Betroffene
Wie aus einem Täter ein Opfer wird und wie das Opfer beschuldigt wird
1.10.2009

In diesen Tagen erleben wir ein selten so aufdringlich klares Geschehen. Normalerweise laufen solche Vorgänge im Verborgenen und unter der Hand ab. Der berühmte Regisseur Roman Polanski wird am 27.9.2009 verhaftet, als er auf Einladung des Zürcher Filmfestivals in die Schweiz einreiste. Die Verhaftung basiert auf einem internationalen Haftbefehl der USA. Dort hat Polanski, damals 44 J., - auch nach eigenem Bekunden - ein 13-jähriges Mädchen durch Drogen und Alkohol gefügig gemacht und es vergewaltigt. Vor 32 Jahren war er deswegen in den USA schon einmal verhaftet worden und hatte die Tat gestanden. Dem weiteren Prozess, dem Urteil und der Strafe entzog er sich durch Flucht.

Und nun ein paar Beobachtungen über die Reaktion der Öffentlichkeit auf die Verhaftung:

1. Polanskis BerufskollegInnen geben ihrer Empörung lauten Ausdruck. Immerhin ist Polanski "einer von ihnen" und da muss man natürlich zusammenhalten und sich vor Polanski stellen und gegen seine Verhaftung oder die Umstände der Verhaftung protestieren. 

In den Protest lassen sich auch Politiker, Außenminister und Kulturminister und viele, viele andere einbinden. Der Spiegel titelt "Groteske Justizposse" und er meint damit nicht, dass Polanski 32 Jahre lang seiner Strafe entgehen konnte und in diesen Jahrzehnten seine Arbeit als Regisseur fortsetzen konnte. Der Spiegel nennt vielmehr die Verhaftung eine "Justizposse". Die Schweizer Justiz-Ministerin muss sich wegen der Verhaftung rechtfertigen. In einem Presseartikel wird gefragt, warum denn niemand Polanski ein Zeichen gegeben habe, der Einladung nach Zürich fernzubleiben, weil seine Verhaftung drohe. Der Ex-Justizminister Blocher sagte, jemand hätte Polanski oder dessen Anwalt darauf aufmerksam machen müssen, dass ein US-Haftbefehl gegen ihn vorliege.

2. Die Kulturschaffenden, die Polanski nach Zürich eingeladen hatten, nehmen für sich und ihre Veranstaltung in Anspruch, dass SIE beurteilen (nicht etwa ein Gericht), wer auf ihrer Veranstaltung verhaftet werden darf und wer nicht; wer schuldig ist und wer nicht schuldig ist. Polanski jedenfalls durfte ihrer Meinung nach nicht verhaftet werden. In einigen Äußerungen war vom Mangel an "Feingefühl" die Rede. (Über einen Mangel an Feingefühl gegenüber dem Opfer sprach niemand. Im Gegenteil! s.u.). Hachmeister vom Festival "Cologne Conference" sagt, mit dem Fall Polanski habe sich die Schweiz "kulturpolitisch Zuständen wie im heutigen Iran" angenähert.

3. In den Pressemeldungen werden plötzlich Fragen diskutiert, in deren Verständnis ein Laie sich erst einmal einarbeiten muss. Diskutiert werden juristische Fragen. Es werden Vermutungen angestellt darüber, dass die Schweiz den USA einen Gefallen schuldet, weil sie doch den USA keine oder nur geringe Einsicht in die Konten von US-Bürgern bei einer Schweizer Bank gaben. Über wirtschaftliche Zusammenhänge wird diskutiert. Es wird wirklich alles Mögliche aufgetischt - nur ein Thema verschwindet in diesen Nebenschauplätzen. Das eigentliche Thema. Es geht - und das ist der Verhaftungsgrund - um den Missbrauch eines Kindes durch einen erwachsenen Mann und um die Tatsache, dass dieser Mann sich dem Prozess und 32 Jahre lang seiner Verhaftung und der noch festzustellenden Strafe entzogen hat. Diejenigen, die sich für die Elite unserer Kultur halten, vermeiden diese Frage. Sie tun, als sei die Sorge um die Straffreiheit für Sexualverbrecher eine kulturelle Leistung und nicht etwa der Schutz von Kindern vor Verbrechern.

4. Schließlich wird darauf hingewiesen, dass Polanski eine tragische Lebensgeschichte hat. Die Geschichte seiner Familie und seine eigene Lebensgeschichte sind gezeichnet vom Leben - und Sterben - in Nazideutschland. Polanski musste ertragen, dass seine Frau und das ungeborene Kind ermordet wurde. Diese Lebensgeschichte ist unzweifelhaft tragisch. ABER der Hinweis auf die Tragik im Leben Roman Polanskis dient dem Zweck, Polanski als Opfer darzustellen, als Opfer von Nazideutschland ebenso wie als Opfer der amerikanischen Justiz. Vergessen und vergessen gemacht wird, dass Polanski als 44-jähriger Mann Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen hat. Diese Verantwortung hat er völlig unabhängig davon, dass er ein schweres Leben hatte.

