Glaube

Was brauchen Gewaltopfer1 von ihrer Kirche?
Frühjahr 2010

Hintergrund

In der Mailingliste GottesSuche treffen sich Frauen, die in ihrer Kindheit oder Jugend Gewalt in vielen Formen, u.a. als sexuellen  Missbrauch, als Misshandlung, als Vergewaltigung erlebt haben. Seit dem Beginn der Gewaltarbeit im Sommer 2000 kam ich mit etwa 400 Frauen (und einigen  Dutzend Männern) in Kontakt. In der Regel erlebten die Frauen die Gewalt in ihren Familien und im Nahbereich. Einige unter ihnen erlebten Gewalt auch im kirchlichen Raum, in dem sie Schutz gesucht hatten. Für alle diese Frauen zwischen Anfang 20 und Mitte 60 sind zwei große Themen lebensbestimmend: Es ist ihre Suche nach Sinn und es  ist ihr Wunsch nach der Solidarität anderer Menschen mit ihnen.2
Zugleich machte ich seit 2000 Versuche, mit der Kirche in ihren unterschiedlichen Gruppierungen über die seelsorgliche  Begleitung von Frauen, die durch Menschengewalt traumatisiert wurden, ins Gespräch zu kommen. Nur ausnahmsweise war es möglich, Kirchenleute zu finden, die für den andauernden Schmerz von Gewaltopfern ein offenes Ohr hatten und verstanden, dass Solidarität mit den Leidenden unabdingbar ist.3 Langsam verstand ich, dass EIN Grund für die Abwehr Gewaltüberlebender durch kirchliche Institutionen darin zu suchen ist, dass Kirchenleute bei dem Thema „Sexuelle Gewalt“ sofort und ausschließlich (?) an pädokriminelle Priester dachten. Um mit diesem schmerzlichen Thema im beruflichen Nahbereich nicht in Berührung zu kommen, mieden angefragte Kirchenleute den Umgang mit gewaltüberlebenden Frauen generell.
In den Wochen seit Beginn des Jahres 2010 beobachten wir in der Mailingliste mit Interesse und Erstaunen, wie rund um die Missbrauchsfälle im Canisius-Kolleg der Jesuiten in Berlin und andernorts ein anderer Stil des Umgangs mit Opfern von Gewalt praktiziert wird, als wir ihn bisher kennenlernten. Dieser andere Stil macht Mut, ein paar Eckpunkte zu benennen, die Gewaltüberlebende von der Kirche erwarten können - und erwarten müssen.4

Wahrnehmen, dass Gewalt gegen Schwächere endemisch ist

Bislang nimmt die Kirche sehr aufmerksam wahr, dass überall auf der Welt Gewalt gegen die Schwächsten der Gesellschaft an der Tagesordnung ist. Es fällt ihr jedoch schwer zu erkennen, dass Gewalt auch in Deutschland, mitten im Frieden und mitten in den Gemeinden - und sogar in der Kirche - geschieht. Gewalt gegen Frauen und Kinder ist auch in Deutschland endemisch.5 Jeder von uns kennt Gewaltopfer, ohne sich in der Regel darüber klar zu sein. Gewaltopfer tragen kein Etikett auf der Stirn, das sie kenntlich machen könnte. Sie erzählen auch nicht von Gewalt, weil sie wissen, dass es die Opfer sind, denen ein Imageschaden droht, wenn sie sich zu erkennen geben.6  Aber sie sind mitten unter uns als Nachbarin, Freundin, Berufskollegin, Gottesdienstteilnehmerin. Wären diese Frauen in einer akuten äußeren Notlage, so fänden sie heute gute Hilfe bei unterschiedlichen kirchlichen Institutionen. Die Not Gewaltüberlebender jedoch ist in der Regel unauffällig. Sie dauert an und sie quält - nicht selten lebenslänglich. Kirchenleute sollten in ihrem täglichen Tun bedenken, dass sie es häufig in ihrem seelsorglichen Handeln mit Gewaltopfern zu tun haben, die sich nicht als solche zu erkennen geben, deren oft gesamtes Leben aber stark durch die erlittene Menschengewalt geprägt ist.

