3.Missbrauch

Verwirrende Aufklärung: Vom Umgang mit der Sprache und der Wahrheit
Was am Riekofener/Regensburger Missbrauchsfall zu sehen ist
12.10.2007

Am Beispiel des Riekofener Missbrauchsfalles im Bistum Regensburg ist zu sehen, wie dort mit der Wahrheit umgegangen wird und wie Sprache ihre ursprüngliche Bedeutung - Künderin von Wahrheit zu sein - sukzessive verliert. Hier dient die Sprache dazu,  die Wirklichkeit zu vernebeln, statt sie aufzuklären.

Eine Sprache, die vernebelt, schickt Opfer von Gewalt im Nahbereich schnurstracks in deren Vergangenheit. Auch dort bedeuteten die Worte nicht das, was sie auszudrücken schienen. Gewalt wurde bezeichnet als legitim, als normal, als notwendige (sexuelle) Aufklärung, als Schutz vor 'fremden Männern', kurz: als etwas Gutes. Die Kinder spürten Ekel, Angst, Elend, Schuld, Scham. Aber sie hatten für Ekel, Angst, Elend, Schuld und Scham keine Sprache, denn alle Worte waren bereits okkupiert im Interesse von Tätern.

Wenn Kirche, die sich auf den Umgang mit der Wahrheit spezialisiert hat, Sprache missbräuchlich, d.h. vernebelnd verwendet, dann verspielt sie das einzige Kapital, das ihr in der Verkündigung des Evangeliums Jesu Christi zur Verfügung steht: Ihre Glaubwürdigkeit.

Die Vernebelung der Bedeutung von Wörtern, ihre Unkenntlichmachung, ihre Umkehrung ins Gegenteil ist eine übliche Täterstrategie. Bedient Kirche sich dieser Strategie, arbeitet sie den Tätern in die Hand. Genau das geschah - und geschieht zum Zeitpunkt dieses Schreibens noch immer - im Riekofener Missbrauchsfall und im regensburgisch-kirchlichen Umgang damit. Dies sei nachfolgend begründet.

Und vorab möchte ich bereits darauf hinweisen, dass Bistum und Presse über unterschiedlichste Personen und Zuständigkeiten sprachen und schrieben. Auf der Bühne der Öffentlichkeit traten ein Bischof, ein Pressesprecher, ein Personalbeauftragter des Bistums, ein Generalvikar, ein Sprecher des Priesterrates, eine Bischofskonferenz, ein Kardinal, ein vorsichtig widersprechender Bischof, ein Sachverständiger für pädophile Priester, ein Therapeut, ein vom Gericht bestellter Gutachter und der Täter auf.  Nur EIN Mensch geriet dabei völlig aus dem Blick. Ein kleiner Junge, Ministrant in einer katholischen Kirchengemeinde, der von einem Priester missbraucht wurde. Er wird verschwinden gemacht in der Fülle der Diskussionen, Enthüllungen, Dementis, Zurückweisungen von Falschbehauptungen und wichtigen Personen. Die regelmäßige Wiederholung des Satzes "Die Sorge für die Opfer liegt uns dabei besonders am Herzen" kann nicht übersehen lassen, dass die Praxis diese gute Absicht längst widerlegt hat.

