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Über die "Kultur" des Vergebens und über das Schweigen (2003)

"Gewalt ist ein Geschehen, das uns täglich in physischer, psychischer und struktureller Form begegnet; für Frauen hat dabei sexuelle Gewalt eine besondere Bedeutung. Trotzdem wird das Thema Gewalt in Kirche und Gesellschaft weiterhin tabuisiert – Gewalt wird übersehen, toleriert, ertragen und geleugnet. Oft wird darüber hinaus den Gewaltopfern die Schuld für das erlittene Unrecht zugeschoben – sie werden so zum Schweigen gebracht. Dies bedeutet letztlich eine Fortsetzung der Gewalt." (Aus den Leitlinien der kfd vom Mai 2000, S. 15)


So steht es in den Leitlinien einer katholischen Frauenorganisation mit über 500 000 Mitgliedern, die in 5.300 Pfarreien (von ca 13 000), d.h. nahezu flächendeckend in Deutschland, vertreten sind. Es sind Mut machende Worte. Die Praxis hingegen ist eine andere.
In Heft 6/2003 der kfd-Zeitschrift "Die Mitarbeiterin" stand ein
Artikel über Vergebung, wie er leicht gekürzt bis heute im Internet zu finden ist. Dort forderte die Autorin Gewaltopfer zur Vergebung der "Kränkung durch Gewalt" auf. Obwohl dieser Artikel mehrfach verbreitet wurde, hatte er offensichtlich keinen Widerspruch gefunden. Als die im Artikel zitierte "Gottesdichterin" Carola Moosbach sich gegen die Umdeutung ihrer Intention wehrte, verweigerten Redakteurin und Autorin das Gespräch. Auch ein erneuter Gesprächsversuch ein Jahr später blieb unbeantwortet. Stattdessen erschien der (gekürzte) Beitrag erneut in der Zeitschrift Christ in der Gegenwart (2010 Nr.1).

Vier Frauen protestierten 2003 in Offenen Briefen gegen den Artikel:
Carola Moosbach am 28.9.2003, Erika Kerstner am 30.9.2003, Pfarrerin Daniela Hammelsbeck am 3.10.2003 und Pastorin Christina Schlarp, Frauenreferentin, Evangelischer Stadtkirchenverband Köln-Neuss am 15.10.2003. Die Briefe sind im Folgenden dokumentiert.

Offener Brief von Carola Moosbach

Von der „heilsamen“ Kultur des Vergebens – oder: Vom Missbrauch meiner Texte

Sehr geehrte Frau V., sehr geehrte Frau Dr. B. für die Redaktion,

in der neuen Ausgabe der Zeitschrift Die Mitarbeiterin – Frauen gestalten Kirche und Gesellschaft, Nov./Dez. 2003 wird der Beitrag „Die beste „Rache“ ist, glücklich zu  werden“ von Karin Vorländer veröffentlicht.

In diesem Artikel wird unter anderem dargelegt, amerikanische Psychologen plädierten für eine „heilsame Kultur des Vergebens“. Sinngemäß wird im folgenden ausgeführt, das Verzeihen sei nach neuesten Erkenntnissen „Beginn und Ende eines Heilungsprozesses“; anhaltende Wut hingegen würde bei den Opfern unter Umständen sogar zu „Herzkrankheiten und einer Schwächung des Immunsystems“ führen (S. 17). Von einer durch einen ärztlichen Kunstfehler bleibend und vorsätzlich schwer geschädigten Patientin wird berichtet: „Jahrelang machten Zorn und Groll ihr Leben bitter. Die Wende kam erst, als sie nach einem Gespräch mit einem Seelsorger aus ihrer passiven Opferrolle ausstieg und begann, aktiv um Vergebung zu bitten.“ Fazit: „Eine Kränkung wird nicht geheilt, solange sie nicht vergeben ist“ (S. 18).

