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Offener Brief an die Bischofskonferenz - Protest gegen das Schreiben von Papst Benedikt XVI. anlässlich des beginnenden Priesterjahres 2009

Papst Benedikt XVI. hat in einem Schreiben zum Beginn des Priesterjahres 2009 die Aufdeckung kirchlicher Missbrauchsfälle als 'eigensinnig und der Kirche nicht hilfreich' bezeichnet. Dagegen richtete sich ein Offener Brief von Mitgliedern der Mailingliste und Mitgliedern der Pfarrei St. Peter Bruchsal. Die Pfarrei/SE St. Peter hat sich im Rahmen ihres Amos-Prozesses mit Menschenrechtsverletzungen auseinandergesetzt. Eine Antwort der DBK erhielten die UnterzeichnerInnen auch. Dass noch irgendjemand gegen die päpstliche Opferbeschuldigung protestierte, ist mir nicht bekannt.
1.8.2009


Erika Kerstner
und 68 weitere UnterzeichnerInnen
und Mitglieder der Mailingliste GottesSuche

Löwenstr. 17
76249 Stutensee
Mailadresse

25.7.2009

OFFENER BRIEF
An den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz
Herrn Erzbischof Dr. R. Zollitsch
zu Hd. des
Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz
Herrn Pater Dr. Hans Langendörfer SJ
Kaiserstraße 161
53113 Bonn

Sehr geehrter Herr Erzbischof Dr. Zollitsch!

Ich möchte Ihnen meine Bestürzung zum Ausdruck bringen über das Schreiben von Papst Benedikt XVI. zum Beginn des Priesterjahres anlässlich des 150. Jahrestages des "Dies Natalis" von Johannes Maria Vianney. 
Dort heißt es u.a. im Text:

"Leider gibt es auch Situationen, die nie genug beklagt werden können, in denen es die Kirche selber ist, die leidet, und zwar wegen der Untreue einiger ihrer Diener. Die Welt findet dann darin Grund zu Anstoß und Ablehnung. Was in solchen Fällen der Kirche am hilfreichsten sein kann, ist weniger die eigensinnige Aufdeckung der Schwächen ihrer Diener, als vielmehr das erneute und frohe Bewußtsein der Größe des Geschenkes Gottes, das in leuchtender Weise Gestalt angenommen hat in großherzigen Hirten, in von brennender Liebe zu Gott und den Menschen erfüllten Ordensleuten, in erleuchteten und geduldigen geistlichen Führern."

Ich gehe wohl recht in der Annahme, dass mit der nicht näher erklärten „Untreue“ einiger Diener der Kirche vor allem der sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch katholische Priester gemeint ist. Der Heilige Vater stellt fest, dass die Welt darin „Grund zu Anstoß und Ablehnung“ findet. Ich möchte gerne davon ausgehen dürfen, dass auch der Heilige Vater und die katholische Kirche den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch katholische Priester anstößig finden und ablehnen.

Der Heilige Vater nennt die Aufdeckung von Verbrechen durch die Opfer „eigensinnig“. Der Begriff „eigensinnig“ ist konnotiert mit starrsinnig, unnachgiebig, störrisch, trotzig. Wenn Menschen so charakterisiert werden, dann geschieht dies mit dem Ziel, sie abzuwerten.

Außerdem konstatiert der Heilige Vater, dass es für die Kirche nicht „am hilfreichsten“ ist, wenn Missbrauchsopfer die an ihnen verübten Verbrechen aufdecken. Der Heilige Vater suggeriert damit, dass Missbrauchsopfer von Priestern  Verbrechen nicht aufdecken sollten, wenn sie der Kirche „am hilfreichsten“ sein wollen. Im Umkehrschluss bedeutet dies: Wer der Kirche wirklich hilfreich sein will, darf die „Untreue“ (gemeint sind Menschenrechtsverletzungen!) der Diener der Kirche nicht aufdecken. Zugleich bedeutet dies, dass kirchliche Missbrauchsopfer in Christen keine mit ihnen solidarischen Verbündeten zu erwarten haben.

Und ein Letztes: Der Heilige Vater spricht vom – zweifellos vorhandenen – Leid, das Priester mit ihrer „Untreue“ der Kirche zugefügt haben. Völlig vergessen wird das nicht selten lebenslängliche Leid, das pädokriminelle Priester mit ihren Verbrechen den Missbrauchsopfern zugefügt haben. Als das „wahre Opfer“ erscheint die Kirche - das Leid der Missbrauchsopfer hingegen wird hinter dem Leid der Kirche zum Verschwinden gebracht.

Dieses Schreiben des Papstes ist ungeeignet, die verlorene Glaubwürdigkeit der Kirche wieder herzustellen. Ich kann Ihnen mein Entsetzen über das Papstschreiben nicht verhehlen. Es wäre gut, wenn Sie diese Rückmeldung auf das päpstliche Schreiben in geeigneter Weise auch dem Heiligen Vater zugänglich machen.

Mit der Bitte um Rückmeldung verbleibe ich mit freundlichem Gruß!

(Unterschrift)

Anlage: 6 Unterschriftenlisten



Antwort auf den Protestbrief zum Priesterjahr

Im Auftrag der DBK beantwortete eine Mitarbeiterin der Kommission für Geistliche Berufe den Offenen Brief. Sie schrieb, meine Bestürzung aufgrund der missverständlichen Aussage im Schreiben des Papstes sei "sehr gut nachvollziehbar", "zumal die katholische Kirche sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen ganz klar verurteilt". Sie bezeichnete unsere Kritik als eine Äußerung, "die zu Recht moniert" und empfahl mir und den UnterzeichnerInnen die englische Übersetzung der Papstbotschaft. Dort heißt es: "What is most helpful to the Church in such cases is not only a frank and complete acknowledgment of the weaknesses of her ministers, but also a joyful and renewed realization of the greatness of God’s gift..." Übersetzt lautet die Stelle: "Am hilfreichsten ist nicht nur ein freies und vollständiges Eingeständnis/Anerkenntnis... sondern auch....". Im englischen Text wird das Eingestehen der "Schwächen" der Priester gleichgewichtig neben den Dank für die guten Hirten gestellt. Aus dem deutschen Begriff "eigensinnige Aufdeckung" wird im Englischen das "freie und vollständige Eingeständnis". Zwischen dem deutschen und dem englischen Text liegen Welten. Die französische und die italienische Übersetzung benutzen das Adjektiv "puntigliosa". Es ist mit "eigensinnig, starrsinnig, verbohrt" zu übersetzen. Und auch der französische Text qualifiziert das Aufdecken als "pointilleuse", d.h. krittelig, nörglerisch, pedantisch.

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