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Christinnen mit Gewalterfahrungen auf dem Weg der Traumaheilung

RUNDBRIEF DER INITIATIVE KIRCHE VON UNTEN (IKvu) schrieb ich im August 2003

Von Gott und den Menschen verlassen zu sein war die oft jahrzehntelange Erfahrung katholischer und evangelischer Frauen (35 – 60 Jahre), die sich im Frühjahr 2000 in Frankfurt/Main trafen. Wir waren der Annonce einer Theologin gefolgt. Uns verband, dass wir das Leben in körperlich, seelisch und/oder sexuell gewalttätiger Familie gelernt oder auch auf der Suche nach Hilfe in Therapie und Seelsorge sexuelle Gewalt erlebt hatten. Wir hatten in der Gewalterfahrung das Vertrauen in uns, in Menschen und Gemeinschaften und in Gott verloren oder nie erworben – eine grundlegende, aber längst nicht die einzige Folge von Traumatisierung durch menschliche Gewalt.

Im Erwachsenenleben „funktionierten“ wir. Wir arbeiteten haupt- oder ehrenamtlich in unseren Kirchen. Das permanente Gefühl der Nichtzugehörigkeit zur menschlichen Gemeinschaft und des Andersseins blieb. Wenige  von uns konnten in ihren Therapien den Wunsch nach Heilung der in den Gewalterfahrungen verletzten Spiritualität formulieren. Die Suche nach begleitender Seelsorge in der akuten Phase der Traumabewältigung war in der Regel vergeblich gewesen. Da forderten SeelsorgerInnen Vergebung von uns – nicht wissend, dass Vergebenkönnen ein Geschenk ist - und zu einem Zeitpunkt, an dem wir noch nicht einmal den Schaden ermessen hatten. Sie sprachen uns von „Auferstehungserfahrungen“ an einem Tag, an dem wir nur froh waren, ihn bis dahin überhaupt überlebt zu haben. Nicht immer konnte der gesprächszerstörende Verdacht, dass das Opfer selber Schuld habe, verbalisiert und geklärt werden. In der Regel ergriffen die sorgfältig ausgesuchten SeelsorgerInnen nach einem ersten Gespräch die Flucht vor uns. Christliche Spiritualität kann sich dauerhaft nicht in der Einsamkeit vollziehen. Es fehlte jedoch eine uns integrierende christliche Gemeinschaft, die unsere traumaspezifische Verlassenheit hätte auflösen/reduzieren können und uns zugleich den Wert unseres Beitrages für die Gemeinschaft hätte vermitteln können.

In Frankfurt erlebten wir bei unseren dreimal jährlich stattfindenden Treffen  erstmals, dass wir sprechen durften, gehört und verstanden wurden. Es war möglich, im gegenseitigen Zuhören die quälende Isolation zu durchbrechen. Wir konnten unsere traumaspezifische Schwierigkeit, einem Gott zu vertrauen, formulieren und die Solidarität der Gruppe erleben, die – stellvertretend für uns - die Hoffnung auf einen guten Gott aufrechthielt. Unsere spirituellen Erfahrungen und Unfähigkeiten fanden mit den Zuhörerinnen zugleich eine Sprache und damit den Zugang zu einer Veränderung. Wir konnten beginnen, unsere Lebenswege vor einen – vielleicht – vielleicht auch mit uns - verbündeten Gott zu bringen.

Wieviel Heimat braucht der Mensch?

Dieses Erleben war so entlastend und befreiend, dass wir nach der konflikthaften Konsolidierung der Gruppe anderen betroffenen Frauen Anteil geben wollten. Unbefangen nahmen wir an, dass eine Kirche, die im Foltertod des Gottessohnes das Heil der Welt feiert, auch ein Ort für Überlebende anderer Gewaltformen sei.

Damit begann ein Weg, der ohne den Rückhalt der Gruppe nicht möglich gewesen wäre. Zuerst erfuhren wir, dass die katholische Kirche noch kaum wusste, dass sie auch für Gewaltüberlebende ein Ort des Heils/der Heilung ist. Wir fanden zwei unverbindliche Briefe zum Thema und seltene Tagungen vor – ein Angebot für Betroffene fanden wir nicht.

So versuchten wir, unsere Gruppe und ihr Anliegen unter Nutzung der vorhandenen kirchlichen Infrastruktur bekannt zu machen. Die überregionale kirchliche Presse reagierte mit Schweigen. Der Leiter eines kirchlichen Bildungshauses teilte uns mit, das Thema „Glaube vor dem Hintergrund von Gewalterfahrungen“ passe nicht zum Profil seines christlichen Hauses. Wenn wir – selten – auf Wohlwollen und Interesse stießen, war es mir Hilflosigkeit verbunden: die Angesprochenen fühlten sich nicht zuständig und reichten uns jeweils im Kreis weiter. Eine regionale Frauenreferentin konnte für ein Projekt zur Vernetzung Betroffener gewonnen werden – die Vorgespräche jedoch zogen sich über 14 Monate hin, bevor die einjährige Planungsphase überhaupt beginnen konnte.