  • Der Bischof übergibt einem pädophilen Priester eine neue Pfarrei und sagt zugleich, die Leitlinien zum Umgang mit pädophilen Priestern wären eingehalten worden.1  Aber nur eine der beiden Aussagen kann wahr sein: Entweder wurden die Leitlinien eingehalten, die den Kontakt eines pädophilen kirchlichen Straftäters mit Kindern und Jugendlichen verbieten - oder sie wurden nicht eingehalten. Beides zugleich geht nicht. Möglich ist nur noch ein Fall: Die Leitlinien wurden eingehalten, weil sie ja gar nicht für diesen Fall zutrafen. Denn der inkriminierte Vorfall geschah 1999, 3 Jahre vor dem Inkrafttreten der Leitlinien. Und außerdem ist der Priester nach Ansicht seines Bischofs ja gar nicht pädophil. Auf einen nicht-pädophilen Priester können Leitlinien für pädophile Priester naturgemäß nicht angewandt werden. - Die Leserin bleibt verwirrt zurück und weiß nicht, was wahr ist.
Auch der Priesterrat 2 des Bistums Regensburg schloss sich dieser Sprachregelung an. Er versicherte dem Bischof seine Loyalität und Solidarität ebenso wie den betroffenen beiden Gemeinden und den mutmaßlichen Opfern.  Beides zugleich geht m.E. nicht.
  • Der Regensburger Bischof sagt im Pressegespräch, für ihn gäbe es da nur "Null-Toleranz". 3 Null-Toleranz bedeutet, dass ein einmal straffällig gewordener pädophiler Priester nie wieder mit Kindern/Jugendlichen in Kontakt kommen darf. Andernfalls bleibt das Risiko neuer Opfer - auch im Anschluss an eine erfolgreiche Therapie (s. auch Interview mit Professor Osterholzer 4). Dies Null-Toleranz-Politik wäre sowohl im Interesse von Kindern und Jugendlichen als auch im Interesse eines Pädophilen, der sich Jesus von Nazareth verbunden weiß. Papst Johannes Paul II. hatte im April 2004 den sexuellen Kindesmissbrauch als Verbrechen bezeichnet, das in der Kirche keinen Platz habe und "eine entsetzliche Sünde in den Augen Gottes"5 sei.   Wenn der Regensburger Bischof unter Null-Toleranz versteht, dass ein vorbestrafter Pädokrimineller weiterhin als Priester arbeiten darf, dann verliert der Begriff seine Bedeutung.
"Da haben wir dazugelernt",6 sagte am 13.6.2002 Kardinal Lehmann anlässlich der Inkraftsetzung der Leitlinien für den Umgang mit sexuellem Missbrauch durch Kleriker in den Diözesen Deutschlands. Damit unterstützte Lehmann die Forderung des Papstes, jeden Fall sofort nach Rom zu melden und so gar nicht erst die Gefahr aufkommen zu lassen, dass die "einzigen Leidtragenden die Opfer sind, die sich gegen ihre pädophilen Peiniger nicht wehren können".7 Offensichtlich haben nicht alle Verantwortlichen in den Diözesen in den vergangenen 5 Jahren dazugelernt und jedenfalls nicht das, was nötig wäre.
  • "Das Bischöfliche Ordinariat bedauert, dass der Vorfall bei den Betroffenen auch nach der langen Zeit noch nicht abschließend aufgearbeitet ist.. ." 8  So steht es in einer Stellungnahme des Bistums zu einem Pressebericht der PNP vom 26.7.2007. Zu diesem Zeitpunkt wurde erstmals öffentlich, dass Riekofen einen verurteilten Sexualstraftäter als Pfarrer bekommen hatte. Das Bistum gibt hier zu erkennen, dass die Opfer offensichtlich irgendwas falsch machen, weil doch schon so lange Zeit zwischen dem "Vorfall" und heute liegt und sie dennoch immer noch nicht den "Vorfall abschließend aufgearbeitet" haben. Wer immer diese Stellungnahme geschrieben hat - er zeigt, dass er von sexuellem Missbrauch einfach nichts verstanden hat und dass ihm auch die von der Päpstlichen Akademie für das Leben veröffentlichte Studie "Sexueller Missbrauch und die katholische Kirche" (2004) unbekannt sein muss. Entlarvend ist bereits das Wort "Vorfall", wenn es ein Verbrechen an einem Kind bezeichnen soll, das das Leben des Kindes vermutlich unwiderruflich prägen wird.
  • In der gleichen Stellungnahme heißt es: "Gleichzeitig kann festgestellt werden, dass im Blick auf den Geistlichen jede mögliche fachliche Kompetenz und Sachkunde eingeholt und bei der Entscheidung hinsichtlich seines Einsatzes im Bistum eingebracht wurde."9 In der Stellungnahme des Bistums Regensburg10 vom 6.10.2007 hieß es: "Vom Gericht wurde kein Gutachten ausgehändigt. Auch bei der telefonischen Rückfrage des Justiziars im Februar 2004 bzgl. des Wiedereinsatzes von Peter K. und evtl. Auflagen wurde nicht auf gerichtsinterne Gutachten verwiesen. Es widerspricht jeder Logik, zu verlangen, dass der Entscheidung des Ordinariats, Peter K. wieder in der Pfarrseelsorge einzusetzen im September 2004 gerichtsinterne Gutachten zu Grunde gelegt werden sollten, die nur dem Gericht vorlagen und dem Ordinariat für die Entscheidungsfindung nicht in Erinnerung gebracht wurden." Im Moment ist nicht wirklich zu erkennen, ob die Aussagen des Gerichtes wahr sind oder die Aussagen des Bistums. Eines jedoch ist klar erkennbar: Es mangelte sichtlich an der Sorgfalt des Bistums oder des Gerichtes oder beider im Umgang mit einem verurteilten pädophilen Priester - und mit seinem späteren Opfer. Das Bistum Regensburg weist noch nach der Verhaftung des Riekofener Priesters die Äußerungen des in Deutschland anerkannten Fachmannes für Pädophilie in der katholischen Kirche, Wunibald Müller, als unzutreffende Ferndiagnosen11 zurück. Es wäre klug gewesen, die Kompetenz und Sachkunde dieses Fachmannes zu nutzen, bevor die Entscheidung fiel, einen vorbestraften Pädophilen erneut in der Seelsorge einzusetzen.

