also nicht Kirche? Gehören sie also nicht zur Kirche und zu den Christen? Sind sie noch immer "die Anderen, die da draußen"?
  • Diesem Verdacht scheint zu widersprechen, wenn der Autor berichtet, dass das Glaubenszeugnis der Opfer denen, die ihnen zuhören, hilft, den Sinn von Passion, Tod und Auferstehung zu verstehen und dass die Betroffenen der Kirche zur Selbstreinigung verhelfen (175). So richtig diese Aufgabe benannt ist, so werden Opfer aber auch hier nicht als ganze Menschen in ihrem Leben und in ihrer Spiritualität gesehen. Gesehen wird lediglich, wozu sie "der Kirche" dienlich und nützlich sein können. Sie werden wieder einmal instrumentalisiert  - für Missbrauchsüberlebende ein allzu bekanntes Gefühl.
  • Der Autor schreibt: "Es geht um Sex und Gewalt" (168). Nun ist bekannt, dass es bei sexualisierter Gewalt um Gewalt geht, die sich sexualisiert äußert. Es geht nicht um Sexualität.
  • Die Aussage des Textes "Betroffene schildern oft, dass sie es waren - und nicht der Priester -, die sich schlecht und schmutzig fühlten, wenn es zu einem sexuellen Kontakt gekommen war" (171), ist höchst fragwürdig. Zunächst ist die Schuldübernahme des Opfers traumaspezifisch, nicht spezifisch für Missbrauch durch Kleriker. Richtig ist, dass die Schuldübernahme des Opfers im Fall von Priester-Tätern vermutlich gravierender sein kann als bei sexueller Gewalt durch andere Menschen. Wenn der Autor jedoch sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche (und andere schutzbedürftige Menschen) als "sexuellen Kontakt" bezeichnet, unterschlägt er die Gewalt, macht die Täter unsichtbar und insinuiert eine Zustimmung des Opfers.
  • Der Verdacht, dass der Text wieder einmal die Opfer beschuldigt, wird bestätigt, wenn von der "absolutio complicis" gesprochen wird und sie - kirchenrechtlich korrekt - erklärt wird als "die Absolution eines Mitschuldigen bei einem Verstoß gegen das 6. Gebot" (173). Das Kirchenrecht ordnet sexuelle Gewalt dem 6. Gebot zu. Missbrauchsopfer von Priestern erfahren also - vom Autor kritiklos zitiert -, dass sie noch immer als mitschuldig angesehen werden. Das ist für Opfer ein verheerendes Signal. Angemessen wäre, sexuellen Missbrauch dem 5. Gebot (Du sollst nicht morden) zuzuordnen und eine Änderung des Kirchenrechts vorzunehmen.
  • Der Text schaut auch auf die priesterliche Rolle und weist Priestern eine "Mittlerfunktion" zwischen Gott und Menschen (169) zu. Er spricht davon, dass das Evangelium vom Priester Armut, Keuschheit und Gehorsam fordere. Nun kennen weder die vier Evangelien noch andere neutestamentliche Texte ein Priestertum. Das hat sich erst im Laufe der Zeit entwickelt bis hin zum heutigen Verständnis. Dem Neuen Testament jedenfalls ist zu entnehmen, dass es nur einen Mittler zwischen Gott und den Menschen gibt: Christus (1 Tim 2,5). Zu lesen ist daher im Neuen Testament auch keine Forderung nach Armut, Keuschheit und Gehorsam für Priester. - M.E. müsste das gesamte heutige Verständnis des Priesteramtes befragt werden. Dazu gehört gerade auch die unselige Aufteilung/Spaltung des Gottesvolkes in Laien und Kleriker und die exklusive Männlichkeit des heutigen Priesteramtes. Geklärt werden müsste die Priestern zugeschriebene "Mittlerfunktion" - nicht zuletzt diese war eine Ursache dafür, dass Priester-Täter sich für berechtigt hielten, Kinder und Jugendliche mit sexualisierter Gewalt zu überziehen und dass Opfer auch angesichts dieser kirchenamtlich geförderten Sicht der Unantastbarkeit von Priestern ("Wer in seiner Kindheit und Jugend sowie als Priesterkandidat gelernt und gesehen hat, dass ein Priester unantastbar sei...") verstummten.
Fazit:
Dem Artikel muss ich entnehmen, dass Missbrauchsopfer von Klerikern noch immer nicht "dazugehören" - die Gefühle der Nichtzugehörigkeit und des Benutzt-Werdens, die durch die Gewalt verursacht wurden, gehören zu den am schwersten erträglichen Gewaltfolgen. Auch die Sicht, dass Missbrauchsopfer die als "sexuellen Kontakt"  verharmloste sexuelle Gewalt doch selbst gewollt hätten und Mitschuldige seien, ist diesen leidvoll vertraut. Dass diese Sicht auf Missbrauchsopfer von Klerikern durch ein Mitglied der Päpstlichen Kinderschutzkommission, der zugleich Vorsitzender des Kinderschutzzentrums der Gregoriana und Konsultor der Kleruskongregation ist, geteilt und wiederholt wird, lässt kein Vertrauen aufkommen.
Der Artikel benennt ganz richtig, dass die Kirchenleitungen bislang von kirchenpolitischen, kirchenrechtlichen und psychologischen Perspektiven sprechen, spirituelle und theologische Aspekte aber noch nicht in den Blick nehmen (168). Auch ich halte das theologische Nachdenken über den kirchenamtlichen Umgang mit Missbrauch für notwendig.
Wenn es jedoch - wie Kirchenverantwortliche nicht müde werden zu betonen - zuerst um die Opfer von Klerikern gehen soll, dann genügt es nicht, spirituelle Verletzungen der Opfer nur pauschal (167) zu benennnen. Dann müssen die Opfer nach ihrem Erleben der Gewalt, den spirtuellen Folgen und nach dem gefragt werden, was sie von ihrer Kirche und ihren Mitchristen brauchen, um die spirituellen Verletzungen durch sexualisierte Gewalt abzuschwächen.
Darüber hinaus wünsche ich mir, dass der Blick der Kirchenverantwortlichen sich über die Missbrauchsopfer von Klerikern hinaus weitet auf die Menschen und MitchristInnen, die außerhalb der Kirche sexuelle Gewalt erlebt haben.


Erika Kerstner
5.6.2017

Professor Zollner SJ ist Theologe und Psychologe, akademischer Vizerektor der Gregoriana, Vorsitzender des Kinderschutzzentrums der Gregoriana, Mitglied der Päpstlichen Kinderschutzkommission und seit 2017 Konsultor der Kleruskongregation.
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