Als im März 2002 unübersehbar war, dass wir mit konkreter Unterstützung durch die Kirche nur ausnahmsweise rechnen können, gingen wir ins Internet. Hier erhielten wir dann zum ersten Mal effektive Unterstützung. Pfr. Dr. Joerg Sieger, Bruchsal, gewährte uns wohlwollend Gastrecht auf seiner umfangreichen Homepage und leistete technische Hilfe. Die Homepage mit einem Mail-Kontakt-Angebot wird von betroffenen Frauen genutzt und hat bereits im Anfangsstadium ihre Berechtigung und Not-Wendigkeit gezeigt.

Als ich das Internetangebot auch durch das Setzen von Links bei 39 internetpräsenten katholischen Institutionen/Gruppierungen aus dem Bereich „Frauenarbeit, Seelsorge, Spiritualität“ bekannt machen wollte, kamen sieben Angesprochene der Bitte nach; einem fehlte leider eine für uns passende Linkkategorie, drei Viertel der Angefragten schwiegen. Das heftige und laute Schweigen lässt kein Muster erkennen. Es umfasste wider Erwarten auch Institutionen/ Gruppierungen, die das Thema „Gewalt gegen Frauen“ als Thema der Kirche identifizierten, Arbeitshilfen und Texte zum Thema veröffentlichten, mit Frauen in Gewaltsituationen arbeiten; sich andernorts für die Wahrnehmung von Randgruppen stark machen. Diözesen, die im Rahmen der „Dekade zur Überwindung der Gewalt“ den Mangel an Wahrnehmung betroffener Frauen bedauernd festgestellt hatten schwiegen ebenso wie kirchliche Presse, die  „Überwindung der Gewalt gegen Frauen“ im nichteuropäischen Ausland engagiert thematisiert hatte.

Dem Schweigen sind seine Gründe nicht zu entnehmen. Wir sind auf Vermutungen angewiesen. Es scheint, dass das Betroffene umgebende Tabu umso wirksamer wird, je mehr direkter Kontakt mit ihnen droht. Die Isolation Betroffener – schon in der Gewalt erfahren und wesentlicher Bestandteil des Leidens - setzt sich im Schweigen der Kirche fort. Es wiederholt sich, was wir als Kinder erlebten und was auch die wissenschaftliche Erforschung von Traumatisierung und deren Folgen prägt: Über Gewalt darf nicht gesprochen werden, Opfer werden „vergessen“ und unsichtbar gemacht, Forschungsergebnisse „verschwinden“ wieder aus dem Bewusstsein der ForscherInnen. Schweigen jedoch ist eine Strategie, die den TäterInnen in die Hände arbeitet.

Nun konfrontiert die Wahrnehmung von Gewalt Betroffene und Zuhörer mit der Erschütterung der lebensnotwendigen Überzeugung, dass Leben, Menschen und Gott „im Grunde“ sicher und zuverlässig sind. Betroffene und Zuhörer müssen die Erkenntnis der Verwundbarkeit von Menschen und der menschlichen Fähigkeit zum Bösen aushalten. Das ist schwer. Schweigen und Vergessen sind verständliche Reaktionen, mit Unerträglichem umzugehen.

Überlebenden von Gewalt stehen diese Strategien (außer in psychogener Amnesie) nicht zur Verfügung. Sie sind dringend darauf angewiesen, dass das Verschwiegenwerden und das Schweigenmüssen aufgehoben werden. Sie brauchen zu ihrer Heilung und Integration in menschliche Gemeinschaft Sprecherlaubnis angesichts wohlwollender Zeugen.

So haben wir die – manchmal gänzlich unerwartete – Solidarität einzelner Christen und Christinnen als unschätzbare Hilfe und heilsamen Schritt aus der Einsamkeit und dem Gefühl der Nichtzugehörigkeit zur Gemeinschaft  von Menschen erlebt. Diese Solidarität hat zugleich unsere Hoffnung auf Gott als eine/n auch mit uns Verbündete/n gestärkt. Sie hat uns die Kraft gegeben, gegen eigene und der Kirche Widerstände und Ängste mitzuhelfen, dass Betroffene Ort, Sprache, vielleicht Heimat da finden können, wo vom Evangelium Jesu Christi die Rede ist. Jean Amérys Wort „Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt“ darf nicht das letzte bleiben.

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