Es ist natürlich Ihre Sache, sehr geehrte Frau Vorländer und Bestandteil Ihrer journalistischen Freiheit, wenn Sie in Ihrem Artikel Verbrechen wie schwere Körperverletzung oder das Vergewaltigen von Kindern in obszöner Verharmlosung unter dem Begriff der  „Kränkung“ zusammenfassen möchten. Selbst Ihre am Beispiel der verkrüppelten Patientin vertretene Auffassung, nicht etwa der Täter, sondern das Opfer habe  „aktiv“ um Vergebung zu bitten, ist eine zwar zynische, aber letztlich zu tolerierende Meinungsäußerung.

Eine andere Sache ist es, wenn Sie meine Texte in einen solchen Zusammenhang stellen und damit den Eindruck erwecken, auch ich sei – leicht modifiziert zwar, aber letztlich eben doch - eine „Kronzeugin“ der von Ihnen vertretenen Auffassungen. Schon das kommentarlos in den Artikel platzierte Gedicht Zwischenmut vermittelt unterschwellig diesen Eindruck. Darüber hinaus schreiben sie: „Dass Vergeben nicht heißt, einfach Nachsicht mit den Tätern zu üben … erlebte auch die Inzestüberlebende Carola Moosbach…“. Meinen Rachepsalm teilweise zitierend führen Sie im Anschluss daran aus: „Sich die eigene Wut einzugestehen und das Unrecht beim Namen zu nennen, sind wichtige Etappen auf dem Weg zur Vergebung…“ (S. 18).

Wo bitte findet sich in diesem oder in irgendeinem anderen meiner Gebete die Äußerung, Wut und Zorn seien zu überwindende „Etappen“ auf dem Weg der Vergebung? Ganz im Gegenteil stelle ich in meinen Texten immer wieder in aller Deutlichkeit klar, dass gerade nicht die Vergebung, sondern das durchgehaltene Beharren auf der Gerechtigkeit Gottes mein zentrales Anliegen ist (Ein Beispiel für viele: „Erzählt mir nichts von Vergebung/erzählt mir von Gottes Gerechtigkeit“ aus meinem Gedicht Abrechnung in Himmelsspuren). Auch Ihre Behauptung, ich überließe es letztlich Gott, „wie er mit dem Täter umgeht“ (S. 18), trifft nicht zu. Nicht zuletzt der von Ihnen zitierte Psalm fordert Gott ausdrücklich zur Bestrafung der Täter auf („Lass ihn zittern vor Angst diesen Kinderseelenmörder…). Und wenn ich in einem Interview mit Ihnen vom Glücklich-Werden als der besten Rache sprach, so bedeutet dieser Satz nichts anderes als die Notwendigkeit, dem Vernichtungswillen der Vergewaltiger den eigenen Lebenswillen mutig und kraftvoll entgegenzusetzen. Mit Vergebung oder dem „Aufhören, sich an die Wunden der Vergangenheit zu klammern“ (S.18) hat all dies nicht das Geringste zu tun.

Was wir Opfer und Überlebende brauchen ist kein als Fürsorglichkeit getarnter moralischer Druck und erst recht nicht die unverschämte Unterstellung, das Festhalten an der „Opferrolle“ sei unser eigentliches Problem. Was wir mehr als alles andere brauchen sind offene Herzen und Ohren, klare Parteinahme und mitfühlende Solidarität. Die Täter sind es, die mit aller Deutlichkeit zum Bekennen ihrer Schuld, zur Übernahme von Verantwortung und zu tätiger Reue aufgefordert werden müssen. Dies und nicht ein zynisches „Schwamm drüber“ entspricht im Übrigen auch biblischer Erkenntnis und christlicher Ethik.

Carola Moosbach

Eine Kopie dieses Briefes geht an:
Schlangenbrut – Zeitschrift für feministisch und religiös interessierte Frauen
Gewaltüberlebende Christinnen auf dem Weg zur Traumaheilung
Mailingliste Frauenkirche

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Als am 22.12.2003 weder eine Antwort der Redakteurin noch der Autorin auf den Offenen Brief eingetroffen war und es in der kfd-Zeitschrift "Die Mitarbeiterin" im Heft 1/2004 keinen Hinweis darauf gab, habe ich folgendes Schreiben an Redakteurin und Autorin gerichtet.