5. Schließlich geschieht auch im Fall Polanski, was regelhaft in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit bei sexuellem Missbrauch geschieht: Die Beschimpfung des Opfers. Die Wiederholung der Vorwürfe, mit denen das Opfer in der Presse als Schuldige hingestellt wird, erspare ich mir - und dem Opfer. Und natürlich darf in diesem Szenario auch nicht die Frage nach der Schuld der Mutter des Opfers fehlen. Nachdem dann lange genug über die Schuld des Kindes und seiner Mutter diskutiert wurde, hat der Leser und auch die Leserin vergessen, wer denn nun der eigentlich Schuldige ist.

6. Und ein Letztes: Das Opfer wird noch einmal für die Interessen des Täters instrumentalisiert. Immer und immer wieder wird es damit zitiert, dass es Polanski ja verziehen habe. So dient das Opfer als Kronzeuge für die Forderung nach Straffreiheit für Polanski. Die Begründung, die das Opfer für den Wunsch nach Einstellung des Verfahrens abgab, wird unterschlagen. Diese Begründung lautete, dass die Frau kein zweites Mal, diesmal durch die Presse, traumatisiert werden will. Und genau das geschieht derzeit wirklich: Das Opfer wird mit Dreck beworfen und beschuldigt. Die Frau wusste sehr genau, was sie von der Presse und der Gesellschaft zu erwarten hat, wenn Polanski verhaftet und vor Gericht gestellt wird. Ihre Erwartungen erfüllen sich auf eine sehr verletzende und vermutlich erneut traumatisierende Weise.

Diese Form der Täterent- und Opferbeschuldigung, wie sie in den ersten Tagen einmütig und überall verbreitet wurde, versetzt Menschen, die in der Kindheit Opfer von Menschengewalt waren, in hohen Stress. Sie erleben erneut, wie eine Gesellschaft ihnen die nötige Solidarität verweigert, wie sie die Täter schützt und die Opfer beschuldigt. Einer der zunächst ganz wenigen Pressemeldungen und Kommentare, der in der Lage war, Täter und Opfer auseinanderzuhalten und die Tat beim Namen zu nennen, stand in der taz. Er stammt von Cristina Nord.

Wir können am Fall Polanski die üblicherweise geheim gehaltene Struktur ablesen:

  • Der Täter wird von seiner Berufsgruppe geschützt.Sie diskutiert die Ursprungstat nicht, erwähnt sie nicht einmal. Sie spricht auch nicht den Täter auf seine Schuld an.
  • Der Täter wird von der Politik und Teilen der Justiz geschützt.
  • Für den Täter gelten andere Regeln als für andere Menschen.
  • Ausführlich werden die Folgen einer Verhaftung für den Täter diskutiert und man erweckt Mitleid mit ihm. Der Täter wird als Opfer hingestellt.
  • Das wirkliche Opfer gerät völlig aus dem Blick; über sein Leid wird nicht berichtet.
  • Wenn das Opfer erwähnt wird, so mit einer doppelten Absicht: 

  • Es wird beschimpft, denn es scheint verantwortlich für die Schwierigkeiten, die der Täter nun hat.

  • Wenn das Opfer dazu dienen kann, die Forderung nach Straffreiheit für den Täter zu unterstützen, dann wird es ausführlich, aber unvollständig - zitiert. D.h. es wird für die Täterinteressen noch einmal instrumentalisiert.

  • Alle Opfer sexueller Gewalt erhalten in aller Öffentlichkeit das Signal: Wenn ihr das Schweigen brecht, dürft ihr damit rechnen, dass die meisten Menschen hinter dem Täter stehen und nicht hinter euch. Die Öffentlichkeit, die Presse, sogar die Justiz (!) werden gegen euch sein. Rechnet damit, dass ihr beschuldigt werden (der Verführung, der Geldgier, der Mitschuld...). Rechnet nicht damit, dass ihr gehört werden.
Ganz folgerichtig bedankte sich Polanski in einer ersten öffentlichen Stellungnahme seit seiner Verhaftung bei seinen Unterstützern. Er sei "tief bewegt" von der Sympathie, die ihm in Briefen aus der ganzen Welt bekundet worden sei, heißt es in einem Schreiben, das Polanskis Freund, der französische Philosoph Bernard-Henri Levy, veröffentlichte.

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