Sich über Trauma und Traumafolgen informieren7

Ich bin immer wieder überrascht, wie wenig Menschen darüber informiert sind, was Gewalterfahrungen anrichten können. Es ist weitgehend unbekannt, dass 60% aller Menschen, die Gewalt durch Menschen erlebten, unter langfristigen bis lebenslänglichen Traumafolgen zu leiden haben. Bei Vergewaltigungen und Missbrauch in der Kindheit ist die Zahl derer, die unter einer  posttraumatischen Belastungsstörung leiden, noch höher. Die Öffentlichkeit wundert sich immer wieder, warum Menschen erst nach 20 oder 30 und mehr Jahren in der Lage sind, über die in der Kindheit/Jugend erlittene Gewalt zu sprechen. Sie weiß nicht (oder will es nicht wissen), dass traumatische Erfahrungen nicht selten einer Amnesie unterliegen. Amnesien sind eine typische Gewaltfolge – neben vielen anderen Folgen. Traumatisierte leben in der ständigen Erwartung einer Gefahr; sie haben häufig mit sich ungewollt aufdrängenden Erinnerungen und Gedanken an das traumatische Ereignis zu leben. Sie leiden unter Dissoziationen, Derealisationen und einer Fülle psychosomatischer Störungen. Zu den am meisten bedrückenden Folgen von Menschengewalt gehört der Verlust des Vertrauens – in sich selbst, in die Welt, in Gott. Die amerikanische Psychiaterin Judith Hermann fasst zusammen: "Traumatische Ereignisse erschüttern zwischenmenschliche Beziehungen in den Grundfesten. Sie zersetzen die Bindungen an Familie, Freunde, Partner und Nachbarn, sie zerstören das Selbstbild, das im Verhältnis zu anderen entsteht und aufrechterhalten wird. Sie untergraben das Wertesystem, das der menschlichen Erfahrung Sinn verleiht. Sie unterminieren das Vertrauen des Opfers in eine natürliche oder göttliche Ordnung und stoßen es in eine existentielle Krise..... Im Augenblick der Angst wenden sich die Opfer spontan an die Quelle, die ihnen zuerst Trost und Schutz bot. Verwundete Soldaten und vergewaltigte Frauen schreien nach ihren Müttern oder nach Gott. Bleibt dieser Schrei unbeantwortet, ist das Urvertrauen zerstört. Traumatisierte fühlen sich extrem verlassen, allein und ausgestoßen aus dem lebenserhaltenden Rahmen von menschlicher und göttlicher Fürsorge und Schutz."8 Nach meiner Beobachtung macht nicht nur die erlittene Gewalt  und ihre Folgen den Opfern das Leben schwer. Ebenso schwer ist es für Opfer, dass sie über das Erlittene schweigen müssen, weil sie zum Schweigen gebracht werden.
Kirchenleute sollten sich kundig über Gewalt und Gewaltfolgen machen. Nur dann werden sie Com-Passion, Mit-Leid für Opfer aufbringen, sich mit Opfern solidarisieren können und berührbar für das Leid werden. Nur wenn Kirchenleute begonnen haben zu verstehen, wie Gewalt und das Schweigenmüssen über das Erlittene das Leben der Opfer - nicht selten lebenslänglich - schwer machen, werden die bislang oft routiniert und viel zu schnell ausgesprochenen "Ent-Schuldigungen" 9 von Kirchenleuten an Verständnis für die Opfer und damit auch an Glaubwürdigkeit gewinnen können. Wer nur den Imageschaden der Kirche im Blick hat, verfehlt die Opfer.10