  • Für Verwirrung sorgt die Verwendung des Wortes "Fachgutachten" durch den Bischof. Üblicherweise wird ein Fachgutachten dann so genannt, wenn eine kompetente Fachperson ein Gutachten abgibt, mit dem er oder sie vom Gericht beauftragt wurde. Ein Fachgutachter kann nicht der behandelnde Therapeut eines Klienten sein. Im Fall des Riekofener Straftäters war der Fachgutachter der Psychiater Dr. B. Ottermann. Er hatte in seinem Gutachten festgestellt, dass der Verurteilte eine pädophile Fixierung habe und keinesfalls mehr mit Kindern und Jugendlichen in Kontakt kommen dürfe. Im April 2000 war das Bistum "in groben Zügen" (was immer das heißt) über die Existenz dieses Gutachtens12 informiert worden. - Der Regensburger Bischof hingegen sagte, "ein gerichtlich angeordneter, keineswegs kirchlich bestellter Therapeut (habe) ein Fachgutachten"13 erstellt. An anderer Stelle berichtet das Bistum, dass "der Chefarzt und dessen klinische Abteilung ... 1999 unmittelbar nach dem Vorfall in Viechtach vom damaligen Personalreferenten für die stationäre Therapie von Peter K. bestimmt"14  worden sei. Wenn ich die Fülle an Halbinformationen richtig verstehe, dann hat das Gericht dem Straftäter als eine der Bewährungsauflagen auferlegt, die ambulante nervenärztliche Behandlung durch den kirchlich ausgesuchten Therapeuten fortzusetzen. Ab dem 1.7.2000 sollte dieser Therapeut im Abstand von 3 Monaten dem Gericht die Fortdauer der therapeutischen Maßnahmen vorlegen. Der behandelnde Therapeut war nicht als Gutachter vom Gericht eingesetzt worden. Er war auch nicht vom Gericht als Therapeut des Straftäters benannt worden. Das Gericht hatte lediglich die Fortsetzung der Therapie als Bewährungsauflage verlangt. Auf die Auswahl des Therapeuten hatte das Gericht keinen Einfluss genommen. Der Therapeut war vom damaligen Personalreferenten bestimmt worden. - Die fälschlich "Fachgutachten" genannte Stellungnahme des behandelnden Therapeuten legte dieser dem Bistum 2003 zum Abschluss der Therapie vor. Er bestätigte darin sich und seinem Klienten den erfolgreichen Abschluss der Therapie. Dem Straftäter bescheinigte er eine einmalige Regression und keine pädophile Fixierung.
  • Einige Vorgänge verwundern mich:
  • Ich wundere mich, dass ein Bistum die Entscheidung, einen als pädophil verurteilten Priester wieder in den Dienst einer Pfarrei zu stellen, von einem Telefonat abhängig macht, über das dann auch nur eine Aktennotiz des Anfragenden angefertigt wird. Wäre bei einer so schwerwiegenden Entscheidung nicht ein protokolliertes Gespräch zwischen der Justiz und dem Bistum angemessen gewesen? Jedenfalls hätten Missverständnisse und Unklarheiten vermieden werden können.
  • Unbegreiflich ist mir, dass die Bischofskollegen das Vorgehen ihres Regensburger Mitbruders nicht öffentlich und eindeutig kritisieren und ihn auffordern, die Verantwortung für einen solch ungeheuerlichen Vorgang zu übernehmen, der erneut (mindestens) einen Menschen, ein Kind, vermutlich lebenslänglich peinigen wird. Der Fuldaer Bischof hat die Andeutung einer Kritik geäußert 15 und auch der Vorsitzende der Bischofskonferenz hat - bei wohlwollender Interpretation seiner Äußerungen - indirekte Kritik geäußert. Mehr war nicht. Für die Opfer muss diese mitbrüderliche Zurückhaltung wie Hohn klingen.
  • Unbegreiflich ist mir auch, dass die Kollegen eines pädophil agierenden Priesters ihren Bischof nicht öffentlich auffordern, solche Straftäter unmissverständlich an der Fortsetzung ihres verbrecherischen Tuns zu hindern. Ein ganzer Berufsstand gerät in Misskredit, solange es ihm nicht gelingt, sich eindeutig von Verbrechern in den eigenen Reihen, die Kinder missbrauchen, zu distanzieren.