Offener Brief von Erika Kerstner

Ich lese den Text des Offenen Briefes von Carola Moosbach an die Autorin Karin Vorländer. Der Offene Brief von Frau Moosbach bezieht sich auf einen Beitrag in der Zeitschrift „Die Mitarbeiterin - Frauen gestalten Kirche und Gesellschaft“, Nov./Dez. 2003). Der Beitrag hat den Titel: Die beste „Rache“ ist, glücklich zu werden.

Eine der ersten Reaktionen auf die inhaltliche Wiedergabe des Artikels ist Verlust der Gelassenheit und Verwirrung. Ich gehe der Verwirrung nach und – siehe da – ich finde eine Menge berechtigter Gründe. Ich nenne sie der Reihe nach:

1. Wieder einmal weiß jemand besser als die Betroffenen, was für diese richtig ist.

2. Wieder einmal haben die Opfer Schuld. Diesmal haben sie Schuld daran, dass ihre Heilung einfach nicht voranschreiten will, weil sie den Tätern nicht vergeben. Immunschwäche und Herzkrankheiten werden aufgelistet, die die Opfer sich schuldhaft zuziehen, nur weil sie partout nicht zum gewünschten Zeitpunkt, nicht auf Befehl, am Ende vielleicht überhaupt nicht verzeihen wollen.
3. Dabei geht es doch nur darum, eine „Kränkung“ zu vergeben. Unter einer Kränkung verstehe ich, dass mir zum Beispiel jemand auf den Fuß tritt, ohne sich zu entschuldigen oder jemand meinen Gruß nicht erwidert. Gemeint sind aber vorsätzliche Körperverletzung, Vergewaltigung, Inzest, Missbrauch, Misshandlung, Verwahrlosung und Vernachlässigung. Das Strafrecht stuft diese „Kränkungen“ zu Recht als Verbrechen ein.
Der Begriff der Kränkung impliziert, dass ein Erwachsener sie doch irgendwann wegstecken, vergeben und vergessen können muss. Nicht so diese Opfer – die vergessen und vergeben nicht einmal eine Kränkung!
4. Der Begriff der Kränkung impliziert auch, dass nach der Vergebung der Kränkung ein fröhlich-unbekümmert-unbeschwertes Weiterleben möglich wäre. Da wird übersehen, dass Menschen, die dem Menschen zum Opfer fielen, ein für allemal nicht mehr so recht auf dieser Erde daheim sein können. Manche „von uns“ haben sich umgebracht – vollkommen unangemessen angesichts einer Kränkung.
5. Der Artikel von Frau Vorländer zeigt, dass die Autorin außerstande ist, zwischen einer harmlosen, banalen Widerwärtigkeit des Lebens einerseits – Trauma, kumulativem und sequentiellem Trauma andererseits zu unterscheiden. Sie hat keine Kenntnis von Traumatisierung. Sie weiß nicht, dass manche  Folgen von Traumatisierung – trotz guter und „erfolgreicher“ langjähriger Therapien – oft unwiderruflich und lebenslänglich anhalten, andere nur gemildert werden können. Sie weiß nicht, dass traumatisierten Menschen manche Lebensbereiche – anderen Menschen eine Quelle der Lebensfreude und Lebenslust – für immer verschlossen und irreparabel zerstört sein können. Sie weiß nicht, dass traumatisierte Menschen manchmal Lebensentscheidungen unter dem Diktat der Traumafolgen treffen, deren Konsequenzen das Leben begleiten bis zum Tod.
6. Die Autorin spricht davon, dass Menschen, die nicht vergeben, sich an die Wunden der Vergangenheit klammerten. Sie weiß nicht, dass es bei Verbrechensopfern umgekehrt ist: Dass die Wunden der Vergangenheit sich an die Überlebenden klammern, eingebrannt in Leib und Seele wie ein unauslöschliches Siegel.
7. Die Autorin warnt Gewaltüberlebende vor den gesundheitsschädlichen Folgen des Nichtvergebens. Damit wird der Umkehrschluss suggeriert: Wenn es einer Gewaltüberlebenden schlecht geht, dann wohl deswegen, weil sie nicht vergeben hat. Nicht mehr ein Verbrechen ist dann Ursache für Traumafolgen – sondern ein vergebungsunwilliges Opfer ist selber schuld, wenn es ihm nicht gut geht.
8. Ich kann nicht umhin, diese wahre Meisterleistung der Autorin zu bewundern: Da soll ein Opfer, das eigentlich keines ist, eine Untat, die auch keine ist, einem Täter, der sich nicht zu erkennen gibt und sowieso chronisch unschuldig ist, vergeben. Da wäre aber doch noch die Schuld. Die wenigstens ist erkennbar, auffindbar, benennbar. Sie liegt beim Opfer. Und die Strafe für diese Schuld des Opfers kennen wir auch schon: Immunschwäche und Herzerkrankung.