Den Beschimpfungen der Opfer durch "Opfermythen" widerstehen

Opfer werden u.a. durch Mythen über Gewalt zum Schweigen gebracht. Es gibt eine Fülle dieser Mythen. Sie haben einen Sinn. Sie helfen Menschen, die nicht Opfer wurden, das Gefühl aufrecht zu erhalten, dass unsere Welt ein sicherer Ort ist und dass sie selbst nicht Gefahr laufen, Opfer von Gewalt zu werden. Was für diese Nichtbetroffenen Sicherheit ist, ist für die Opfer eine zusätzliche Last. Ihnen wird nämlich vorgeworfen, sie hätten etwas falsch gemacht. Wenn die Ursache der Gewalt im Opfer liegt – meint man -, kann jeder sich anders als das Opfer verhalten und ist somit nicht in Gefahr.  
Auch andere Opfermythen sind der Versuch, sich die Opfer „vom Leib zu halten“ und sie zum Schweigen zu bringen. Die Mythen signalisieren dem Opfer, es sei nicht integer, selber schuld, moralisch minderwertig. Wer fürchten muss, so angesehen zu werden, tut gut daran zu schweigen. Mir sind als Opferbeschuldigen, die oft zugleich Täter-Entschuldigungen sind, in den letzten Jahren häufig folgende Aussagen begegnet:
  • „Opfer erkranken psychosomatisch, weil sie nicht vergeben wollen.“ - Dass psychosomatische Erkrankungen eine Folge der Gewalt sind, wird dabei unterschlagen. Die Schuld für die Gewaltfolgen wird beim Opfer gesucht, nicht beim Täter.
  • „Täter sind bemitleidenswert, denn sie waren früher doch auch Opfer.“ – Da wird übersehen, dass es viele Gewaltopfer gibt, die nie zu Gewalttätern werden; andernfalls sähen die Zahlen der Gefängnisinsassen, die wegen Gewalttaten verurteilt wurden, anders aus (ca 96% Männer und 4% Frauen). Im Übrigen hat jeder Mensch die Wahl, ob er oder sie TäterIn werden will oder nicht.
  • „Opfer sind irgendwie zugleich Täterinnen.“ - Dieser Gedanke hat es einmal bis in die Fürbitten zum Weltgebetstag der Frauen geschafft!
  • „Wir sind doch alle Sünder.“ - Standardargument jener, die die Differenzen zwischen Tätern und Opfern gerne nivellieren.
  • „Wer weiß, das Opfer hat es vielleicht so gewollt!“
  • In seiner subtilen Art der Diskriminierung ist das Argument unübertroffen, dass Opfer aufgrund ihrer Gewalterfahrung irgendwie unzurechnungsfähig sind und in keinem Fall – zur Schonung der Opfer! – am Gespräch über Gewalt beteiligt werden können.11
Es ist wichtig zu erkennen, dass es drei Positionen im Blick auf Gewalt gibt: Man ist Opfer, Täter oder Zuschauer. Das öffentliche Gespräch über Gewalt darf nicht nur von Tätern und Zuschauern geführt werden. Kirchenleute müssen lernen, den Sinn der Opfermythen zu verstehen und ihnen die Realität entgegensetzen. Sie müssen auch lernen, Opfer anzuhören.