  • Der Bischof ließ für den pädophilen Priester von Riekofen das Gebot der Vergebung gelten. "Wenn Jesus auch den schlimmsten Sündern verziehen hat und nach menschlichem Ermessen auch bei N.N. [dessen Name der Bischof öffentlich preisgibt] wie bei jedem anderen Menschen, der auch mit Jugendlichen zusammenkommt, kein Übergriff auf Kinder mehr zu erwarten war, wie konnte man ihm eine zweite Chance versagen?"16 M.E. sagt Jesus zu einem solchen Tun etwas ganz anderes: "Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals im tiefen Meer versenkt würde." (Mt 18,6) In klarer Eindeutigkeit und bewehrt mit einer Strafe, die der Gottlosigkeit des Vergehens adäquat ist, stellt Jesus sich auf die Seite der Kleinen. DAS wäre auch von einem Bischof zu erwarten.
Der Bischof sagt: "Unabhängig von der notwendigen Strafverfolgung durch die Justiz, handelt es sich dabei um eine schwere Sünde gegen das sechste Gebot, die 'vom Reich Gottes jeden ausschließt' (1Korinther 6,9), wenn er nicht vorher Vergebung bei Gott erlangt."17 Der Bischof hat nicht verstanden, dass es hier nicht um eine einvernehmlich verabredete Sünde zweier Erwachsener gegen die Keuschheit geht, sondern um eine Sünde gegen das Leben eines Kindes. Dafür gilt das 5. Gebot: Du sollst nicht töten. Sexueller Missbrauch ist Mord an der Seele eines Kindes.
  • „Den Opfern gilt meine ganze Sorge“18 sagte Bischof Müller laut pnp. Und weiter: "Ich möchte jedoch auch auf diesem Weg mein tiefstes Bedauern und Mitgefühl ausdrücken gegenüber den seelisch verletzten Kindern und ihren Eltern. Wir versprechen ihnen jegliche erdenkliche Hilfe." 19 Und an anderer Stelle: "Wir haben bereits erklärt, dass wir den möglichen Opfern seelsorgerisch beistehen und ihnen therapeutische Hilfe anbieten wollen. Namen sind uns gegenwärtig auf Grund der laufenden Ermittlungen nicht bekannt. Wir können zum jetzigen Zeitpunkt nur unser tiefes Bedauern zum Ausdruck bringen." 20 Öffentlich bekannt ist, dass das letzte Opfer zu den Ministranten von Riekofen gehört. Dieser Personenkreis ist überschaubar. Ob es da nicht möglich ist, die Familien der in Frage kommenden Kinder um Kontaktaufnahme zu bitten? Und erfolgt dann keine Kontaktaufnahme, dann müsste sich das Bistum Gedanken über die Gründe machen. Ggf. ist die Beschädigung des Vertrauens irreparabel und die Opfer und ihre Familien schützen sich, indem sie sich der Kirche nicht zu erkennen geben. Ohne den Versuch des Bistums, mit den Betroffenen in Kontakt zu kommen, ist der Ausdruck tiefsten Bedauerns und Mitgefühls nur eine der Presse geschuldete Routine-Aussage, die keine weitere Bedeutung hat. - Unverständlich ist die Absage der Teilnahme des Regensburger Bischofs an der Ökumenischen Konferenz in Sibiu/Rumänien. Der Bischof begründete die Absage damit, dass er in seiner Diözese gebraucht werde. Da wäre anzunehmen, dass der Bischof sich auf den Weg nach Riekofen macht und dort mit den empörten und verwirrten Gemeindemitgliedern spricht. Gespräche des Bischofs mit den Menschen der Gemeinde wäre zugleich ein Signal an das Opfer und seine Familie, dass es dem Bischof ernst ist mit dem Angebot seelsorgerischen Beistands und der Sorge, die er sich um das Opfer macht. Dann jedoch ging die Nachricht durch die Presse, dass der Bischof von Regensburg nicht wie angekündigt den neuen Pfarrer von Riekofen G. D. in sein Amt einführen wird und bei dieser Gelegenheit das Gespräch mit den Menschen sucht.21 Wann das Gespräch des Bischofs mit der Gemeinde stattfinden wird, ist zur Stunde noch nicht bekannt.
