3.Kirche und Missbrauch

Das eLearning-Projekt der Gregoriana will weltweit über sexuelle Gewalt in der katholischen Kirche informieren und kirchliche MitarbeiterInnen zum Umgang mit kirchlichen Missbrauchsopfern und Missbrauchstätern schulen. Das Projekt begann 2012 als Pilotprojekt und war in München angesiedelt. Zum Jahreswechsel 2014/2015 zog es nach Rom um. 2012 hatte ich mich für eine Teilnahme angemeldet, die nicht möglich war. Die Gründe - technischer oder inhaltlicher Art - sind mir unbekannt. Ende 2014 versuchte ich es erneut und kam in Kontakt mit 3 der Verantwortlichen. Vor meiner verbindlichen Zusage bat ich um genauere Informationen über die Inhalte des Projektes. Ich erhielt die Kursunterlagen zum Teilthema Gesprächsführung und entschied, nicht an einem Kurs teilzunehmen, um mich der dort sichtbaren Opfer-Abwehr und -Feindlichkeit nicht aussetzen zu müssen. Daraufhin wurde meine - entsetzte - Rückmeldung an die Überarbeitungskommission des Kurses weitergeleitet. Meine Kritik an diesem einen mir bekannten Kursinhalt - Gesprächsführung - sei hier eingestellt. Ob sie gehört und verstanden wird, wird sich - vielleicht - zeigen.
  • Die Anleitung zur Gesprächsführung scheint davon auszugehen, in dem Kind oder Jugendlichen (und vermutlich auch Erwachsenen, denn die meisten Opfer sind erst als Erwachsene in der Lage zu sprechen und das müssten die Kurs-Entwickler wissen) jemanden vor sich zu haben, der verhört werden muss, um die Wahrheit rauszufinden. Ich verstehe, dass die Kirche im Fall, dass Priester beschuldigt werden, eine Fürsorgepflicht für mutmaßliche Priester-Täter hat. Das ist sicher nicht einfach. Aber dem mutmaßlichen Opfer mit einem solchen Misstrauen und mit "freundlich-zugewandter, aber neutraler Haltung" zu begegnen, dient lediglich der Zurückweisung des Opfers, nicht der Wahrheitsfindung. - Nach meiner Erfahrung sprechen Opfer überhaupt nur, wenn sie im Gegenüber eine parteiliche Zugewandtheit (d.h. nicht Naivität, blinder Glaube, Aufdeckungshysterie...) wahrnehmen. Andernfalls sprechen sie gar nicht oder ziehen sich schnell wieder zurück.

  • Das Modul räumt möglichen Falschaussagen so breiten Raum ein, dass LeserInnen am Ende davon ausgehen müssen, Falschbeschuldigungen seien die Norm und Vorwürfe, die sich erhärten lassen, die Ausnahme. - In meiner Arbeit mit inzw. ca 700 erwachsenen weiblichen Betroffenen sind mir ca 5-7 Menschen begegnet, die versuchsweise ihre reale (!) psych. Not mit dem Etikett "sexueller Missbrauch in der Kindheit" versehen haben, um in einer Orientierungsphase rauszufinden, ob diese Ursachenzuschreibung stimmt. Bei allen anderen war die Ursache der Not - oft nach jahrelangen Therapien und vorausgehendem Leid - klar oder klärte sich nach oft langen Phasen des Zweifels und des Unglaubens.
  • Hinzu kommt, dass ca 40% der Opfer sexueller Gewalt eine Amnesie entwickeln, nach Vergewaltigung 50% (zum Vergleich: 20-30% nach Kriegstrauma, 10-15% nach Unfällen - Flattern 2010). Bei sexuellen Missbrauch im Kindesalter erhöht sich die Anfälligkeit für Amnesie noch, Joachim Bauer spricht gar von "regelmäßiger" Entwicklung einer Amnesie. Einem Menschen, dessen schmerzlich aufgelöste oder reduzierte Amnesie ein Benennen des Geschehens erst nach Jahren, meist Jahrzehnten möglich macht, mit einer solchen Verdachtshaltung zu begegnen, ist (mir) unerträglich. Diese Verdachtshaltung ist in einem polizeilichen Verhör und vor Gericht angemessen, nicht jedoch, wenn ein sehr verletzter Mensch sich mit Hoffnung auf Gehör an (s)eine Kirche wendet.
  • Dass aufgrund einer größeren Aufmerksamkeit Erwachsener für kindliche Opfer Kinder und Jugendliche häufiger als noch vor 30 Jahren sprechen, halte ich für eine verfehlte Annahme. Das Schweigen hängt nämlich vor allem mit dem Loyalitätskonflikt der Opfer, der Identitifikation mit dem Aggressor und mit ihren Schuldgefühlen zusammen - und diese psych. Mechanismen haben sich nicht verändert.
  • Völlig unberücksichtigt bleibt, dass der Mensch, dem sich ein Opfer anvertraut, alle Schritte, die er gehen will, mit dem Opfer abstimmt und nicht erneut ohne die Zustimmung des Opfers handeln darf. Dass "man über die nächsten Schritte einmal nachdenken bzw. mit jemand anderem sprechen muss" klingt nicht so, als müsste das Opfer in dieses Nachdenken einbezogen werden oder als müsste es zustimmen, wenn der kirchl. Gesprächspartner noch mit jemand anderem sprechen muss.