Den Opfern zuhören und für sie optieren

In der Frankfurter Rundschau12 stand am 22.2.2010 ein Artikel von Wunibald Müller, der seit Jahren mit missbrauchenden Priestern arbeitet. Der Artikel trug den Untertitel: "Ein Essay über Täter und Opfer und die Fehler im System". Der Untertitel führte in die Irre. Von den ca 3110 Wörtern des Essays betrafen 2980 Wörter die Kirche und die Täter, ganze 4% waren den Opfern gewidmet. Sie wurden auch in diesem einzigen Absatz, in dem sie vorkamen, als Objekte kirchlicher Fürsorge beschrieben. Kein einziger Satz war ihrem Leid gewidmet. Missbrauchenden Priestern jedoch kam das Mitgefühl des Autors entgegen, weil Täter oft – nach Bekanntwerden ihrer Tat – den „sozialen Tod“ erleiden. Genau da liegt m.E. das Problem: Kirche schaut in erster Linie - immer noch! - auf die Täter und den Schaden für die Kirche. Sie schaut nicht auf die Opfer. Eine wirkliche Veränderung der Situation ist - vor allen  notwendigen Änderungen in den Strukturen! - erst dann zu erwarten, wenn die Verantwortlichen in etwa ermessen können, welches oft lebenslängliche Leid den Opfern zugefügt wurde. - Das Alte und das Neue Testament kennen dafür ein Wort: Compassion im Spanischen, Mit-Leid im Deutschen. Weil jemand Mitleid hatte, wird einem Menschen geholfen. Die ägyptische Prinzessin hat Mitleid mit dem Kind im Binsenkorb. Gott hat das Schreien der Hebräer und Hebräerinnen in Ägypten gehört. Jesus hat Mitleid mit den Hungernden; mit der Witwe, deren einziger Sohn gestorben war… Die Perspektive der Bibel ist die Perspektive der Opfer. Die Perspektive der Opfer ist dort nicht eine von mehreren möglichen Perspektiven – sie ist die erste.   Würden die Verantwortlichen in der Kirche mit den Opfern mitleiden, wäre Entscheidendes gewonnen .
Die Missbrauchsbeauftragte der Jesuiten, die Anwältin Raue, äußerte sich im Februar 2010 überrascht darüber, dass in den Akten zwar die Täter auftauchen, die Opfer jedoch mit keinem Wort erwähnt werden. Das ist üblich und in jeder Diskussion und in vielen Briefwechseln zu beobachten, dass innerhalb kürzester Zeit der Fokus vom Opfer weg auf den Täter hin gerichtet wird. Das  Interesse der Kirche gilt den Tätern. Sie werden geschützt und ihnen wird Verständnis entgegengebracht.
Wer den Opfern wirklich zuhören will, muss in Kauf nehmen, dass einige bisherige Gewissheiten in Frage gestellt werden. Er oder sie muss auch in Kauf nehmen, dass nicht nur Einzelne, sondern ganze Institutionen wie Kirche, Schule oder Familie in Frage gestellt werden. Ohne Konflikte wird dies nicht abgehen. Johann Baptist Metz beschreibt den Sachverhalt zutreffend: „Die die biblischen Traditionen beunruhigende Frage nach der Gerechtigkeit für die unschuldig Leidenden wurde nämlich allzu schnell verwandelt und umgesprochen in die Frage nach der Erlösung der Schuldigen."13 Diesen Vorgang können wir sowohl in der Kirche als auch in der Gesellschaft beobachten. Die Erlösung der Schuldigen steht im Vordergrund – die Frage nach der Gerechtigkeit für die unschuldig Leidenden entfällt. Mir scheint, der Wunsch nach Versöhnung ist so immens groß, dass Kirche bereit ist, ihn unter Umgehung der Opfer erfüllen zu wollen.14  
Rainer Bucher15 spitzt den Blick auf die Gewalt, die durch Priester ausgeübt wird, noch einmal zu und sagt: „ Wo Seelsorger Kinder missbrauchen, verkünden sie einen Gott, der all das schreiend nicht ist: kein Gott der Freiheit, sondern der Macht, nicht des Kampfes für die Ausgestoßenen, sondern einer, der Ausgestoßene produziert…“
Nur eine Kirche, die sich mit den Ausgestoßenen und den unschuldig Leidenden solidarisiert, kann für sich in Anspruch nehmen, Kirche Jesu Christi zu sein. Wer den christlichen Gott als einen „Gott der Opfer“ verkünden will, muss lernen, dass nicht länger über  Opfer gesprochen werden darf, sondern mit ihnen. Nur so ist vermeidbar, dass Opfer erneut zu Objekten degradiert werden – diesmal zu Objekten christlichen Handelns.