  • "Ich möchte das Thema auch mit meinen Mitbrüdern in der bayerischen und deutschen Bischofskonferenz besprechen"22 hatte der Regensburger Bischof am 21.9.2007 gesagt, 3 Tage vor der Herbstkonferenz in Fulda. Nach Auskunft von Kardinal Lehmann wurde jedoch das Thema "Missbrauch in Riekofen" von keinem (!) der Bischöfe auf die Tagesordnung der DBK in Fulda am 24.-27.9.2007 gesetzt - auch auf mehrmalige Nachfrage des Vorsitzenden der Bischofskonferenz meldete niemand das Thema für die Tagesordnung an, auch nicht der Bischof von Regensburg. Wer dafür verantwortlich zeichnet, dass es dann doch noch Thema wurde, ist unbekannt. Das Signal an die Opfer ist verheerend: Der Umgang mit den Opfern schien also zunächst niemandem in der Bischofskonferenz der Rede wert - abgesehen vom Fuldaer Bischof.
  • "Die katholischen Bischöfe in Deutschland23 haben angekündigt, sexuellen Missbrauch durch Priester entschlossen aufdecken zu wollen. Sie würden sich diesem Problem "mit allen Kräften" stellen, sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, am Freitag in Fulda nach der Herbstvollversammlung der Bischöfe"  Zugleich lehnte er ein Eingreifen der Bischofskonferenz in den aktuellen Fall ab.24 Da fragt sich die Leserin, was die Aussage von der Entschlossenheit mit allen Kräften bedeutet, wenn weder die Bischofskonferenz noch andere Bischöfe und auch nicht der Vorsitzende der Bischofskonferenz eine entsprechende Befugnis zum Eingreifen überhaupt haben.
  • In der Aussprache habe sich gezeigt, "wie differenziert, verletzlich und anfällig dieser gesamte Bereich ist",25 sagte der Vorsitzende der Bischofskonferenz. Und: "Wir bitten deshalb alle an diesen Vorgängen Interessierten, besonders die Medien, bei allem berechtigten Interesse zur Offenlegung von Vergehen, mit der notwendigen Sensibilität und dem Respekt vor der Personwürde eines jeden Menschen vorzugehen. Die Sorge für die Opfer liegt uns dabei besonders am Herzen."26 Wenn die notwendige differenzierte Sicht in einem so verletzlichen und anfälligen Bereich dazu dient, dass sie sehr wohl dem Täter, nicht jedoch den potentiellen Opfern zugute kommt, dann fehlt an dieser differenzierten Sicht genau das: Die Perspektive der Opfer.
  • "Der Regensburger Bischof wußte von dem neuerlichen Umgang des Geistlichen mit Minderjährigen nichts. Dessen Aushilfstätigkeit wurde dem Bischof erst Mitte 2003 bekannt. Das erklärte das Ordinariat in einer Stellungnahme, die in der heutigen Ausgabe der ‘Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung’ erschienen ist. Das diözesane Personalamt war dagegen informiert."27 Wenn dem Bischof Mitte 2003 bekannt wurde, dass der inzwischen erneut des Missbrauchs beschuldigte Priester bereits seit 2001 in "seiner" späteren Gemeinde Riekofen Aushilfsdienste versah, dann muss der Bischof realisiert haben, dass der Verurteilte zwischen 2001 und 2003 gegen seine Bewährungsauflagen verstoßen hat. Zu den Bewährungsauflagen gehörte das Verbot des Umgangs mit Kindern und Jugendlichen während der Bewährungszeit. Die spätere Ernennung des Straftäters zum Pfarrer von Riekofen gründete ausdrücklich u.a. auf die Beliebtheit, der der Pfarrer sich in RIekofen erfreute. Immerhin war er seit 2000 in dieser Gemeinde tätig. Dass es möglich sein soll, in einer Kirchengemeinde liturgische Dienste ohne Kontakt zu Messdienern zu verrichten, wird auch ein Bischof sich schwerlich vorstellen können. Dennoch formulierte Generalvikar Fuchs in einer Stellungnahme28 vom 31.8.2007: "Wir sind schockiert. Trotz gegenteiliger, früherer Erklärungen scheint etwas vorgefallen zu sein, das jetzt zur Verhaftung geführt hat." Da wurde ein Sexualstraftäter, dessen Verstoß gegen Bewährungsauflagen im Ordinariat bekannt war, gefragt, ob er rückfällig geworden sei. Der Priester versichert dem Bischof, dass dies nicht der Fall ist - und dem Bischof kommen keine Bedenken.