  • Und wenn der Gesprächspartner vom Opfer um Verschwiegenheit gebeten wird, dann ist die Zusage von Verschwiegenheit Voraussetzung für das Sich-Anvertrauen. [Der Kurstext verweigert die Zusage von Verschwiegenheit.]
  • Ich lese den Hinweis auf "erfundene Darstellungen", die vage, stereotyp und in der internen Konsistenz mangelhaft sind - ich vermisse eine Darstellung der Schwierigkeiten, die Opfer mit einer konsistenten Darstellung des Geschehenen haben - das hängt mit der hirnorganisch veränderten Speicherung und Verarbeitung eines Traumas durch Menschengewalt zusammen.

Ich vermute, dass diese die Opfer abwehrende Haltung der kirchlichen Gesprächspartner aus einer Rollenkonfusion resultiert: Die kirchlichen Gesprächspartner sollen einerseits ermitteln, ob die Anklagen der Wahrheit entsprechen, andererseits wollen sie vom Opfer als seelsorgliche BegleiterInnen wahrgenommen werden. Die Erwartungen jener Opfer, denen es lediglich um eine Meldung geht, werden erfüllt. Opfer, die einen seelsorgenden Umgang mit sich erwarten, - und das ist angesichts des kirchlichen Auftrags und Selbstverständnisses legitim - werden ent- und getäuscht. Die Rolle eines Ermittlers passt nicht zur Rolle eines Seelsorgenden.

Mir erklärt sich nun deutlicher als bisher der garstig breite Graben, der nach wie vor zwischen Opfern sexueller Gewalt im kirchl. Kontext und den kirchlichen Verantwortlichen besteht. Ich glaube, dass sich das erst dann ändern kann, wenn die Kirche sich für ihre eigentliche, die seelsorgliche Rolle entscheidet und die Ermittlungsaufgabe neutralen Fachleuten überlässt.

Erika Kerstner, 25.5.2015


7.8.2015 Einem Dritten gegenüber - der mir die Antwort weiterleitete - schrieb eine Mitarbeiterin des Kinderschutzzentrums, meine Hinweise seien
"wirklich interessant" und sie werden "hilfreich für uns" sein. Ich selbst habe bislang keine Antwort erhalten. Dass mein Schreiben - das immerhin eine grundsätzliche und fundamentale Kritik an der Arbeit des weltweit tätigen Kinderschutzzentrums der Gregoriana enthält - lediglich  als "interessant" gewertet wird, weist nicht darauf hin, dass die Kritik tatsächlich angekommen ist. Dass ich nicht einmal eine inhaltliche Antwort erhalte, weist vielmehr darauf hin, dass das öffentlich viel beschworene Interesse an der Sicht der Betroffenen nichts anderes ist als eine öffentliche Bekundung, die dem Ansehen der Kirche dienen soll. Faktisch ist das Interesse an den Betroffenen nicht vorhanden. Sollte noch eine inhaltliche Rückmeldung kommen, werde ich hier informieren.

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