Mit Vergebungsforderungen an Opfer vorsichtig umgehen

Es ist im kirchlichen Raum üblich, von Gewaltopfern zu erwarten, sie müssten denen, die an ihnen Verbrechen begangen haben, vergeben. Unzweifelhaft sind Vergebung und Versöhnung zentrale und unverzichtbare Bestandteile christlichen Glaubens.
An sie knüpfen sich – berechtigterweise - Hoffnungen auf Frieden.
In der Regel jedoch wird die Vergebungsaufforderung an Opfer gerichtet, bevor diese auch nur den Schaden ermessen konnten, den sie erlitten haben und der auch ihr gegenwärtiges Leben Jahre und Jahrzehnte nach den Gewalttaten noch prägt. Noch bevor die Opfer erzählen konnten, was sie erlitten haben und womit sie in der Folge täglich zu kämpfen haben, sollen sie bereits den Tätern vergeben. Dass es nur ausnahmsweise Täter gibt, die bereuen, um Vergebung bitten und – soweit möglich – Schaden wieder gut machen, wird übersehen. Wer mit den Lebensgeschichten von Gewaltüberlebenden ein wenig vertraut ist, wird zu verstehen beginnen, dass es Verbrechen gibt, die ein ganzes Menschenleben entsetzlich erschweren oder gar verunmöglichen16.  Da wird deutlich, dass Vergeben-Können ein Geschenk ist, das von Opfern nicht „gemacht“ werden kann und das weder für Täter noch für die Kirche ein einklagbarer Recht ist.
Eine evangelische Pastorin, die mit Gewaltüberlebenden arbeitet, bringt das Problem auf den Punkt: „Gerade die christliche Vergebungspflicht, wie sie in der Kirche bis heute noch viel zu oft zu hören ist …, hat hier viel Unheil angerichtet. Für die, denen Unrecht widerfuhr, birgt der christliche Vergebungszwang erneute Schuldzuweisung. Vergeben sie nicht, werden sie zu Schuldigen erklärt und fühlen sich auch selbst schuldig, dem christlichen „Gebot“ nicht Genüge zu tun……Es sei noch angefügt, dass die biblische Rede von Vergebung eben gerade nicht allgemein, abstrakt und losgelöst vom Kontext geschieht, sondern konkret, situationsbezogen und sehr differenziert!“17
Immer wieder werden Opfer darauf hingewiesen, dass Jesus doch am Kreuz seinen Henkern verziehen habe. Mitnichten hat er das getan. Er hat seinen Vater im Himmel gebeten, seinen Mördern zu verzeihen.18 Das ist ein Unterschied, der dem Ausmaß an Gewalt, das Jesus erlitten hat, gerecht wird. Es gibt Verletzungen von Menschen, die manchmal erst vor Gott vergeben werden können.
Ich würde mir von Kirchenleuten wünschen, dass sie ihre Psalmen lesen lernen als Gebete von Menschen, die in ihrer Not nur noch schreien können. In dieser Gebetsschule der Christen wird Gott als einer, der die Feinde in Schmach und Schande stürzen soll (Ps 35), angerufen; der dem Bedrängten Recht verschaffen soll, der den Mächtigen die Zähne im Mund zerschlagen soll (Ps 58). In den Psalmen darf das Opfer der Gewalt ausführlich sein Leid und die Bosheit der Täter beschreiben. Da ist nicht von einer Vergebung die Rede, die am Ende wieder nur das Opfer zum Schuldigen erklärt. Das Opfer klagt seinem Gott sein Leid – und es übergibt damit Gott den Auftrag, für Recht und Gerechtigkeit zu sorgen. Das Opfer wird nicht zum Schweigen gebracht. Diesen Respekt vor dem Leid des Opfers, den ich in den Psalmen lese, würde ich mir auch im Umgang der Kirche mit Gewaltopfern wünschen.

Den Opfern Heimat und Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der ChristInnen anbieten

Gewaltopfer werden noch immer als „die anderen“ angesehen, die nicht zugehörig sind. So begründete ein Vertreter der Amtskirche, den ich um Unterstützung für die Gewaltarbeit – die Kostenübernahme für die nötige Supervision - gebeten hatte, seine Absage an Unterstützung mit dem entlarvenden Satz: „…muss ich Ihnen leider mitteilen, dass wir Sie finanziell nicht unterstützen können. Die Haushaltsmittel sind derart knapp bemessen, dass wir selber versuchen müssen, über Wasser zu bleiben.“
Es gehört zu den am schwersten aushaltbaren Gewaltfolgen, dass die Verbindungsfäden zu Menschen in der Gewalt gekappt wurden. Judith Hermann hatte formuliert: „Traumatisierte fühlen sich extrem verlassen, allein und ausgestoßen aus dem  lebenserhaltenden Rahmen von menschlicher und göttlicher Fürsorge und Schutz."19
Es ist die Aufgabe von ChristInnen, Traumatisierte als ihnen Zugehörige zu erkennen. Das wäre ein hilfreiches Gegengewicht zum Verlassensein und zur Erfahrung des Ausgestoßenseins.