Fast zu vernachlässigen ist da schon eine Formulierung, die missverständlich sein könnte und sicher nicht so gemeint war. Aber ihre Richtigkeit wird - so scheint es - durch die Fakten hinlänglich bewiesen: "Darum ist das Entsetzen bei dem schlimmen Vergehen gegen die Keuschheit durch einen geweihten Diener Gottes um so empörender."29 Nicht der Missbrauch eines Kindes und nicht der erneute Missbrauch eines anderen Kindes durch einen katholischen Priester sind also empörend, sondern das Entsetzen darüber.

Wenn Kirche allerorten - auch im Bistum Regensburg - sich als Kirche für die, die unter die Räuber fielen, erweisen will, dann wird sie ihre Sprache und - zuvor - ihre Loyalität mit kirchlichen (und sonstigen!) Missbrauchstätern überprüfen müssen und sich an die Seite der Opfer von Gewalt stellen müssen. In unmissverständlicher Eindeutigkeit. Folgenlose Lippenbekenntnisse haben Gewaltopfer viel zu oft gehört. Verdrehte Sprache auch. Was wir brauchen, ist Eindeutigkeit und Klarheit im Denken, Fühlen und Handeln.

Und wenn es ein Versagen der Kirchenleitung und ihrer MitarbeiterInnen gibt, wie dies im Riekofener Missbrauchsfall offensichtlich ist, dann hilft nur ein schnelles und klares Eingeständnis und die Bitte um Vergebung an die Betroffenen, vorab an das oder die Opfer und die Kirchengemeinden. Sonst kommt zum verheerenden Schaden, der durch den Missbrauch verursacht wird, noch der Schaden hinzu, den das Evangelium erleidet. Rainer Bucher formuliert in Concilium (Heft 3/2004 Struktureller Verrat. Sexueller Missbrauch in der Kirche) zu Recht: "Sexueller Missbrauch im Rahmen pastoralen Handelns ist Übergriff, Vertrauensbruch und auf Grund des doppelten Machtgefälles (Erwachsener - Kind; "Pastor" - Pastorierte/r) ein Machtphänomen an sensiblem Ort. Und er ist eine Niederlage Gottes im Handeln des Volkes Gottes und dessen Priester. Denn christliche Seelsorge ist nicht irgendein Handeln, sondern Handeln in der Nachfolge der Gottesverkündigung Jesu. ........ Es ist für christliche Seelsorge konstitutiv, sich um Menschen in Not zu kümmern. Tut sie es nicht, gründet ihr Handeln nicht in ihrem Gründer. "

Ich weiß nicht, ob irgendjemandem, der und die den Riekofener Missbrauchsfall ein wenig verfolgt hat, aufgefallen ist, dass von allem Möglichen und von vielen Beteiligten die Rede war. Nicht einmal die nun wohl ad acta zu legenden Karrierewünsche eines Bischofs blieben in der Presse unerwähnt. Aber EIN Mensch geriet völlig aus dem Blick. Ein kleiner Junge, Ministrant in einer katholischen Kirchengemeinde, der von einem Priester missbraucht wurde (so viel ist wohl mit einiger Sicherheit zu sagen, ohne eine Falschbehauptung aufzustellen). Diesem Kind ist zu wünschen, dass es Menschen um sich hat, die es auffangen, es an der Hand nehmen und mit ihm zusammen die Welt noch einmal neu zusammensetzen - eine Welt jenseits des zerstörten Vertrauens.