Die Autorin ahnt nicht einmal, dass sie mit ihrem Artikel wiederholt, was Opfer schon immer kennen:

-  Die Schuld liegt beim Opfer
-  Die Verbrechen werden verharmlost
-  Die Täter werden unsichtbar gemacht
-  Den Tätern gilt keine Forderung
-  Forderungen werden an die Opfer gestellt
-  Bei Nichterfüllung der Forderung wird mit Krankheit gedroht
-  Den Opfern wird nicht zugehört
-  Äußerungen von Opfern werden umgedeutet

Einen unbestreitbaren Vorteil hat diese Argumentation: Sie belässt die  Mitmenschen und MitchristInnen in der Rolle der ZuschauerInnen. Da kann dann in Ruhe abgewartet und zugeschaut werden, ob die Opfer die Aufgabe der Vergebung hinkriegen oder wieder mal versagen.

Niemand muss sich Gedanken darüber machen, ob Menschen - die christliche Gemeinde gar - aus der Rolle unbeteiligter Zuschauer herausfinden müssen und was sie denn tun könnten, um Gewaltüberlebenden die Suche nach dem kleinen Stück Heimat auf dieser Erde ein wenig leichter zu machen.

30.9.2003

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Offener Brief von Daniela Hammelsbeck, Pastorin für Frauenberatung und Mädchenarbeit im Kirchenkreis Köln-Mitte

Sehr geehrte Frau V.!

Mit zunächst großem Befremden und dann zunehmendem Empören habe ich Ihren Artikel „Die beste ´Rache` ist, glücklich zu werden“ (Die Mitarbeiterin 6/2003) gelesen.

Ich arbeite seit mehreren Jahren als Pastorin für Frauenberatung und Mädchenarbeit in Köln. Schwerpunkt meiner Arbeit ist das Angebot von Seelsorge und Beratung für Frauen, insbesondere auch für Frauen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben.

Es sind zwei Aspekte Ihres Artikels, die ich auf keinen Fall unwidersprochen stehen lassen kann:

° Das unreflektierte Plädoyer für Vergebung

Entsetzt bin ich über Ihre pauschale Art und Weise, von Vergebung als heilsamer Kultur zu sprechen. Ganz sicherlich gibt es Situationen, Beziehungen, Erfahrungen, Kränkungen, in denen Vergebung heilsame Wege zu eröffnen vermag. Die von Ihnen angeführten Beispiele (Aidskranker, vorsätzlich durch einen Arztfehler geschädigte Frau, Inzestüberlebende) sind jedoch so existentieller Art, dass es nur Zynismus oder Ignoranz sein kann, wenn Sie dabei von „Kränkungen“ sprechen und wenn Sie diesen Betroffenen pauschal Vergebung ans Herz legen.

Derart zur Vergebung aufgefordert zu werden, ist insbesondere für Inzestüberlebende fatal – so meine Erfahrung aus der Seelsorgearbeit. Gerade die christliche Vergebungspflicht, wie sie in der Kirche bis heute noch viel zu oft zu hören ist (und wie ich sie eben auch deutlich aus Ihren Worten heraushöre), hat hier viel Unheil angerichtet. Für die, denen Unrecht widerfuhr, birgt der christliche Vergebungszwang erneute Schuldzuweisung. Vergeben sie nicht, werden sie zu Schuldigen erklärt und fühlen sich auch selbst schuldig, dem christlichen „Gebot“ nicht Genüge zu tun.

