Glaube

Konkretionen der Erwartungen Gewaltüberlebender an kirchliche Funktionsträger

Stand 6.9.2010
In einem Gespräch am 6.9.2010 legte ich dem Mitglied eines Beraterstabes einer Missbrauchskommission eines Bistums konkrete Wünsche vor, vor allem im Blick auf postventive Maßnahmen, die ergriffen werden sollten. Sie seien hier stichwortartig benannt.

„Theologie der Opfer“

Kirche als „Spezialistin für Sinn“ muss der Frage nachgehen, welche befreiende Botschaft sie für Gewaltopfer hat. Wir brauchen eine „Theologie der Opfer“. ChristInnen haben in Jesus ein Opfer von Gewalt vor sich. Sie haben im Gleichnis Jesu vom barmherzigen Samariter das Vor-Bild, wie Menschen mit jenen umgehen sollen, die unter die Räuber gefallen sind.

Bekehrung der Kirche zu den Opfern

Leitungspersonen in einer Kirche, die sich zu den Opfern - auch zu den Opfern ihrer eigenen Pastoral - bekehrt, hat kein Glaubwürdigkeitsproblem mehr. Die Glaubwürdigkeit wird ein Kollateraleffekt der Bekehrung zu den Opfern sein. Entschuldigungen dürfen nicht inflationär in Pressemeldungen verkündet werden, sie müssen den Adressaten gesagt werden und sie müssen authentisch sein. Die Parteilichkeit für die Opfer muss vor dem Schutz der Institution und vor dem Schutz der Täter stehen. Ohne Konfliktbereitschaft innerhalb der Institution und ohne Zusammenarbeit mit nicht kirchlich gebundenen Fachleuten wird es keine Solidarität mit Opfern geben.

Beteiligung von Opfern

Wenn die Opfer in den Dialog über Prävention, Aufdeckung, Suche nach Gerechtigkeit und Postvention nicht einbezogen werden, fehlt eine wichtige Stimme, nämlich die Stimme derer, um die es ja eigentlich geht. Alle gut gemeinten Aktionen und Pressemeldungen laufen ansonsten Gefahr, die Gemeinten zu verfehlen. In welcher Form unterschiedliche Opfer und OpfervertreterInnen an den Überlegungen und Maßnahmen mitarbeiten können, bedarf weiterer Überlegungen. DASS sie beteiligt werden müssen, bedarf keiner weiteren Begründung.

Eine unabhängige und nicht-kirchliche (!) Anlaufstelle für Opfer von Klerikern

ist nötig. Solange die Bischöfe kirchliche MitarbeiterInnen in die Missbrauchskommissionen schickten, braucht es für Opfer, die sich dort melden, eine kirchenunabhängige Stelle, die die Opfer unterstützt.

Eine spezifische „Seelsorge für Gewaltüberlebende“

ist - vergleichbar der kategorialen Seelsorge (Notfallseelsorge, Urlauberseelsorge....) - nötig. Opfer von Menschengewalt benötigen ggf. neben der Therapie seelsorgliche Unterstützung. Traumatisierte Menschen suchen neben der Solidarität anderer Menschen Sinn. Kirche ist eine Spezialistin für Sinnfragen. SeelsorgerInnen werden gebraucht als ZeugInnen für die Gewalt, aber auch als Vor-Bilder und ZeugInnen der Hoffnung, die in ihnen ist. Sie werden gebraucht als Menschen, die gemeinsam mit den Überlebenden schwierige, aber auch erfüllende Schritte auf der Suche nach Sinn gehen. Dies kann in der Einzelseelsorge geschehen. Nötig sind aber auch BegleiterInnen von Gruppen, in denen Gewaltüberlebende ihr Leben mit Traumafolgen miteinander teilen. Die gemeinsame Arbeit in Gruppen wirkt dem schrecklichen Gefühl des Isoliertseins von Opfern entgegen. Kirche kann ihre vorhandene Infrastruktur in den Dienst der Vernetzung von Einzelnen zu Gruppen zur Verfügung stellen.
Das Seelsorgeangebot sollte in einer überschaubaren Region (Dekanat) angeboten werden von SeelsorgerInnen, die sich mit Trauma und Traumafolgen auseinandergesetzt  haben, sich fortgebildet haben und bereit sind, in Seelsorgeprozesse mit Betroffenen einzutreten. Supervision ist für diese SeelsorgerInnen unerlässlich.
Auch die Internetseelsorge und Mailseelsorge haben sich bewährt.

Breite Information über Trauma und Traumafolgen

In den Gemeinden müssen sich ChristInnen in Fortbildung und workshops über Trauma und Traumafolgen kundig machen, um für diejenigen Traumaopfer sensibel zu werden, die unerkannt  längst inmitten der Gemeinden als Mitchristin und Mitchrist leben. Es gilt, eine Atmosphäre in allen Gliederungen der Kirche bis hin zu den Gemeinden herzustellen, die Vertrauen bei den Opfern fördert. Hauptamtliche kirchliche MitarbeiterInnen sollten mindestens so viel über Trauma und Traumafolgen wissen, dass sie der Arbeit mit Betroffenen nicht im Weg stehen. Besser ist es, wenn es ihnen möglich ist, an einer Atmosphäre mitzuarbeiten, die kirchliche Gemeinden zu einladenden Gemeinden auch für Gewaltopfer macht.

Weitere Konkretionen

  • Kirchliche Verantwortliche - Pressesprecher nicht ausgenommen - sollten Opferbeschuldigungen vermeiden lernen.
  • Doppelbotschaften sind kontraproduktiv und verletzend. Solche Doppelbotschaften liegen vor, wenn Opfer  von den Bischöfen aufgefordert werden, sich zu melden - und wenn andere kirchliche MitarbeiterInnen sie dann wieder wegschicken, ihnen keine Antworten geben und sie nicht ernst nehmen.
  • Rückmeldungen an Opfer sollten zeitnah erfolgen.  
  • Alle Schritte der kirchlichen Mitarbeiter, die im Interesse von Opfern handeln, müssen mit dem Opfer abgesprochen sein. Transparenz hilft bei der Vertrauensbildung.
  • Alle ihre Schritte müssen transparent vermittelt werden - es darf kein Agieren hinter dem Rücken der Opfer geben. Hintergangen wurden Opfer zu oft.
  • Wenn ein Opfer sich bei der Kirche meldet, muss das Opfer im Vordergrund stehen. Fragen der Zuständigkeit (Bistum oder Orden) dürfen nicht auf Kosten des Opfers ausgehandelt werden. Wenn eine kirchliche Gruppierung, z.B. ein Orden, nicht hilfreich mit einem Opfer umgehen kann, sollte das angesprochene Bistum stellvertretend die Hilfe für das Opfer übernehmen. Die Zuständigkeitsfragen können ja intern abgeklärt werden.
  • Kirchliche Beauftragte/Amtsträger sollten - unter Wahrung des Datenschutzes - mithelfen, dass Missbrauchsopfer sich miteinander vernetzen können.


Erika Kerstner, 7.9.2010

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