Erika Kerstner - im Gespräch mit Gewaltüberlebenden

24.2.2010

Im Laufe des Jahres 2010 zeigte sich an mehreren Stellen, dass kirchlich Verantwortliche zu oft die Bedürfnisse von Opfern nicht wahrnahmen. Daher ergaben sich folgende Konkretionen der Wünsche an Kirchenverantwortliche.
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Quellen:
1 Ich verwende den Begriff Opfer, weil er in dem hier in Frage stehenden Kontext angemessen ist. Er beschreibt NICHT das gesamte Leben von Menschen, die dem Menschen zum Opfer fielen.
2 Haslbeck, Barbara: Sexueller Missbrauch und Religiosität, LIT-Verlag, Berlin 2007 , passim
3 Punktuell gab es Unterstützungen von etwa zwei Handvoll Menschen, drei Menschen engagierten sich nachhaltig und intensiv. Meine eigene Pfarrei, St. Peter in Bruchsal, mit Gemeindereferentin Marieluise Gallinat-Schneider und Pfr. Dr. Jörg Sieger unterstützen die Arbeit seit vielen Jahren. Frau Dr. B. Haslbeck begleitet die Arbeit sowohl in der Praxis als auch in der theoretischen Auseinandersetzung.
4 Die im Folgenden dargelegten Hinweise stellen die Opfer in den Vordergrund. Sie beschäftigen sich nicht mit den Tätern – das tun andere zur Genüge.
5 2004 gab es in Deutschland die erste (!) Untersuchung über Gewalt gegen Frauen [5]  Wir müssen davon ausgehen, dass 37% aller Frauen zwischen 16 und 80 Jahren Gewalt erleben. Hinzu kommt, dass jedes 7. Mädchen zwischen 0 und14 Jahren und
jeder 10. Junge im gleichen Alter sexuelle Gewalt i.e.S., d.h. Vergewaltigungen, erlebt. Quelle: Bundesministerium
für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Eine repräsentative Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland, 2004
6 So war im Stern zu lesen: „Die Opfer dieses Elitegymnasiums bekleiden heute nicht selten öffentliche Ämter – sie äußern sich nicht, weil sie einen Imageschaden fürchten müssen.“ Quelle: http://www.stern.de/panorama/canisius-kolleg-berlin-jahrzehntelanger-sexueller-missbrauch-an-katholischem-gymnasium-1539147.html (Ausgerechnet dieser Satz steht inzwischen nicht mehr in diesem Artikel.)
7 Judith Hermann: Die Narben der Gewalt. Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden, München 1998, S. 77
8 Judith Lewis Hermann, Die Narben der Gewalt. Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden, München 1993, S. 77-78
9  Dass der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz sich bei den Opfern "ent-schuldigte", ist ein äußerst verwirrender Vorgang. Er müsste wissen, dass niemand sich selbst entschuldigen kann, d.h. sich selbst die Schuld nehmen kann. Schuld wegnehmen können nur der Geschädigte - und Gott. Sich selber kann niemand ent-schuldigen.
10 Der Imageschaden für die Kirche, der durch einen Mangel an Solidarität mit den Opfern entsteht, ist um einiges verheerender als der Imageschaden, der durch die Öffentlichmachung von Verbrechen angerichtet wird.
11 Vgl. den Briefwechsel unter Heppenheimer Erklärung
12 http://www.fr-online.de/in_und_ausland/panorama/?em_cnt=2339169&em_cnt_page=1
13 Johann Baptist Metz - Festvortrag anlässlich der thomas-akademie der theologischen fakultät der universität luzern am 25. Januar 2001; und passim in seinem Buch „Memoria Passionis“, Freiburg 2006
14 Andrea Lehner-Hartmann hat sich ihn ihrem Buch „Wider das Schweigen und Vergessen“ ausführlich mit der Aufgabe der christlichen Kirche im Kontext von Gewalt im Nahbereich befasst.
15 Rainer Bucher, in: Concilium. Internationale Zeitschrift für Theologie - 40. Jahrgang/August 2004 - Heft 3: "Struktureller Verrat. Sexueller Missbrauch in der Kirche" S. 354-363   "Machtkörper und Körpermacht. Die Lage der Kirche und Gottes Niederlage"
16 Dass es Opfer gibt, deren Leben so zerstört war, dass sie keinen anderen Weg mehr als den in den Selbstmord gefunden haben, ist in Berlin ebenfalls zutage getreten.
17 Daniela Hammelsbeck, evangelische Pastorin in einem Brief an die kfd, die in ihrer Mitglieder-Zeitschrift „Die Mitarbeiterin“ im September 2003 völlig unreflektiert – unter Absehung von den Opfern und ihren Lebensgeschichten – zur Vergebung  aufgefordert hatte
18 Vater, verzeih ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! Lk 23,34
19 Judith Lewis Hermann, Die Narben der Gewalt. Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden, München 1993, S. 77-78
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