Mit diesen Frauen dann z.B. Rachepsalmen aus der Bibel oder auch den von Ihnen zitierten „Rachepsalm“ von C. Moosbach zu lesen, hat oftmals eine sehr heilsame und befreiende Wirkung. Rache, Wut und Zorn haben ihr Recht und ihren Raum in der Kirche und vor Gott. Und dies eben gerade nicht als zu überwindende Etappe, sondern als fortwährendes Pochen auf Gerechtigkeit (vgl. auch Lk 18,1ff). Die gängige Auffassung, die ich auch Ihrem Artikel entnehme, dass ein „gutes“ Opfer dem Zorn adieu sagt, entspricht nicht der Realität von Überlebenden und ist eben auch nicht christlich.

Es sei noch angefügt, dass die biblische Rede von Vergebung eben gerade nicht allgemein, abstrakt und losgelöst vom Kontext geschieht, sondern konkret, situationsbezogen und sehr differenziert!

° Wie sie C. Moosbach die Worte verdrehen

Seit Erscheinen des ersten Buches von C. Moosbach gehören mir ihre Texte zum persönlichen Schatz und zum wesentlichen Material für die Seelsorgearbeit. Dabei ist es gerade ihr Beharren auf der Gerechtigkeit Gottes gegen alle Vergebungsharmonie, Verharmlosung, Kleinrederei, welches ihre Texte so befreiend macht.

Dass Sie nun gerade Frau Moosbach als Kronzeugin für Ihre These von der heilsamen Kultur des Vergebens anführen, macht mich wütend und darf auch so nicht stehen bleiben. Dass Wut und Rachegedanken bei C. Moosbach wichtige „Etappen auf dem Weg zur Vergebung und zum eigenen Gesunden“ seien, verdreht die Moosbach´schen Texte in ihr Gegenteil. Durch alle bislang erschienenen Bücher hindurch erklingen immer wieder Wut, heiliger Zorn und Empörung gegen das Unrecht und gegen alles, was nach vorschneller Vergebung riecht. Darin liegen ihre Stärke und darin heben sich Moosbachs Texte so heilsam und wohltuend von so vielen Verlautbarungen ab, die sich christlich nennen!

Mit freundlichen Grüßen Daniela Hammelsbeck

Daniela Hammelsbeck
Pastorin für Frauenberatung und Mädchenarbeit
Im Kirchenkreis Köln-Mitte
Machabäerstr. 26
50668 Köln
0221-121115
hammelsbeck@web.de

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Offener Brief von Pastorin Christina Schlarp, Frauenreferentin, Evangelischer Stadtkirchenverband Köln

Köln, den 14.10.2003

Sehr geehrte Frau V.,

als interessierte Leserin und Abonnementin der Zeitschrift „Die Mitarbeiterin“ möchte ich mich gerne zu einem Artikel von Ihnen äußern, der im Heft 6/2003 zu lesen ist: „Die beste ´Rache` ist glücklich zu werden“.

Dort berufen Sie sich auf die Forschungsergebnisse amerikanischer WissenschaftlerInnen und schreiben: „Denn wer nicht vergeben kann, bindet Unmengen seelischer Energie, verschwendet die eigene Kraft in Zorn, Rachegedanken, Schmollen, in Hass, Bitterkeit und Wut. Im Ver-zeihen dagegen liegt die Möglichkeit, die Fesseln der Vergangenheit abzustreifen.“ Als Beleg für die heilsame Wirkung der Vergebung führen sie mehrere Beispiele an, wobei sie auch die Inzestüberlebende Carola Moosbach mit ihrem „Rachepsalm“ zitieren.

