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Mein Glaube in Bewegung - eine Umfrage von "Christ in der Gegenwart"

Christlicher Glaube hat mich seit der Kindheit begleitet. Vier Jahrzehnte ließ mich die Hoffnung nicht los, dass er eine Botschaft der Befreiung für alle Menschen ist - bevorzugt für jene, die an den Rand gedrückt werden, unter die Räder gekommen oder unter die Räuber gefallen sind.
In die schwierigste Krise geriet diese Hoffnung, als ich im fünften Lebensjahrzehnt erkennen musste, dass die eigene Lebensgeschichte in den ersten zwei Jahrzehnten von vielfältiger Gewalt geprägt war, die jahrzehntelang einer gnädigen Amnesie unterlag. Als die Amnesie sich lockerte, galt es, die Gewalt und ihre Folgen so zu bearbeiten, dass ich mit den Folgen leben konnte. In langjähriger Therapie gelang dies ein gutes Stück weit. Vermisst habe ich in diesen Jahren begleitende Seelsorge, die nicht vor dem Schrecken der Gewalt davonläuft. Gewünscht habe ich mir einen Mitchristen oder eine Mitchristin, der ich von der durch Gewalt verletzten Spiritualität hätte erzählen können, die mich nicht mit billigem Trost abspeist und mit mir zusammen beharrlich nach den hoffnungsvollen und befreienden Perspektiven des christlichen Glaubens sucht, der auch in Not und Krise Halt gibt.

Als ich niemanden fand, machte ich mich 2000 auf die Suche nach Mitchristinnen, die eine ähnliche Lebensgeschichte haben. Ich fand betroffene Frauen. Die einen taten sich in einer Gruppe vor Ort in der Pfarrei St. Peter, Bruchsal, zusammen. Die anderen schlossen sich als „Christinnen mit Gewalterfahrung" zu einer virtuellen Gruppe mit Mailingliste zusammen (http://www.gottes-suche.de), wo sie auch mit den Ressourcen ihres Glaubens einander unterstützen und miteinander suchen, was heilsam ist im Leben mit Traumafolgen.

Ich musste erfahren, dass ich mit meinem Anliegen, das den doppelten Fokus „Gewalterfahrungen UND Christentum" hat, zwischen allen Stühlen saß. Den einen behagte es nicht, dass Menschen mit Gewalterfahrungen sich zu erkennen gaben und um Solidarität baten. Anderen behagte es nicht, dass das Anliegen darin bestand, den christlichen Glauben als Ressource im Leben mit Gewaltfolgen zu nutzen. Ich hatte ein Thema „gewählt" (eigentlich ist es umgekehrt: Das Thema hat mich gewählt), das ein zweifaches Tabu berührte: Über Gewalt darf man nicht sprechen und der christliche Glaube ist -gelinde gesagt - eher peinlich.

Ich selbst brauchte lange Zeit, bis ich von mir sagen konnte: Ich habe Gewalt erlebt und ihre Folgen prägen unwiderruflich mein Leben. Und noch länger dauerte es, bis ich öffentlich sagen konnte: Ich bin Christin.

Hilfreich war und ist die Erfahrung, dass ich in Betroffenen Freundinnen gefunden habe, die mein Leben bereichern. Hilfreich war und ist die Erfahrung, dass ich auch in der Kirche Menschen und eine Gemeinde gefunden habe, die nun schon seit Jahren solidarisch den oft nicht einfachen Weg Gewaltüberlebender mitgehen. Diese Menschen geben der Hoffnung auf einen befreienden Gott Nahrung und ein Gesicht.
Kerstner, Erika; Stutensee

Quelle: http://www.christ-in-der-gegenwart.de/aktion_glaube/beitrag_detail?k_beitrag=1846016