12.10.2007 Erika Kerstner


13.10.2007 Riekofen und kein Ende. Heute geht durch die Presse30, dass das Bistum Regensburg nach eigener Aussage des zuständigen Pfarradministrators H.G. ihn nicht über die Vorgeschichte des pädophilen Pfarrers informierte. Als der heute 73-jährige Pfarradministrator den Aushilfspriester als seinen Nachfolger ins Gespräch brachte, wurde ihm vom Personalreferenten des Bistums geantwortet, man wisse nicht, ob dieser dazu gesundheitlich in der Lage sei - "Herz-Lungen-Geschichten". Vom Missbrauch in Viechtach wurde nicht gesprochen.

Auch der damals zuständige Dekan erfuhr erst 2003, dass "es da was gegeben" hätte in Viechtach (offensichtlich ist das Wort "sexueller Missbrauch" unaussprechlich). Über Auflagen wurde der Dekan nicht informiert. Der Generalvikar G. bat den Dekan jedoch, ein bisschen aufzupassen. Und nichts vom Aufpassen zu erzählen. Ein solcher Appell kann alles Mögliche bedeuten: Frauengeschichten, homosexuelle Beziehungen, Irregularitäten bei den Finanzen, Alkoholprobleme, Suchtprobleme....  Anzuerkennen ist der Mut des Pfarradministrators und des Dekans, die das kollegiale Schweigen durchbrechen.

Der "Fall Riekofen" wird die Presse noch eine Weile beschäftigen und die Presse wird die Wahrheit über das, was üblicherweise "unterlassene Hifleleistung" genannt wird, auf den Tisch legen in einem quälenden und quälend langsamen Prozess.

21.12.2007 Der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller wurde von Papst Benedikt XVI. gestern in die Glaubenskongregation nach Rom berufen. Offensichtlich disqualifiziert die erneute Einsetzung eines wegen Pädophilie vorbestraften Priesters einen Bischof nicht für die Arbeit in der Glaubenskongregation. Das Signal, das der Papst damit setzt, ist unübersehbar.

Nachtrag

13.3.2008 Der Ex-Pfarrer von Riekofen ist wegen sexuellen Missbrauchs im Wiederholungsfall zu drei Jahren Gefängnis und Sicherungsverwahrung verurteilt worden.  In der Verhandlung entschuldigte sich der Angeklagte mehrfach bei seinem Opfer und dessen Eltern. Der psychiatrische Gutachter Bernd Ottermann  stellte dar, dass der Angeklagte sich in den 10-jährigen Jungen verliebt habe und nie das Gefühl hatte, dem Kind zu schaden.

Offiziell war der 1999 schon einmal Verurteilte in einem Altenheim tätig. Tatsächlich jedoch hatte er bereits 2 Jahre vor Ende seiner Bewährungszeit, die ihm den Kontakt mit Kindern verbot, die gesamte Seelsorgearbeit in Riekofen übernommen und sich besonders um die Ministranten gekümmert. Offiziell erfolgte der Einsatz in Riekofen erst ab 2004 (Augsburger Allgemeine).

Bislang hatte das Bistum Regensburg gesagt, es habe seitens des Ordinariats "keinerlei Beauftragung zu Aushilfseinsätzen in der Gemeinde- und Ministrantenarbeit in der Pfarre Riekofen" gegeben.