Seit Jahren arbeite ich als Frauenreferentin des Evangelischen Stadtkirchenverbandes Köln am Thema „Gewalt gegen Mädchen und Frauen“ und erlebe in der Beschäftigung mit diesem Themenbereich und in Gesprächen mit betroffenen Frauen immer wieder, dass Frauen und Mädchen mit Gewalterfahrungen nachhaltig traumatisiert sind, insbesondere dann, wenn sie Opfer von Missbrauch in der Kindheit wurden. Sie sind an Leib und Seele verletzt, und im Fall von sexualisierter Gewalt dieser Art heilt weder Vergebung noch Zeit die Wunden.

„Zeit heilt keineswegs alle Wunden“, so lautet der Titel einer Handreichung, die die Evangelische Kirche im Rheinland im vergangenen Jahr herausgegeben hat. Aus dieser Handreichung möchte ich gerne zitieren und damit ihre Ansichten zum Thema „Vergebung“ nachdrücklich in Frage stellen:

„Auch der Begriff der Versöhnung wurde/wird gegenüber Opfern missbraucht. Sowohl Täter als auch kirchliche Vertreter verlang(t)en von den Geschädigten vorschnell Vergebung ohne Verurteilung des Missbrauchs, ohne das Ins-Recht-setzen der Opfer und ohne die Reue der Täter.

Biblisch gesehen ist Vergebung nicht ohne wirkliche Einsicht in Unrecht und Schuld und nicht ohne Buße möglich. Buße kann z.B. in Form eines Täter-Opfer-Ausgleichs geschehen, der den angerichteten Schaden wieder gut macht, soweit das menschenmöglich ist.

Vergebung kann, wenn sie dem Opfer möglich ist, erst am Ende eines mitunter langen Verarbeitungsprozesses stehen. Es ist aber auch möglich, dass Opfer nicht vergeben können oder wollen, weil der ihnen zugefügte Schaden zu verheerend ist. Dies gilt es auszuhalten!

Entscheidend kommt es darauf an, Betroffene nicht zur Vergebung zu drängen. Ihr diesbezüglicher Wille ist jederzeit unbedingt zu achten.“ (aus: Zeit heilt keineswegs alle Wunden. Leitlinien zum Umgang mit sexualisierter Gewalt, Evangelische Kirche im Rheinland 2002, S.10).

Dass das „Einander-Vergeben-können“ eine wichtige christliche Maxime ist und unter Umständen auch heilsam sein kann, möchte ich gar nicht in Frage stellen. Aber die von Ihnen angeführten Beispiele für die heilsame Wirkung der Vergebung halte ich für völlig verfehlt. Hier handelt es sich um derart existenzielle Verletzungen, dass die Menschen, denen sie zugefügt wurden, nur je für sich entscheiden können, ob Vergebung überhaupt möglich ist oder auch nicht. Keinesfalls kann man diese Art der Verletzungen als Beispiel für die heilsame Wirkung der Vergebung allgemein heranziehen. Denn damit setzten Sie indirekt Menschen unter Druck, die ähnliches durchlitten haben und für die Vergebung eben nicht möglich ist.

In diesem Zusammenhang möchte ich dann auch klarstellen, dass Ihre Interpretation der Texte von Carola Moosbach geradezu dem entgegensteht, was Frau Moosbach eigentlich mit ihren Gedichten, Gebeten, Psalmen aussagen will. Soweit ich Carola Moosbach kenne, wird sie die Letzte sein, die von einer heilsamer Wirkung der Vergebung spricht und was den von Ihnen zitierten Rachepsalm angeht, so steht dort „...laß ihn nicht davonkommen diesen ehrbaren Schrebergärtner“ und der Rachepsalm endet „...und erlöse mich von meinem Vater für immer“. Das hört sich für mich nun gerade nicht nach Vergebung an...

Carola Moosbach ist als Inzestüberlebende eine derjenigen, die nicht vergeben können und nicht vergeben wollen und das mit vollem Recht!!!

Ich würde mich freuen, wenn Sie in Zukunft alle Seiten eines Themas, das Sie in einem Ihrer Artikel diskutieren wollen, beleuchten würden.

Mit freundlichen Grüßen
Pastorin Christina Schlarp, Frauenreferentin, Evangelischer Stadtkirchenverband Köln
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