Die Welt jedoch berichtet: 'Aus der von der Polizei beschlagnahmten Personalakte des Pfarrers geht allerdings hervor, dass die Diözesanleitung zu jeder Zeit über die Arbeit des vorbestraften Priesters in Riekofen informiert war. So wurden auch Zeitungsartikel gesammelt, die über die Aktivitäten des Geistlichen mit Jugendlichen berichteten. Nachdem der zuvor zuständige Pfarrer gestorben ist, war der Angeklagte praktisch bereits während seiner Bewährungszeit als Pfarrer verantwortlich.' (Quelle: welt.de und podles.org)

Dass ihn sein Dienstvorgesetzter, also die Diözese, wieder einsetzte und damit die Taten ermöglicht habe, habe sich bei der Strafzumessung zugunsten des Angeklagten ausgewirkt, sagt der Richter. Das bisherige Gutachten von Herrn Ottermann hatte bereits 2000 festgestellt, dass Peter K. eine "Kernpädophilie und homoerotische Veranlagung" habe. Laut Richter Iglhaut hätte sich die Diözese dieses Gutachten besorgen können, aus dem hervorgeht, dass K. keinesfalls mehr mit Kindern hätte arbeiten dürfen. Ein Vermerk auf dieses Gutachten fand die Polizei denn auch in K.s kirchlicher Personalakte. Und auf den Internetseiten der Diözese ist nachzulesen, der Justitiar des Bischofs sei "in groben Zügen" über Ottermanns Gutachten informiert gewesen.

(Quelle: SZ)


Quellenangaben
1 http://www.bistum-regensburg.de/download/borMedia0532705.PDF
Stellungnahme des Bistums Regensburg zum pnp-Artikel vom 30.7.2007 - Bistums-HP
2 http://www.bistum-regensburg.de/default.asp?op=show&id=2820
Regensburger Priesterrat unterstützt Null-Toleranz-Prinzip des Bischofs - Bistums-HP
3  http://www.bistum-regensburg.de/download/borMedia0538705.PDF
Statement des Regensburger Bischofs anlässklich der Pressekonferenz in Regensburg am 21.9.2007
4  http://www.mittelbayerische.de/nachrichten/oberpfalzbayern/ausdermz/artikel/_null_toleranz_politik_bei_kin/142178/_null_toleranz_politik_bei_kin.html
Prof Osterholzer in der Mittelbayerischen Zeitung über "Null-Toleranz-Politik bei Kindesmissbrauch
5 http://religion.orf.at/projekt02/news/0204/ne020423_papst_paedophilie_fr.htm
6 http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/kulturzeit/themen/33848/index.html
7 http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/kulturzeit/themen/33848/index.html
8 http://www.bistum-regensburg.de/default.asp?op=show&id=2744
9 http://www.bistum-regensburg.de/default.asp?op=show&id=2744
10 http://www.bistum-regensburg.de/default.asp?op=show&id=2815
11 http://www.bistum-regensburg.de/download/borMedia0540905.PDF
12 http://www.bistum-regensburg.de/default.asp?op=show&id=2815
13 http://www.bistum-regensburg.de/default.asp?op=show&id=2793
14 http://www.bistum-regensburg.de/default.asp?op=show&id=2803
15 http://de.christiantoday.com/article/bischof-algermissen-kritisiert-seelsorge-des-pfarrers-in-riekofen/2206.htm
16 http://www.bistum-regensburg.de/default.asp?op=show&id=2793
17 http://www.kath.net/detail.php?id=17797
18 http://www.pnp.de/nachrichten/artikel.php?cid=29-17380640&Ressort=bay&Ausgabe=&RessLang=bay&BNR=0
19 http://www.kath.net/detail.php?id=17797
20 http://www.bistum-regensburg.de/download/borMedia0532905.PDF
21 http://www.tvaktuell.com/default.aspx?showNews=124344&ID=846
22 http://www.kath.net/detail.php?id=17797
22a http://www.sueddeutsche.de/panorama/artikel/570/135309/
23 http://www.domradio.com/default.asp?ID=34432&
24 http://www.mittelbayerische.de/nachrichten/politik/ausdermz/artikel/bischoefe_fall_riekofen_schade/
140169/bischoefe_fall_riekofen_schade.html
25 http://www.dbk.de/aktuell/meldungen/01481/index.html#III-6
26 http://www.dbk.de/aktuell/meldungen/01481/index.html#III-6
27 http://www.kreuz.net/article.5952.html
28 http://www.bistum-regensburg.de/default.asp?op=show&id=2759
29 http://www.bistum-regensburg.de/default.asp?op=show&id=2793
30 http://www.mittelbayerische.de/top_themen/artikel/fall_riekofen_bistum_liess_dek/145726/fall_riekofen_bistum_liess_dek.html
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